Jātaka 468

Die Erzählung von Janasandha (Janasandha-Jātaka)

„Zehn an der Zahl“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, um dem König von Kosala eine Ermahnung zu geben. Zu einer Zeit nämlich war dieser König von der Fülle seiner Macht berauscht und versessen auf das Glück der Sinnenlust; deshalb saß er nicht mehr zu Gericht und wurde nachlässig im Dienste Buddhas. Eines Tages erinnerte er sich an den mit den zehn Kräften Ausgestatteten und dachte: „Ich will ihm meine Verehrung bezeigen.“ Nach dem Frühmahle bestieg er seinen herrlichen Wagen, fuhr nach dem Kloster, begrüßte den Meister ehrfurchtsvoll und setzte sich nieder. Als ihn der Meister fragte: „Warum, o Großkönig, hat man dich so lange nicht gesehen?“, antwortete er: „Durch meine vielen Geschäfte, Herr, hatte ich keine Gelegenheit zur Buddha-Aufwartung.“ Darauf sprach der Meister: „O Großkönig, dass du Leute vernachlässigst wie mich, der ich dir Ermahnungen gebe, der ich der allwissende Erleuchtete bin und in dem Hauptkloster wohne, das ist unrecht von dir. Ein König nämlich muss unermüdlich tätig sein in seinen Regierungsgeschäften, er soll den Bewohnern seines Reiches gegenüber sein wie Vater und Mutter, er soll die Pfade des Unrechts verlassen und die zehn Königstugenden betätigen: so soll er seine Herrschaft führen. Wenn nämlich ein König sich im Zustand der Gerechtigkeit befindet, so ist auch seine Umgebung gerecht. Kein Wunder aber fürwahr wäre es, wenn du bei meiner Unterweisung in Gerechtigkeit regieren würdest; in der Vorzeit betätigten Weise, ohne dass sie ermahnende Lehrer besaßen, durch eigene Einsicht die dreifache Art guten Wandels, lehrten viel Volks die Wahrheit und gelangten mit ihrem Gefolge auf den Pfad zum Himmel.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Schoße von dessen erster Gemahlin seine Wiedergeburt. Man gab ihm den Namen Prinz Janasandha. Als er zum Jüngling herangewachsen zu Takkasilā alle Künste erlernt hatte und nach Hause zurückkehrte, ließ aus Freude der König alle Gefängnisse öffnen und übertrug ihm das Amt des Vizekönigs. In der Folgezeit bestieg er nach dem Tode seines Vaters den Thron. Er ließ an den vier Stadttoren, in der Mitte der Stadt und am Tore des königlichen Palastes im ganzen sechs Almosenhallen erbauen und spendete, indem er jeden Tag Sechshunderttausend dafür opferte, große Almosen, so dass der ganze Jambu-Erdteil dadurch in Aufregung geriet. Er ließ die Gefängnisse beständig geöffnet halten, den Richtblock ließ er zerstören; und indem er durch die vier Arten, sich beliebt zu machen, die Welt für sich gewann, die fünf Gebote hielt und die Uposatha-Bestimmungen beobachtete, regierte er in Gerechtigkeit.

Von Zeit zu Zeit ließ er die Bewohner seines Reiches zusammenkommen und sagte ihnen: „Spendet Almosen, erfüllet die Gebote, erledigt in Gerechtigkeit eure Arbeiten und Geschäfte! Erlernet schon in der Jugendzeit alles Wissenswerte, erwerbet euch Geld, tut nicht wie ein Dorfbetrüger oder ein Hund; seid nicht roh und grausam, erfüllet eure Verpflichtungen gegen Vater und Mutter, ehret in euren Familien die Ältesten!“ So erklärte er ihnen die Tugend und befestigte viele Leute im guten Wandel.

Eines Tags, am Tage des Halbmonats-Uposatha, als er die Uposatha-Pflichten völlig erfüllt hatte, da dachte er: „Ich will einer Menge Volkes noch mehr zu Heil und Segen, damit sie in ihrer Sorgfalt beharrlich werden, die Wahrheit erklären.“ Er ließ die Trommel in der Stadt herumgehen und die ganze Bevölkerung der Stadt, von seinem Harem angefangen, sich versammeln. Im Hofe des Palastes setzte er sich inmitten eines geschmückten Edelsteinzeltes auf sein herrliches Thronpolster und sprach: „Holla, ihr Stadtbewohner, ich will euch die Dinge lehren, für die man nachher büßen muss, und diejenigen, für die man nicht büßen muss. Seid aufmerksam, spitzet die Ohren und höret eifrig zu!“ Nach diesen Worten sprach er, um ihnen die Wahrheit zu verkündigen, folgende Strophen:

Der Meister öffnete seinen von Wahrheit erfüllten Juwelenmund und sprach, indem er diese Unterweisung mit süßer Stimme dem König von Kosala verkündigte, folgende Strophe:

„Zehn an der Zahl sind diese Dinge,
die, wenn man sie zuvor nicht tat,
man hinterdrein zu büßen hat“;
so sprach der König Janasandha.

„Wenn man vorher nichts hat erhalten
und nichts erreicht, das quält den Geist;
‚ich strebte früher nicht nach Geld‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Obwohl ich früher es gekonnt,
hab ich doch keine Kunst erlernt;
mühsam nur lebt, wer nichts gelernt‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Auf Trug war früher ich versessen,
böswillig und verleumderisch,
auch roh und grausam war ich früher‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Ein Tieretöter war ich früher,
ein Jäger ohne Edelmut;
nichts schenkte ich den Lebewesen‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Obwohl fürwahr gar viele Frauen
mir ungestört zu eigen waren,
verführt' ich eines andern Gattin‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Obwohl fürwahr an Trank und Speise
gar viel mir zur Verfügung stand,
gab niemals früher ich Almosen‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Die alte Mutter und der Vater,
als ihre Jugend war geschwunden,
ernährt' ich nicht, obwohl ich 's konnte‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Den Lehrer mein, den Unterweiser,
den, der mir jeden Wunsch erfüllte,
den Vater auch ehrt' ich zu wenig‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Asketen und Brahmanen auch,
die tugendhaften, hochgelehrten,
sie hab ich früher nicht geehrt‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

‚Gut ist es, Abtötung zu üben
und einen Heiligen zu ehren;
doch übt' ich früher nie Askese‘;
das hat man hinterdrein zu büßen.

Wer aber alle diese Dinge
in weisem Sinn betätigt hat
und tut, was einem Mann geziemt,
der hat dies später nicht zu büßen.“

So erklärte das große Wesen jeden halben Monat auf diese Weise einer großen Volksmenge die Wahrheit. Die Menge aber beharrte bei seiner Ermahnung, erfüllte diese zehn Dinge und kam dadurch in den Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „So, o Großkönig, haben die Weisen der Vorzeit, die keinen Lehrer hatten, durch ihre eigene Einsicht die Wahrheit gelehrt und damit viele Leute auf den Weg zum Himmel gebracht.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war die Versammlung die Buddhagemeinde, der König Janasandha aber war ich.“

Ende der Erzählung von Janasandha