Jātaka 472

Die große Erzählung von Paduma (Maha-Paduma-Jātaka)

„Nicht ohne eines andern Schuld“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die junge Brahmanin Ciñcā.—In der ersten Zeit der Erleuchtung des mit den zehn Kräften Ausgestatteten nämlich waren seine Schüler zahlreich geworden; unermesslich viele Götter und Menschen waren zu einem edlen Zustande gekommen und der Ursprung des Guten war begründet worden; daher war er zu großem Ansehen, Ehre und Ruhm gelangt. Die Lehrer der anderen Sekten aber waren glanzlos geworden wie Leuchtkäfer zur Zeit des Sonnenaufgangs. Als so ihr Ansehen und ihre Ehre geschwunden war, stellten sie sich auf die Straßen und sagten zu den Leuten: „Ist nur der Asket Gotama der Buddha? Auch wir sind Buddhas. Bringt nur das ihm Gegebene große Frucht? Nein, auch das uns Gegebene bringt große Frucht. Gebet auch uns, machet!“ Aber obwohl sie so die Leute zu bekehren suchten, erhielten sie ihr Ansehen und ihre Ehrung nicht wieder. Daher versammelten sie sich heimlich und überlegten: „Durch welches Mittel könnten wir den Asketen Gotama bei den Menschen in Unehre fallen lassen und so seinen Ruhm und sein Ansehen vernichten?“

Damals lebte zu Savatthi eine Bettelnonne, die junge Brahmanin Ciñcā genannt; diese war von höchster Schönheit und von solcher Pracht wie ein Göttermädchen und von ihrem Körper gingen Strahlen aus. Da gab einer einen grausamen Rat und sprach: „Durch die junge Brahmanin Ciñcā können wir den Asketen Gotama in Unehre fallen lassen und seinen Ruhm und sein Ansehen vernichten.“ Die andern erwiderten: „Dies wäre ein Mittel“, und stimmten zu.

Es kam aber jene nach dem Sektierer-Kloster, grüßte ehrfurchtsvoll und blieb stehen. Die Sektierer aber sprachen nicht mit ihr. Darauf sagte sie: „Was habe ich denn begangen? Schon zum dritten Male habe ich die Edlen begrüßt“; und sie fuhr fort: „Ihr Edlen, was habe ich für eine Schuld? Warum redet ihr nicht mit mir?“ Die anderen antworteten: „Schwester, du weißt nicht, dass der Asket Gotama herumgeht und uns schädigt und unser Ansehen, unsere Ehre und unsern Ruhm zum Verschwinden bringt.“ Ciñcā versetzte: „Das weiß ich nicht, ihr Edlen; was ist aber da zu tun?“ Die andern erwiderten: „Wenn du, Schwester, unser Glück wünschst, so lasse durch dich den Asketen Gotama in Schande kommen und zerstöre so seine Ehre und sein Ansehen!“ Darauf sprach Ciñcā: „Gut, ihr Edlen, dies ist mein Geschäft; seid unbekümmert!“ Und sie ging wieder fort.

Von da an ging sie infolge ihrer Erfahrung in den weiblichen Listen zur Zeit, wenn die Bewohner von Savatthi nach Anhören der Predigt das Jetavana verließen, mit einem cochenillefarbigen Gewande bekleidet, mit wohlriechenden Substanzen und Kränzen in den Händen nach dem Jetavana hingewendet. Wenn man sie fragte: „Wohin gehst du zu dieser Zeit?“, antwortete sie: „Was geht euch der Ort an, wohin ich gehe?“ Nachdem sie dann in der Nähe des Jetavana in dem Sektierer-Kloster die Nacht verbracht hatte und die Laienbrüder, um den Höchsten zu begrüßen, in der Frühe die Stadt verließen, stellte sie sich, als habe sie im Jetavana die Nacht zugebracht und kehre jetzt nach der Stadt zurück. Wenn man sie dann fragte: „Wo hast du die Nacht verbracht?“, antwortete sie: „Was geht es euch an, wo ich die Nacht verbracht habe?“

Als man sie sodann nach Ablauf von anderthalb Monaten wieder fragte, sagte sie: „Im Jetavana habe ich mit dem Asketen Gotama zusammen in einem duftenden Gemache geschlafen“, und verursachte dadurch bei den Unbekehrten Zweifel, ob dies wahr sei oder nicht. Nach drei und vier Monaten umwickelte sie ihren Leib mit Tüchern, gab sich das Aussehen einer Schwangeren und zog darüber ein rotes Gewand an; auch sagte sie: „Durch den Asketen Gotama habe ich empfangen“, und fing dadurch die blinden Toren. Nach acht und neun Monaten band sie um ihren Leib ein Bündel Holz und zog darüber ein rotes Gewand an; den Rücken der Hände und Füße ließ sie sich mit einem Rinderkinnbacken schlagen, dass sie anschwollen, und stellte sich, als sei sie ganz erschöpft.

Als nun zur Abendzeit der Vollendete auf der geschmückten Lehrkanzel Platz genommen hatte und die Lehre verkündigte, ging jene in die Lehrhalle, trat vor den Vollendeten hin und sprach: „Du großer Asket, du verkündigst jetzt viel Volks die Lehre. Süß ist deine Stimme und lieblich zu berühren sind deine Lippen. Ich aber habe von dir empfangen und die Leibesfrucht ist zur Reife gelangt; doch du hast für mich noch kein Haus zum Gebären hergerichtet, noch auch zerlassene Butter, Öl und andre Speisen. Indem du selbst nichts dafür tatest, hast du auch keinem von denen, die dir dienen, dem König von Kosala oder dem Anāthapindikaoder der großen Laienschwester Visakhagesagt: ‚Tue dieser jungen Brahmanin, was sich zu tun gebührt.‘ Du verstehst nur, dich zu erfreuen, für die Leibesfrucht zu sorgen, aber verstehst du nicht!“ So klagte sie den Vollendeten inmitten der Versammlung an, als habe sie einen Mistklumpen genommen und strenge sich an, damit den Glanz des Mondes zu beflecken.—Der Vollendete unterbrach seine Predigt und sprach, indem er wie ein Löwe brüllte: „Schwester, ob das von dir Gesagte wahr ist oder nicht, das wissen nur ich und du.“ „Ja, Asket“, versetzte Ciñcā, „dies ist so, dass nur du und ich es weiß.“

In diesem Augenblicke wurde der Sitz des Gottes Sakka heiß; er dachte über die Ursache nach und merkte, dass die junge Brahmanin Ciñcā dem Vollendeten unwahre Vorwürfe gemacht habe. Er dachte: „Diese Geschichte will ich aufklären“, und kam mit vier Göttersöhnen herbei. Die Göttersöhne verwandelten sich in junge Mäuse und zerrissen mit einem Schlage die Schnüre, mit denen das Holzbündel um den Leib des Mädchens festgebunden war. Das Gewand, das sie darüber gezogen hatte, wurde von einem Windstoß in die Höhe gehoben; so fiel das Holzbündel auf den Rücken ihrer Füße herab und die beiden Fußspitzen wurden ihr zerschmettert. Da riefen die Leute: „Du Unglückskrähe, du hast den völlig Erleuchteten gescholten!“ Sie warfen Speichel auf ihr Haupt und trieben sie mit Erdschollen und Stöcken in den Händen aus dem Jetavana hinaus. Sobald sie aber aus dem Bereiche des Auges des Vollendeten gekommen war, barst die große Erde auseinander und öffnete sich. Aus der Avīci-Hölle kam eine Flamme hervor; diese legte sich ganz um ihren Körper herum wie ein von ihrer Familie geschenktes Gewand, so dass jene mitgerissen wurde und in die Avīci-Hölle stürzte. Dadurch ging für die Häupter der anderen Sekten der Ruhm und die Ehrung zugrunde, für den mit den zehn Kräften Ausgestatteten aber wuchs sie immer mehr.

Am andern Tage versammelten sich die Mönche in der Lehrhalle und sprachen zueinander: „Freund, die junge Brahmanin Ciñcā hat den völlig Erleuchteten, dessen Tugend so groß ist und der am meisten Gaben verdient, in unwahrer Weise angeklagt und ist dadurch in großes Verderben gestürzt.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon klagte diese mich in unwahrer Weise an und stürzte dadurch in ihr Verderben.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva seine Wiedergeburt im Schoße von dessen erster Gemahlin; weil aber sein Antlitz an Schönheit einer voll erblühten Lotosblume glich, gab man ihm den Namen Prinz Paduma (= „Lotos“). Nachdem er herangewachsen war, erlernte er alle Künste. Darauf starb seine Mutter. Der König nahm sich eine andere zur ersten Gemahlin und übertrug seinem Sohn das Amt des Vizekönigs.

Als in der Folgezeit einmal der König fortzog, um ein abgefallenes Grenzland wieder zu unterwerfen, sagte er zu seiner ersten Gemahlin: „Liebe, bleibe du hier; ich ziehe fort, um das Grenzland wieder zu unterwerfen.“ Die Königin versetzte: „Ich werde nicht in die Stadt zurückkehren, o Fürst; auch ich werde mit dir ziehen.“ Er aber erklärte ihr die Gefahren des Schlachtfeldes und fügte hinzu: „Bis ich zurückkehre, bleibe zufrieden hier; ich werde vor meinem Weggang den Prinzen Paduma anweisen, dass er in den dir zu erweisenden Diensten sich eifrig zeige.“ Nachdem er nach diesen Worten getan, zog er fort, schlug die Feinde in die Flucht und schaffte im Lande wieder Ruhe; dann kehrte er zurück und schlug außerhalb der Stadt ein befestigtes Lager.

Als der Bodhisattva von der Rückkehr seines Vaters erfuhr, ließ er die ganze Stadt schmücken und den Palast des Königs bewachen; er selbst ging allein zu der Königin hin. Als diese den Glanz seiner Schönheit wahrnahm, verliebte sie sich in ihn. Der Bodhisattva begrüßte sie ehrfurchtsvoll und fragte: „Mutter, was soll ich für Euch tun?“ Sie aber erhob sich mit den Worten: „Du nennst mich Mutter?“, ergriff seine Hände und sagte zu ihm: „Besteige mein Lager!“ „Warum?“, fragte der Prinz. Sie antwortete: „Bis der König kommt, so lange wollen wir beide uns in Liebeslust erfreuen.“ Da sprach der Prinz: „Mutter, du bist meine Mutter und hast einen Gatten. Ich habe noch niemals eine verheiratete Frau in sinnlicher Lust angesehen und damit die sittlichen Vorschriften übertreten; wie sollte ich mit dir etwas so Unreines tun?“ Sie sagte es zwei- und dreimal; als er immer noch nicht wollte, fragte sie ihn: „Du tust nicht nach meinem Worte?“ Er antwortete: „Nein, ich tue es nicht.“ Darauf sprach sie: „So werde ich es dem König erzählen und ihn veranlassen, dass er dir das Haupt abschlagen lässt.“ Der Bodhisattva versetzte: „Tue, wie du willst!“; nachdem er sie so beschämt hatte, entfernte er sich.

Voll Furcht dachte die Königin: „Wenn dieser es zuerst dem Könige erzählt, so ist es um mein Leben geschehen; ich werde es ihm zuvor mitteilen.“ Ohne ihr Mahl zu verzehren, zog sie ein beschmutztes, gewöhnliches Gewand an, brachte sich Nägelmahle an ihrem Körper bei und gab ihren Dienerinnen einen Wink, wenn der König frage, wo sie sei, sollten sie sagen, sie sei krank. Sie selbst stellte sich, als ob sie krank sei, und legte sich nieder.

Nachdem aber der König die Stadt von rechts umritten hatte, stieg er in seinen Palast hinauf. Da er sie nicht sah, fragte er, wo die Königin sei, und hörte, sie sei krank; deshalb ging er in das königliche Schlafgemach und fragte sie: „Liebe, was fehlt dir?“ Sie aber stellte sich, als hätte sie seine Worte nicht gehört. Als er zwei- und dreimal gefragt hatte, erwiderte sie: „O Großkönig, warum redest du? Sei still; Frauen, die einen Gatten haben, sind ja so wie ich!“ Er versetzte: „Wer hat dir etwas getan? Sage es mir rasch; ich werde ihm das Haupt abschlagen lassen.“ Darauf sprach die Königin: „Wen, o Großkönig, hast du bei deiner Abreise in der Stadt zurückgelassen?“ „Den Prinzen Paduma“, war die Antwort. Sie fuhr fort: „Dieser kam in meine Wohnung, und obwohl ich ihm sagte: ‚Mein Sohn, tue nicht so, ich bin ja deine Mutter‘, sprach er: ‚Außer mir gibt es keinen König; ich werde dich in mein Haus bringen und mich in Liebeslust mit dir erfreuen.‘ Mit diesen Worten ergriff er mich an den Haaren, zerrte mich ein über das andere Mal daran hin und her, und als ich nicht nach seinen Worten tat, verwundete und schlug er mich und entfernte sich dann.“ Der König wurde zornig wie eine giftige Schlange; ohne die Sache zu untersuchen, befahl er seinen Leuten: „Gehet, bindet den Prinzen Paduma und führet ihn hierher.“ Jene eilten in sein Haus, als wollten sie die Stadt überschwemmen. Sie banden ihn und schlugen ihn und fesselten seine Arme fest hinter den Rücken; dann befestigten sie eine Girlande von roten Kanavera-Blumen um seinen Hals, machten ihn so zu einem, der hingerichtet werden sollte, und führten ihn unter Schlägen zum Könige. Der Prinz merkte, dass dies die Tat der Königin sei, und ging dahin, indem er immer lallte: „He, ihr Männer, ich habe gegen den König keine Schuld begangen; ich bin unschuldig.“

Die ganze Stadt erregte sich darüber, dass der König das Wort eines Weibes angenommen habe und den Prinzen Paduma töten lassen wolle; die Leute versammelten sich, fielen dem Prinzen zu Füßen und jammerten laut: „Solches gebührt dir nicht, Herr!“—Man führte ihn aber weiter und brachte ihn vor den König. Als der König ihn sah, konnte er seinen Grimm nicht zurückhalten und rief: „Dieser ist kein König und legt sich die Hoheit eines Königs bei! Er, der mein Sohn ist, hat sich mit meiner ersten Gemahlin vergangen. Ergreifet ihn, stürzt ihn den Räuberabgrund hinab und tötet ihn so.“

Der Bodhisattva bat: „Ich habe nicht eine solche Schuld begangen; nimm nicht die Worte eines Weibes an und töte mich nicht.“ Der König aber richtete sich nicht nach seinen Worten. Darauf erhoben die sechzehntausend Haremsdamen ein großes Geschrei: „Lieber Prinz Paduma, dieses Los trifft dich unverdient!“ Auch alle Edlen und Großen des Reiches usw., die ganze Schar der Minister und Hofbeamten sagten: „O Fürst, der Prinz ist der mit tugendhaftem Wandel ausgestattete, die Tradition bewahrende Erbe des Reiches. Vernichte ihn nicht ohne Untersuchung, bloß auf die Worte eines Weibes hin! Ein König muss doch Gerechtigkeit üben!“ Und sie sprachen folgende sieben Strophen:

„Nicht ohne eines andern Schuld,
ob klein ob groß, genau zu sehen,
soll Straf ein Herrscher je verhängen,
wenn er es nicht hat selbst geprüft.

Doch wenn ein Fürst, ohne zu prüfen,
verhängt die Strafe, dieser gleicht
dem blind Gebornen, der die Speise
verschlingt mit Gräten und mit Fliegen.

Er straft den nicht zu Strafenden,
nicht straft er den zu Strafenden,
so wie der Blinde nicht erkennt
den Weg, der ganz uneben ist.

Wer aber solche Dinge erst,
ob klein ob groß, in jedem Falle
wohl überlegt und dann entscheidet,
den Vorzug der verdient fürwahr.

Nicht kann man durch einseit'ge Milde,
nicht durch einseit'ge Strenge auch
sich an 'ne hohe Stelle bringen;
darum soll man sie beide üben.

Verachtet wird, wer allzu milde,
und Hass erwirbt, wer allzu streng:
wer dieses beides hat erkannt,
der mög' den Mittelweg beschreiten.

Viel sagt der Leidenschaftliche
und viel kann auch der Falsche reden;
nicht darfst um eines Weibes willen,
o König, deinen Sohn du töten.“

Obwohl aber die Minister so auf mancherlei Art redeten, konnten sie ihn nicht veranlassen, ihre Worte anzunehmen. Auch der Bodhisattva konnte trotz seiner Bitten nicht mit seinen Worten durchdringen, sondern der König befahl in seiner blinden Torheit: „Gehet und werfet ihn in den Räuberabgrund“, und er sprach folgende achte Strophe:

„Die ganze Welt auf einer Seite
und diese Frau steht ganz allein
und doch tu ich nach ihrem Willen:
geht hin und werfet ihn hinab!“

Bei diesen Worten vermochte von den sechzehntausend Frauen des Königs keine einzige, aus eigner Kraft stehen zu bleiben; alle Bewohner der Stadt streckten die Arme aus, rauften sich die Haare und lallten Schmerzensworte. Der König dachte: „Sie könnten mich noch verhindern, ihn in den Abgrund werfen zu lassen“; deshalb ließ er, von seinem Gefolge umgeben, ihn ergreifen und, die Füße nach oben und den Kopf nach unten, in den Abgrund werfen.

Infolge der Macht seiner Liebesbetätigung aber tröstete ihn die Gottheit, die in dem Berge wohnte, mit den Worten: „Fürchte dich nicht, großer Paduma!“; sie fasste ihn mit beiden Händen, drückte ihn an ihr Herz und ließ ihn von der göttlichen Berührung durchdringen. Dann stieg sie hinab an den Fuß des Berges und stellte ihn in der Behausung der acht Arten der Bergschlangen in den aufgehobenen Kamm des Schlangenkönigs hinein. Der Schlangenkönig nahm den Bodhisattva in seine Schlangenbehausung auf, teilte seine eigene Ehrung in zwei Hälften und gab ihm die eine.—Als jener dort ein Jahr zugebracht hatte, sagte er, er wolle wieder in das Bereich der Menschen zurückkehren; und als ihn der andere fragte, an welche Stelle, antwortete der Bodhisattva: „Ich will nach dem Himalaya wandern und dort die Weltflucht betätigen.“ Der Schlangenkönig sagte: „Gut“; er nahm ihn, brachte ihn in das Bereich der Menschen, gab ihm die Ausrüstungsgegenstände für einen Asketen und kehrte dann an seinen Wohnort zurück. Jener aber zog in das Himalaya-Gebirge, betätigte dort die Weltflucht der Weisen und erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse; er blieb dort und nährte sich von den Wurzeln und Früchten des Waldes.

Es kam aber ein Jäger, der zu Benares wohnte, an diesen Ort; er erkannte das große Wesen und fragte: „O Fürst, bist du nicht der große Prinz Paduma?“ Auf dessen bejahende Antwort bezeugte er ihm seine Ehrfurcht. Nachdem er einige Tage dort geblieben war, kehrte er nach Benares zurück und meldete dem König: „O Fürst, dein Sohn betätigt im Himalaya-Gebirge die Weltflucht der Weisen und wohnt dort in einer Laubhütte; ich komme von ihm, nachdem ich bei ihm gewohnt habe.“ Der König fragte: „Hast du ihn mit eigenen Augen gesehen?“ „Ja, o Fürst“, war die Antwort.

Darauf zog der König von einem großen Heere umgeben dorthin und schlug am Rande des Waldes ein befestigtes Lager. Von seinen Ministern umgeben ging er nach der Laubhütte, begrüßte den in der Türe der Laubhütte in der Schönheit einer goldenen Figur sitzenden Bodhisattva ehrfurchtsvoll und setzte sich neben ihn; auch die Minister bezeigten ihm ihre Ehrfurcht, begannen ein Gespräch mit ihm und setzten sich nieder. Der Bodhisattva bewirtete den König mit Waldfrüchten und begann eine liebevolle Unterhaltung mit ihm. Darauf fragte ihn der König: „Mein Sohn, ich ließ dich doch in den tiefen Abgrund werfen; wie bist du am Leben geblieben?“ Und er sprach folgende neunte Strophe:

„In eine Hölle, die so tief war
wie viele Palmen, schwer entrinnbar,
wardst du geworfen in den Abgrund;
wie kam es, dass du dort nicht starbest?“

Von den folgenden fünf Strophen sprach drei der Bodhisattva und zwei der König:

„Ein starker Schlangenkönig dort
voll Kraft, der in dem Berg geboren,
er fing mich auf mit seinem Kamm;
darum bin dort ich nicht gestorben.“

„So komm, ich will zurück dich führen
ins eigne Haus, du Königssohn.
Führ die Regierung, Heil sei dir!
Was willst du noch im Walde machen?“

„Wie, wer verschluckt hat einen Haken
und ihn herauszieht voll von Blut,
wenn er heraus ist, glücklich ist,
so fühle ich auch hier mich glücklich.“

„Was sprichst du da von Angelhaken,
wwas meinst du mit dem ‚voll von Blut‘,
was sagst du, dass heraus du zogest?
Sage, es mir, der ich dich frage!“

„Die Lust nenn ich den Angelhaken,
Pferd, Elefant sind voll von Blut;
dies gab ich auf: ich zog 's heraus,
so nannt' ich 's; merke dir 's, o König.“

Darauf ermahnte das große Wesen seinen Vater noch folgendermaßen: „So, o Großkönig, habe ich kein Bedürfnis nach dem Thron; du aber betätige die Königstugenden, verlasse die Wege des Unrechts und führe deine Regierung in Gerechtigkeit!“ Der König kehrte weinend und klagend nach der Stadt zurück. Unterwegs fragte er seine Minister: „Durch wen wurde ich von einem so mit Tugend ausgestatteten Sohn getrennt?“ Sie antworteten: „Durch deine erste Gemahlin, o Fürst.“ Darauf ließ diese der König ergreifen und sie, die Füße nach oben, in den Abgrund werfen; dann zog er in die Stadt ein und führte in Gerechtigkeit die Regierung weiter.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „So, ihr Mönche, hat mich diese auch früher schon angeklagt und ist dadurch in großes Verderben gestürzt“, und verband hierauf das Jātaka mit folgender Schlussstrophe:

„Die junge Ciñcā war die Mutter
uund Devadatta war der Vater;
Ānanda war die weise Schlange
und Sāriputta war die Gottheit,
ich aber war der Königssohn.
So kennt ihr dieses Jātaka.“

Ende der großen Erzählung von Paduma