Jātaka 473

Die Erzählung von dem Freund und dem Feind (Mittamitta-Jātaka)

„Was muss man wohl für Taten tun“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen recht wandelnden Minister des Königs von Kosala. Dieser war nämlich dem Könige eine große Hilfe; daher erwies ihm der König außerordentliche Ehren. Die übrigen konnten dies nicht ertragen und verleumdeten ihn beim Könige, indem sie sagten: „O Fürst, der Minister so und so handelt zu Eurem Schaden.“ Der König prüfte ihn; als er keine Schuld an ihm fand, dachte er bei sich: „Ich finde durchaus keine Schuld an ihm; wie kann ich nun herausbringen, ob er gegen mich freundlich oder feindlich gesinnt ist?“ Da kam ihm der Gedanke: „Diese Frage kann außer dem Vollendeten niemand lösen; ich will hingehen und ihn fragen.“

Nach dem Frühmahle besuchte er den Meister und fragte ihn: „Herr, wie ist es möglich, bei einem Manne zu erkennen, ob er zu einem freundlich oder feindlich gesinnt ist?“ Darauf erwiderte der Meister: „Schon früher, o Großkönig, überlegten Weise diese Frage und fragten andere Weise darnach; durch deren Bescheid erkannten sie es und entfernten von sich ihre Feinde, ihre Freunde aber verehrten sie.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Königs folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva sein Ratgeber in geistlichen und weltlichen Dingen. Damals wurde bei dem Könige von Benares ein recht wandelnder Minister von den übrigen verleumdet. Als der König keine Schuld an ihm fand, fragte er das große Wesen: „Wie ist denn möglich zu erkennen, ob einer Feind oder Freund ist?“, und sprach folgende erste Strophe:

„Was muss man wohl für Taten tun,
wie muss der Weise sich bemühen,
dass einen Feind erkennt der Kluge,
wenn er ihn sieht oder ihn hört?“

Darauf sprach der Bodhisattva, um ihm die Kennzeichen eines Feindes zu schildern, folgende fünf Strophen:

„Er lächelt nicht, wenn er ihn sieht,
er bietet ihm nicht den Willkommgruß;
er kann ihm nicht ins Auge sehen
und tut, was jenem nicht gefällt.

Die Feinde jenes er verehrt,
doch seine Freunde ehrt er nicht;
die ihn gern preisen, hält er fern,
doch lobt er, die ihn anklagen.

Auch kein Geheimnis sagt er ihm,
doch er verbirgt nicht sein Geheimnis;
er preist nicht eine Tat von ihm
und lobet auch nicht seine Einsicht.

Über sein Unglück freut er sich,
über sein Glück freut er sich nicht.
Wenn er ein trefflich Mahl erhält
und jener nichts bekommen hat,
so zeigt kein Mitleid er für ihn,
dass jener auch etwas bekomme.

Dies sind die sechzehn Zeichen,
welche man bei dem Feinde kann bemerken;
an diesen kann beim Sehn und Hören
der Weise seinen Feind erkennen.“

Abermals wurde er darauf nach den Kennzeichen eines Freundes gefragt mit folgender Strophe:

„Was muss man wohl für Taten tun,
wie muss der Weise sich bemühen,
dass einen Freund erkennt der Kluge,
wenn er ihn sieht oder ihn hört?“

Er antwortete mit den folgenden übrigen Strophen:

„Wenn fern der Freund, so denkt er sein,
und wenn er kommt, so freut er sich;
von Jubel ist er dann erfüllt,
mit frohem Wort begrüßt er ihn.

Die Freunde jenes er verehrt,
doch seine Feinde ehrt er nicht;
die ihn anklagen, hält er fern,
doch lobt er, die ihn gerne preisen.

Auch ein Geheimnis sagt er ihm,
doch sein Geheimnis er verbirgt;
er preiset auch die Tat von jenem
und er verherrlicht seine Einsicht.

Über sein Glück nur freut er sich,
über sein Unglück aber nicht.
Wenn er ein trefflich Mahl erhält
und jener nichts bekommen hat,
so zeigt er Mitleid gegen ihn,
dass jener auch etwas bekommt.

Dies sind die sechzehn Zeichen,
welche man bei dem Freunde muss bemerken;
an diesen kann beim Sehn und Hören
der Weise seinen Freund erkennen.“

Der König aber war über die Rede des Bodhisattva hocherfreut und ließ ihm große Ehrung zuteil werden.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „So, o Großkönig, wurde auch früher schon diese Frage aufgeworfen; Weise gaben ihre Lösung. An diesen zweiunddreißig Anzeichen ist zu erkennen, ob einer Feind oder Freund ist.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der weise Minister aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Freund und dem Feind