Jātaka 475

Die Erzählung von dem Phandana-Baum (Phandana-Jātaka)

„Mit einem Beile in der Hand“

Dies erzählte der Meister am Ufer des Rohini-Flusses mit Beziehung auf den Streit seiner Verwandten.

Die Begebenheit wird im Kunala-Jātaka (Jātaka 536) erzählt werden.

Damals aber redete der Meister seine Verwandten auf folgende Weise an: „O Großkönig,

Ehedem, als zu Benares Brahmadatta regierte, befand sich außerhalb der Stadt ein Zimmermannsdorf. Dort verdiente sich ein Brahmane, der Zimmermann war, seinen Unterhalt, indem er Hölzer holte und einen Wagen daraus machte. Damals befand sich im Himalaya-Gebirge ein großer Phandana-Baum. Ein schwarzer Löwe kam, wenn er nach Futter suchte, dorthin und legte sich in seinem Schatten nieder.—Eines Tages aber fiel ein trockner Ast vom Winde getroffen hinunter und traf ihn an der Schulter. Der Löwe war über den schmerzenden Zweig etwas erschrocken, erhob sich und sprang davon; dann kehrte er wieder um und betrachtete den Weg, den er gekommen war. Als er niemanden sah, dachte er: „Es ist niemand anderer da, der mich verfolgt, ein Löwe oder ein Tiger. Die Gottheit aber, die in diesem Baume wohnt, erträgt, glaub ich, nicht, dass ich da liege. Gut, ich werde schon sehen!“ Nachdem er sich so am unrechten Orte erzürnt, stieß er den Baum an und sagte: „Von deinem Baume verzehre ich kein Blatt und breche auch keinen Zweig ab. Andere Tiere, die sich hier aufhalten, erträgst du, mich aber erträgst du nicht. Was habe ich für eine Schuld? Warte nur einige Tage, dann werde ich veranlassen, dass dein Baum umgehauen und in kleine Stücke zerspalten wird.“ Nachdem er so der Baumgottheit Furcht eingeflößt, ging er immer umher und suchte nach einem Manne.

Damals nahm jener Zimmermann-Brahmane zwei oder drei Leute mit sich und fuhr mit einem Wagen, um Holz für Wagen zu holen, an diesen Platz. Den Wagen ließ er an einem Orte zurück und untersuchte mit einer Axt in der Hand die Bäume. Dabei kam er auch in die Nähe des Phandana-Baumes. Als ihn der schwarze Löwe sah, dachte er: „Heute werde ich den Rücken meines Feindes sehen können“; er ging hin und stellte sich an den Fuß des Baumes. Der Zimmermann aber kam in die Nähe des Baumes, indem er hierhin und dahin schaute. Der Löwe dachte: „Damit er nicht vorübergeht, werde ich es ihm sogleich sagen“, und er sprach folgende erste Strophe:

„Mit einem Beile in der Hand
bist, Mann, du in den Wald gedrungen.
Da ich dich frage, sag mir Freund,
was für 'nen Baum wünschst du zu fällen?“

Als jener dessen Worte hörte, dachte er: „Wunderbar ist es; ich habe fürwahr noch niemals ein Tier gesehen, das menschliche Sprache gehabt hätte. Es wird wissen, was für ein Holz für einen Wagen passt; ich will es fragen.“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

„O Löwe, du streifst durch die Wälder,
die eb'nen und unebenen.
Da ich dich frage, sag mir, Freund,
was für ein Holz ist gut zum Radkranz?“

Da dies der Löwe hörte, dachte er: „Heute wird mein Wunsch in Erfüllung gehen“, und er sprach folgende dritte Strophe:

„Der Sala-Baum nicht, noch Akazien,
nicht Pferdsohr oder gar ein Strauch:
von diesem Baum, dem Phandana,
das Holz ist fest für einen Radkranz.“

Als jener dies hörte, dachte er hocherfreut: „An einem Glückstage bin ich fürwahr heute in den Wald gegangen! Ein Tier zeigt mir das Holz, das für einen Wagen passt; holla, das ist gut!“ Und um den Löwen zu fragen, sprach er folgende vierte Strophe:

„Wie sehen seine Blätter aus
und wie beschaffen ist sein Stamm?
Da ich dich frage, sag mir, Freund,
wie man den Phandana erkennt.“

Um es ihm zu verkündigen, sprach der Löwe folgende zwei Strophen:

„Bei wem herabhängen die Zweige,
sich beugen, aber doch nicht brechen,
der Phandana heißt dieser Baum,
an dessen Fuße ich jetzt stehe.

Für Radspeichen und für die Naben,
auch für die Deichsel und den Kranz,
für alles dies wohl zu benützen
wird dir der Phandana hier sein.“

Nachdem er dies ihm verkündet hatte, wandelte er befriedigten Herzens neben ihm umher. Der Zimmermann aber fing an, den Baum zu fällen.

Da dachte die Baumgottheit: „Ich habe nichts auf ihn geworfen, aus unrechtem Grunde hat er Hass gegen mich gefasst und lässt nun meine Wohnung vernichten. Ich werde wohl zugrunde gehen; aber durch eine List werde ich auch diesen Löwen zugrunde richten.“ Wie ein Waldarbeiter aussehend ging sie zu dem Zimmermann hin und fragte: „He, du Mann, du hast einen schönen Baum gefunden; wenn du ihn gefällt hast, was willst du damit machen?“ „Ich werde für einen Wagen einen Radkranz machen“, war die Antwort. „Wer hat dir aber verraten, dass aus diesem Baume ein Rad gefertigt werden kann?“ „Ein schwarzer Löwe.“ Darauf versetzte die Baumgottheit: „Gut, wohl hat er dir geraten; aus diesem Baume wird ein trefflicher Wagen. Wenn du aber einem schwarzen Löwen die Haut vom Halse abziehst und sie vier Zoll breit wie eine eiserne Platte um den Kreis des Radkranzes herumlegst, wird dein Radkranz fest werden und du wirst viel Geld dafür bekommen.“

Jetzt fragte der Zimmermann: „Woher soll ich denn die Haut eines schwarzen Löwen erhalten?“ Die Gottheit erwiderte: „Was schwatzest du da? Dieser Löwe da, der an deinem Baume steht, läuft nicht davon. Gehe du nur zu dem hin, der dir den Baum verraten hat, und frage ihn: ‚Herr, an welcher Stelle soll ich den von dir gezeigten Baum abhauen?‘ Täusche ihn auf diese Weise und führe ihn her. Wenn er dann furchtlos seine Schnauze vorstreckt und sagt: ‚Hier und da haue ihn ab‘, so treffe ihn mit deiner scharfen, großen Axt und töte ihn; nimm seine Haut mit, verzehre sein Fleisch und fälle dann den Baum.“ So gab die Gottheit ihrem Hasse Ausdruck.

Indem der Meister dies verkündete, sprach er folgende Strophen:

Es redete der Phandana
den Mann folgendermaßen an:
„Auch ich hab dir ein Wort zu sagen;
drum, Bharadvaja, höre mich.

Von dieses Löwen Kehle schneide
ein Stück dir ab, vier Finger lang;
umzieh den Radkranz dir damit,
damit er um so fester werde.“

So äußerte der Phandana
den Hass, der ihn erfüllte. Dadurch
bracht' Unglück er über die Löwen,
bekannte wie auch unbekannte.

Als der Zimmermann die Worte der Baumgottheit vernahm, dachte er: „Holla, heute ist für mich ein Festtag!“ Er tötete den schwarzen Löwen, fällte den Baum und zog wieder ab.

Um dies zu verkündigen, sprach der Meister folgendermaßen:

So hat der Phandana den Löwen,
der Löwe auch den Phandana
durch ihren gegenseit'gen Streit
sich gegenseitig umgebracht.

„So geht es auch unter den Menschen.
Wenn unter ihnen Streit entsteht,
so tanzen sie den Pfauentanz,
wie der Phandana und der Löwe.

Das sage ich euch, Heil sei euch,
solang ihr hier versammelt seid:
seid einig und habt keinen Streit,
seid nicht wie Löw' und Phandana.

Die Eintracht solltet ihr erlernen,
dies hat der Buddha euch geraten;
der Fromme, der sich freut der Eintracht,
wird des Nirvanas nicht beraubt.“

Als aber die Könige diese Predigt vernahmen, wurden sie einträchtig.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war ich eine Gottheit in diesem Walde, die diese Geschichte mit ansah.“

Ende der Erzählung von dem Phandana-Baum