Jātaka 476

Die Erzählung von dem schnellen Schwan (Javanahamsa-Jātaka)

„O lass dich nieder hier, du Schwan“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf das Lehrstück von dem Starken. Der Erhabene nämlich sprach: „Gleichwie, ihr Mönche, wenn vier starke Bogenschützen, wohl eingeübt, geschickt, bewandert in der Kunst des Bogenschießens, in den vier Himmelsgegenden aufgestellt wären und ein Mann käme und sagte: ‚Ich werde von diesen vier starken Bogenschützen, den wohl eingeübten, geschickten, in der Kunst des Bogenschießens bewanderten, die nach vier Himmelsgegenden entsandten Pfeile, noch bevor sie auf die Erde gefallen sind, holen und dann wieder zurückkehren‘, was meint ihr davon, ihr Mönche?“ „Schnell ist dieser Mann, mit der äußersten Schnelligkeit ausgestattet; genug davon, Herr.“ „Und wie, ihr Mönche, die Schnelligkeit dieses Mannes, wie die Schnelligkeit von Mond und Sonne, noch schneller als dies—wie, sag ich, ihr Mönche, die Schnelligkeit dieses Mannes, wie die Schnelligkeit von Mond und Sonne ist und wie, weil Gottheiten dem Mond und der Sonne vorlaufen, die Schnelligkeit dieser Gottheiten ist, noch schneller—und wie die Schnelligkeit dieses Mannes... und dieser Gottheiten groß ist, noch schneller vergehen die Bestandteile des Lebens. Darum, ihr Mönche, muss man es so lernen: ‚Wir wollen unermüdlich sein im Streben‘; so müsst ihr es lernen, ihr Mönche.“

Am zweiten Tage nach der Verkündigung dieses Lehrstücks begann man in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, der Meister hat von seinem Buddha-Bereiche aus die Lebensbedingungen für diese Wesen als vergänglich und schwach geschildert und dadurch den noch unbekehrten Mönchen einen gar großen Schrecken eingeflößt. Da seht die Macht des Buddha!“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Es ist dies kein Wunder, ihr Mönche; denn jetzt habe ich die Allwissenheit erlangt und verkündige die Wahrheit, indem ich die Hinfälligkeit der Lebensbedingungen zeige und die Mönche dadurch beunruhige. Früher aber, als ich ohne natürliche Ursache im Geschlechte der Schwäne meine Wiedergeburt genommen hatte, lehrte ich auch schon die Hinfälligkeit der Lebensbedingungen und verkündigte die Wahrheit, indem ich dadurch das ganze königliche Gefolge vom König selbst angefangen in Unruhe versetzte.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva seine Wiedergeburt als ein schneller Schwan; von neunzigtausend Schwänen umgeben wohnte er auf dem Berge Cittakuta. Als er eines Tages in einem Teiche auf dem Jambu-Erdteil wild gewachsenen Reis mit seinem Gefolge verzehrt hatte, flog er, wie wenn er eine goldene Matte in der Luft ausgebreitet hätte, mit großem Gefolge über die Stadt Benares von einen Ende zum andern in ganz langsamem, heiterem Fluge; dann kehrte er nach dem Berge Cittakuta zurück.

Als ihn der König von Benares sah, sagte er zu seinen Ministern: „Dieser muss auch ein König sein wie ich.“ Er fasste Liebe zu ihm, nahm Girlanden, wohlriechende Substanzen und Salben in die Hand und schaute das große Wesen an; dabei ließ er alle Musikinstrumente ertönen. Als das große Wesen diese ihm dargebrachte Ehrung sah, fragte es die Schwäne: „Wenn der König mir solche Ehrung erweist, was wünscht er damit?“ Sie antworteten: „Freundschaft mit Euch, o Fürst.“ „So soll der König Freundschaft mit uns haben“, versetzte der Bodhisattva; und nachdem er mit dem Könige Freundschaft geschlossen hatte, flog er wieder fort.

Eines Tages, als der König in seinen Park gegangen war, flog der Schwan nach dem Anotatta-Sees; mit dem einen Flügel nahm er Wasser mit, mit dem andern Sandelholzstaub und flog fort. Darauf ließ er den König sich mit diesem Wasser waschen und besprengte ihn mit dem Sandelstaub; sodann kehrte er, während eine große Volksmenge zuschaute, mit seinem Gefolge nach dem Cittakuta-Berge zurück. Von da an war der König immer begierig, das große Wesen zu sehen, und wenn er dachte: „Mein Freund wird heute kommen“, so setzte er sich nieder und blickte nach dem Weg, auf dem er kommen musste.

Damals nun planten die beiden jüngsten Brüder des Bodhisattva, sie wollten mit der Sonne zugleich fliegen, und sie meldeten dem Bodhisattva: „Wir wollen mit der Sonne zugleich fliegen.“ Er aber antwortete: „Meine Lieben, die Schnelligkeit der Sonne ist groß; ihr werdet nicht im Stande sein, es mit der Sonne an Schnelligkeit aufzunehmen. Ihr werdet dabei zugrunde gehen; flieget nicht fort!“ Sie aber baten noch ein zweites und ein drittes Mal; doch der Bodhisattva hielt sie auch noch beim dritten Male zurück. Sie aber beharrten in ihrem Übermut; und da sie ihre Kraft nicht kannten, benachrichtigten sie das große Wesen nicht davon, sondern, um mit der Sonne zugleich zu fliegen, flogen sie noch vor Sonnenaufgang nach dem Gipfel des Yugandhara-Berges und setzten sich dort nieder.

Als der Bodhisattva sie nicht fand, fragte er: „Wohin sind sie gegangen?“ Da hörte er die Begebenheit und dachte bei sich: „Sie werden nicht im Stande sein, es mit der Sonne an Schnelligkeit aufzunehmen; sie werden während dessen zugrunde gehen. Ich werde ihnen das Leben retten.“ Und auch er flog fort und setzte sich gleichfalls auf dem Gipfel des Yugandhara-Berges nieder.

Sobald nun die Sonnenscheibe aufging, flogen die jungen Schwäne in die Höhe und stürmten mit der Sonne zugleich dahin. Auch das große Wesen flog mit ihnen fort. Nachdem der jüngere Bruder bis zur Zeit des Vormittags dahingeeilt war, wurde er müde; seine Flügelgelenke brannten wie Feuer. Da gab er dem Bodhisattva einen Wink: „Bruder, ich kann nicht mehr.“ Dieser antwortete: „Fürchte dich nicht, ich werde dir das Leben retten“; er legte ihn auf das Gitterwerk seiner Flügel, tröstete ihn und brachte ihn nach dem Cittakuta-Berge zurück, wo er ihn mitten unter die anderen Schwäne stellte. Dann flog er wieder in die Höhe, holte die Sonne ein und eilte mit dem anderen zusammen dahin. Nachdem dieser bis gegen Mittag mit der Sonne zugleich geflogen war, wurde auch er müde und seine Flügelgelenke brannten wie Feuer. Darum gab er dem Bodhisattva einen Wink: „Bruder, ich kann nicht mehr.“ Auch ihn tröstete das große Wesen ebenso, nahm ihn auf dem Gitterwerk seiner Flügel mit und flog nach dem Cittakuta-Berge zurück.

In diesem Augenblicke erreichte die Sonne den Mittelpunkt ihres Laufes. Da dachte der Bodhisattva: „Heute werde ich meine Körperkraft erproben.“ Mit einem Satze flog er empor und ließ sich auf dem Gipfel des Yugandhara-Berges nieder; von da flog er wieder in die Höhe, holte in einem Schwunge die Sonne ein und eilte bald vor ihr bald hinter ihr her. Da dachte er bei sich: „Dass ich mit der Sonne um die Wette fliege, ist für mich ganz nutzlos, von grundlosem Stolze eingegeben. Was soll ich damit? Ich will nach Benares fliegen und dort meinem Freunde eine ihm für geistliche und weltliche Dinge nützliche Geschichte erzählen.“

Er kehrte um und flog, während die Sonne noch nicht die Mitte des Himmels überschritten hatte, an dem ganzen Weltsystem von einem Ende zum andern entlang; dann flog er mit verminderter Schnelligkeit an dem ganzen Jambu-Erdteil entlang von einem Ende zum andern und gelangte so nach Benares. Die ganze, zwölf Yojanas messende Stadt war wie von dem Schwane überschattet und es war keine Öffnung zu sehen; als aber allmählich die Schnelligkeit nachließ, sah man die Öffnungen in der Luft. Nun verminderte das große Wesen seine Schnelligkeit, flog aus der Luft herab und stellte sich gegenüber dem Fenster auf. Der König war voll Freude, dass sein Freund gekommen war; damit er sich niederlassen könnte, ließ er eine goldene Bank herrichten und sagte: „Freund, tritt ein, setze dich hier nieder.“ Dann sprach er folgende erste Strophe:

„O lass dich nieder hier, du Schwan,
gar lieb ist 's mir, dich anzusehen.
Als Herrscher bist du hergekommen;
was hier ist, das darfst du bestimmen.“

Das große Wesen ließ sich auf der goldenen Bank nieder. Der König bestrich mit Ölen, die hundert- und tausendmal geklärt waren, ihm das Innere seiner Flügel, ließ ihm auf einer goldenen Schüssel Honigkörner und Zuckerwasser vorsetzen und begann mit ihm eine süße, liebenswürdige Unterhaltung, wobei er fragte: „Mein Freund, du bist allein gekommen; woher kommst du?“ Jener erzählte ausführlich die Begebenheit. Darauf sprach zu ihm der König: „Mein Freund, zeige auch mir die Schnelligkeit deines Wettflugs mit der Sonne!“ Der Bodhisattva antwortete: „O Großkönig, ich kann dir diese Schnelligkeit nicht zeigen.“ Der König fuhr fort: „So zeige uns wenigstens ein Bild davon.“ „Gut, o Großkönig“, versetzte der andere; „ein Bild davon werde ich dir zeigen. Lasse Bogenschützen sich versammeln, welche schießen so rasch wie der Blitz!“ Der König ließ die Leute sich versammeln.

Der Bodhisattva nahm nun vier von ihnen mit sich, stieg vom Palaste des Königs hinab und ließ im Hofe des Palastes einen steinernen Pfeiler eingraben. An seinen Hals ließ er eine Glocke hängen; dann setzte er sich auf den steinernen Pfeiler, stellte die vier Bogenschützen in der Nähe des steinernen Pfeilers nach den vier Himmelsgegenden gerichtet auf und sprach: „O Großkönig, diese vier Leute sollen auf einen Schlag nach den vier Himmelsgegenden hin vier Pfeile entsenden. Bevor diese noch die Erde erreichen, werde ich sie holen und zu den Füßen von ihnen hinwerfen. Dass ich hinter den Pfeilen drein geflogen bin, wirst du aus dem Läuten der Schelle erkennen; von mir aber wirst du nichts sehen.“ Nach diesen Worten brachte er die von jenen auf einmal abgeschossenen Pfeile herbei, warf sie dem Könige zu Füßen, zeigte sich ihm dann, wie er wieder auf dem steinernen Pfeiler saß, und fragte: „O Großkönig, hast du meine Schnelligkeit gesehen?“ Dann fuhr er fort: „O Großkönig, diese Schnelligkeit ist für mich weder die äußerste noch die mittlere, sondern es ist eine geringe und unbedeutende Schnelligkeit; so rasch ist unsere Schnelligkeit.“

Darauf fragte ihn der König: „Mein Freund, gibt es aber eine Schnelligkeit, die noch rascher ist als die Eurige?“ Der Bodhisattva antwortete: „Ja, mein Freund. Hundertmal, tausendmal, ja hunderttausendmal rascher als unsere größte Schnelligkeit vergehen, werden zerstört und gehen zugrunde die Lebensbedingungen bei diesen Wesen.“ So zeigte er dem Könige den Untergang der mit einem Körper ausgestatteten Wesen durch augenblickliche Zerstörung.

Als der König die Erzählung des großen Wesens vernahm, wurde er von Todesangst erfüllt; er konnte nicht die Besinnung behalten und stürzte zu Boden. Die ganze Volksmenge war darüber bestürzt; man besprengte das Antlitz des Königs mit Wasser und bewirkte so, dass er wieder zur Besinnung kam. Das große Wesen aber ermahnte ihn mit folgenden Worten: „O Großkönig, betätige die Erinnerung an den Tod, wandle gerecht, spende Almosen und verrichte andere gute Werke, bleibe voll Eifer!“ Der König versetzte: „Gebieter, wir können nicht mehr ohne einen so mit Erkenntnis ausgestatteten Lehrer, wie Ihr es seid, leben. Kehre nicht nach dem Berge Cittakuta zurück, sondern bleibe hier, indem du mich die Wahrheit lehrst und mein mahnender Lehrer wirst.“ Und indem er ihn so bat, sprach er folgende zwei Strophen:

„Durch Anhören wird man dem einen lieb,
beim Sehn jedoch vergeht manchem die Freude,
beim Sehn und Hören wird man doppelt lieb;
willst du mich nicht erfreu'n durch deinen Anblick?

Beim Hören warst du mir schon lieb,
noch mehr, als vor mein Aug' du kamest;
da du so lieb bist meinem Auge,
so bleibe bei mir, teurer Schwan!“

Der Bodhisattva antwortete:

„Ich könnt' in deinem Hause bleiben
beständig hochgeehrt von dir;
doch könnt'st im Rausch du einmal sagen:
‚Man brate mir den Schwanenkönig!‘“

Um ihm darauf die Versicherung zu geben, dass er deshalb kein berauschendes Getränk mehr trinken werde, sprach der König folgende Strophe:

„Pfui über solchen Trank und Speise,
der lieber mir könnt' sein als du;
ich werde keinen Branntwein trinken,
solang' in meinem Haus du weilst.“

Daraufhin sprach der Bodhisattva folgende sechs Strophen:

„Leicht zu verstehen ist der Ruf
von den Schakalen, von den Vögeln;
der Menschen Sprache aber, König,
weit schwerer ist sie zu verstehn.

Wenn auch vielleicht ein Mann kann meinen:
‚Verwandter ist er, Freund, Gefährte‘,
wer früher uns war wohl gesinnt,
der zeigt sich später als ein Feind.

Bei wem dein Herz sich Wohnung sucht
in seiner Näh', mit ihm zusammen,
wenn er auch nah ist, wird er fern,
sobald dein Herz sich trennt von ihm.

Wer freundlich ist gesinnt in seinem Herzen,
jenseits des Meers auch bleibt er freundlich dir;
wer aber falsch gesinnt in seinem Herzen,
jenseits des Meeres auch bleibet er falsch.

Auch wenn sie bei dir wohnen, bleiben
doch ferne dir die Feinde, Herrscher;
die Guten bleiben geistig bei dir,
auch wenn sie fern sind, Reichsvermehrer.

Durch allzu langen Aufenthalt
wird unlieb auch der liebe Freund;
drum geh ich fort und nehme Abschied,
bevor ich dir kann unlieb werden.“

Der König versetzte darauf:

„Wenn du trotz unsrer Bitten nicht
das Hände Falten willst beachten
und nicht tust nach den Worten derer,
die deine treuen Diener sind,
so bitten wir dich nur um dies:
Komm später noch einmal zurück!“

Der Bodhisattva antwortete:

Wenn uns in unserm weitern Leben
kein Hindernis dazwischentritt,
bei dir sowohl, du großer König,
als auch bei mir, du Reichsvermehrer,
so werden wir uns wieder sehen
nach Ablauf mancher Tag' und Nächte.“

Nachdem das große Wesen so den König ermahnt, kehrte es nach dem Berge Cittakuta zurück.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „So, ihr Mönche, habe ich früher, obwohl ich in Tiergestalt wiedergeboren war, die Unbeständigkeit der Lebensbedingungen gelehrt und die Wahrheit verkündigt.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der jüngste Bruder war Mogallana, der mittlere war Sāriputta, die übrige Schar der Schwäne war die Buddhagemeinde, der schnelle Schwan aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem schnellen Schwan