Jātaka 477

Die kleine Erzählung von Nārada (Culla-Nārada-Jātaka)

„Du hast die Hölzer nicht gespalten“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Verführung durch ein sinnliches Mädchen. Eine zu Savatthi wohnende Familie hatte eine sechzehnjährige Tochter von großer Schönheit; doch wünschte sie niemand zur Frau. Da dachte ihre Mutter: „Meine Tochter ist herangewachsen und niemand begehrt sie zur Frau. Wie man mit einem Köder einen Fisch fängt, so will ich durch sie einen Mönch des Sakya-Sohnes verführen lassen, dass er den Orden verlässt und wir durch ihn leben können.“—Damals nun hatte ein zu Savatthi wohnender Sohn aus guter Familie dem Orden sein Herz geschenkt und war Mönch geworden; sobald er aber die Weihe empfangen hatte, gab er die Begierde nach Belehrung auf, wurde träge und war nur darauf bedacht, seinen Körper zu schmücken.

Nachdem die große Laienschwester zu Hause Reisschleim sowie feste und flüssige Speisen zubereitet hatte, stellte sie sich an die Tür und sah hinaus, ob sie unter den auf der Straße gehenden Mönchen einen finden könne, der so aussehe, als ob sie ihn durch Lust nach Wohlgeschmack an sich fesseln und für sich gewinnen könne. Unter denen, die Träger des Tipitaka, des Abhidhamma und des Vinaya waren und mit großem Gefolge daherkamen, sah sie keinen, den sie hätte fangen können, und auch unter den hinterdrein kommenden Verkündigern der süßen Lehre, die zerborstenen Wolken gleich Almosen sammelten, fand sie niemand. Da sah sie zuletzt einen Mann daherkommen, der sich die Augen bis über die Augenwinkel hinaus mit schwarzer Salbe bestrichen hatte und die Haare herabhängen ließ, der ein Unterkleid aus feinem Tuche trug und ein ausgeschütteltes, gereinigtes Gewand darüber gezogen hatte; er hatte eine Almosenschale gefärbt wie Edelsteine und trug einen schönen Sonnenschirm; er ließ die Augen umherschweifen und hatte eine stark verbrannte Hautfarbe. Da dachte sie: „Diesen könnte man gewinnen“; sie begrüßte ihn ehrfurchtsvoll, nahm ihm die Almosenschale ab und führte ihn mit den Worten: „Kommt, Herr“, in ihr Haus hinein. Hier ließ sie ihn Platz nehmen, bewirtete ihn mit Reisschleim und anderen Speisen und sagte nach Beendigung des Mahles zu ihm: „Herr, kommt von jetzt an nur noch hierher!“ Von da an ging er nur noch dorthin und wurde in der Folgezeit ein vertrauter Freund der Familie.

Eines Tages nun stellte sich die große Laienschwester so weit von ihm, dass er sie hören musste, und sagte: „In diesem Hause gibt es nur Ergötzungen; einen Sohn oder Schwiegersohn aber, der das Haus verwalten könnte, habe ich nicht!“ Als er ihre Worte vernommen, dachte er: „Warum spricht sie so?“, und es war einen Augenblick, als habe man ihn ins Herz getroffen. Darauf sagte jene zu ihrer Tochter: „Verführe ihn und bringe ihn in deine Gewalt.“ Und von da an suchte diese, reich geschmückt und geziert, ihn mit ihrer weiblichen Koketterie zu verführen.—Mit dem Worte „thullakumarika“ (wörtlich „das dicke Mädchen“, oben übersetzt „das sinnliche Mädchen“) aber ist nicht eine gemeint, die dick von Körper ist; mag sie dick sein oder mager: weil sie stark ist in der Begierde nach den fünf Arten der sinnlichen Lüste, deshalb wird sie das dicke Mädchen genannt.—

Als so jener Jüngling in die Gewalt der sinnlichen Lust gekommen war, dachte er: „Jetzt werde ich nicht im Orden des Buddha bleiben können“; er ging in das Kloster, legte Almosenschale und Obergewand ab und sagte zu seinen Lehrern und Unterweisern: „Ich bin unbefriedigt vom Orden.“ Darauf nahmen sie ihn mit zum Meister und meldeten ihm: „Herr, dieser Mönch ist unzufrieden.“

Der Meister fragte: „Ist es wahr, o Mönch, dass du unzufrieden bist?“ Als jener antwortete: „Es ist wahr, Herr“, fragte er weiter: „Wer hat dich unzufrieden gemacht?“, und erhielt zur Antwort: „Ein sinnliches Mädchen.“ Darauf sprach der Meister: „O Mönch, früher, als du im Walde wohntest, hat diese dir ein großes Hindernis für deinen heiligen Wandel bereitet und dir großen Schaden zugefügt; warum bist du abermals durch sie unzufrieden gemacht worden?“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte der Mönche folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer sehr vermögenden Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt; und nachdem er die Künste erlernt hatte, betrieb er das häusliche Leben. Nachdem ihm aber seine Gattin einen Sohn geboren hatte, starb sie. Da dachte er: „So wie eben bei meiner lieben Gattin so wird auch vor mir der Tod sich nicht scheuen. Was soll mir das Leben im Hause? Ich werde die Welt verlassen.“ Er gab die Lüste auf, zog mit seinem Sohne in den Himalaya und betätigte hier die Weltflucht der Weisen. Er erlangte die Fähigkeit der Ekstase und die Erkenntnisse und lebte im Walde, indem er sich von den Früchten und Wurzeln der Bäume nährte.

Damals waren Räuber, die im Grenzlande wohnten, in das Land eingedrungen, hatten ein Dorf überfallen und die Bewohner zu Gefangenen gemacht; sie luden ihnen die Beute auf und zogen dann wieder nach dem Grenzlande zurück. Unter den Gefangenen befand sich ein Mädchen von großer Schönheit, das sich auf Schwindeleien verstand. Dieses dachte: „Diese führen uns fort und werden uns das Los von Sklaven zuteil werden lassen; durch eine List muss ich entkommen“; und sie sprach zu den Räubern: „Ihr Herren, ich möchte eine Notdurft verrichten; ich will ein wenig zurückbleiben.“ Nachdem sie so die Räuber getäuscht, lief sie davon.

Als sie im Walde umherwandelte, kam sie zur Vormittagszeit an die Einsiedelei, als gerade der Bodhisattva seinen Sohn in der Einsiedelei gelassen und selbst fort gegangen war, um Waldfrüchte zu holen. Sie verführte den Asketenknaben durch die Freude an sinnlicher Lust, zerstörte seine sittlichen Grundsätze und brachte ihn in ihre Gewalt. Und sie sprach zu ihm: „Was soll dir das Wohnen im Walde? Komm, wir wollen fortgehen, um im Dorfe zu wohnen; dort sind die Freude an schöner Gestalt und die anderen Lüste leicht zu befriedigen.“ Der Knabe gab seine Zustimmung und fügte hinzu: „Mein Vater ist soeben fort gegangen, um aus dem Walde Früchte zu holen; wenn ich zuvor ihn noch gesehen, wollen wir beide zusammen gehen.“ Da dachte jene: „Dieser junge Knabe versteht noch nichts; sein Vater aber muss erst in höherem Alter die Welt verlassen haben. Wenn er zurückkommt, wird er sagen: ‚Was tust du hier?‘, wird mich schlagen, am Fuße packen, mich hinauswerfen und in den Wald hinaus stoßen. Solange er noch nicht zurück ist, werde ich mich davon machen.“ Und sie sprach zu dem Knaben: „Ich gehe voraus, komme du mir nach!“, gab ihm die Kennzeichen des Weges an und entfernte sich. Von dem Augenblicke aber, da sie fort gegangen war, wurde der Knabe mit Trübsinn erfüllt. Ohne, wie er es sonst getan, seine Pflichten zu erfüllen, verhüllte er sein Haupt und lag voll Unmut in der Laubhütte.—Als der Bodhisattva mit den Waldfrüchten zurückkehrte, bemerkte er die Fußspur des Mädchens und er dachte: „Dies ist eines Weibes Fußspur; die Sittlichkeit meines Sohnes wird vernichtet sein.“ Er ging in die Laubhütte hinein, legte die Waldfrüchte beiseite und sprach, indem er seinen Sohn fragte, folgende erste Strophe:

„Du hast die Hölzer nicht gespalten,
du hast kein Wasser hergeholt,
auch Feuer hast du nicht entzündet;
warum liegst du so träge da?“

Als jener seines Vaters Worte vernahm, erhob er sich, begrüßte seinen Vater, und indem er ihm mit aller Ehrfurcht verkündete, dass er es nicht aushalte im Walde zu bleiben, sprach er folgendes Strophenpaar:

„Ich halt 's nicht aus, im Wald zu bleiben,
Kassapa, ich muss es dir sagen:
Elend ist es, im Wald zu wohnen,
zu Menschen wünsche ich zu gehen.

Damit ich, wenn von hier ich gehe,
in welchem Lande ich auch weile,
den rechten Wandel lern, Brahmane,
so lehre du mich dies Verhalten.“

Das große Wesen erwiderte: „Gut, mein Sohn, ich will dir sagen, wie man sich unter den Menschen verhält“; und er sprach folgendes Strophenpaar:

„Wenn du den Wald aufgeben willst
und seine Wurzeln, seine Früchte
und bei den Menschen wünschst zu wohnen,
so lerne von mir diese Regel:

Ergib dich nicht den gift'gen Dingen,
von einem Abgrund halt dich fern,
im Schmutze lasse dich nicht nieder,
sei auf der Hut vor gift'gen Schlangen.“

Da der Asketenknabe den Sinn dieser kurzen Worte nicht verstand, fragte er:

„Was ist das Gift, was ist der Abgrund
und was der Schmutz für fromme Leute?
Was meinst du mit der gift'gen Schlange?
O sag es mir, der ich dich frage!“

Der andere aber antwortete ihm folgendes:

„Auf Erden gibt es einen Saft,
mein Sohn, der Branntwein wird genannt;
entzückend ist er, duftend, lieblich,
an Wohlgeschmack wie süßer Honig.
Als Gift bezeichnen dies die Weisen
für einen Frommen, Nārada.

Die Weiber auf der Welt, mein Sohn,
sie regen auch den Matten auf;
sie nehmen mit des Jünglings Herz
wie dürre Baumwolle der Wind.
Sie sind als Abgrund zu bezeichnen
für einen Frommen, Nārada.

Ehre und Ruhm und Auszeichnung,
Verehrung auch bei andern Leuten
sind zu bezeichnen als der Schmutz
für einen Frommen, Nārada.

Die Könige mit ihren Truppen,
mein Sohn, verwalten diese Erde;
und diese großen Menschenherrscher
sind mächtig, mein Sohn Nārada.

Bei Königen, bei mächt'gen Herrschern
nicht wandle du vor ihren Füßen;
sie sind genannt die gift'ge Schlange
für einen Frommen, Nārada.

Wenn es dich hungert und du gehst
zur Zeit des Essens in ein Haus,
wenn du das Gute dort siehst wohnen,
so nimm dort deine Mahlzeit ein.

Wenn in ein andres Haus du gehst,
um dort zu trinken oder essen,
so iss nur mäßig, trinke mäßig
und denke nicht an Fleischeslust.

Von Kuhhürden, von Branntweinbuden,
von Schwindlern und von Goldschmiedsläden
von ihnen halt dich ferne wie
ein Wagen von unebnem Weg.“

Während aber der Vater immer so weiter sprach, kam der Jüngling wieder zur Besinnung und sagte: „Vater, ich habe genug von dem Bereiche der Menschen.“ Darauf teilte ihm sein Vater die Betätigung der Liebe und anderer Tugenden mit. Der Jüngling beharrte bei der Ermahnung seines Vaters und erlangte kurze Zeit darauf die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse. Beide aber, Vater und Sohn, gelangten hierauf, unaufhörlicher Ekstase sich erfreuend, in die Brahmawelt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war jenes junge Weib dieses sinnliche Mädchen, der Asketenknabe war der unzufriedene Mönch, der Vater aber war ich.“

Ende der kleinen Erzählung von Nārada