Jātaka 48

Die Erzählung von dem Vedabbha-Zauberspruch (Vedabbha-Jātaka)

„Wer mit verkehrten Mitteln“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unfolgsamen Mönch. Zu diesem Mönch sprach nämlich der Meister: „Du, o Mönch, bist nicht nur jetzt unfolgsam, sondern auch schon früher warst du unfolgsam. Und aus diesem Grunde, weil du nicht nach dem Worte der Weisen tatest, bist du mit einem scharfen Schwerte in zwei Teile gespalten und auf den Weg geworfen worden; und durch dich allein sind tausend Menschen ihres Lebens beraubt worden.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, kannte in einem Dorfe ein Brahmane einen Zauberspruch namens Vedabbha. Dieser Zauberspruch aber war wertvoll und sehr kostbar. Wenn ein bestimmtes Nakkhatta eingetreten war, sagte er den Zauberspruch her und schaute gen Himmel; dann kam vom Himmel herab ein Regen von den sieben Kleinodien. Damals aber erlernte der Bodhisattva bei diesem Brahmanen die Künste.—Nun verließ eines Tages der Brahmane mit dem Bodhisattva aus irgendeinem Grunde sein Dorf und begab sich nach dem Reiche Cetiya. Unterwegs übten in einer Waldgegend fünfhundert so genannte Wegsendungsdiebe den Straßenraub aus. Diese fingen den Bodhisattva und den Vedabbha-Brahmanen.—Warum heißen nun diese Wegsendungsdiebe? Wenn sie zwei Leute gefangen haben, schicken sie den einen fort, um Geld herbeizubringen; und deshalb nennt man sie Wegsendungsdiebe. Und zwar wenn sie Vater und Sohn gefangen haben, sagen sie zum Vater: „Bringe uns Geld, dann kannst du deinen Sohn mit dir fortnehmen“; wenn sie Mutter und Tochter gefangen haben, lassen sie die Mutter frei; wenn sie den ältesten und den jüngsten Bruder gefangen haben, lassen sie den ältesten frei; wenn sie Lehrer und Schüler gefangen haben, lassen sie den Schüler frei.—Als sie daher zu dieser Zeit den Vedabbha-Brahmanen gefangen hatten, ließen sie den Bodhisattva frei. Der Bodhisattva grüßte seinen Lehrer und sprach zu ihm: „Ich werde nach Ablauf von einem oder zwei Tagen wiederkehren. Fürchtet Euch nicht; tut aber nach meinen Worten. Heute wird die den Geldregen herbeiführende Konstellation eintreten. Sagt aber nicht, weil Ihr Euer Elend nicht ertragen könnt, den Zauberspruch her und lasst nicht das Geld regnen. Wenn Ihr Geld regnen lasst, werdet Ihr ins Verderben stürzen und diese fünfhundert Räuber.“ Nachdem er so seinen Lehrer ermahnt hatte, ging er weg, um Geld zu holen.

Als aber die Sonne untergegangen war, fesselten die Räuber den Brahmanen und ließen ihn sich niederlegen. In diesem Augenblick ging die volle Mondscheibe von Osten her auf. Da nun der Brahmane die Konstellation betrachtete, bedachte er: „Die das Geld herbeibringende Konstellation ist eingetreten. Was brauche ich im Elend zu bleiben? Ich werde meinen Zauberspruch hersagen, einen Kleinodienregen herabregnen lassen, den Räubern das Geld geben und dann hingehen, wohin ich will.“ Und er sprach zu den Räubern: „He, ihr Räuber, warum habt ihr mich gefangen?“ Sie antworteten: „Um Geld zu erhalten, Herr.“ Dann fuhr er fort: „Wenn ihr Geld wollt, so macht mich rasch von der Fessel los, lasst mich mein Haupt waschen, neue Gewänder anziehen, mich mit Wohlgerüchen besprengen, mit Blumen bestreuen und stellt mich dann hin.“ Da die Räuber seine Rede vernahmen, taten sie so. Als nun der Brahmane erkannte, dass die Konstellation eingetreten war, sagte er seinen Zauberspruch her und blickte gen Himmel. Da fielen die Kleinodien vom Himmel. Die Räuber sammelten den Schatz auf, machten aus ihren Obergewändern ein Bündel und gingen fort. Der Brahmane aber ging hinter ihnen her.

Da nahmen andere fünfhundert Räuber diese Räuber gefangen. Als sie gefragt wurden: „Warum habt ihr uns gefangen?“, antworteten sie: „Um Geld zu erhalten.“ Darauf sprachen die ersten Räuber: „Wenn ihr Geld wollt, so nehmt diesen Brahmanen gefangen. Dieser hat gen Himmel geblickt und Geld regnen lassen und dies hat er uns gegeben.“ Darauf ließen die Räuber die anderen Räuber frei und fassten den Brahmanen mit den Worten: „Gib auch uns Geld!“ Der Brahmane aber versetzte: „Ich kann euch Geld geben; die den Geldregen herbeiführende Konstellation aber wird von jetzt ab erst nach Ende eines Jahres wieder eintreten. Wenn ihr Geld wollt, so wartet; dann werde ich einen Geldregen herabregnen lassen.“ Da wurden die Räuber zornig und sprachen: „He, du elender Brahmane, den andern hast du jetzt Geld regnen lassen und uns lässt du ein ganzes Jahr warten?“ Und sie hieben mit scharfem Schwerte den Brahmanen entzwei und warfen ihn auf die Straße. Dann folgten sie rasch den anderen Räubern, kämpften mit ihnen, töteten sie alle und nahmen das Geld weg. Darauf wurden sie zu zwei Abteilungen, kämpften miteinander und töteten zweihundertfünfzig Mann. Und auf diese Weise töteten sie sich gegenseitig, bis nur noch zwei Leute übrig waren. So stürzten diese tausend Menschen ins Verderben. Nachdem aber diese zwei Leute mit List das Geld an sich gebracht hatten, versteckten sie den Schatz in der Nähe eines Dorfes in einem Gesträuch. Der eine nahm sein Schwert und setzte sich als Wächter hinzu, der andere ging ins Dorf, um Reiskörner zu holen und Reisbrei kochen zu lassen.

„Habgier ist die Wurzel des Verderbens.“

Der bei dem Schatze Sitzende dachte bei sich: „Wenn dieser zurückkommt, wird dieser Schatz in zwei Teile geteilt werden. Wie, wenn ich ihn, sobald er kommt, mit dem Schwerte träfe und tötete?“ Und er gürtete sein Schwert um und setzte sich nieder, dessen Ankunft erwartend. Der andere dachte auch: „Dieser Schatz wird in zwei Teile geteilt werden. Wie, wenn ich nun in den Reisbrei Gift würfe, den Mann es essen ließe und so des Lebens beraubte? Dann würde ich allein das Geld haben.“ Und als das Mahl zubereitet war und er selbst gespeist hatte, warf er Gift in das übrig Gelassene und ging damit dorthin. Sobald er aber hintrat, um das Mahl hinzustellen, hieb ihn der andere mit dem Schwerte in zwei Teile und warf seinen Leichnam an einen verborgenen Ort; dann verzehrte er den Reisbrei und musste darauf selbst sterben. So stürzten um des Schatzes willen alle ins Verderben.

Nach Ablauf von einem oder zwei Tagen kehrte nun der Bodhisattva mit dem Lösegeld zurück. Als er an der bestimmten Stelle seinen Lehrer nicht sah, dachte er: „Mein Lehrer hat wohl nicht nach meinen Worten getan, sondern hat Geld herunterregnen lassen. Darum müssen alle ins Verderben gestürzt sein“; und er zog auf der Heerstraße weiter. Da er aber weiter ging, sah er seinen Lehrer auf der Heerstrasse daliegen, in zwei Stücke gehauen; und indem er dachte: „Mein Lehrer ist gestorben, weil er nicht nach meinen Worten tat“, trug er Holz herbei, errichtete einen Scheiterhaufen, verbrannte seinen Lehrer und ehrte ihn mit Waldblumen. Dann ging er weiter und sah die fünfhundert, die getötet waren, und weiter die zweihundertfünfzig und so fort, bis er am Schlusse die zwei Ermordeten sah. Da dachte er bei sich: „Diese tausend Mann weniger zwei sind ins Verderben gestürzt. Es muss noch zwei andere Räuber geben und auch diese werden sich nicht haben zügeln können. Wohin sind nun diese gegangen?“ Und als er weiter ging, sah er den Weg, den sie mit dem Schatz nach dem Gebüsch hin eingeschlagen hatten, und gewahrte weiter auch die Menge des Schatzes, in ein Bündel gebunden, und einen Toten, der eine Schüssel mit Reisbrei weggeworfen hatte. Jetzt erkannte er den ganzen Sachverhalt, wie alles von diesen geschehen war; und indem er untersuchte, wo der letzte Mann sei, bemerkte er ihn, wie er an einen verborgenen Ort gelegt war. Da dachte er bei sich: „Unser Lehrer ist, weil er nicht nach meinen Worten tat, infolge seiner Unfolgsamkeit für seine Person ins Unglück gestürzt und noch andere tausend Mann sind von ihm ins Verderben gebracht worden. Wer mit schlechten, ungeeigneten Mitteln seine Förderung sucht, stürzt wie unser Lehrer in großes Verderben.“ Und er sprach folgende Strophe:

„Wer mit verkehrten Mitteln nur
sich Nutzen sucht, der geht zugrunde;
die Cetas töteten Vedabbha,
sie alle stürzten ins Verderben.“

Nachdem so der Bodhisattva mit den Worten: „Wie unser Lehrer, da er mit schlechten Mitteln und zur Unzeit seine Energie betätigte und Geld regnen ließ, sich selbst vernichtete und auch für andere die Ursache ihres Verderbens wurde, so wird auch ein anderer, wenn er mit schlechten Mitteln einen Vorteil erstrebt, nur Mühsal verursachen; er wird sich selbst gänzlich zugrunde richten und auch die anderen ins Verderben stürzen“, den Wald, während die Gottheiten ihre Zustimmung zu erkennen gaben, erfüllt und die Lehre erklärt hatte, nahm er den Schatz geschickt mit in sein Haus. Zeit seines Lebens tat er gute Werke durch Almosen Geben und dgl. und gelangte am Ende seines Lebens auf den Weg, der zum Himmel führt.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt bist du unfolgsam, o Mönch, sondern auch schon früher warst du unfolgsam und bist durch deine Unfolgsamkeit in großes Verderben gestürzt“, diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jātaka mit den Worten: „Damals war der Vedabbha-Brahmane der unfolgsame Mönch, der Schüler aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Vedabbha-Zauberspruch