Jātaka 483

Die Erzählung von der Sarabha-Gazelle (Sarabhamiga-Jātaka)

„Bemühen möge sich der Mann“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die ausführliche Beantwortung der von ihm selbst in Kürze gestellten Frage durch den Heerführer der Lehre. Damals nämlich hatte der Meister an den Thera in Kürze eine Frage gerichtet. Bei dem Herabsteigen von der Welt der Götter trug sich diese Geschichte der Reihe nach zu, wie in folgendem in Kürze ausgeführt wird.

Nachdem zu Rājagaha bei dem Großkaufmann durch den ehrwürdigen Pindola-Bharadvaja die Almosenschale aus Sandelholz vermittelst seiner Wunderkraft ergriffen worden war, verbot der Meister den Mönchen, ein Wunder auszuführen. Damals dachten die Irrgläubigen: „Der Asket Gotama hat seinen Jüngern die Betätigung ihrer Wunderkraft verboten; jetzt wird er auch selbst kein Wunder mehr tun.“ Als ihre darüber beunruhigten Anhänger sie fragten: „Warum, ihr Herren, habt ihr durch eure Wunderkraft nicht die Schale an euch genommen?“, antworteten sie: „Ihr Lieben, dies ist für uns nicht schwer; aber wer wird um einer gewöhnlichen hölzernen Almosenschale willen seinen feinen, zarten Vorzug den Laien zeigen? Die Asketen aber, die Schüler des Sakya-Sohnes, zeigten aus törichter Gier ihre Wunderkraft und ergriffen die Schale. Denket nicht, für uns sei die Betätigung der Wunderkraft etwas Schweres! Denn wir wären, ganz zu schweigen von den Schülern des Asketen Gotama, auch bereit, mit dem Asketen Gotama selbst um die Wette unsere Wunderkraft zu betätigen; und wenn der Asket Gotama ein Wunder tut, so werden wir das Doppelte tun.“

Als dies die Mönche hörten, meldeten sie dem Erhabenen: „Herr, die Irrgläubigen wollen ein Wunder tun.“ Der Meister erwiderte: „Ihr Mönche, sie sollen es nur tun; auch ich werde ein Wunder tun.“ Da Bimbisara davon hörte, kam er herbei und fragte den Erhabenen: „Herr, werdet Ihr ein Wunder tun?“ „Ja, o Großkönig“, war die Antwort. Bimbisara fuhr fort: „Habt Ihr nicht, Herr, eine darauf bezügliche Lehrvorschrift erlassen?“ Darauf erwiderte der Meister: „O Großkönig, diese habe ich für meine Schüler erlassen; für die Buddhas aber gibt es keine Lehrvorschrift. Denn wie, o Großkönig, in deinem Parke die Blumen und Früchte für andere verboten sind, nicht aber für dich, so trifft dies auch in diesem Falle zu.“ Bimbisara fragte weiter: „Wo aber, Herr, werdet Ihr das Wunder tun?“ „Zu Savatthi am Fuße eines Gandamba-Baumes.“ „Was haben wir dafür zu tun?“ „Nichts, o Großkönig.“

Am nächsten Tage nach Beendigung des Mahles trat der Meister seine Wanderung an. Die Leute fragten: „Wohin, Herr, geht der Meister?“ „Er geht fort, um am Stadttore von Savatthi am Fuße eines Gandamba-Baumes ein doppeltes Wunder zu tun zur Vernichtung der Irrgläubigen“, berichteten ihnen die Mönche. Da sagte eine große Volksmenge: „Ein Wunder wird stattfinden, wunderbar anzusehen; wir wollen es anschauen“; sie verließen die Türen ihrer Häuser und zogen mit dem Meister. Die Häupter der anderen Sekten aber sagten: „An dem Orte, wo der Asket Gotama ein Wunder tut, wollen auch wir ein Wunder tun“; und sie folgten mit ihren Anhängern dem Meister nach.

So gelangte allmählich der Meister nach Savatthi. Als ihn hier der König fragte: „Herr, werdet Ihr denn ein Wunder tun?“, antwortete er: „Ich werde ein Wunder tun“, und auf die weitere Frage: „Wann, o Herr?“, erwiderte er: „Von heute an nach sieben Tagen, am Asalhi-Vollmondsfeste.“ Der König fuhr fort: „Ich lasse einen Pavillon anfertigen, Herr“; doch der Meister versetzte: „Genug, o Großkönig; an der Stelle, wo ich das Wunder tun werde, wird Gott Sakka einen zwölf Yojanas großen Edelsteinpavillon errichten.“ Hierauf fragte der König: „Soll ich diese Begebenheit in der Stadt bekannt geben lassen, Herr?“, und der Meister antwortete: „Lasse es bekannt machen, o Großkönig!“

Der König befahl nun dem königlichen Ausrufer, sich auf den Rücken eines reich geschmückten Elefanten zu setzen und ließ durch ihn täglich folgendes ausrufen: „Der Meister wird am Tore von Savatthi am Fuße eines Gandamba-Baumes ein die Andersgläubigen vernichtendes Wunder tun am siebenten Tage von heute an.“ Da dachten die Irrgläubigen: „Am Fuße eines Gandamba-Baumes will er es ja ausführen“; sie gaben ihren Anhängern Geld und ließen in der Nachbarschaft von Savatthi alle Mangobäume abhauen.

Am Vollmondstage verkündete der königliche Ausrufer: „Heute wird am frühen Morgen das Wunder stattfinden.“ Durch göttliche Fügung ertönte dies in dem ganzen Jambu-Erdteil, als würde es vor der Türe ausgerufen; wer aber den Wunsch hegte, dorthin zu gehen, alle diese sahen sich nach Savatthi gelangt. Es war eine Versammlung, die zwölf Yojanas groß war.—Am frühen Morgen verließ der Meister sein Kloster, um in Savatthi seinen Almosengang zu machen. Als nun der Gärtner des Königs, Ganda mit Namen, dem Könige eine ganz reife, große Mangofrucht von der Größe eines Wasserkrugs brachte, sah er den Meister am Stadttore und gab ihm diese, indem er dachte: „Diese ist nur für den Vollendeten passend.“ Der Meister nahm sie an und verzehrte sie, ihm zur Seite sich niederlassend. Dann sprach er zu Ananda: „Ananda, gib diesen Kern dem Gärtner, dass er ihn an dieser Stelle einpflanzt; so wird es ein Gandamba werden.“ Der Thera tat so; der Gärtner aber hob die Erde aus und pflanzte den Kern ein.

In demselben Augenblick zerbrachen die Wurzeln den Kern und brachen hervor; es zeigte sich ein roter Spross so groß wie ein Pflugkopf und unter den Augen einer großen Volksmenge erwuchs mit einem Stamm, der fünfzig Ellen hoch war, mit Ästen, die gleichfalls fünfzig Ellen lang waren, ein Mangobaum von hundert Ellen. Sogleich entstanden an ihm Blumen und Früchte und er stand da umringt von Bienen, mit goldfarbenen Früchten beladen, die Luft erfüllend. Wenn ihn ein Windstoß traf, fielen honigsüße Früchte herab; hinter diesen drein kamen die Mönche und verzehrten sie und gingen wieder.

Als zur Abendzeit der Götterkönig nachdachte, merkte er: „Die Anfertigung eines aus den sieben Arten der Kostbarkeiten bestehenden Pavillons ist uns als Aufgabe gestellt“; er schickte Vissakamma fort und ließ ihn einen zwölf Yojanas umfassenden, mit dunkelblauem Lotos bedeckten und aus den sieben Arten der Kostbarkeiten bestehenden Pavillon errichten. Daher versammelten sich die Gottheiten der zehntausend Welten.

Nachdem so der Meister dies die Irrgläubigen vernichtende, für seine Schüler unnachahmliche doppelte Wunder ausgeführt hatte, erhob er sich, da er merkte, dass viel Volks gläubig gesinnt war, und erklärte ihnen auf seinem Buddhathron sitzend die Lehre. Zweihundert Millionen Wesen tranken den Trank der Unsterblichkeit. Dann überlegte er: „Wohin gingen aber die früheren Buddhas, wenn sie ein Wunder getan hatten?“ Er erkannte, dass sie dann in den Himmel der dreiunddreißig Götter gegangen seien. Daher erhob er sich von seinem Buddhathron, stellte den rechten Fuß auf den Gipfel des Yugandhara-Berges, betrat mit dem linken Fuße die Spitze des Sineru-Berges und begann am Fuße des Paricchattaka-Baumes auf dem gelben Steinthrone des Gottes Indra den Aufenthalt während der Regenzeit. Drei Monate lang verkündigte er den Gottheiten die weiteren Ausführungen der Lehre.—

Die versammelte Menge wusste nicht, wohin der Meister gegangen war; sie schaute nach ihm aus, um an denselben Ort zu gehen, und blieb auf diese Weise drei Monate lang dort. Als aber die Zeit der großen Pavarana nahe war, begab sich Mogallana zu dem Erhabenen und teilte ihm dies mit. Darauf fragte ihn der Meister: „Wo ist aber Sāriputta jetzt?“ Mogallana antwortete: „Herr, er weilt mit fünfhundert Mönchen, die durch dein Wunder gläubig wurden und in den Orden eintraten, in der Stadt Samkassa.“ Der Meister versetzte: „Mogallana, am siebenten Tage von heute an werde ich am Stadttore von Samkassa vom Himmel herabsteigen; wer den Vollendeten sehen will, soll sich in der Stadt Samkassa versammeln.“ Der Thera erwiderte: „Gut“. Er kehrte auf die Erde zurück und berichtete es der Versammlung; dann verbrachte er die ganze Versammlung von Savatthi nach der dreißig Yojanas entfernten Stadt Samkassa in einem Augenblick.

Nachdem nun der Meister dort die Regenzeit verbracht hatte,teilte er dem Gotte Sakka mit: „O Großkönig, ich werde in die Welt der Menschen zurückkehren.“ Darauf wandte sich Sakka an Vissakamma und sagte ihm: „Verfertige eine Treppe, damit der mit den zehn Kräften Ausgestattete in die Welt der Menschen hinabsteigen kann.“ Jener machte auf der Spitze des Sineru das obere Ende und am Stadttore von Samkassa das untere Ende der Treppe und verfertigte drei Treppen, in der Mitte eine aus Edelsteinen bestehende, auf der einen Seite eine aus Silber bestehende und auf der anderen Seite eine aus Gold bestehende; die Überdachung und das Geländer waren aus den sieben Arten der Kostbarkeiten gefertigt.

Nachdem nun der Meister sein Wunder zur Befreiung der Welt ausgeführt, stieg er in der Mitte auf der aus Edelsteinen bestehenden Treppe hinab. Gott Sakka nahm seine Almosenschale und sein Obergewand, Suyāma den Yakwedel und Brahma Sahampatitrug den Sonnenschirm; die Gottheiten der zehntausend Welten brachten ihm mit göttlichen Wohlgerüchen und göttlichen Kränzen ihre Verehrung dar. Als sodann der Meister an dem unteren Ende der Treppe angekommen war, bezeigte ihm zuerst der Thera Sāriputta seine Verehrung und nach ihm die übrige Versammlung.

Während dieser Zusammenkunft nun dachte der Meister: „Mogallana ist wegen seiner Wunderkraft bekannt, Upali wegen seiner Kenntnis des Vinaya; bei Sāriputta aber ist der Vorzug seiner großen Weisheit nicht bekannt geworden. Außer mir gibt es niemand, der ihm gleich wäre und die gleiche Weisheit besäße wie er; ich werde den Vorzug seiner Weisheit bekannt machen.“ Darauf stellte er zuerst sogleich eine Frage für unbekehrte Leute; diese beantworteten auch die Unbekehrten. Dann stellte er eine Frage aus dem Bereiche der Bekehrten; auch diese beantworteten die Bekehrten, die Unbekehrten aber verstanden sie nicht. So stellte er weitere Fragen aus dem Bereiche der Einmalzurückkehrenden, der Nichtzurückkehrenden, aus dem Bereiche derer, die die Anhänglichkeit an das Irdische ganz ertötet hatten und aus dem Bereiche der großen Schüler; diese Fragen verstanden jedes Mal die zur niedrigeren Klasse Gehörigen nicht, während sie die zur höheren Klasse Gehörigen beantworteten. Die aus dem Bereiche der ersten Schüler gestellte Frage beantworteten nur die ersten Schüler, die anderen verstanden sie nicht. Hierauf stellte er eine Frage, die nur zum Wissensbereiche des Sāriputta gehörte; diese beantwortete der Thera allein, die übrigen verstanden sie nicht. Da fragten die Leute: „Wer ist dieser Thera, der mit dem Meister gesprochen hat?“ Als sie hörten, es sei Sāriputta, der Heerführer der Lehre, sagten sie: „Ach, er besitzt große Weisheit!“ Von da an war unter den Göttern und Menschen der Vorzug von Sāriputtas Weisheit bekannt.

Darauf stellte ihm der Meister folgende nur zum Wissensbereiche des Buddha gehörige Frage:

„Wer aller Weisheit Fülle hat,
wer Schüler ist und unbekehrt,
von denen sag den Wandel mir,
da ich dich frage, weiser Mann!“

und fügte hinzu: „Wie ist, Sāriputta, von diesem in Kürze Gesagten ausführlich der Sinn zu erklären?“—Der Thera betrachtete die Frage und dachte: „Der Meister fragt mich nach dem Wandel, den die unvollkommenen und die vollkommenen Mönche zur Erreichung ihres Zieles führen sollen.“ So war er über die Frage selbst außer Zweifel. Dann aber bedachte er wieder: „Den Wandel zur Erreichung des Zieles kann man nach den fünf Khandhas u. dergl. auf mannigfache Art auseinandersetzen; auf welche Weise soll aber ich dies erklären, um die Absicht des Meisters dabei erfassen zu können?“ So bekam er Zweifel über die Absicht.

Da dachte der Meister: „Sāriputta ist über die Frage selbst außer Zweifel, über meine Absicht aber ist er im Zweifel. Wenn ich ihm nicht den Weg angebe, wird er es nicht erklären können; ich werde ihm den Weg zeigen.“ Und um ihm den Weg zu zeigen, sagte er: „Dies und dies ist das Wesentliche; bedenke dies, Sāriputta.“ So verstand es jener. Da merkte der Meister, dass Sāriputta seine Absicht erfasst habe und bei seiner Erörterung von den fünf Khandhas ausgehen werde. Sobald er aber dem Thera den Weg angegeben hatte, war diesem die Frage auf hundert und tausend Arten klar; doch blieb er bei dem Weg, den ihm der Meister angegeben hatte, und beantwortete so die nur zum Wissensbereiche des Buddha gehörige Frage. Darauf erklärte der Meister der zwölf Yojanas ausfüllenden Versammlung die Lehre; dreihundert Millionen von Wesen tranken den Trank der Unsterblichkeit.

Nachdem hierauf der Meister die Versammlung entlassen hatte, wandelte er weiter und kam allmählich nach Savatthi. Hier machte er am nächsten Tage seinen Almosengang; als er nach Beendigung des Mahles zurückgekehrt war und den Mönchen ihre Pflichten verkündigt hatte, zog er sich in sein duftendes Gemach zurück.

Zur Abendzeit setzten sich die Mönche in der Lehrhalle nieder und priesen mit folgenden Worten den Vorzug der Weisheit des Thera: „Freund, von großer Weisheit ist Sāriputta, von ausgedehnter Weisheit, von schneller Weisheit, von scharfsinniger Weisheit, von durchdringender Weisheit. Die von dem mit den zehn Kräften Ausgestatteten in Kürze gestellte Frage hat er ausführlich beantwortet.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er weiter: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon hat er eine in Kürze gestellte Frage ausführlich beantwortet.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Geschlechte der Sarabha-Gazellen seine Wiedergeburt und wohnte im Walde. Der König aber war auf die Jagd versessen und voll Stärke: einen anderen betrachtete er nicht als Menschen. Als er eines Tages auf die Jagd ging, sagte er zu seinen Hofleuten: „Auf wessen Seite ein Wild entkommt, der soll in Strafe genommen werden.“ Da dachten jene: „Manchmal können auch die in der Mitte des Hauses Stehenden das Zimmer nicht finden. Wenn ein Stück Wild sich erhebt, wollen wir es auf jede mögliche Weise zu dem König hintreiben.“ So trafen sie diese Verabredung und gaben dem Könige den Platz am Ende des Weges. Darauf umstellten sie ein großes Gebüsch und ließen mit Hämmern u. a. auf den Boden schlagen.

Zuerst nun erhob sich die Sarabha-Gazelle, umwandelte dreimal das Gebüsch und suchte nach einer Gelegenheit zum Entkommen. Auf den anderen Seiten sah sie die Leute Arm an Arm und Bogen an Bogen gedrängt ohne Zwischenraum stehen und bemerkte nur da, wo der König stand, eine Lücke. Mit weit geöffneten Augen ging sie auf den König zu, als wollte sie ihn mit Sand bewerfen. Als der König sie rasch herankommen sah, schoss er einen Pfeil auf sie ab, verfehlte sie aber. Die Sarabha-Gazellen nämlich sind darin geschickt, einem Pfeile auszuweichen: Wenn die Pfeile von vorne kommen, so bleiben sie plötzlich stehen; wenn sie von hinten kommen, so laufen sie rasch nach vorwärts; wenn sie von oben herab kommen, so beugen sie ihren Rücken; wenn dieselben von der Seite kommen, so gehen sie ein wenig zur Seite; wenn sie auf die Mitte ihres Leibes gerichtet daherkommen, so drehen sie sich um und lassen sich zu Boden fallen; und wenn dann die Pfeile über sie dahingegangen sind, so laufen sie davon mit der Schnelligkeit einer durch den Wind geborstenen Regenwolke.

Als deshalb die Gazelle sich umdrehte und sich hinfallen ließ, rief der König laut: „Ich habe einen Sarabha getroffen.“ Die Sarabha-Gazelle aber erhob sich rasch und entfloh, indem sie den Kreis der Jäger durchbrach. Als die zu beiden Seiten stehenden Hofleute den Sarabha entfliehen sahen, stellten sie sich zusammen und fragten: „Auf wessen Platz ist die Gazelle zugelaufen?“ „Auf den Platz des Königs.“ „Der König sagt, er habe getroffen. Wer ist denn von ihm getroffen? Niemals fehlend ist doch unser König; die Erde hat er getroffen!“ So trieben sie auf mancherlei Art mit dem Könige ihren Mutwillen.

Da dachte der König: „Diese verspotten mich; sie wissen nicht, was ich leisten kann!“ Er zog sein Gewand fester an, nahm sein Schwert mit und lief rasch zu Fuße nach, um den Sarabha zu fangen. Nachdem er ihn zu Gesicht bekommen, verfolgte er ihn drei Yojanas weit. Der Sarabha drang in den Wald ein, der König tat das gleiche. Auf dem Wege aber, den die Sarabha-Gazelle zurücklegte, befand sich eine große, stinkende Grube wie eine Hölle, sechzig Ellen tief. Diese war dreißig Ellen tief mit Wasser gefüllt, aber von Gräsern zugedeckt. Der Sarabha witterte den Geruch des Wassers und merkte, dass dort eine Grube war; darum wich er ein wenig vom Wege ab und lief dann weiter. Der König aber ging immer geradeaus und fiel hinein.

Als der Sarabha den Laut von seinen Schritten nicht mehr hörte, drehte er sich um; da sah er den König nicht mehr und merkte: „Er wird in die Höllengrube gefallen sein.“ Er kam herbei und schaute nach ihm. Als er ihn im tiefen Wasser in hilfloser Bedrängnis sah, beherzigte er nicht die von jenem begangene Sünde, sondern er dachte mit plötzlich erwachtem Mitleid: „Der König soll nicht vor meinen Augen zugrunde gehen; ich werde ihn von diesem Leide befreien.“ An den Rand der Grube tretend sagte er: „Fürchte dich nicht, o Großkönig; ich werde dich von deinem Leide befreien.“ Indem er sich anstrengte, als wollte er seinen eigenen lieben Sohn herausziehen, schwang er sich, um jenen herauszuziehen, auf einen Felsen und zog den König, der gekommen war, um ihn zu töten, aus dem sechzig Ellen tiefen Abgrund heraus. Er tröstete ihn, ließ ihn auf seinen Rücken steigen, trug ihn aus dem Walde heraus und ließ ihn unweit von seinem Heere wieder absteigen. Hierauf ermahnte er ihn und befestigte ihn in den fünf Geboten.

Der König jedoch vermochte nicht, das große Wesen zu verlassen und fortzugehen, sondern er sprach zu ihm: „Herr Sarabha-König, komme mit mir nach Benares! Ich werde dir die Herrschaft in dem zwölf Yojanas messenden Benares übertragen; übe sie aus!“ Der Bodhisattva aber erwiderte: „O Großkönig, ich bin nur ein Tier, ich strebe nicht nach der Königswürde. Wenn du Liebe zu mir empfindest, so beobachte die dir von mir gegebenen Gebote und veranlasse auch die Bewohner deines Reiches, dass sie die Gebote halten!“ Nachdem er ihn so ermahnt, lief er in den Wald hinein.

Mit tränenerfüllten Augen gelangte hierauf der König, indem er immer an die Tugend von jenem dachte, zu seinem Heere und zog von seinem Heere umgeben in die Stadt, wo er durch Trommelschlag verkünden ließ: „Von jetzt an sollen alle Bewohner des Reiches die fünf Gebote beobachten.“ Von der Wohltat aber, die ihm das große Wesen erwiesen hatte, erzählte er niemand etwas. Nachdem er am Abend sein Mahl von verschiedenartigem, höchstem Wohlgeschmack verzehrt und sich auf sein reich geschmücktes Lager gelegt, erinnerte er sich zur Zeit der Morgendämmerung an den Vorzug des Bodhisattva. Er richtete sich auf, setzte sich mit verschränkten Beinen auf sein Lager und stieß mit liebeerfülltem Herzen einen begeisterten Ausruf aus in folgenden sechs Strophen:

„Bemühen möge sich der Mensch,
nicht lasse nach der weise Mann.
Mich selber seh ich dabei an;
wie ich es wollte, so geschah 's.

Bemühen möge sich der Mensch,
nicht lasse nach der weise Mann.
Mich selber seh ich dabei an;
gezogen ward ich aus dem Wasser.

Anstrengen möge sich der Mensch,
nicht lasse nach der weise Mann.
Mich selber seh ich dabei an,
wie ich es wollte, so geschah 's.

Anstrengen möge sich der Mensch,
nicht lasse nach der weise Mann.
Mich selber seh ich dabei an;
gezogen ward ich aus dem Wasser.

Auch wenn ins Unglück stürzt der weise Mann,
geb' er nicht auf das Streben nach dem Glück;
viel gibt 's Berührungen, ungut' und gute;
wer nichts bedenkt, der fällt dem Tod zum Opfer.

Auch Ungeplantes tritt ja ein
und das Geplante geht verloren;
denn nicht vom Planen kommt Erfolg
bei Weibern wie bei Männern auch.“—

Während er aber diesen begeisterten Ausruf ausstieß, ging die Sonne auf. Es war aber der Hauspriester am frühen Morgen gekommen, um zu fragen, ob der König gut geruht habe; da hörte er an der Türe stehend den Klang des begeisterten Ausrufes, den der König sang, und er dachte bei sich: „Der König ist gestern auf die Jagd gegangen; dabei wird er eine Sarabha-Gazelle verfehlt haben. Dann wird er, weil ihn seine Hofleute verspotteten, in seinem Fürstenstolze gedacht haben: ‚Ich werde sie töten und herbeibringen‘ und wird sie verfolgt haben. Dabei wird er in eine sechzig Ellen tiefe Grube gefallen sein. Von dem mitleidigen Sarabha-König, der sich nicht um die Schuld des Königs bekümmerte, wird der König herausgezogen worden sein; darum, glaube ich, stößt er diesen begeisterten Ausruf aus.“ So wurde dem Brahmanen, als er den begeisterten Ausruf in seinem vollen Wortlaut hörte, so wie einem, wenn er in einem wohl gereinigten Spiegel sein Antlitz besieht, sein Abbild, alles klar, was der König und der Sarabha getan hatten.

Er klopfte mit der Spitze des Nagels an die Türe. Der König fragte: „Wer ist da?“ „Ich, o Fürst, der Hauspriester“, war die Antwort. Darauf öffnete ihm der König die Tür und sprach: „Komm her, Lehrer!“ Jener betrat das Gemach, wünschte dem König Sieg und sagte dann ihm zur Seite stehend: „Ich, o Großkönig, weiß, was für eine Tat du im Walde getan hast. Als du eine Sarabha-Gazelle verfolgtest, fielest du in eine Grube; darauf schwang sich dieser Sarabha auf einen Felsen und zog dich aus der Grube heraus. Weil du nun an diese seine Wohltat gedachtest, stießest du den begeisterten Ausruf aus.“ Und nach diesen Worten sprach er folgende zwei Strophen:

„Dem Sarabha, den du zuvor
verfolgtest in des Waldes Dickicht,
dem Helden dankst du deine Rettung,
denn sein Herz war vom Hasse frei.

Der aus der schlimmen Grube dich herauszog,
nachdem er auf den Felsen sich geschwungen,
der dich im Unglück von dem Tod befreite,
den Sarabha rühmst du, der frei von Hass.“

Als dies der König hörte, dachte er: „Obwohl dieser nicht mit mir auf die Jagd zog, kennt er die ganze Begebenheit. Woher kennt er sie wohl? Ich will ihn fragen.“ Und er sprach folgende neunte Strophe:

„Bist du denn selbst damals dabei gewesen
oder hat dir ein andrer es erzählt?
Bist du vom Schleier frei, ein Allesseher,
ist so erschütternd dein Verstand, Brahmane?“

Der Brahmane antwortete: „Ich bin kein allwissender Buddha; aber ohne dass dabei ihr Sinn getrübt wurde, kam mir die Bedeutung der von dir hergesagten Strophen zum Bewusstsein.“ Und um dies zu erklären, sprach er folgende zehnte Strophe:

„Ich bin nicht selbst damals dabei gewesen
und auch kein andrer hat es mir erzählt.
Doch sind der Verse Worte gut gesprochen,
verstehen wohl den Sinn die Weisen, Fürst.“

Hochbefriedigt darüber gab ihm der König viel Geld. Von da an hatte er seine Freude an Almosen Spenden und anderen guten Werken; auch die anderen Menschen bekamen Freude an guten Werken und alle Gestorbenen gelangten auf den Pfad zum Himmel.

Eines Tages wollte der König auf eine Scheibe schießen und ging deshalb mit dem Hauspriester nach dem Parke.—Damals nun sah der Götterkönig viele neue Götter und Göttermädchen und dachte nach, was die Veranlassung dazu sei. Da erkannte er, dass durch die Sarabha-Gazelle der König aus der Grube herausgezogen und in den Geboten befestigt worden war, und er dachte: „Infolge der Macht das Königs tun viele Leute gute Werke; dadurch wird die Götterwelt angefüllt. Jetzt aber ist der König in den Park gegangen, um auf eine Scheibe zu schießen.“ Während er darüber nachdachte, kam ihm folgender Gedanke: „Ich will ihn veranlassen, dass er den Löwenruf ausstößt und mir den Vorzug der Sarabha-Gazelle erzählt. Dann werde ich ihn zur Erkenntnis bringen, dass er selbst ein Gott wird, und in der Luft stehend ihm die Wahrheit erklären; hierauf werde ich bewirken, dass er den Vorzug der Freundesliebe und der fünf Tugenden verkündigt und dann zurückkehren.“ Und er ging in den Park.

Der König dachte gerade: „Ich will die Scheibe treffen“, hob den Bogen empor und legte den Pfeil auf die Sehne. In diesem Augenblicke zeigte jener ihm mitten zwischen dem Könige und der Scheibe durch seine Macht die Sarabha-Gazelle. Als der König sie sah, schoss er seinen Pfeil nicht ab. Da ging Gott Sakka in die Gestalt des Hauspriesters hin und redete ihn mit folgender Strophe an:

„Da du den Bogen hast, der Starke tötet,
was zögerst du den Pfeil von ihm zu schnellen?
Soll doch der Pfeil den Sarabha rasch töten;
denn dies, du Weiser, ist der Kön'ge Speise.“

Darauf sprach der König folgende Strophe:

„Unzweifelhaft verstehe dies auch ich,
der Edlen Speise ist das Wild, Brahmane.
Doch ehr ich ihn für eine frühre Tat,
darum mag ich den Sarabha nicht töten.“

Hierauf sprach Gott Sakka folgendes Strophenpaar:

„Dies ist kein Wild, du großer König,
ein Asura ist es, Völkerfürst;
wenn du ihn tötest, Menschenherrscher,
wirst du der Herr der Götter werden.

Doch wenn du, König, zögern willst, zu töten
das Sarabha-Wild, weil es dir befreundet,
so wirst du gehen, du der Männer stärkster,
mit Weib und Kind in Yamas Vetaranī.“

Darauf sprach der König folgende zwei Strophen:

„Gern werden ich und alle Untertanen,
auch Weib und Kind und meiner Freunde Scharen
zu Yamas Vetaranī gehen; aber
nicht töten darf ich den, der mich gerettet.

Mein Retter war dies Tier, als ganz allein ich
in Not geraten in dem dichten Walde;
da ich an diese frühre Tat gedenke
und dies erkenne, wie könnt' ich ihn töten?“

Nunmehr verließ Gott Sakka den Körper des Hauspriesters, nahm seine Sakka-Gestalt an und sprach, indem er in der Luft stehend die Tugend des Königs verkündigte, folgendes Strophenpaar:

„Da du die Freunde ehrst, so leb noch lange;
verwalte dieses Reich in Tugendfülle.
Umringt von Mädchenscharen mögest du
dich an der Götter Reich erfreuen, Vasava.

Von Zorne frei und immer sanft gesinnt
komm allen fremden Bittenden zu Hilfe;
so lang du kannst, gib Almosen und lebe,
dann komme ungetadelt in den Himmel.“

Nach diesen Worten fügte der Götterkönig Sakka hinzu: „Ich, o Großkönig, kam, um dich auf die Probe zu stellen, aber du ließest dich nicht in Versuchung führen. Lasse nicht nach in deinem Streben!“ Nachdem er ihn so ermahnt, kehrte er an seinen Ort zurück.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon erkannte Sāriputta von dem in Kürze Gesagten den ausführlichen Sinn.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der Hauspriester war Sāriputta, die Sarabha-Gazelle aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Sarabha-Gazelle