Jātaka 484

Die Erzählung von dem Reisfeld (Salikedara-Jātaka)

„Geraten ist der Reis am Felde“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen seine Mutter ernährenden Mönch. Die Begebenheit wird im Sama-Jātaka (Jātaka 540) erzählt werden.—Der Meister aber ließ diesen Mönch zu sich rufen und fragte ihn: „Ist es wahr, o Mönch, dass du Laien ernährst?“ Auf dessen bejahende Antwort fragte er weiter: „In welchem Verhältnis stehen diese zu dir?“, und jener erwiderte: „Es sind meine Eltern, Herr.“ Darauf sprach der Meister: „Gut, Mönch! Die Weisen der Vorzeit ließen, obwohl sie nur Tiere waren und im Geschlechte der Papageien ihre Wiedergeburt genommen hatten, ihre alten Eltern im Neste bleiben, brachten ihnen mit der Spitze ihres Schnabels Speise und ernährten sie so.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem führte zu Rājagaha der König von Magadha die Regierung. Damals befand sich im Nordosten der Stadt ein Brahmanendorf, Salindiya mit Namen. Im Nordosten von diesem war das Magadha-Feld. Dort nahm ein zu Salindiya wohnender Brahmane namens Kosiyagotta ein Stück Land, das tausend Karisas umfasste, und ließ Reis darauf säen. Als die jungen Sprossen kamen, ließ er einen festen Zaun anfertigen und gab fünfhundert Karisas von seinem Ackerfelde seinen eigenen Leuten zur Bewachung, indem er dem einen fünfzig Karisas übertrug, dem anderen sechzig Karisas usw. Das übrige Feld, das auch fünfhundert Karisas umfasste, gab er um Lohn einem Lohnarbeiter zur Bewachung; dieser machte sich daselbst eine Hütte und brachte dort Tag und Nacht zu.

Im Nordosten von diesem Felde aber befand sich auf einem tafelförmigen Berge ein Simbali-Wald; dort wohnten viele hundert Papageien. Damals hatte der Bodhisattva in dieser Papageienschar als der Sohn des Papageienkönigs seine Wiedergeburt genommen. Als er herangewachsen war, war er schön von Gestalt und sehr stark; sein Körper war so dick wie die Nabe an einem Wagenrade. Als nun sein Vater alt geworden war, sagte er: „Ich kann nicht mehr weit fliegen; behüte du diese Schar“, und er übertrug ihm die Herrschaft. Schon vom nächsten Tage an ließ er seine Eltern nicht mehr fortgehen, um sich Futter zu holen; sondern umgeben von der Papageienschar flog er nach dem Himalaya und verzehrte dort in den Wäldern, wo wilder Reis wuchs, nach Belieben Reis. Wenn dann die Zeit der Rückkehr herankam, nahm er für seine Eltern ausreichendes Futter mit, flog zurück und ernährte damit seine Eltern.

Eines Tages meldeten ihm die Papageien: „Früher war zu dieser Jahreszeit in dem Felde von Magadha der Reis reif; untersuchet daher, ob dort jetzt Reis gewachsen ist.“ Und sie schickten zwei Papageien fort. Diese flogen fort, und indem sie auf dem Felde von Magadha auf die Erde herabkamen, ließen sie sich auf das Feld herab, das jener Mann für Geld bewachte. Nachdem sie selbst von dem Reis gegessen, nahmen sie ein Reisköpfchen mit, flogen nach dem Simbali-Walde zurück und legten das Reisköpfchen vor die Füße des großen Wesens, indem sie sagten: „Derartig ist dort der Reis.“

Am nächsten Tage flog der Papageienkönig von seiner Papageienschar umgeben dorthin und ließ sich auf das Feld hernieder. Jener Mann lief überallhin, um die den Reis fressenden Papageien abzuhalten; aber dies gelang ihm nicht. Nachdem aber die übrigen Papageien den Reis verzehrt hatten, flogen sie mit leerem Schnabel davon; der Papageienkönig jedoch tat viele Reisköpfchen zusammen, nahm sie mit und gab sie seinen Eltern.

Vom nächsten Tage an verzehrten die Papageien nur dort den Reis. Da dachte der Mann: „Wenn diese Vögel noch ein paar Tage lang so fressen, wird nichts mehr da sein. Der Brahmane wird den Reis abschätzen lassen und dies mir als Schuld anrechnen. Ich will hingehen und es ihm mitteilen.“ Er nahm eine Handvoll Reis und ein entsprechendes Geschenk mit, suchte damit den Brahmanen auf, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und stellte sich ihm zur Seite. Als dieser ihn fragte: „He, Mann, ist das Reisfeld wohl gediehen?“, antwortete er: „Ja, Brahmane, es ist wohl gediehen“, und er sprach die folgenden beiden Strophen:

„Geraten ist der Reis am Felde,
doch fressen ihn die Papageien.
Ich melde es dir, Kosiya,
ich kann sie nicht zurückhalten.

Ein Vogel ist dort, unter ihnen
der allerschönste. Wenn nun dieser
nach Lust vom Reise hat gefressen,
nimmt er noch Reis im Schnabel mit.“

Als der Brahmane dessen Worte hörte, wurde er von Liebe zu dem Papageienkönig erfüllt und er fragte den Feldhüter: „Holla, Mann, verstehst du eine Schlinge zu legen?“ „Ja, dies verstehe ich“, war die Antwort. Darauf redete er den Mann mit folgender Strophe an:

„Man soll aus Haaren Schlingen legen,
damit sich drin der Vogel fängt;
wenn du ihn lebend hast gefangen,
so bringe ihn herbei zu mir!“

Als dies der Feldhüter hörte, war er erfreut, dass jener nicht den Reis abgeschätzt und ihm als Schuld angesetzt hatte. Er ging hin und drehte Pferdehaare zu einer Schlinge zusammen. Er hörte, heute werde der Vogel an dem und dem Orte sich herablassen, und merkte sich die Stelle, wo der Papageienkönig herabsteigen werde. Am nächsten Tage machte er am Morgen einen Käfig so groß wie ein Wasserkrug, legte die Schlinge aus und setzte sich dann in seiner Hütte nieder, indem er auf die Ankunft der Papageien wartete.

Umgeben von der Papageienschar kam nun der Papageienkönig herbei und ließ sich, weil er nicht von Habgier erfüllt war, an derselben Stelle auf die Erde herunter wie am vorhergehenden Tage. Dabei geriet sein Fuß in die gelegte Schlinge. Als er merkte, dass er gefangen sei, dachte er bei sich: „Wenn ich schon jetzt den Gefangenenschrei ausstoße, werden meine Verwandten von Furcht erschreckt davonfliegen, ohne Nahrung genommen zu haben; ich werde warten, bis sie ihr Futter zu sich genommen haben.“ Als er dann merkte, dass sie gesättigt waren, stieß er von Todesfurcht erfüllt dreimal den Gefangenenschrei aus. Alle flogen davon.

Da dachte der Papageienkönig: „Unter diesen meinen vielen Verwandten ist auch nicht einer, der sich umdreht und nach mir ausschaut. Was habe ich denn Böses getan?“ Und lallend sprach er folgende Strophe:

„Da sie gegessen und getrunken,
sind diese Vögel fortgeflogen.
Nur ich bin in der Schling' gefangen;
was hab ich Böses denn begangen?“—

Als aber der Feldhüter den Gefangenenschrei des Papageienkönigs und das Geräusch vom Emporfliegen der Papageien in die Luft hörte, dachte er: „Was ist dies?“ Er stieg aus seiner Hütte heraus und ging an den Ort, wo die Schlinge lag. Da sah er den Papageienkönig. Hocherfreut dachte er: „Um dessentwillen ich die Schlinge legte, der ist gefangen.“ Er befreite den Papageienkönig aus der Schlinge, band ihm die beiden Füße zusammen und ging in das Dorf Salindiya, wo er den jungen Papageien dem Brahmanen gab. In seiner starken Liebe fasste der Brahmane das große Wesen fest mit beiden Händen, setzte es auf seinen Schoß und sprach, indem er es anredete, folgende zwei Strophen:

„Viel größer als der andern Mägen
ist wohl dein Magen, Papagei;
nachdem du Reis nach Lust verzehrt,
nimmst du noch mehr im Schnabel mit.

Füllst du damit ein Vorratshaus,
bist du mir feindlich, Papagei?
Da ich dich frage, sag mir, Freund,
wohin verbringst du diesen Reis?“

Als dies der Papageienkönig hörte, sprach er mit süßer Menschenstimme folgende siebente Strophe:

„Ich bin nicht feindlich dir gesinnt,
auch habe ich kein Vorratshaus.
Ich löse Schuld, ich lade Schuld auf,
wenn in den Seidenwald ich komme.
Auch Schätze sammle ich mir dort;
erkenne dies, o Kosiya.“

Darauf fragte ihn der Brahmane:

„Was für 'ne Schuld lädst du dort auf,
von welcher Schuld musst du dich lösen?
Sag mir, was du für Schätze sammelst;
dann wirst befreit du von der Schlinge.“

Als der Papageienkönig so von dem Brahmanen gefragt wurde, sprach er, um ihm zu antworten, folgende vier Strophen:

„Ich habe Kinder, Kosiya,
die jung und noch nicht flügge sind;
die werden mich einst unterhalten,
drum lad ich ihnen auf die Schuld.

Auch hab ich Eltern, die schon alt,
denen die Jugend ist entflohen;
was ihnen ich im Schnabel bringe,
damit lös ich die alte Schuld.

Noch andre Vögel gibt es dort,
die schwach sind, nicht mehr fliegen können;
des guten Werkes wegen geb ich
ihnen; dies nennen Schatz die Weisen.

Dies ist die Schuld, die ich auflade,
dies ist die Schuld, die ich bezahle,
den Schatz nannt' ich dir, den ich sammle;
versteh es so, o Kosiya.“

Als der Brahmane von dem großen Wesen diese Wahrheitsverkündigung vernommen, sprach er befriedigten Herzens folgende zwei Strophen:

„Selig fürwahr ist dieser Flieger,
der Vogel, der so voll von Tugend;
denn, ach, unter den meisten Menschen
ist solche Tugend nicht zu finden.

Verzehre Reis, soviel du willst,
mit allen deinen Anverwandten!
Ich möchte dich auch ferner sehen;
lieb ist mir, Papagei, dein Anblick.“

Nachdem er so den Bodhisattva gebeten, löste er, indem er ihn wie einen lieben Sohn mit gütigem Herzen anschaute, von seinem Fuße die Fessel. Er bestrich ihm die Füße mit hundertfach geläutertem Öle, setzte ihn auf eine Ehrenbank und gab ihm auf einer goldenen Platte Honigkörner zu essen und Zuckerwasser zu trinken. Darauf ermahnte jenen der Papageienkönig mit den Worten: „Strebe ohne Unterlass, Brahmane“, und sprach folgende Strophe:

„Ich aß und trank in deinem Hause, Kosiya,
und wohl gefiel es mir in deiner Nähe.
Gib denen Gaben, die Strafen verbüßten;
die Eltern unterhalte, wenn sie alt.“

Als dies der Brahmane hörte, stieß er befriedigten Herzens einen begeisterten Ausruf aus und sprach folgende Strophe:

„Ruhm ist fürwahr mir heut zuteil geworden,
der ich den besten von den Vögeln sah;
da ich des Papageien gute Worte
vernommen, werd ich tun viel gute Werke.“

Das große Wesen aber wies die tausend Karisas, die ihm der Brahmane überlassen hatte, zurück und nahm nur einen Raum von acht Karisas an. Der Brahmane ließ dies in eine Säule eingraben; nachdem er ihm dann das Feld übergeben, faltete er gegen jenen die Hände und sprach: „Gehe jetzt, Gebieter, tröste deine weinenden Eltern!“ Mit diesen Worten entließ er ihn. Erfreut nahm jetzt der Papagei ein Reisköpfchen mit, flog fort und legte es vor seine Eltern hin mit den Worten: „Mutter, Vater, steht auf!“ Noch mit Tränen in den Augen erhoben sie sich voll Freude. Sogleich versammelten sich auch die Scharen der Papageien und fragten: „Wie bist du frei geworden, o Fürst?“ Dieser erzählte ihnen alles ausführlich. Kosiya aber tat nach der Ermahnung des Papageien und spendete von da an den tugendhaften Asketen und Brahmanen reiche Almosen.

Um dies zu verkündigen sprach der Meister folgende Schlussstrophe:

Und Kosiya voll Freude und Entzücken
ließ Speis' und Trank in Menge zubereiten;
durch Trank und Speise mit erfreutem Herzen
befriedigt' er Asketen und Brahmanen.—

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „So, o Mönch, ist der Ruhm der Weisen, die ihre Eltern ernährten.“

Hierauf verkündigte er die Wahrheiten und verband (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Mönch zur Frucht der Bekehrung) das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war die Papageienschar die Buddhagemeinde, die Eltern waren die Familie des Großkönigs, der Feldhüter war Channa, der Brahmane war Ananda, der Papageienkönig aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Reisfeld