Jātaka 485

Die Erzählung von dem Feenmännchen Canda (Candakinnara-Jātaka)

„Jetzt geht es, glaube ich, dahin“

Dies erzählte der Meister, da er bei Kapilapura in dem Nigrodha-Walde sich aufhielt, mit Beziehung auf die Mutter Rāhulas im königlichen Palaste.—

Dies Jātaka aber ist vom Durenidana an zu erzählen. Diese Nidanakatha jedoch ist bis zum Löwenschrei des Uruvela-Kassapa im Latthivana im Apannaka-Jātaka erzählt; das weitere von da an bis zur Reise nach Kapilavatthu wird im Vessantara-Jātaka (Jātaka 547) erzählt werden.

Nachdem aber der Meister im Palaste seines Vaters sich niedergesetzt und während des Mahles das Mahadhammapala-Jātaka (Jātaka 447) erzählt hatte, dachte er, als das Mahl beendigt war: „Ich will mich in der Wohnung der Mutter Rāhulas niederlassen und, um ihren Vorzug zu schildern, das Candakinnara-Jātaka (= die Erzählung von dem Feenmännchen Canda) vortragen.“ Er ließ den König seine Almosenschale nehmen und machte sich mit seinen beiden ersten Schülern nach der Wohnung der Mutter Rāhulas auf. Damals lebten dort unter ihr vierzehntausend Tänzerinnen; davon waren tausendundneunzig Mädchen aus fürstlichem Stamme. Als sie nun von der Ankunft des Vollendeten Kenntnis erhielt, ließ sie ihnen melden, sie sollten alle gelbe Gewänder anziehen, und jene taten auch also.

Es kam aber der Meister und ließ sich auf dem bereiteten Sitze nieder. Da schrieen sie alle auf einen Schlag zusammen auf; es war ein lautes Jammergeschrei! Nachdem aber Rāhulas Mutter geklagt hatte, bezwang sie ihren Kummer, begrüßte den Meister und setzte sich neben ihn mit der Achtung und Ehrfurcht, die einem Könige gebührt. Darauf begann der König, ihre Vorzüge zu rühmen: „Herr, meine Schwiegertochter hat auf die Kunde, dass Ihr gelbe Kleider tragt, auch gelbe Kleider angezogen; als sie hörte, dass man auf Kränze u. dergl. verzichte, verzichtete auch sie auf Kränze u. dergl. und bereitete sich ihr Lager auf dem Boden. Als sie nach Eurer Weltflucht Witwe geworden war, nahm sie die von anderen Königen gesandten Geschenke nicht an; so unerschütterlich ist sie Euch zugetan.“ Darauf sprach der Meister: „Kein Wunder ist es, o Großkönig, wenn sie jetzt in meiner letzten Existenz voll Liebe zu mir wäre, von unerschütterlicher Zuneigung und von keinem anderen zu leiten; auch als sie als ein Tier wiedergeboren war, war sie von unerschütterlicher Zuneigung gegen mich und von keinem anderen zu leiten.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Königs folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Himalaya als ein Feenmännchen seine Wiedergeburt. Canda hieß seine Gattin. Die beiden wohnten auf einem Silberberge, der Canda hieß (= Mondberg).—Damals überließ der König von Benares seinen Ministern die Regierung und zog selbst, mit zwei gelben Gewändern angetan und mit den fünf Arten der Waffen umgürtet, in das Himalaya-Gebirge. Während er Gazellenfleisch aß, erinnerte er sich an einen kleinen Fluss und stieg den Uferrand hinauf.

Die auf dem Mondberge wohnenden Feen aber steigen zur Regenzeit nicht vom Berge herunter, sondern sie bleiben oben und steigen nur zur Zeit der großen Hitze herunter. Damals war nun auch das Feenmännchen Canda mit seiner Gattin heruntergestiegen. Er besprengte sich hier und dort mit Blütenduft, verzehrte Blütenstaub, zog als Unter- und Obergewand ein Kleid aus Blumenblättern an, erfreute sich, indem er sich an den Schlingpflanzen hin und her schwang, und sang dazu mit süßer Stimme. Als er an jenen kleinen Fluss kam, stieg er an einer Krümmung in das Wasser hinab, streute Blumen im Wasser umher und ergötzte sich, im Wasser zu spielen; dann zog er wieder seine Blumengewänder unten und oben an. Sie bereiteten sich auf dem einer silbernen Schüssel gleichenden Sande ein Blumenlager und setzten sich auf das Lager, indem sie ein Stück Bambusrohr ergriffen. Dann spielte das Feenmännchen Canda auf dem Rohre und sang mit süßer Stimme; das Feenweibchen Canda aber beugte ihre zarten Hände hinab und tanzte und sang in seiner Nähe stehend.

Als der König ihren Gesang hörte, kam er leise herbei mit lautlosen Schritten und stellte sich in ein Versteck; da sah er die Feen. Er verliebte sich in das Feenweibchen, und indem er dachte: „Ich werde das Feenmännchen treffen und ums Leben bringen, um dann mit seiner Frau zusammenzuwohnen“, schoss er auf das Feenmännchen Canda. Von Schmerz gepeinigt sprach dieses jammernd folgende vier Strophen:

„Jetzt geht es, glaube ich, dahin,
voll bin, o Canda, ich von Blut;
vom Leben muss ich scheiden, Canda,
der Atem stockt in meiner Brust.

Zu Ende geht 's, im Unglück bin ich,
es brennt mein Herz, ich bin voll Qual,
weil du, o Canda, bist betrübt;
nicht quälet mich ein andrer Schmerz.

Wie Gras sterb ich und wie der Wald,
so wie der wasserleere Fluss verdorr ich,
denn du, o Canda, bist betrübt;
nicht quälet mich ein andrer Schmerz.

Wie Regen im See an des Berges Fuß,
so fließen auch mir diese Tränen:
denn du, o Canda, bist betrübt;
nicht quälet mich ein andrer Schmerz.“

Als das große Wesen mit diesen vier Strophen geklagt hatte, verlor es, während es auf seinem Blumenbette saß, die Besinnung; es drehte sich um und fiel nieder. Der König blieb dabei stehen. Die andere aber hatte von ihrer Lust berauscht nicht gemerkt, dass ihr Gatte verwundet war, trotz der Klage des großen Wesens. Als sie ihn aber herumgedreht daliegen sah, überlegte sie: „Was ist denn meinem Gebieter für ein Leid widerfahren?“ Da sah sie das Blut aus der Öffnung der Wunde rinnen; sie konnte den tiefen Schmerz über ihren Gatten nicht zurückhalten und klagte laut. Der König dachte: „Das Feenmännchen wird tot sein“; er kam hervor und zeigte sich. Als Canda ihn sah, dachte sie: „Von diesem Räuber wird mein lieber Gatte verwundet worden sein“; zitternd lief sie davon und sprach auf dem Gipfel des Berges stehend, um den König zu schelten, folgende fünf Strophen:

„Schlecht ist fürwahr der Königssohn,
der mein, der Armen, lieben Gatten
am Waldesrand verwundet hat;
getroffen liegt er auf der Erde.

Doch diesen meinen Herzenskummer
soll deine Mutter büßen, König,
den Herzensschmerz, den ich empfinde,
wenn ich anseh den Feengatten.

Und diesen meinen Herzenskummer
soll, König, auch dein Weib entgelten,
den Herzensschmerz, den ich empfinde,
wenn ich anseh den Feengatten.

Nicht soll die Kinder, nicht den Gatten
mehr sehen, König, deine Mutter,
der du den Feenmann getötet,
den schuldlosen, aus Lust nach mir.

Nicht soll die Kinder, nicht den Gatten
noch einmal, König, sehn dein Weib,
der du den Feenmann getötet,
den schuldlosen, aus Lust nach mir!“

Als sie so mit diesen fünf Strophen klagte, während sie auf dem Bergesgipfel stand, sprach der König, um sie zu trösten, folgende Strophe:

„Nicht sollst du weinen, nicht dich grämen,
o Canda, in des Waldes Dunkel;
denn meine Gattin wirst du werden,
geehrt als Frau am Königshofe.“

Als Canda diese Worte vernahm, erwiderte sie: „Was sagst du da zu mir?“, und einen Löwenruf ausstoßend sprach sie folgende nächste Strophe:

„Viel lieber will ich sterben jetzt,
doch nicht, o König, dir gehören,
der du den Feenmann getötet,
den schuldlosen, aus Lust nach mir!“

Da aber der König ihre Worte hörte, schwand in ihm die Lust und er sprach diese andere Strophe:

„Du furchtsame, du lebenslust'ge,
geh in den Himavant, o Fee;
die du von Bäumen lebst und Sträuchern,
das Wild wird dich im Wald erfreuen.“

Nach diesen Worten aber wurde er gleichgültig und entfernte sich.

Als sie merkte, dass er fort war, stieg sie herunter, umschlang das große Wesen, trug es auf den Bergesgipfel hinauf und legte es hier auf den Boden nieder. Sein Haupt bettete sie in ihren Schoß und sprach, um ihrem gewaltigen Schmerze Ausdruck zu geben, folgende zwölf Strophen:

„Hier sind die Berge, hier die Schluchten
und hier die Höhlen im Gebirge;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Lieblich sind sie, geschmückt mit Blättern,
belebt von Raubtieren und Wild;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Lieblich sind sie, geschmückt mit Blumen,
belebt von Raubtieren und Wild;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Klar fließen des Gebirges Flüsse,
mit Blumen ist bedeckt ihr Wasser;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Blau sind die Spitzen des Gebirges
des Himavant, wert der Betrachtung;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Gelb sind die Spitzen des Gebirges
des Himavant, wert der Betrachtung;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Rot sind die Spitzen des Gebirges
des Himavant, wert der Betrachtung:
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Hoch sind die Spitzen des Gebirges
des Himavant, wert der Betrachtung;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Weiß sind die Spitzen des Gebirges
des Himavant, wert der Betrachtung;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Bunt sind die Spitzen des Gebirges
des Himavant, wert der Betrachtung;
wenn ich dich hier nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Am Gandhamadana, bedeckt mit Kräutern,
den der Dämonen Scharen hoch verehren,
wenn ich dich dort nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?

Am Gandhamadana, bedeckt mit Kräutern,
der von der Feen Schar ist hoch verehrt,
wenn ich dich dort nicht mehr erblicke,
was soll ich da noch tun, mein Gatte?“—

Nachdem sie so mit diesen zwölf Strophen ihrer Klage Ausdruck gegeben, legte sie ihre Hand auf die Brust des Bodhisattva. Da bemerkte sie, dass er noch warm war, und sie dachte: „Ich werde die Götter aufreizen und ihm dadurch das Leben retten“. Und sie schalt auf die Götter, indem sie rief: „He, gibt es denn keine Weltwächter? Sind sie verreist oder tot, dass sie meinen lieben Gatten nicht beschützen?“—

Durch die Macht ihres Schmerzes wurde Gott Sakkas Sitz heiß. Als er über die Ursache nachdachte und diese Begebenheit wahrnahm, kam er in der Gestalt eines Brahmanen herbei, nahm Wasser aus seinem Wassertopf und besprengte damit das große Wesen. Sogleich wurde das Gift unwirksam, die Farbe kam ihm wieder; man merkte nicht mehr, an welcher Stelle es getroffen war, wohlbehalten stand es auf. Als nun Canda ihren lieben Gatten wieder gesund sah, verehrte sie voll Freude die Füße Sakkas und sprach diese nächste Strophe:

„Ich huld'ge dir, edler Brahmane,
der mein, der Armen, lieben Gatten
mit Lebenswasser hat beträufelt
zu lieblichster Vereinigung.“

Darauf ermahnte sie Gott Sakka mit folgenden Worten: „Steiget von jetzt ab nicht mehr vom Mondberge herab, um in das Bereich der Menschen zu gehen; bleibet immer hier.“ Und er kehrte wieder an seinen Wohnort zurück. Canda aber sagte zu ihrem Gatten: „Herr, was soll uns dieser gefährliche Ort? Komm, wir wollen wieder auf den Mondberg gehen.“ Und darauf sprach sie folgende Schlussstrophe:

„Lass uns jetzt ziehen zu der Berge Flüssen,
bei denen blumenüberstreut das Wasser;
wo man das Rauschen hört der vielen Bäume,
dort wollen wir einander Liebes sagen.“

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, sondern auch früher war sie von unerschütterlicher Zuneigung zu mir und ließ sich von keinem andern leiten.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Anuruddha, Canda war die Mutter Rāhulas, das Feenmännchen aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Feenmännchen Canda