Jātaka 487

Die Erzählung von Uddālaka (Uddālaka-Jātaka)

„In raues Fell gehüllt, mit schmutz'gen Zähnen“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Heuchler. Obwohl nämlich dieser in dem zum Heile führenden Orden Mönch geworden war, vollführte er um der vier Hilfsmittel willen dreifache Art der Betrügerei.—

Die Mönche aber verkündeten seine Untugend und begannen dabei folgendes Gespräch: „Freund, der Mönch so und so, der doch in dem so zum Heile führenden Orden Mönch geworden ist, erwirbt sich seinen Unterhalt durch Betrügerei.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war dieser ein Heuchler.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva dessen Hauspriester, ein weiser und verständiger Mann. Als dieser eines Tages fortging, um sich im Parke zu erlustigen, sah er eine Dirne von großer Schönheit; er verliebte sich in sie und wohnte ihr bei. Sie empfing durch ihn eine Leibesfurcht. Als sie bemerkte, dass sie empfangen hatte, sagte sie zu ihm: „Gebieter, ich habe empfangen; wenn ich dem Kinde nach seiner Geburt einen Namen gebe, werde ich ihm den Namen seines Großvaters geben.“ Da bedachte jener: „Einem, der aus dem Schoß einer Dirne entsprossen ist, darf man nicht einen Namen aus unserer Familie geben“, und er sprach zu ihr: „Liebe, dieser den Wind abwehrende Baum ist ein Uddālaka-Baum; weil du hier empfangen hast, magst du dem Kinde den Namen Uddālaka geben“. Darauf gab er ihr seinen Siegelring mit den Worten: „Wenn es eine Tochter wird, so kannst du sie damit ernähren; ist es aber ein Sohn, so bringe ihn zu mir, wenn er herangewachsen ist.“

In der Folgezeit gebar sie einen Sohn und gab ihm den Namen Uddālaka. Als dieser herangewachsen war, fragte er seine Mutter: „Mutter, wer ist mein Vater?“ Sie antwortete: „Der Hauspriester des Königs, mein Sohn.“ Der Sohn versetzte: „Wenn es sich so verhält, werde ich die Veden erlernen.“ Er nahm von seiner Mutter den Siegelring und das Lehrgeld und begab sich nach Takkasilā, wo er bei einem weltberühmten Lehrer die Wissenschaften erlernte. Dort sah er eine Asketenschar und er dachte: „Bei diesen wird die beste Wissenschaft sein; diese werde ich erlernen“; daher betätigte er aus Wissbegierde die Weltflucht und unterzog sich ihren großen und kleinen Verpflichtungen. Hierauf sagte er zu ihnen: „Ihr Lehrer, lasset mich die Wissenschaft erlernen, die ihr kennt“, und sie lehrten sie ihn, soweit sie selbst sie verstanden. Unter all den fünfhundert Asketen war bald keiner, der ihn im Wissen übertraf; er allein war an Weisheit der erste von ihnen. Darum versammelten sie sich und übertrugen ihm die Stelle des Lehrers.

Darauf sprach er zu ihnen: „Ihr Ehrwürdigen, ihr wohnt immer im Walde und nährt euch von den Wurzeln und Früchten des Waldes; warum gehet ihr nicht in das Bereich der Menschen?“ Sie antworteten: „Ehrwürdiger, wenn die Leute Almosen spenden, so wollen sie eine Danksagung hören, sie wollen sich eine Lehrunterweisung vortragen lassen und stellen Fragen; aus Furcht davor gehen wir nicht dorthin.“ Da erwiderte Uddālaka: „Ihr Ehrwürdigen, auch wenn ein weltbeherrschender König kommt, so nehmt mich und übertragt mir die Aufgabe zu reden; fürchtet euch nicht!“

Als er nun so mit ihnen im Lande umherzog, kam er allmählich nach Benares und verbrachte die Nacht im Parke des Königs. Am nächsten Tage sammelte er mit der ganzen Schar in dem Dorfe am Stadttore Almosen. Die Leute gaben reiche Spenden. Am nächsten Tage gingen die Asketen in die Stadt hinein; auch hier gaben die Leute reiche Almosen. Der Asket Uddālaka brachte die Danksagung dar, gab ihnen den Segen und löste ihre Fragen. Hochbefriedigt darüber spendeten ihnen die Leute viele Hilfsmittel.

Die ganze Stadt erregte sich über die Kunde: „Ein weiser Lehrer der Schar, ein tugendhafter Asket ist gekommen.“ Dies meldete man auch dem Könige. Als dieser auf seine Frage, wo sie wohnten, vernahm, sie hielten sich in seinem Parke auf, sagte er: „Gut, heute werde ich kommen, um sie zu besuchen.“ Einer ging hin und erzählte Uddālaka: „Der König wird kommen, um euch zu besuchen.“ Darauf wendete sich dieser an die Schar der Asketen und sagte zu ihnen: „Ihr Ehrwürdigen, der König wird kommen; wenn man aber einem Herrscher nur einen Tag gefallen hat, so ist dies genug für das ganze Leben.“ Sie versetzten: „Was muss man aber tun, Lehrer?“ Darauf sprach er folgendermaßen: „Einige von euch sollen die Askese des sich Hin- und Herschwingens üben, einige sollen beständig die Anstrengung des Kniens betätigen, andere sollen sich auf Dornen betten, andere sich mit fünffachem Feuer quälen, wieder andere sollen beständig im Wasser untertauchen und einige sollen allenthalben Zaubersprüche hersagen.“ Jene taten so. Er selbst nahm acht oder zehn Weise zur Disputation mit, legte auf ein herrliches Gestell ein schönes Buch und setzte sich von seinen Schülern umgeben auf ein hergerichtetes Lager, das mit einer Lehne versehen war.

In diesem Augenblicke kam der König mit dem Hauspriester und mit großem Gefolge in den Park. Als er sah, wie jene dort die falsche Askese trieben, dachte er erfreut: „Von der Furcht vor den vier Strafexistenzen sind sie befreit!“ Er ging zu Uddālaka hin, begann eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihm und setzte sich ihm zur Seite. Hierauf sprach er erfreuten Herzens, indem er den Hauspriester anredete, folgende erste Strophe:

„In raues Fell gehüllt, mit schmutz'gen Zähnen,
das Antlitz ungepflegt sagen sie Verse;
sind etwa sie, die streben wie kein Mensch sonst,
die Wissenden nicht frei von künft'ger Strafe?“

Als dies der Hauspriester hörte, dachte er: „Dieser König ist am unrechten Orte befriedigt; ich darf nicht ruhig bleiben.“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

„Wenn ein Gelehrter böse Taten tut,
o König, und nicht wandelt tugendhaft,
so kommt der Tausendwisser darum doch nicht
vom Leide frei, wenn er nicht richtig wandelt.“

Als Uddālaka dessen Worte vernahm, dachte er: „Der König ist in jeder Weise der Asketenschar günstig gesinnt. Dieser Brahmane aber schlägt das zu weit gehende Rind aufs Maul; er wirft Schmutz in das bereit stehende Mahl. Ich werde mit ihm reden.“ Und indem er ihn anredete, sprach er folgende dritte Strophe:

„Der Tausendwisser auch kommt darum doch nicht
vom Leide frei, wenn er nicht richtig wandelt.
Ich glaube wirklich: fruchtlos ist das Wissen,
in Selbstverleugnung wandeln nur ist Wahrheit.“

Darauf sprach der Hauspriester folgende vierte Strophe:

„Nicht fruchtlos ist das Wissen noch ist Wandel
in Selbstverleugnung ganz allein die Wahrheit.
Zu Ansehn nämlich kommt man durch das Wissen,
zum Heil jedoch nur kommt, wer sich bezähmt.“

Als dies Uddālaka hörte, dachte er: „Ich kann nicht mit diesem in einem feindlichen Verhältnis bleiben; wenn ich ihm sage, ich sei sein Sohn, muss er mir Liebe erweisen. Ich werde ihm mitteilen, dass ich sein Sohn bin.“ Und er sprach folgende fünfte Strophe:

„Eltern, Verwandte sind zu ehren,
von wem man stammt, der ist man selbst;
ich bin Uddālaka und stamme
aus dieses Herrn edlem Geschlechte.“

Jener fragte ihn hierauf: „Bist du wirklich Uddālaka?“ Auf seine bejahende Antwort sprach der Hauspriester weiter: „Ich habe deiner Mutter ein Erkennungszeichen gegeben; wo ist dieses?“ Der andere erwiderte: „Hier, Brahmane“, und legte den Siegelring ihm in die Hand. Der Brahmane erkannte seinen Siegelring und sagte: „Sicherlich bist du ein Brahmane; kennst du aber auch die Brahmanentugenden?“ Und indem er ihn nach den Brahmanentugenden fragte, sprach er folgende sechste Strophe:

„Wie ist wohl einer ein Brahmane,
wie wird er ein Vollendeter,
wie kann er zum Nirvana kommen
und was wird als gerecht bezeichnet?“

Uddālaka sprach, um ihm dies auseinander zu setzen, folgende siebente Strophe:

„Beständig pflegt das Feuer der Brahmane,
Wasser sprengt er, erhöht den Opferpfosten.
Wenn so tut der Brahmane, hat er Frieden,
und einen solchen nennt man den Gerechten.“

Als dies der Hauspriester hörte, sprach er, um die von ihm erklärte Brahmanentugend zu tadeln, folgende achte Strophe:

„Nicht wird durch Wassersprengen rein
noch auch vollkommen der Brahmane;
so findet er nicht Ruh noch Liebe,
so kommt er auch nicht zum Nirvana.“

Darauf fragte ihn Uddālaka: „Wenn so ein Brahmane nicht ist, wie ist er dann?“, und er sprach folgende neunte Strophe:

„Wie wird denn einer ein Brahmane,
wie wird er ein Vollendeter,
wie kann er zum Nirvana kommen
und was wird als gerecht bezeichnet?“

Um es ihm zu erklären, sprach der Hauspriester diese weitere Strophe:

„Wer ohne Feld und Kind, ganz frei und lustlos
nichts Böses wünscht, die Lust am Sein verloren:
wenn so tut der Brahmane, hat er Frieden
und einen solchen nennt man den Gerechten.“

Darauf sprach Uddālaka folgende Strophe:

„Die Krieger, Brahmanen und Vessas,
Suddhas, Candalas, Pukkusas,
sie alle sind bezähmt, mitleidig,
sie alle kommen zum Nirvana.
Von allen diesen Heil'gen aber
wer ist da höher, wer geringer?“

Um ihm jedoch zu zeigen, dass es von der Erreichung der Heiligkeit an keine Niedrigkeit und keine Höhe mehr gebe, sprach der Brahmane folgende Strophe;

„Die Krieger, Brahmanen und Vessas,
Suddas, Candalas, Pukkusas,
sie alle sind bezähmt, mitleidig,
sie alle kommen zum Nirvana.
Von allen diesen Heil'gen aber
ist keiner höher noch geringer.“

Um ihn darüber zu tadeln, sprach nun Uddālaka folgendes Strophenpaar:

„Die Krieger, Brahmanen und Vessas,
Suddas, Candalas, Pukkusas,
sie alle sind bezähmt, mitleidig,
sie alle kommen zum Nirvana.
Von allen diesen Heil'gen aber
ist keiner höher, noch geringer?
Zerstört ist dein Brahmanentum,
zerstört der Ruhm der hohen Abkunft.“

Darauf belehrte ihn der Hauspriester durch ein Gleichnis und sprach folgendes Strophenpaar:

„Mit mannigfach gefärbten Tüchern
wird ringsherum ein Zelt bekleidet;
doch nicht den Tüchern gleicht der Schatten,
verschwunden ist bei ihm die Farbe.

So ist es stets auch bei den Menschen;
da werden rein die jungen Leute,
doch nicht nach ihrer Herkunft fragen
die Weisen, wenn sie sehn die Tugend.“

Uddālaka aber konnte nichts darauf entgegnen und setzte sich ohne Widerrede nieder. Darauf sprach der Brahmane zum König: „O Großkönig, dies sind alle Heuchler; den ganzen Jambu-Erdteil werden sie noch durch ihre Heuchelei verderben. Nimm Uddālaka aus seinem Asketentum heraus und mache ihn zum Vize-Hauspriester; die anderen nimm auch aus ihrem Asketentum heraus, gib ihnen Schilde und Speere und mache sie zu deinen Dienern.“ „Gut, Lehrer“, antwortete der König und tat also. Jene aber gingen fort und dienten dem Könige.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war dieser ein Heuchler“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Uddālaka der heuchlerische Mönch, der König war Ananda, der Hauspriester aber war ich.“

Ende der Erzählung von Uddālaka