Jātaka 490

Die Erzählung von den fünf Fastenden (Pancuposatha-Jātaka)

„Mit wenigem bist du zufrieden, Taube“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf fünfhundert Laienbrüder, welche die Uposatha-Bestimmungen hielten.—Damals nämlich hatte sich der Meister in der Lehrhalle inmitten der vierfachen Versammlung auf seinem geschmückten Buddhasitze niedergelassen. Als er mit mildem Sinne die Versammlung anschaute, erkannte er: „Heute wird die Unterweisung von der Erzählung der Laienbrüder ausgehen.“ Und indem er sich an die Laienbrüder wendete, fragte er: „Ihr Laienbrüder, haltet ihr die Uposatha-Gebräuche?“ Als sie antworteten: „Ja, Herr“, sprach er: „Gut habt ihr gehandelt; dies Uposatha nämlich ist die Tradition der Weisen der Vorzeit. Denn um die Gier und die anderen Lüste zu unterdrücken, begingen die Weisen der Vorzeit das Uposatha.“ Nach diesen Worten erzählte er auf ihre Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem befand sich zwischen drei Reichen, dem Reiche Magadha und zwei anderen, ein Wald. Damals hatte der Bodhisattva im Reiche Magadha in einer sehr vermögenden Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt genommen. Als er herangewachsen war, gab er die Lüste auf, verließ die Welt und zog in jenen Wald, wo er sich eine Einsiedelei erbaute und darin wohnte. Unweit von dessen Einsiedelei aber wohnte in einem Bambusdickicht ein Tauber mit seinem Weibchen, in einem Ameisenhaufen wohnte eine Schlange, in einem Waldesdickicht ein Schakal und in einem andern Waldesdickicht ein Bär. Diese vier Tiere besuchten von Zeit zu Zeit den Weisen und hörten seine Unterweisung.

Eines Tages nun verließ der Tauber mit seinem Weibchen das Nest und flog fort, um sich Futter zu suchen. Während aber das Taubenweibchen hinter dem Männchen drein flog, erfasste es ein Habicht und flog davon. Als der Tauber ihren Hilferuf hörte, drehte er sich um und sah, wie sie von jenem fortgeschleppt wurde. Der Habicht aber tötete die schreiende Taube und fraß sie auf. Infolge der Trennung von ihr wurde der Tauber von Verlangen und Schmerz stark gepeinigt. Da dachte er: „Dieses Verlangen bedrückt mich allzu sehr; ich werde kein Futter suchen, bevor ich es nicht unterdrückt habe.“ Er gab das Suchen nach Nahrung auf, begab sich zu dem Asketen und setzte sich ihm zur Seite, indem er das Uposatha (= Fasten) betätigte.

Auch die Schlange kam, um sich Nahrung zu suchen, aus ihrem Aufenthaltsorte hervor und suchte nach Futter bei einem Grenzdorf an der Stelle, wo die Rinder zu weiden pflegten. Damals hatte der ganz weiße, prächtige Stier des Dorfvorstehers sich, nachdem er sein Futter erhalten, am Fuße eines Ameisenhügels auf die Knie niedergelassen und warf im Spiel mit den Hörnern die Erde auf. Bei dem Schall der Tritte der Rinder war die Schlange furchtsam fortgeeilt, um in den Ameisenhaufen zu flüchten. Da traf sie der Stier mit einem Fuße. Voll Zorn biss sie ihn und der Stier verendete auf der Stelle. Als die Dorfbewohner hörten, dass der Stier tot sei, kamen sie alle zusammen herbei, weinten und brachten ihm mit Wohlgerüchen, Kränzen u. dgl. ihre Verehrung dar; hierauf vergruben sie ihn in einer Grube und entfernten sich wieder. Nachdem sie gegangen waren, kam die Schlange wieder aus ihrem Loch hervor und dachte: „Infolge meines Zornes habe ich ihm das Leben geraubt und dadurch die Herzen vieler Menschen mit Schmerz erfüllt; ich werde keine Nahrung zu mir nehmen, bevor ich nicht diesen Zorn unterdrückt habe.“ Sie wandte sich um, begab sich zur Einsiedelei und legte sich zur Seite nieder, indem sie zur Unterdrückung des Zornes das Fasten betätigte. Auf der Suche nach Nahrung hatte der Schakal einen toten Elefanten gesehen. Erfreut darüber, dass er so reichlich Speise gefunden, biss er in den Rüssel; aber es war, als hätte er in eine Säule gebissen. Als er hier keine Nahrung fand, biss er in die Hauer; aber es war, als hätte er auf einen Stein gebissen. Er biss in den Leib; doch es war, als bisse er in einen Kornboden. Er biss in den Schwanz; da war es, als hätte er in eine Erzplatte gebissen. Endlich biss er in den After; da war es, als hätte er in einen Butterkuchen gebissen. Aus Habgier fraß er immer weiter und kam auf diese Weise in den Bauch des Elefanten hinein. Als er Hunger bekam, fraß er dort Fleisch; als ihn dürstete, trank er Blut, und als er sich niederlegen wollte, drang er zwischen die Eingeweide und die Lunge ein und legte sich dort hin. Er dachte: „Hier habe ich Speise und Trank und auch ein Lager zur Verfügung; was soll ich anderswo tun?“ Hocherfreut darüber ging er gar nicht mehr heraus und blieb immer im Innern des Bauches.

In der Folgezeit aber vertrocknete infolge des Glutwindes der Elefantenleichnam und der After schloss sich. Nun war der Schakal im Innern des Elefantenleibes in großer Not; er verlor von seinem Fleisch und Blut, wurde ganz gelb und konnte doch keinen Ausgang finden. Eines Tages aber kam außerhalb der gewöhnlichen Zeit ein Regen herab; der After wurde nass und weich und zeigte eine Öffnung. Als der Schakal das Loch sah, dachte er: „Allzu lange schon bin ich in Not; durch dies Loch werde ich entkommen“; und er stieß mit dem Kopfe an den After. Weil er aber an dieser engen Stelle hinauswollte, wurde sein Körper ganz zerquetscht und alle Haare blieben am After hängen; er kam hinaus mit einem Körper so haarlos wie der Stamm einer Fächerpalme. Da dachte er: „Infolge meiner Gier bin ich in solches Unglück geraten; jetzt werde ich keine Nahrung zu mir nehmen, bevor ich nicht diese Gier überwunden habe.“ Er ging zu der Einsiedelei hin und legte sich zur Seite nieder, indem er zur Unterdrückung der Gier die Uposatha-Bestimmungen betätigte.

Auch der Bär kam aus dem Walde hervor und von Ungenügsamkeit getrieben kam er in ein Grenzdorf des Reiches Mala. Auf die Kunde, ein Bär sei gekommen, kamen die Dorfbewohner mit Bogen, Keulen u. dgl. in den Händen heraus und umstellten das Dickicht, das jener betreten hatte. Als er merkte, dass er von einer großen Volksmenge umstellt sei, kam er heraus und lief davon; während seiner Flucht aber trafen sie ihn mit Pfeilen und Keulen. Mit zerstoßenem Kopf, triefend von Blut kam er an seinen Aufenthaltsort zurück. Da dachte er: „Dies Leid ist mir nur durch meine Ungenügsamkeit zugestoßen; ich werde jetzt keine Nahrung zu mir nehmen, bevor ich sie nicht überwunden habe.“ Er begab sich nach der Einsiedelei und legte sich beiseite nieder, indem er zur Unterdrückung seiner Ungenügsamkeit zu fasten beschloss.

Der Asket hinwiederum war wegen seiner hohen Abstammung hochmütig geworden und konnte deshalb nicht die Fähigkeit zur Ekstase erlangen. Es bemerkte aber ein Paccekabuddha, dass jener von Hochmut erfüllt war, und er dachte: „Dies ist kein niedriges Wesen, sondern es ist ein künftiger Buddha; noch in diesem Weltalter wird er die Allwissenheit erlangen. Ich werde ihn seinen Hochmut unterdrücken lassen und dadurch bewirken, dass er die Vollkommenheiten erreicht.“ Und während jener gerade in seiner Laubhütte saß, kam der Paccekabuddha vom nördlichen Himalaya herbei und setzte sich auf die Steinbank des anderen. Als der Asket hinaustrat und ihn auf seinem eigenen Platze sitzen sah, wurde er infolge seiner Hochmutsfülle ärgerlich; er ging auf ihn zu, klappte mit den Fingern und sagte zu ihm: „Gehe zugrunde, du Niedriger, du Unglücksrabe, du geschorener Bettler! Warum sitzest du hier auf meiner Sitzbank?“ Der andere aber antwortete: „Du weiser Mann, warum bist du von Hochmut besessen? Ich bin im Besitz der Erkenntnisse eines Paccekabuddha; du wirst noch in diesem Weltalter der allwissende Buddha werden. Du bist zum Buddha bestimmt. Wenn du die Vollendungen erfüllt hast, wirst du, nachdem du noch eine andere bestimmte Zeit verbracht hast, der Buddha werden. In deiner Existenz als Buddha wirst du der Prinz Siddhattha sein.“

So nannte er ihm Namen, Geschlecht und Familie, auch seine ersten Schüler u. a. m.; dann fuhr er fort: „Warum bist du infolge deines Hochmuts so barsch? Dies ist nicht passend für dich.“ So ermahnte er ihn. Jener aber bezeigte ihm trotz dieser Worte weder seine Verehrung, noch fragte er ihn: „Wann werde ich der Buddha werden?“ u. ä. Darauf sprach der Paccekabuddha zu ihm: „Erkenne, dass meine Vorzüge größer sind als deine edle Abkunft; wenn du kannst, so wandle wie ich in der Luft!“ Nach diesen Worten flog er in die Luft empor, wobei er den Staub seiner Füße auf dessen Flechtenkranz herunterfallen ließ, und kehrte nach dem nördlichen Himalaya zurück.

Als er fort war, machte sich der Asket Vorwürfe und dachte bei sich: „Dieser Bettelmönch, der doch einen so schweren Körper besitzt, ist in die Luft hinaufgeflogen wie ein Flöckchen Baumwolle, das der Wind hin und hertreibt. Ich aber habe im Hochmut über meine Abstammung einem solchen Paccekabuddha weder die Füße verehrt, noch ihn gefragt, wann ich der Buddha werde. Was kann mir diese meine Abkunft helfen? In dieser Welt ist es nur wichtig, tugendhaft zu leben. Wenn aber dieser mein Hochmut anwächst, wird er mich noch in die Hölle bringen. Ich werde jetzt nicht mehr zum Sammeln von Nahrungsmitteln fortgehen, bis ich nicht diesen Hochmut unterdrückt habe.“ Er ging in seine Laubhütte hinein und setzte sich mit dem Entschluss, zur Unterdrückung des Hochmuts die Fastenbestimmungen zu halten, auf sein aus aufgeschüttetem Holz bestehendes Lager. Da bezwang der hochverständige Sohn aus edler Familie seinen Hochmut und betätigte die Mittel zur Herbeiführung der Ekstase; so erlangte er die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten. Darauf ging er hinaus und setzte sich am Ende des Wandelganges auf seine Steinbank.

Jetzt kam die Taube und die anderen Tiere auf ihn zu, bezeigten ihm ihre Ehrfurcht und setzten sich ihm zur Seite. Das große Wesen fragte die Taube: „Du kommst doch an den anderen Tagen nicht zu dieser Zeit, sondern suchst nach Futter; hältst du heute das Fastengebot?“ „Ja, Herr“, antwortete die Taube. Indem er sie dann fragte, aus welchem Grunde sie dies tue, sprach er folgende erste Strophe:

„Mit wenigem bist du zufrieden, Taube;
trägst, Vogel, du nach Speise kein Verlangen?
Dem Durst und Hunger setzest du dich aus;
warum, du liebe Taube, willst du fasten?“

Als dies die Taube hörte, sprach sie folgende zwei Strophen:

„Früher war ich voll Gier nach meinem Weibchen;
an diesem Ort erfreuten wir uns beide.
Jetzt raubte mir ein Habicht meine Taube
und ohne sie genieß ich keine Freuden.

Gar mannigfach empfind ich durch die Trennung
von ihr die Schmerzen tief in meinem Innern;
darum will ich beobachten das Fasten,
damit die Lust nicht wieder mich befalle.“

Als die Taube so die Ursache ihres Fastens geschildert hatte, fragte das große Wesen auch von der Schlange und den anderen Tieren ein jedes. Sie antworteten, wie es jedes Mal sich zugetragen hatte:

„Kriechende Schlange mit der schlimmen Zunge,
giftig bist du mit deinen scharfen Zähnen.
Dem Durst und Hunger setzest du dich aus;
warum, du liebe Schlange, willst du fasten?“

„Ein Dorfvorsteher hatte einen Stier
mit schwankem Höcker, reich an Kraft und Schönheit;
der trat auf mich, dafür biss ich ihn zornig,
von Schmerzen überwältigt musst' er sterben.

Drauf kamen aus dem Dorf heraus die Leute
und gingen weinend, jammernd auf ihn zu.
Darum will ich beobachten das Fasten,
damit der Zorn nicht wieder mich befalle.“

„Viel Fleisch von Toten gibt 's am Leichenfelde
und dies ist dir eine willkommne Speise.
Dem Durst und Hunger setzest du dich aus;
warum, mein lieber Schakal, willst du fasten?“

„In eines großen Elefanten Leib kam ich,
des Leichnams froh, nach Fleische gierig;
doch heißer Wind und scharfe Sonnenstrahlen
bewirkten, dass vertrocknete der After.

Dabei ward ich, o Herr, mager und gelb
und hatte keinen Weg, hinaus zu kommen.
Doch plötzlich kam herab ein starker Regen
und dieser machte wieder feucht den After.

Dadurch kam wieder ich heraus, o Herr,
so wie der Mond aus Rahus Munde frei wird.
Darum will ich beobachten das Fasten,
damit Begierde mich nicht mehr befalle.“

„In dem Ameisenhaufen die Ameisen
warst früher du gewohnt herabzuschlagen.
Dem Durst und Hunger setzest du dich aus;
warum, mein lieber Bär, willst du denn fasten?“

„Nicht mehr zufrieden mit dem eignen Wohnort
ging ich aus Ungenügsamkeit nach Mala;
drauf kamen aus dem Dorf heraus die Leute,
die mich mit ihren Bogen schwer bedrängten.

Den Kopf gespalten, blutbeschmiert die Glieder
kehrt' ich zurück nach meiner eignen Wohnung.
Darum will ich beobachten das Fasten,
dass Ungenügsamkeit nicht wiederkehre.“

Als aber so die vier ihre Fastenbetätigung geschildert hatten, erhoben sie sich, bezeigten dem großen Wesen ihre Verehrung und sagten: „Herr, Ihr geht doch an den anderen Tagen zu dieser Zeit fort, um Euch Waldfrüchte zu sammeln; warum geht Ihr heute nicht, sondern beobachtet das Fasten?“ Indem sie so fragten, sprachen sie folgende Strophe:

„Wonach du uns gefragt hast, Herr, das haben
wir alle dir erzählt, wie es geschehen.
Wir wollen aber dich auch fragen, Herr,
warum übst du das Fasten, o Brahmane?“

Jener antwortete ihnen mit folgenden Worten:

„Zu meiner Hütte kam ein sündenreiner
Paccekabuddha und setzt' sich ein wenig;
er wusste von mir Zukunft und Bestimmung,
auch Nam' und Art und meinen ganzen Wandel.

Und dennoch nicht verehrt' ich seine Füße
und fragte ihn auch nicht, erfüllt von Hochmut.
Darum will ich beobachten das Fasten,
damit der Hochmut mich nicht mehr befalle.“

Nachdem aber so das große Wesen auseinandergesetzt hatte, warum es das Fasten halte, gab es den Tieren noch eine Ermahnung und entließ sie dann. Es selbst ging in seine Laubhütte hinein, die anderen kehrten ebenfalls in ihre Wohnungen zurück. Das große Wesen gelangte danach, unablässiger Ekstase sich erfreuend, in die Brahmawelt; die anderen aber beharrten bei seiner Ermahnung und kamen dadurch in den Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „So, ihr Laienbrüder, ist die Beobachtung der Uposatha-Bestimmungen schon die Tradition der Weisen der Vorzeit. Man muss das Uposatha halten!“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Tauber Anuruddha, der Bär war Kassapa, der Schakal Mogallana, die Schlange Sāriputta; der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von den fünf Fastenden