Jātaka 492

Die Erzählung von dem Zimmermannseber (Tacchasukara-Jātaka)

„Was suchend wir umhergeschweift“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf zwei hochbetagte Theras.—Als nämlich Mahakosala dem Bimbisara seine Tochter gab, schenkte er seiner Tochter als Badegeld ein Dorf im Reiche Kasi. Nachdem aber Ajātasattu seinen Vater getötet hatte, zerstörte der König Pasenadi dieses Dorf. Als die beiden darüber in Kampf gerieten, war zuerst Ajātasattu siegreich.—Da nun der König von Kosala eine Niederlage erlitten hatte, fragte er die Minister: „Durch welche List könnten wir Ajātasattu fangen?“ Sie antworteten: „O Großkönig, die Mönche sind der Zaubersprüche kundig; man muss Späher aussenden und erforschen, was im Kloster die Mönche reden.“ Der König stimmte zu und schickte Leute fort mit dem Auftrage: „Gehet, begebt euch nach dem Kloster und erforschet, indem ihr euch verborgen haltet, die Worte der Ehrwürdigen.“

Im Jetavana aber waren viele Diener des Königs Mönche geworden. Von ihnen wohnten zwei alte Mönche am Ende des Klosters in einer Laubhütte; der eine hieß der Thera Dhanuggaha-Tissa, der andere der Thera Mantidatta. Nachdem diese die ganze Nacht geschlafen hatten, erwachten sie zur Zeit der Morgendämmerung. Von ihnen zündete der Thera Dhanuggaha-Tissa Feuer an und sagte dabei: „Herr Thera Datta!“ „Was, Herr?“ fragte dieser. „Schlaft Ihr?“ „Ich schlafe nicht; was ist zu tun?“ Darauf sprach der erste: „Herr, ein Tor ist fürwahr dieser König von Kosala; er versteht nur, ein ganzes Fass voll Speise zu verzehren.“ „Was ist denn, Herr?“, fragte Mantidatta. Der andere versetzte: „Er ist von Ajātasattu besiegt worden, der nur so stark ist wie ein Wurm in seinem Bauche.“ „Was soll man aber da tun, Herr?“ Darauf erwiderte Dhanuggaha-Tissa: „Herr Thera Datta, es gibt eine dreifache Art zu kämpfen, je nachdem man die Wagen-Schlachtordnung, die Rad-Schlachtordnung oder die Lotos-Schlachtordnung anwendet. Wenn er den Ajātasattu fangen will, so muss er ihn durch Anwendung der Wagen-Schlachtordnung fangen. Er soll in einem Teile des Gebirges auf beiden Seiten starke Männer aufstellen und vorn sein Heer sich zeigen lassen. Wenn er dann merkt, dass jener (bei der Verfolgung) in das Gebirge eingedrungen ist, soll er unter Lärmen und Schreien ihn in seine Faust bekommen wie einen Fisch, der in das Netz gekommen ist; so kann er ihn fangen.“

Als die abgesandten Leute diese Worte vernahmen, teilten sie sie dem Könige mit. Der König zog mit großer Heeresmacht heran, tat so und fing den Ajātasattu, den er mit festen Banden fesseln ließ. Nachdem er ihn ein paar Tage lang sich unterwürfig gemacht hatte, sagte er zu ihm: „Von jetzt an tue nicht mehr so“, machte ihn frei, gab ihm seine Tochter, die Prinzessin Vajira zur Frau und entließ ihn mit großer Ehrung.

„Von dem Könige von Kosala ist nach der Anweisung des Thera Dhanuggaha-Tissa Ajātasattu gefangen genommen worden“, diese Rede entstand unter den Mönchen und auch in der Lehrhalle begannen die Mönche ein Gespräch darüber. Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier versammelt?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war Dhanuggaha-Tissa geschickt in der Anordnung des Kampfes.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem ging ein Zimmermann, der in einem Dorfe am Tore der Stadt Benares wohnte, um Holz zu holen, in den Wald. Da sah er, wie ein junger Eber in eine Grube gefallen war; er zog ihn heraus und zog ihn auf, indem er ihm den Namen „Zimmermannseber“ gab. Dieser war sein Gehilfe: mit dem Rüssel drehte er die Baumstämme um und gab sie jenem, um seine Hauer schlang er die schwarze Schnur und zog sie nach sich, die Äxte, Meißel und Hämmer nahm er in das Maul und brachte sie so herbei. Als er herangewachsen war, war er von großer Kraft und groß von Körper. Der Zimmermann war von Vaterliebe zu ihm erfüllt; und da er fürchtete, es möchte ihn einer verletzen, wenn er am Orte bliebe, ließ er ihn im Walde frei.

Da dachte der Eber: „Ich werde in diesem Walde nicht allein bleiben können; ich will meine Verwandten aufsuchen und von ihnen umgeben hier weilen“, und er suchte die Eber im tiefen Walde. Er fand viele Eber und sprach befriedigt folgende drei Strophen:

„Was suchend wir umhergeschweift
in Bergen und in Wäldern auch,
meine Verwandten, die ich suchte,
die habe ich jetzt angetroffen.

Viel Wurzeln gibt es hier und Früchte
und reichlich Nahrung ist vorhanden;
lieblich sind diese Berg' und Flüsse,
bequem wird hier zu wohnen sein.

Darum will hier ich wohnen bleiben
mit allen meinen Anverwandten
zufrieden, von Bedenken frei
und ohne Kummer, ohne Furcht.“

Als die Eber seine Worte vernommen hatten, sprachen sie folgende vierte Strophe:

„Suche doch eine andre Höhle,
ein Feind ist hier für uns vorhanden;
der tötet, Zimmermann, die Eber,
sowie er kommt, immer die besten.“

„Wer aber ist hier unser Feind?
Wer schädigt unsere Verwandten,
die wohl vereint, noch nicht verletzt?
Erklärt es mir, der ich euch frage!“

„Der Tierkönig ist 's, der gestreifte,
das starke Tier mit scharfen Zähnen;
der tötet, Zimmermann, die Eber,
sowie er kommt, immer die besten.“

„Sind nicht mit Zähnen wir versehen?
Verschwunden ist die Kraft im Körper?
Wenn einträchtig wir alle sind,
den einzelnen wir überwinden.“

„Du sprichst, o Zimmermann, ein Wort
zu Herzen gehend, ohrerfreuend;
und wer beim Kampf entfliehen sollte,
den werden wir dann später töten.“—

Als so der Zimmermannseber alle Eber einträchtigen Sinnes gemacht hatte, fragte er: „Zu welcher Zeit wird der Tiger kommen?“ Sie antworteten: „Heute hat er sich in der Frühe einen geholt; morgen wird er in der Frühe wiederkommen.“ Da sich nun jener auf die Schlacht verstand, wusste er von einer Erderhöhung, dass, wenn man an diesem Platze stand, man siegen könne. Darum merkte er sich einen bestimmten Platz und ließ noch bei Nacht die Eber sich Nahrung suchen. Als es aber noch starke Dämmerung war, sagte er: „Die Schlacht geht auf dreierlei Art vor sich, nach der Wagen-Schlachtordnung und den anderen Arten.“ Und er stellte die Lotos-Schlachtordnung auf in folgender Weise: In die Mitte stellte er die noch saugenden Ferkel, um diese herum ihre Mütter, um diese herum die Sauen, die noch nicht Mütter waren, an diese anschließend die Ferkel, anschließend an diese die jungen Eber, deren Zähne noch nicht entwickelt waren, anschließend an diese die Eber mit großen Hauern und anschließend an diese die alten Eber. Indem er davon allenthalben eine Schar von zehn oder von zwanzig oder von dreißig zusammenstellte, machte er einen starken Heerhaufen. Für sich selbst ließ er eine Grube fertigen und für den Tiger, damit er hineinfalle, eine worfelkorbartige Höhlung graben; zwischen den beiden Gruben aber ließ er eine Bank errichten, damit er darauf stehen konnte. Auch nahm er starke Kampfeber mit sich und ging allenthalben umher, indem er die Wildschweine ermutigte.

Während er aber so tat, ging gerade die Sonne auf. Da kam der Tigerkönig aus der Einsiedelei eines falschen Asketen hervor und trat auf die Fläche des Berges. Als ihn die Eber sahen, sagten sie: „Ehrwürdiger, unser Feind ist gekommen.“ Er erwiderte: „Fürchtet euch nicht; was dieser tut, das tut alles genau so auf der anderen Seite.“—Der Tiger schüttelte nun seinen Körper und gab, wie wenn er zurückweichen wollte, Urin von sich; die Eber taten ebenso. Darauf schaute der Tiger die Eber an und stieß ein lautes Gebrüll aus; die Eber taten ebenso.

Als der Tiger ihr Gebaren sah, dachte er: „Diese sind nicht wie früher; heute stehen sie wie meine Feinde in Scharen da. Sie haben auch einen Heerführer, der ihnen Anweisungen gibt; heute darf ich nicht in ihre Nähe kommen.“ Von Todesfurcht erfüllt kehrte er um und begab sich wieder zu seinem falschen Asketen. Als dieser ihn mit leeren Händen kommen sah, sprach er folgende neunte Strophe:

„Hast du die Lust am Töten heut verloren,
hast allen Wesen Schonung du gewährt?
Sind deine Zähne ohne Kraft, du Raubtier,
dass du so viele trafst und dennoch hungerst?“

Darauf sprach der Tiger folgende drei Strophen:

„Nicht beißen meine Zähne mehr,
verschwunden ist die Kraft im Körper,
denn die Verwandten sah ich einig;
drum hungre ich allein im Walde.

Sonst liefen auseinander sie nach jeder Richtung,
von Furcht geschüttelt, eine Zuflucht suchend.
Jetzt bleiben sie vereint, zusammen schreiend;
so wie sie sind, kann ich sie schwer besiegen.

Mit einem Führer ausgerüstet
sind sie, geeint und einträchtig.
Vereinigt könnten sie mir schaden,
darum begehr ich nicht nach ihnen.“

Als dies der falsche Asket hörte, sprach er folgende Strophe:

„Allein besiegt Gott Indra die Dämonen,
allein der Falk besiegt und tötet Vögel;
allein erlegt der Tiger von der Tierschar
das beste stets, denn groß ist seine Kraft.“

Darauf erwiderte der Tiger mit folgender Strophe:

„Nicht Indra, nicht der Falk bezwingen,
wie auch der Tiger, Herr der Tiere,
diese einträchtigen Verwandten,
die sich benehmen wie die Tiger.“

Abermals sprach der Asket, um ihn aufzumuntern, folgende zwei Strophen:

„Die kleinen Vögel, die in Scharen
und Schwärmen stets zusammenleben,
sie fliegen einträchtig zusammen
umher und schützen sich damit.

Doch während sie einander schützen,
da fliegt auch einer einmal fort
und diesen tötet dann der Falke;
so geht es bei den Tigern auch.“

Nach diesen Worten aber fügte er hinzu: „Du Tigerkönig, du kennst deine eigene Kraft nicht. Fürchte dich nicht! Brülle du nur und springe auf sie zu; dann werden es nicht zwei sein, die beisammen bleiben.“ Mit diesen Worten flößte er ihm Mut zu. Jener tat so.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister folgende Strophe:

Ermutigt von dem Jatila,
das Auge grausam, feindlich blickend,
sprang auf die Zahnbewehrten los
der Zahnstarke, meinend wie früher.

Er kam also heran und trat auf die Bergfläche. Die Eber meldeten dem Zimmermannseber: „Gebieter, der Räuber ist wiedergekommen.“ Er tröstete sie mit den Worten: „Fürchtet euch nicht“, erhob sich und stellte sich auf die Bank zwischen den beiden Gruben. Mit aller Kraft sprang jetzt der Tiger auf den Zimmermannseber los. Der Zimmermannseber jedoch drehte sich um und ließ sich mit abgekehrtem Antlitz in die vordere Grube fallen. Der Tiger konnte seinen Schwung nicht aufhalten, sondern flog weiter und stürzte in die Worfelkorbgrube, wo er zu einem Haufen zusammengeballt liegen blieb. Jetzt sprang der Zimmermannseber rasch empor und bohrte ihm seinen Hauer in die Lende; bis zum Herzen hinauf schlitzte er ihn auf, fraß von seinem Fleische, fasste ihn mit seinem Maule und warf ihn aus der Grube heraus. Dann rief er: „Da, nehmet diesen Kerl in Empfang!“ Da erhielten diejenigen, die zuerst kamen, ein einziges Mal soviel, dass sie die Schnauze voll bekamen; die später Kommenden aber sagten nur: „Wie schmeckt denn das Tigerfleisch?“

Der Zimmermannseber kam hierauf aus der Grube hervor, schaute die Eber an und sagte: „Wie, seid ihr noch nicht ganz zufrieden?“ Sie antworteten: „Gebieter, nur ein Tiger ist jetzt erlegt worden; es ist aber noch jemand da, der zehn Tiger heranführen könnte.“ „Wer ist dies?“, fragte jener. „Es ist ein falscher Asket, der all das ihm herbeigebrachte Fleisch verzehrt“, erwiderten die anderen. „Geht darum“, versetzte der Eber, „ich werde ihn fangen“; und er sprang rasch mit ihnen fort.

Der Jatila aber hatte gedacht: „Lange bleibt der Tiger fort“, und schaute nach dem Weg, den er kommen sollte. Da sah er die Eber herankommen. Er dachte: „Sie haben den Tiger getötet und kommen herbei, um auch mich zu töten, glaube ich“; deshalb lief er davon und stieg auf einen Udumbara-Baum hinauf. Die Eber sagten: „Er ist auf einen Baum hinaufgestiegen.“ „Auf welchen Baum?“ „Auf den Udumbara-Baum.“ „Seid deshalb unbekümmert, ich werde ihn fangen“, versetzte der Zimmermannseber. Er rief die jungen Eber herbei und ließ sie die Erde von der Wurzel des Baumes wegräumen, die Sauen ließ er je ein Maul voll Wasser herbeibringen, bis nur noch eine einzige Wurzel gerade nach unten stand. Darauf trieb er die übrigen Wildschweine zurück mit den Worten: „Geht ihr weg“, ließ sich auf die Knie nieder und stieß mit seinem Hauer an die Wurzel; diese brach auseinander, als wäre sie von einem Beile getroffen. Der Baum drehte sich und fiel zu Boden; den falschen Asketen aber zerrissen die Eber noch während des Fallens und fraßen sein Fleisch.

Als dieses Wunder die Baumgottheit sah, sprach sie folgende Strophe:

„Gut ist 's, wenn einig die Verwandten
wie Bäume, die im Walde wachsen;
von den einträcht'gen Ebern wurde
auf einen Streich erlegt der Tiger.“

Um aber zu verkündigen, dass diese beiden getötet waren, sprach der Meister folgende weitere Strophe:

Als den Brahmanen und den Tiger
die Eber beide jetzt erlegt,
von Freud erfüllt und voll Entzücken
erhoben sie ein laut Geschrei.

Abermals fragte der Zimmermannseber: „Habt ihr noch einen anderen Feind?“ Die Eber erwiderten: „Wir haben keinen mehr, Gebieter.“ Darauf beschlossen sie, ihn zum Könige zu weihen. Als sie nach Wasser suchten, sahen sie die Wassermuschelschale des Asketen. Diese, eine kostbare Muschel mit nach rechts gewendeten Spiralen, brachten sie mit Wasser gefüllt herbei und erteilten damit dem Zimmermannseber am Fuße des Udumbara-Baumes die Weihe. Das Weihwasser wurde über ihn ausgegossen; eine Sau aber machten sie zu seiner ersten Gemahlin. Von da kommt die Sitte, dass man einen auf einem schönen Stuhl aus Udumbara-Holz sich niedersetzen lässt und ihm aus einer mit rechtslaufenden Spiralen geschmückten kostbaren Schale die Weihe erteilt.

Um auch dies zu verkünden, sprach der Meister folgende Schlussstrophe:

Am Fuße des Udumbara
waren die Eber wohl versammelt
und weihten dort den Zimmermann:
„Du, Herr, sollst unser König sein!“—

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war Dhanuggaha-Tissa geschickt im Anordnen der Schlacht“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der falsche Asket Devadatta, der Zimmermannseber war Dhanuggaha-Tissa, die Baumgottheit aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Zimmermannseber