Jātaka 494

Die Erzählung von Sadhina (Sadhina-Jātaka)

„Noch nie gesehn fürwahr auf Erden“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf Laienbrüder, welche die Uposatha-Bestimmungen hielten.—Damals aber sprach der Meister: „Ihr Laienbrüder, die Weisen der Vorzeit kamen um ihrer Uposatha-Beobachtung willen noch im menschlichen Leibe in den Himmel und verweilten lange dort.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem führte zu Mithila ein König namens Sadhina in Gerechtigkeit die Regierung. Dieser ließ an den vier Stadttoren, in der Mitte der Stadt und am Tore seines Palastes, im Ganzen also sechs Almosenhallen errichten und spendete große Almosen, dass der ganze Jambu-Erdteil davon widerhallte. Jeden Tag wurden Sechshunderttausend dafür ausgegeben; auch beobachtete er die fünf Gebote und hielt die Uposatha-Bestimmungen. Die Bewohner seines Reiches beharrten ebenfalls bei seiner Ermahnung, taten gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und alle wurden, wenn sie starben, in der Götterstadt wiedergeboren. Sie lagerten sich in der Götterhalle Sudhammā, die sie ganz ausfüllten, und schilderten dem Götterkönig den Vorzug tugendhaften Wandels.

Als dies die übrigen Götter hörten, wollten auch sie den König sehen. Der Götterkönig Sakka merkte ihren Wunsch und sagte zu ihnen: „Möchtet ihr den König Sadhina sehen?“ „Ja, o Fürst“, war die Antwort. Darauf gab er dem Mātali folgenden Befehl: „Gehe, schirre den Vejayanta-Wagen an und bringe Sadhina her.“ Der andere erwiderte: „Gut“, schirrte den Wagen an und fuhr nach dem Reiche Videha.

Damals war gerade der Vollmondstag. Als die Leute nach Einnahme der Abendmahlzeit in fröhlichem Gespräche an ihren Türen saßen, ließ Mātali seinen Wagen zusammen mit der Mondscheibe vorwärts fahren. Die Leute sagten: „Zwei Monde sind aufgegangen“; als sie aber sahen, wie der Wagen die Mondscheibe verließ und zu ihnen herankam, dachten sie: „Dies ist nicht der Mond, dies ist ein Wagen; ein Göttersohn ist darauf zu erkennen. Wem bringt er diesen göttlichen, mit wunderbaren Sindhu-Rossen bespannten Wagen herbei? Er wird für niemand anders sein als für unsern König; unser König ist ja ein tugendhafter König der Gerechtigkeit.“ Voll Freude hoben sie die gefalteten Hände empor, stellten sich hin und sprachen folgende erste Strophe:

„Noch nie gesehn fürwahr auf Erden
ward dies haarsträubende Ereignis;
vom Himmel her erschien ein Wagen
für den ruhmreichen Vedeha.“

Mātali aber fuhr mit seinem Wagen heran, umkreiste, während ihm die Leute mit wohlriechenden Substanzen, Kränzen u. dgl. ihre Huldigung darbrachten, dreimal von rechts die Stadt und fuhr dann zu dem königlichen Palaste. Hier wendete er den Wagen, stellte ihn auf der Westseite an die Schwelle des Fensters, machte ihn fertig zum Besteigen und stellte sich daneben.

An diesem Tage hatte der König die Almosenhallen besucht und befohlen: „Auf diese Weise gebet die Almosen!“ Nachdem er hierauf mit Beobachtung der Uposatha-Gebräuche den Tag verbracht hatte, ließ er sich, umgeben von der Schar seiner Minister, in seinem reich geschmückten Thronsaale nieder, nach dem östlichen Fenster hingewendet, und erzählte etwas Tugendhaftes. Da lud ihn Mātali ein, den Wagen zu besteigen; und nachdem er ihn eingeladen, fuhr er mit ihm fort.

Um dies zu verkündigen, sprach der Meister folgende Strophen:

Der wunderstarke Göttersohn
Mātali, Indras Wagenlenker,
lud ein den König Vedeha,
der die Stadt Mithila beherrschte:

„Komm und besteige diesen Wagen,
du bester König, Völkerfürst!
Es möchten dich die Götter sehen,
die dreiunddreißig mit Gott Indra;
denn dein erinnern sich die Götter,
indem sie in Sudhamma sitzen.“

Darauf bestieg König Sadhina
vor ihren Augen jenen Wagen;
den tausendpferd'gen er bestieg
und fuhr damit hin zu den Göttern.

Freudig begrüßten ihn die Götter,
als sie den König kommen sahen.
„Willkommen dir, du großer König,
nicht unwillkommen kommst du her;
du königlicher Weiser, setze
dich hierher zu dem Götterkönig!“

Auch Sakka den Vedeha grüßte,
der die Stadt Mithila beherrschte;
es lud ihn ein zu seinen Freuden
und zu dem Sitze Vasava.

„Zum Heile bist du hergekommen
zu dem Palast der Weltbeherrscher!
Weil' bei den Göttern, weiser König,
die aller Lust Erfüllung haben;
unter den dreiunddreißig Göttern
die Himmelsfreuden du genieße!“

Der Götterkönig Sakka gab ihm die Hälfte der zehntausend Yojanas umfassenden Götterstadt, die Hälfte seiner zweihundertfünfzig Millionen Göttermädchen und die Hälfte seines Vejayanta-Palastes.—Während er diese Glücksfülle genoss, verstrichen nach menschlicher Berechnung siebenhundert Jahre. Doch in dieser seiner Existenz gingen ihm in der Götterwelt seine eigenen Verdienste verloren; Unzufriedenheit befiel ihn. Darum redete er Gott Sakka an und sprach folgende Strophe:

„Früher hatt' ich im Himmel meine Freude
an Tänzen, an Gesängen und Musik,
doch heut erfreut mich nichts mehr hier im Himmel.
Ist jetzt dahin mein Leben, naht der Tod?
Oder ist 's Täuschung nur, du höchster Fürst?“

Darauf erwiderte Gott Sakka:

„Dein Leben ist nicht aus, fern ist der Tod,
doch täuschest du dich nicht, der Männer Bester.
Denn klein geworden sind deine Verdienste
und du kannst merken, was noch übrig ist.

Doch bleibe hier durch Göttermacht,
o bester König, Völkerfürst;
unter den dreiunddreißig Göttern
die Himmelsfreuden du genieße.“

Um ihn zurückzuweisen, sprach das große Wesen folgende Strophen:

„Wie wenn man einen Wagen leiht,
wie wenn man Geld sich muss erbitten,
so ist es auch mit einem Glücke,
das man durch andere erhält.

Ich wünsche nicht ein solches Glück,
das mir von andern wird geschenkt;
nur selbst getane gute Werke
sind Schätze, frei mir zur Verfügung.

Drum will ich zu den Menschen gehen
und viele gute Werke tun
mit Almosen, gerechtem Wandel,
mit Zügelung und Selbstbezähmung;
wer dieses tut, besitzt das Glück
und hat es später nicht zu büßen.“—

Als Sakka dessen Worte vernommen, befahl er Mātali: „Gehe, fahre den König Sadhina nach Mithila und lasse ihn in seinem Parke aus dem Wagen steigen.“ Jener tat so. Der König wandelte im Parke umher; ihn sah der Parkwächter, fragte ihn, wer er sei, ging hin und meldete es dem König Nārada. Als dieser von der Ankunft des Königs hörte, schickte er den Parkwächter wieder fort mit den Worten: „Gehe du voraus und lasse für ihn und für mich zwei Sitze herrichten.“ Jener tat so. Da fragte ihn der König Sadhina: „Für wen richtest du zwei Sitze her?“ Er antwortete: „Einen für Euch und einen für unsern König.“ Darauf entgegnete der König: „Welches andere Wesen wird sich auf dem mir gehörigen Sitze niederlassen?“, und er setzte sich auf den einen, auf den andern stellte er seinen Fuß.

Als der König Nārada herbeikam, verehrte er die Füße von jenem und setzte sich ihm zur Seite. Er war aber dessen siebenter Enkel; denn damals betrug die Lebenszeit hundert Jahre. Das große Wesen aber hatte durch die Kraft seiner Verdienste eine so lange Zeit gelebt. Es ergriff den Nārada an der Hand, ging mit ihm im Parke umher und sprach folgende drei Strophen:

„Hier diese Ländereien, hier
der Wasserausfluss, schön gerundet,
mit grünem Gras bewachsne Flächen,
die Flüsschen, die rasch fließenden,

hier die lieblichen Lotosteiche,
wo Gänse schreiend drüberfliegen,
beschattet von Korallenbäumen,
von buntem Lotos überdeckt—
die früher diese Orte liebten,
wohin sind diese jetzt entschwunden?

Die Felder hier und dieses Flecken Erde,
der Park, der Wald und dieser Wandelgang—
doch weil ich meine Leute nicht mehr sehe,
erscheint mir leer die Gegend, Nārada.“

Darauf sprach Nārada zu ihm: „O Fürst, dass Ihr in die Götterwelt gegangen seid, sind jetzt schon siebenhundert Jahre. Ich bin Euer siebenter Enkel; alle, die Euch dienten, sind ein Opfer des Todes geworden. Dies Reich aber ist Euer Eigentum; verwaltet Ihr es!“ Der König antwortete: „Mein lieber Nārada, als ich hierher kam, bin ich nicht um des Reiches willen hergekommen, sondern ich kam, um mir Verdienste zu sammeln. Ich werde nur noch gute Werke tun.“ Und er sprach:

„Ich sah die Himmelswohnungen,
die nach vier Richtungen erstrahlen,
im Angesicht des Götterkönigs,
im Angesicht der (Dreiund)dreißig.

Ich wohnte in der Götter Wohnung
und ich genoss himmlische Freuden
unter den dreiunddreißig Göttern,
die aller Freuden Fülle haben.

Nachdem ich solches dort gesehen,
komm ich hierher zu guten Werken;
in Tugend nur werde ich wandeln
und nicht verlangt mich nach der Herrschaft.

Den Weg, der keine Straf veranlasst,
den der Erleuchtete gezeigt,
den Weg will ich auch jetzt einschlagen,
auf dem die Heiligen nur gehn!“

So sagte das große Wesen diese Strophen, indem es durch die Erkenntnis seiner Allwissenheit alles darin zusammenfasste. Darauf sagte Nārada abermals zu ihm: „Fürst, regiere du das Reich!“ Sadhina aber erwiderte: „Mein Sohn, mich verlangt nicht nach Herrschaft; die Almosen aber, die ich in siebenhundert Jahren unterließ, möchte ich innerhalb sieben Tagen spenden.“ Nārada stimmte diesen seinen Worten bei und machte eine große Schenkung zurecht. Nachdem aber der König sieben Tage lang Almosen gespendet, starb er am siebenten Tage und wurde im Himmel der dreiunddreißig Götter wiedergeboren.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, erklärte er: „So sind die Uposatha-Bestimmungen in passender Weise zu betätigen“, und verkündete die Wahrheiten; am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangten einige von den Laienbrüdern zur Frucht der Bekehrung und einige zur Frucht der einmaligen Rückkehr.

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Nārada Ananda, Gott Sakka war Anuruddha, der König Sadhina aber war ich.“

Ende der Erzählung von Sadhina