Jātaka 495

Die Erzählung von den zehn Brahmanenarten (Dasabrahmana-Jātaka)

„Es sprach zu Vidhura der König“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf eine unvergleichliche Gabe.

Diese ist schon im achten Buche im Sucira-Jātaka erzählt.

Während aber der König dieses Almosen spendete, machte er den Meister zum Ältesten, traf unter den fünfhundert Mönchen eine Auswahl und gab nur den großen Heiligen.—

In der Lehrhalle aber begannen die Mönche eine Unterhaltung, indem sie in folgender Weise seinen Vorzug rühmten: „Freund, als der König ein unvergleichliches Almosen spendete, traf er eine Auswahl und schenkte nur denen, die die große Frucht erreicht haben.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Kein Wunder ist es, ihr Mönche, dass der König von Kosala, der doch der Beistand eines Buddha wie ich geworden, eine Spende nach Auswahl gibt; auch in der Vorzeit, als noch kein Buddha gekommen war, spendeten die Weisen Almosen nach Wahl.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem herrschte im Reiche Kuru in der Stadt Indapatta der König Koravya aus dem Yudhitthila-Geschlechte. Ihm verkündete ein Minister, namens Vidhura, was nützlich und gerecht war. Der König spendete Almosen, so dass er den ganzen Jambu-Erdteil damit erregte; unter denen aber, die sie in Empfang nahmen und verzehrten, war auch nicht einer, der nur die fünf Gebote gehalten hätte. Alle waren sie lasterhaft; darum befriedigte den König das Almosen Spenden nicht. Der König merkte, dass das mit Auswahl Gespendete große Frucht bringe; da er deshalb nur an Tugendhafte Almosen zu geben wünschte, dachte er bei sich: „Ich werde mit dem weisen Vidhura darüber reden.“ Als dieser kam, um ihm seine Aufwartung zu machen, ließ er ihn auf einem Sitze Platz nehmen und legte ihm die Frage vor.

Um diese Begebenheit zu verkünden, sprach der Meister folgende Halbstrophe. Das weitere ist die Rede des Königs und die Gegenrede des Vidhura:

Es sprach zu Vidhura der König
Yudhitthila, des Rechtes Freund:
„Such mir, Vidhura, die Brahmanen,
die tugendhaften, hochgelehrten,

die keine Freud an Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Schwer findet man Brahmanen, König,
die tugendhaft und hochgelehrt,
die keine Freud an Unzucht haben,
die deine Spenden haben sollen.

Zehn an der Zahl, du großer König,
fürwahr sind die Brahmanenarten;
und deren Unterschied und Auswahl
vernimm ausführlich jetzt von mir.

Sie nehmen festgefüllte Säcke,
mit Wurzeln sind sie vollgestopft;
daraus bereiten sie Heilmittel,
auch baden sie und sprechen Verse,

sie wie 's die Ärzte machen, König;
auch sie Brahmanen sind genannt.
Ich zeigte dir sie, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust an Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Sie nehmen kleine Glöckchen mit
und läuten damit vor dir her;
auch Botengänge machen sie
und lernen gut das Wagenfahren.

Den Dienern gleichen sie, o König;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte dir sie, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust an Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Es nehmen Wassertöpfe mit sich
und krumme Stäbe die Brahmanen;
so suchen sie die Kön'ge auf
in allen Dörfern, allen Flecken.

‚Wenn ihr nicht gebt, stehn wir nicht auf
in Dorf und Wald‘, so sagen sie.—
So gleichen sie den Unterdrückern;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte dir sie, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust an Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Mit langen Haaren, langen Nägeln,
mit schmutz'gen Zähnen, staub'gen Köpfen,
bedeckt mit Schmutz, mit Kot bestreut,
so gehen sie herum als Bettler.

Den Holzfällern sie gleichen, König;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte dir sie, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust zur Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Myrobolanen aller Arten,
Mango- und Rosenapfelfrüchte,
Labujafrüchte und Zahnstocher,
Vilvas und Planken auch aus Holz,

dann Schattenbäume, Zuckerrohr,
Pfeifen zum Rauchen, Honigsalbe
und noch mancherlei andre Waren
verkaufen sie, o Völkerfürst.

Sie gleichen Kaufleuten, o König;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte sie dir, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust zur Unzucht haben;
sie sollen mein Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Sie treiben Ackerbau und Handel,
sie ziehen Schaf und Ziegen auf,
sie geben ihre Töchter fort,
Hochzeiten sie veranstalten.

Ambatthas, Vessas sind sie gleich;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte sie dir, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust zur Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Die aufgehobne Mahlzeit essen
als Hauspriester in Dörfern manche;
gar viele Leute fragen sie,
die Vieh verschneiden, Zeichen kennen;
auch Tiere werden dort geschlachtet
von ihnen, Büffel, Schweine, Ziegen.

Den Schlächtern gleichen sie, o König;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte sie dir, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre such mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust zur Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Sie nehmen Schwert und Schild zur Hand,
den Degen zücken die Brahmanen,
sie stehen an den Händlerwegen
und sie geleiten Karawanen.

Den Hirten gleichen sie, den Räubern;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte sie dir, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust zur Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Im Walde machen sie sich Hütten
und Wohnungen sie sich erbauen;
Hasen und Katzen sie bedrängen,
auch Eidechsen, Schildkröten, Fische.

Jäger sind sie, du großer König;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte sie dir, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen,
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust zur Unlust haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

„Aus Geldgier liegen andere
unter des Königs Bett gekrümmt;
es wäscht darüber sich der König,
wenn 's Soma-Fest begangen wird.

Den Fleckenreibern gleichen sie;
auch sie sind Brahmanen genannt.
Ich zeigte dir sie, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

„Fern sind sie vom Brahmanentum“,
so sprach der König Koravya;
„nicht kann man sie Brahmanen nennen.
Doch andre suche mir, Vidhura,
die tugendhaft und hochgelehrt,

die keine Lust zur Unzucht haben;
sie sollen meine Spend' erhalten.
Almosen, Freund, wollen wir geben,
dass große Frucht bringt diese Spende.“

Nachdem aber jener so diese Leute, die nur dem Namen nach Brahmanen waren, geschildert hatte, sprach er, um die vollendeten Brahmanen zu schildern, noch folgende zwei Strophen:

„Doch gibt's Brahmanen auch, o Fürst,
die tugendhaft und hochgelehrt,
die keine Lust zur Unzucht haben;
sie sollen deine Spend' erhalten.

Mit einem Mahl sie sich begnügen,
des Rauschtranks auch sie sich enthalten.
Ich nannte sie dir, großer König;
willst solche du zu Gästen haben?“

Als der König dessen Worte vernommen, fragte er: „Lieber Vidhura, wo weilen solche Brahmanen, die am ersten der Gaben würdig sind?“ Jener erwiderte: „Im nördlichen Himalaya in der Berghöhle Nandamula, o Großkönig!“ „Darum, du Weiser, suche mir durch deine Kraft diese Brahmanen“, versetzte der König und sprach befriedigten Herzens folgende Strophe:

„Und diese Brahmanen, Vidhura,
die tugendhaften, hochgelehrten,
die sollst, Vidhura, du aufsuchen
und lade rasch sie zu mir ein!“

Das große Wesen stimmte seinen Worten zu und fügte hinzu: „Darum, o Großkönig, lasst durch Trommelschlag verkünden, man solle die Stadt schmücken und alle Stadtbewohner sollen Almosen spenden, die Uposatha-Bestimmungen betätigen und alle Gebote erfüllen. Auch Ihr selbst samt Eurer Umgebung haltet das Uposatha!“ Nachdem er dann selbst in der Frühe seine Mahlzeit eingenommen und den Tag über gefastet hatte, ließ er zur Abendzeit einen Korb von der Farbe der Jasmin-Blumen herbeibringen und betätigte mit dem König zusammen die Verehrung mit den fünf Stützpunkten. Hierauf gedachte er der Vorzüge der Paccekabuddhas, begrüßte sie ehrfurchtsvoll und lud sie mit folgenden Worten ein: „Die im nördlichen Himalaya in der Berghöhle Nandamula weilenden fünfhundert Paccekabuddhas mögen morgen unser Almosen in Empfang nehmen.“ Dabei warf er acht Hände voll Blumen in die Luft empor.

Damals weilten dort fünfhundert Paccekabuddhas. Die Blumen flogen dahin und fielen auf sie herab. Als nun jene darüber nachdachten, erkannten sie die Veranlassung und sagten zueinander: „Ihr Ehrwürdigen, wir sind von dem weisen Vidhura eingeladen worden. Dieser ist aber kein niedriges Wesen, sondern er ist ein künftiger Buddha. Noch in diesem Weltalter wird er Buddha werden; wir wollen ihm den Gefallen erweisen.“ Und sie nahmen die Einladung an. Das große Wesen aber merkte aus der Nichtrückkehr der Blumen, dass jene die Einladung angenommen hätten, und sagte: „O Großkönig, morgen werden die Paccekabuddhas kommen; erweist ihnen Ehrung und Huldigung!“

Am nächsten Tage veranstaltete der König eine große Ehrung und ließ im Thronsaale sehr wertvolle Sitze zurechtmachen. Als die Paccekabuddhas im Anotatta-See ihren Körper gereinigt hatten und merkten, dass es Zeit war, kamen sie durch die Luft herbei und stiegen im Hofe des königlichen Palastes auf die Erde hinab. Der König sowohl wie der Bodhisattva nahmen gläubigen Herzens ihnen die Almosenschalen aus den Händen, ließen sie in den Palast hinaufsteigen und wiesen ihnen dort ihre Sitze an. Nachdem sie ihnen das Schenkungswasser gegeben, bewirteten sie dieselben mit vorzüglicher fester und flüssiger Speise. Nach Beendigung der Mahlzeit luden sie jene wieder für den nächsten Tag ein und so weiter sieben Tage, während deren sie immer reiche Gaben spendeten. Am siebenten Tage aber schenkten sie ihnen sämtliche Gebrauchsgegenstände. Nachdem jene die Danksagung dargebracht, kehrten sie durch die Luft ebendorthin zurück und auch die Gebrauchsgegenstände flogen mit ihnen.

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Kein Wunder ist es, ihr Mönche, wenn der König von Kosala, der doch mein Beistand ist, Almosen nach Auswahl spendet; auch in der Vorzeit, als noch nicht der Buddha erschienen war, machten es so die Weisen.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der weise Vidhura aber war ich.“

Ende der Erzählung von den zehn Brahmanenarten