Jātaka 496

Die Erzählung von den nacheinander gespendeten Almosen (Bikkhaparampara-Jātaka)

„Da ich den feinen Herrn gesehen“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Gutsbesitzer. Dieser nämlich war gläubig und bekehrt; dem Vollendeten und seiner Gemeinde erwies er beständig große Ehrung. Eines Tages aber dachte er bei sich: „Ich gebe dem Buddhakleinod und dem Gemeindekleinod vorzügliche Speisen und feine Gewänder und erweise ihnen damit beständig große Ehrung. Jetzt werde ich auch dem Kleinod der Lehre Ehre erweisen. Was muss ich aber tun, wenn ich ihm Ehrung zuteil werden lassen will?“ Er nahm viel wohlriechende Substanzen, Kränze u. dgl. mit sich, begab sich damit nach dem Jetavana, begrüßte ehrfurchtsvoll den Meister und fragte dann: „Ich, Herr, möchte dem Kleinod der Lehre Ehrung erweisen; was muss der tun, der diesem Ehrung erweisen will?“ Darauf sprach zu ihm der Meister: „Wenn du dem Kleinod der Lehre Ehrung erweisen willst, so lasse die Ehrung dem Schatzmeister der Lehre Ananda zuteil werden.“ Jener erwiderte: „Gut“, und lud den Thera Ananda ein.

Am nächsten Tage führte er den Thera unter großer Ehrung in sein Haus, ließ ihn auf einem sehr wertvollen Sitze Platz nehmen, verehrte ihn mit wohlriechenden Substanzen, Kränzen u. dgl., gab ihm Speise von verschiedenartigem, höchstem Wohlgeschmack und schenkte ihm sehr kostbare Stoffe, ausreichend für die drei Gewänder. Der Thera aber dachte: „Diese Ehrung, die dem Kleinod der Lehre erwiesen wurde, ist nicht passend für mich; sie geziemt dem ersten Heerführer der Lehre.“ Darum trug er die Speisen sowohl wie die Gewänder in das Kloster und gab sie dem Thera Sāriputta. Dieser aber dachte: „Diese Ehrung, die dem Kleinod der Lehre erwiesen wurde, geziemt nur dem Gebieter der Lehre, dem völlig Erleuchteten allein“, und er gab sie dem mit den zehn Kräften Ausgestatteten. Der Meister aber kannte keinen, der noch über ihm stand; darum verzehrte er die Mahlzeit und nahm die Gewänder an sich.

In der Lehrhalle aber begannen die Mönche folgendes Gespräch: „Freund, der Gutsbesitzer so und gab in der Absicht, dem Kleinod der Lehre damit eine Ehrung zu erweisen, dem Thera Ananda, dem Schatzmeister der Lehre, ein Geschenk. Der Thera dachte, es sei für ihn nicht passend, und gab es dem Heerführer der Lehre; auch dieser meinte, es passe nicht für ihn, und gab es dem Vollendeten. Der Vollendete aber, der keinen über ihm Stehenden kennt, dachte, weil er der Gebieter der Lehre ist: ‚Dies ist für mich allein geziemend‘, und deshalb verzehrte er das Mahl und nahm die Kleidungsstoffe. So ist diese Spende, wie es sich gebührte, zu den Füßen des Gebieters gekommen.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, kam diese Spende der Reihe nach zu ihrer Bestimmung, sondern auch früher, als der Buddha noch nicht erschienen war, kam sie dorthin.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem gab zu Benares König Brahmadatta die Wege des Unrechts auf, betätigte die zehn Königstugenden und führte seine Regierung in Gerechtigkeit. Unter diesen Umständen war sein Richterstuhl gewissermaßen leer. Weil nun der König nach Untugenden von ihm selbst forschte, suchte er in seinem Palaste und an anderen Stellen etwas darüber zu erfahren; aber in seinem Harem, in der Stadt und auch in den Dörfern vor den Toren fand er niemand, der von einer Untugend von ihm erzählt hätte. Deshalb dachte er: „Ich will auf dem Lande nachforschen“; er übergab seinen Ministern die Regierung und wandelte zusammen mit seinem Hauspriester in unkenntlich machender Kleidung im Lande Kasi umher. Während er auch hier niemanden fand, der von einer Untugend von ihm erzählte, kam er an der Grenze in einen Flecken und setzte sich in einer Halle vor dem Tore nieder.

In diesem Augenblicke kam gerade ein in dem Flecken wohnender Gutsbesitzer, der ein Vermögen von achthundert Millionen besaß, mit großem Gefolge auf seinem Wege nach dem Badestrand dort vorbei. Als er den goldfarbigen König mit seinem feinen Körper sah, wurde er mit Liebe zu ihm erfüllt. Er ging in die Halle hinein und sagte zu ihm: „Bleibet jetzt hier“; er selbst eilte nach Hause, ließ Speise von verschiedenartigem höchstem Wohlgeschmack herrichten und kehrte zur Halle zurück, indem er von einem großen Gefolge die Speisetöpfe mit sich tragen ließ.

In diesem Augenblicke kam ein im Himalaya wohnender Asket, der die fünf Erkenntnisse besaß, herbei und setzte sich ebendort nieder. Auch aus der Berghöhle Nandamula kam ein Paccekabuddha herbei und setzte sich dort nieder.

Nachdem nun der Gutsbesitzer dem Könige Wasser zum Händewaschen gereicht hatte, richtete er eine Schüssel voll Reisbrei mit mancherlei wohlschmeckenden Tunken und Würzen her und bot sie dem König an. Der König nahm sie und gab sie seinem Hauspriester, dem Brahmanen. Der Brahmane nahm sie und gab sie dem Asketen. Der Asket ging zu dem Paccekabuddha hin, ergriff mit der linken Hand die Speiseschüssel, mit der rechten seinen Wasserkrug, gab ihm daraus das Schenkungswasser und legte dann die Speise in dessen Almosenschale. Jener aber verzehrte die Speise, ohne irgend jemand dazu einzuladen oder um Erlaubnis zu bitten.

Nachdem nun dieser seine Mahlzeit beendet hatte, dachte der Gutsbesitzer bei sich: „Die Speise, die ich dem Könige gegeben habe, gab der König dem Brahmanen, der Brahmane dem Asketen, der Asket dem Paccekabuddha. Der Paccekabuddha aber verzehrte sie, ohne jemand um Erlaubnis zu bitten. Warum haben wohl diese ein solches Geschenk gegeben? Warum hat er es, ohne jemand um Erlaubnis zu fragen, verzehrt? Ich werde sie der Reihe nach fragen.“ Er ging zu jedem einzelnen hin, begrüßte ihn und stellte an ihn seine Frage; die andern aber antworteten ihm in folgender Weise:

„Da ich den feinen Herrn gesehen,
der aus dem Reich zur Wildnis kam,
die reich versehen mit Pagoden,
wie er den hohen Sitz einnahm,

ward ich von Lieb' zu ihm erfasst
und gab ihm feingekochte Speise,
Reisbrei, aus Körnern wohl bereitet,
mit reiner Fleischbrühe beträufelt.

Doch diese Speise nahmst du nur,
um sie zu geben dem Brahmanen
und ohne selbst davon zu essen.
Was war der Grund? Verehrung dir!“

„Ein Lehrer ist mir der Brahmane,
in allen Geschäften wohl bewandert,
ehrwürdig ist er, wert der Ehrung;
ihm musste ich die Speise geben.“

„Jetzt wend ich mich an den Brahmanen,
an Gotama, verehrt vom König.
Der König gab dir diese Speise,
mit feinem Fleischessaft beträufelt;

doch dieses Mahl nahmst du entgegen
und gabst dem Büßer es zur Speise.
Du kennst den Wert nicht dieser Gabe;
was war der Grund? Verehrung dir!“

„Ich unterhalte Weib und Kinder
und an das Haus bin ich gefesselt;
der Menschen Lüste ich genieße,
dabei belehre ich den König.

Dem Büßer, der im Walde lebt,
der lange Zeit schon treibt Askese,
der weisheitsstark Vollendung übt,
dem musste ich die Speise geben.“

„Jetzt wend ich mich an den Asketen,
den magern, der die Adern sehn lässt,
der Haar und Nägel wachsen lässt,
mit schmutz'gen Zähnen, staub'gem Haupte:

Ganz einsam weilest du im Walde,
nicht an dein Leben denkest du.
Warum ist der besser als du,
o Mönch, dem du die Speise gabest?“

„Bataten und Kalamba-Wurzeln
grabe ich aus und Kätzchenknollen;
ich schüttle wilden Reis und Hirse,
häufe sie auf, zerstreu sie wieder.

Auch Kräuter, Lotos, Honig, Fleisch,
Brustbeeren und Myrobolanen
such ich mir und verzehre sie;
dies ist meine Beschäftigung.

Als Kochender dem nicht Kochenden,
als Habender dem Nichtbesitzer,
als Weltlicher dem Weltbefreiten
muss ich doch diese Speise geben.“

„Jetzt wende ich mich an den Mönch,
den Heiligen, der ruhig isst.
Der Büßer gab dir seinen Reisbrei,
ganz rein, mit Fleischessaft beträufelt;

und dieses Mahl nahmst du entgegen,
schweigend verzehrst du es allein
und keinen andern lädst du ein.
Was ist der Grund? Verehrung dir!“

„Ich koche nicht, noch lass ich kochen,
nehme nichts weg und lass nichts nehmen.
Da mich als Habenichts erkannte
und als befreit von allem Bösen

der Büßer, gab er mit der Linken
die Speise mir und mit der Rechten
den Wasserkrug; er gab mir Reisbrei,
ganz rein, mit Fleischessaft beträufelt.

Denn diese müssen doch wohl geben,
die Eigentum und Wohlstand haben;
für einen Feind muss den ich halten,
der den Geber einlädt zum Mahle.“

Als der Gutsbesitzer dessen Worte vernommen, sprach er hocherfreut folgende zwei Schlussstrophen:

„Zu meinem Heile kam fürwahr
heute hierher der Völkerfürst;
denn seither wusste ich noch nicht,
wie reiche Frucht bringt eine Gabe.

Nach Herrschaft sind die Kön'ge gierig,
nach Dienstleistungen die Brahmanen,
Büßer nach Früchten und nach Wurzeln,
frei von Begierde sind die Mönche.“

Nachdem aber der Paccekabuddha ihm die Wahrheit verkündet hatte, kehrte er an seinen Ort zurück, ebenso auch der Asket. Der König aber blieb einige Tage bei dem Gutsbesitzer und begab sich dann wieder nach Benares.

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, hat das Mahl seinen Weg genommen, wie es sich geziemt, sondern auch früher schon ging es so.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Gutsbesitzer derselbe Gutsbesitzer, der dem Kleinod der Lehre Verehrung erweisen wollte; der König war Ananda, der Hauspriester Sāriputta, der im Himalaya wohnende Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem nacheinander gespendeten Almosen