Jātaka 504

Die Erzählung von Bhallātiya (Bhallātiya-Jātaka)

„Bhallātiya mit Namen hieß ein König“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Königin Mallikā. Sie bekam nämlich eines Tages mit dem Könige wegen des Bettes Streit. Der König zürnte ihr und blickte sie nicht mehr an. Da dachte sie: „Jetzt weiß der Vollendete nicht, dass der König mir zürnt.“—

Als der Meister von dieser Begebenheit erfuhr, ging er am nächsten Tage von der Mönchsgemeinde umgeben nach Sāvatthi hinein, um seinen Almosengang zu machen und kam auch an das Haustor des Königs. Der König ging ihm ehrfurchtsvoll entgegen, nahm ihm seine Almosenschale ab und ließ den Meister in seinen Palast hinaufsteigen. Auch die Mönchsgemeinde ließ er, wie es sich für sie gebührte, Platz nehmen, gab ihnen das Schenkungswasser und bewirtete sie mit vorzüglicher Speise. Nach Beendigung der Mahlzeit setzte er sich zur Seite nieder. Da fragte der Meister: „Warum, o Großkönig, sieht man nichts von Mallikā?“ Als jener antwortete: „Weil sie von ihrem Glücksrausch verrückt geworden ist“, sprach er weiter: „Hast du nicht, o Großkönig, in der Vorzeit, da du als ein Feenmännchen wiedergeboren warest, als du nur eine einzige Nacht von deinem Feenweibchen getrennt warest, siebenhundert Jahre lang darüber geklagt?“ Nach diesen Worten erzählte er auf dessen Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem der König Bhallātiya regierte, dachte er: „Ich will auf Kohlen gebratenes Gazellenfleisch verzehren“; er übergab seinen Ministern die Regierung, umgürtete sich mit den fünf Arten der Waffen, verließ umgeben von Scharen gut abgerichteter, edler Hunde die Stadt und zog in den Himalaya. Er zog am Ganges entlang; da er nicht weiter hinaufkommen konnte, ging er einem Flusse nach, den er in den Ganges münden sah. Hier tötete er Gazellen, Eber u. dgl., verzehrte das auf Kohlen geröstete Fleisch und stieg so bis in die Höhe hinauf. Wenn dort das liebliche Flüsschen voll Wasser war, floss es dahin, dass sein Wasser bis an die Brust ging; sonst reichte das Wasser nur bis ans Knie. Hier gab es verschiedene Arten von Fischen und Schildkröten. Am Rande des Wassers war Sand von der Farbe einer silbernen Platte; auf beiden Ufern waren Bäume, die sich unter der Last ihrer Blüten und Früchte beugten, umschwirrt von Scharen verschiedener Arten von Vögeln und Bienen, die vom Saft der Blüten und Früchte berauscht waren; ihr Schatten wurde von Scharen verschiedener Wildarten aufgesucht. Am Ufer dieses so entzückenden Flusses im Himalaya hielten zwei Feen einander umfangen und bedeckten einander mit Küssen; dabei klagten und weinten sie auf mancherlei Art. Als nun der König am Ufer dieses Flusses nach dem Gandhamādana-Berg emporstieg, sah er die Feen und dachte bei sich: „Warum klagen denn wohl so diese Feen? Ich will sie fragen.“ Er schaute seine Hunde an und schnippte mit den Fingern; auf dieses Zeichen eilten die wohl abgerichteten, edlen Hunde in eine Höhle und legten sich auf den Bauch. Als er merkte, dass die Hunde verborgen waren, legte er Bogen, Köcher und die anderen Waffen neben einen dort stehenden Baum, kam, ohne mit seinen Schritten ein Geräusch zu verursachen, rasch zu jenen heran und fragte die Feen: „Warum weinet ihr?“

Um dies zu verkündigen, sprach der Meister folgende drei Strophen:

Bhallātiya mit Namen hieß ein König;
sein Reich verließ er und ging auf die Jagd.
Zum schönsten Berg Gandhamādana kam er,
dem blütenschweren, von Feen besuchten.

Nachdem der Hunde Scharen er beruhigt,
beiseit gelegt den Bogen und den Köcher,
ging er, um sich mit ihnen zu besprechen,
dahin, wo diese beiden Feen waren.

„Am Wintersende, an des Flusses Ufer
was steht ihr da und redet unaufhörlich?
Ich frage euch, die ihr wie Menschen ausseht:
Wie kennt man euch in unsrer Menschenwelt?“

Als das Feenmännchen die Worte des Königs vernahm, blieb es stumm. Das Feenweibchen aber sprach zum Könige folgendermaßen:

„Am Malla-Berg, Pandaraka, Tikuta,
an kühler Flüsse Ufer hin wir wandeln.
Tiere sind wir, den Menschen gleich erscheinend,
und als die Feen kennen uns die Jäger.“

Darauf sprach der König folgende drei Strophen:

„Gar sehr betrübt aussehend klaget ihr,
umschlungen hast du, Lieber, deine Liebe.
Ich frage euch, die ihr wie Menschen ausseht:
Was weint ihr schmerzerfüllt in diesem Walde?

Gar sehr betrübt aussehend klaget ihr,
umschlungen hast du, Lieber, deine Liebe.
Ich frage euch, die ihr wie Menschen ausseht:
Was klagt ihr schmerzerfüllt in diesem Walde?

Gar sehr betrübt aussehend klaget ihr,
umschlungen hast du, Lieber, deine Liebe.
Ich frage euch, die ihr wie Menschen ausseht:
Was seid ihr traurig schmerzerfüllt im Walde?“

Darauf sprachen beide folgende Strophen zur Rede und Gegenrede:

„Wir waren eine Nacht getrennt, o Jäger,
lustlos und doch des anderen gedenkend.
Weil wir die eine Nacht bereuen, sind wir
betrübt; denn nie kommt wieder diese Nacht.“

„Weil ihr die eine Nacht so sehr betrauert
wie Geldverlust und wie den Tod des Vaters,
ich frage euch, die ihr wie Menschen ausseht:
Wie kam es denn, dass ihr euch trennen musstet?“

„Den Fluss, den du hier siehst mit raschem Laufe,
von Bäumen dicht beschattet, felsumgeben,
den überschritt zur Regenzeit mein Lieber
und glaubte, dass auch ich ihm folgen würde.

Ich sammelte grade Amkolakas,
Atimuttakas, Sattaliyothikas;
es sollte mein Geliebter Kränze tragen
und ich mich auch bekränzt zu ihm gesellen.

Auch sammelte ich noch Kuravakas,
Uddalakas, Patalis, Sinduvaras;
es sollte mein Geliebter Kränze tragen
und ich mich auch bekränzt zu ihm gesellen.

Von einem Sala-Baum mit schönen Blüten
sammelt' ich Blumen und band einen Kranz;
es sollte mein Geliebter Kränze tragen
und ich mich auch bekränzt zu ihm gesellen.

Von einem Sala-Baum mit schönen Blüten
sammelt' ich Blumen und macht' eine Last;
dies sollte uns als weiches Polster dienen,
worauf die Nacht wir uns erfreuen wollten.

Auch wohlriechenden Staub und Sandelpulver
streute ich auf den Stein nachlässig hin:
damit sollt' sich besprengen der Geliebte
und ich mich auch besprengt zu ihm gesellen.

Da kam herbei das Wasser mit raschem Flusse,
es trieb mir fort die Salas und Kannikaras,
im Augenblicke war das Bett voll Wasser
und diesen Strom konnt' ich nicht überschreiten.

Da standen nun wir zwei an beiden Ufern
und schauten beide uns einander an
und einmal weinten, einmal lachten wir;
gar langsam nur verging uns diese Nacht.

Am frühen Morgen, als die Sonne aufging,
wir gingen über den entleerten Fluss;
und wir umarmten beide uns, o Jäger,
und einmal weinten, einmal lachten wir.

Von siebenhundert Jahren fehlen drei,
seitdem wir damals hier uns trennen mussten.
Ein einz'ges Leben gibt es hier nur, Fürst;
wer könnte fern von der Geliebten weilen?“

„Wie lange dauert euer Leben, Liebe?
Wenn ihr es wisst, so nennt mir euer Alter,
oder wenn ihr 's gehört habt von den Alten;
teilt es mir mit und habet keine Angst!“

„Es dauert unser Leben tausend Jahre,
dazwischen gibt es keine schlimme Krankheit.
Ein kleines Leid macht größer noch das Glück;
treu bleibt uns Liebeslust bis an das Ende.“—

Als dies der König hörte, dachte er: „Diese, die doch Tiere sind, weinen wegen der Trennung für eine Nacht siebenhundert Jahre lang beständig. Ich aber gab in meinem dreihundert Yojanas umfassenden Königreiche die Herrschaft auf und weile im Walde. Ach, etwas Unpassendes habe ich getan!“ Er kehrte von dort wieder zurück nach Benares; als ihn seine Minister fragten: „O Großkönig, hast du im Himalaya ein Wunder gesehen?“, erzählte er ihnen alles. Von da an genoss er seine Macht, indem er Almosen spendete und noch andere gute Werke tat.

Um dies zu verkündigen, sprach der Meister folgende Strophe:

Als dies von den Unirdischen gehört Bhallātiya,
dacht' er: „Dies Leben ist recht niedrig“;
zurück er kehrte und gab auf die Jagd,
die Macht genoss er und tat gute Werke.

Hierauf begann er abermals und sprach folgende zwei Strophen:

„Da ihr von den Unirdischen dies hörtet,
seid einträchtig, beginnet keinen Streit,
dass euch nicht quäle eigene Verschuldung,
so wie das Feenpärchen eine Nacht.

Da ihr von den Unirdischen dies hörtet,
seid einträchtig, beginnet keinen Zank,
dass euch nicht quäle eigene Verschuldung,
so wie das Feenpärchen eine Nacht.“—

Nachdem aber die Königin Mallika diese Tugendunterweisung des Vollendeten angehört hatte, erhob sie sich von ihrem Sitze, streckte die gefalteten Hände ihm entgegen und sprach, um den mit den zehn Kräften Ausgestatteten zu preisen, folgende Schlussstrophe:

„Mit Freuden hör ich die verschiednen Worte,
die du zu meinem Heile ausgesprochen.
Mit deinem Liede nahmst du mir den Kummer;
du heiliger Glückbringer, lebe lange!“

Von da an aber lebte der König von Kosala mit ihr in Eintracht.—

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war das Feenmännchen der König von Kosala, das Feenweibchen war die Fürstin Mallikā, der König Bhallātiya aber war ich.“

Ende der Erzählung von Bhallātiya