Jātaka 505

Die Erzählung von Somanassa (Somanassa-Jātaka)

„Was hat verletzt dich und gekränkt“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Mordversuch des Devadatta.—Als nämlich damals der Meister gesagt hatte: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon versuchte mich dieser immer zu töten“, erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem herrschte im Reiche Kuru in der Stadt Uttarapancala der König Renu. Damals wohnte ein Asket, Maharakkhita mit Namen, umgeben von fünfhundert Asketen im Himalaya. Als er einst, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, im Lande umherwandelte, kam er nach der Stadt Uttarapañcāla, wo er im königlichen Parke die Nacht verbrachte. Während er dann mit seinem Gefolge seinen Almosengang machte, gelangte er an das Tor des königlichen Palastes. Als der König die Asketenschar sah, war er über ihren edlen Wandel befriedigt. Er ließ sie in seinem reich geschmückten Thronsaale Platz nehmen, bewirtete sie mit vorzüglicher Speise und sagte dann: „Ihr Ehrwürdigen, verbringet diese Regenzeit in meinem Parke.“ Er ging mit ihnen in seinen Park, ließ für sie Wohnungen errichten und gab ihnen alle für die Weltflüchtlinge notwendigen Gebrauchsgegenstände. Hierauf begrüßte er sie ehrfurchtsvoll und entfernte sich. Von da an nahmen sie alle im königlichen Palaste ihr Mahl ein.—Der König aber, der kinderlos war, wünschte sich Söhne; aber er bekam keine.

Als die Regenzeit vorüber war, sagte Maharakkhita: „Jetzt ist der Himalaya entzückend; dorthin wollen wir gehen.“ Er verabschiedete sich vom Könige und zog fort unter großen Ehrungen, die ihm der König erwies. Unterwegs ging er zur Mittagszeit vom Wege ab und setzte sich mit seinem Gefolge unter einen Baum mit dichtem Schatten auf junges Gras. Jetzt begannen die Asketen folgendes Gespräch: „Im Hause des Königs ist kein Sohn, der die Familie fortpflanzt. Gut wäre es, wenn der König einen Sohn bekäme und die Reihe fortgesetzt würde.“ Als Maharakkhita ihre Worte hörte, überlegte er: „Wird der König einen Sohn erhalten oder nicht?“ Da erkannte er, dass dem König ein Sohn werde geschenkt werden, und er sprach: „Seid unbekümmert, ihr Herren! Heute zur Zeit der Morgendämmerung wird ein Göttersohn den Himmel verlassen und im Schoße der ersten Gemahlin des Königs seine Wiedergeburt nehmen.“

Dies hörte auch ein falscher Asket. Er dachte: „Jetzt werde ich von der Familie des Königs unterhalten werden.“ Zur Zeit, da die anderen Asketen fortgehen wollten, stellte er sich krank und legte sich nieder. Als die anderen sagten: „Komm, wir wollen gehen“, antwortete er: „Ich kann nicht.“ Maharakkhita merkte, warum sich jener niedergelegt habe; er sagte ihm: „Sobald du kannst, komme nach“, und zog mit der Asketenschar nach dem Himalaya.

Der Betrüger aber kehrte um, begab sich rasch nach dem Tore des königlichen Palastes und ließ melden: „Ein dem Maharakkhita dienender Asket ist gekommen.“ Der König ließ ihn rasch herbeirufen; er stieg in den Palast hinauf und ließ sich auf einem hergerichteten Sitze nieder. Der König bezeigte dem Betrüger seine Ehrfurcht, fragte neben ihm sitzend nach der Gesundheit der Weisen und sprach: „Herr, Ihr seid gar rasch zurückgekehrt; warum seid Ihr wohl so schnell zurückgekommen?“

Darauf erwiderte jener: „Ja, o Großkönig, als die Schar der Weisen vergnügt beisammen saß, besprachen sie sich darüber, dass es gut wäre, wenn der König einen seinen Stamm fortpflanzenden Sohn bekäme. Als ich diese Worte hörte, betrachtete ich mit meinem göttlichen Auge: ‚Wird dem König ein Sohn zuteil werden?‘ Da sah ich, dass ein Göttersohn den Himmel verlassen und im Schoße von Sudhammā, der ersten Gemahlin des Königs, seine Wiedergeburt nehmen werde, und ich dachte: ‚Wenn sie es nicht wissen, könnten sie die Frucht zugrunde gehen lassen; ich will es ihnen mitteilen.‘ Um dies also Euch zu erzählen, bin ich gekommen. Jetzt habe ich es erzählt und ich will wieder gehen, o Großkönig.“ Der König versetzte: „Jetzt dürft Ihr nicht gehen, Herr!“ Voll Freude und Befriedigung führte er den betrügerischen Asketen in seinen Park, teilte ihm einen Wohnplatz zu und gab ihm denselben. Von da an wohnte jener dort und speiste am königlichen Hofe; man gab ihm aber den Namen Dibbacakkhuka (= „der mit dem göttlichen Auge“).

Damals verließ der Bodhisattva den Himmel der Dreiunddreißig Götter und nahm dort seine Wiedergeburt. Als er aber geboren war, erhielt er am Namengebungstage den Namen Prinz Somanassa (= „Freude“). Mit der einem Prinzen gebührenden Ehrung wuchs er heran.—

Der betrügerische Asket aber pflanzte auf einer Seite des Parkes Suppenkräuter und fruchttragende Schlinggewächse; er verkaufte sie dann an Gemüsehändler und hob das Geld dafür auf.—Als nun der Bodhisattva sieben Jahre alt war, empörte sich einmal das Grenzland des Königs. Dieser wies den Prinzen an: „Vernachlässige nicht den Asketen Dibbacakkhuka“, und zog fort, um das Grenzland wieder zu unterwerfen. Eines Tages aber dachte der Prinz: „Ich will den nackten Asketen besuchen“, und begab sich nach dem Parke. Da sah er, wie der betrügerische Asket ein zusammengebundenes gelbes Kleid als Unter- und eines als Obergewand trug und wie er in beiden Händen zwei Wassergefäße hielt und damit auf den Boden, wo die Küchenkräuter standen, Wasser goss. Da merkte er: „Dieser betrügerische Asket übt nicht seine Asketenpflichten aus, sondern er verrichtet das Geschäft eines Gärtners.“ Mit den Worten: „Was tust du da, du Gärtner, du Hausvater?“, beschämte er ihn und ging fort, ohne ihm seine Ehrfurcht zu erzeigen.

Der falsche Asket dachte: „Jetzt ist dieser ein solcher Feind; wer weiß, was er tun wird? Sogleich jetzt muss ich ihn verderben.“ Als der König zurückkehrte, warf er seine Steinbank auf die Seite, zerbrach seinen Wasserkrug, streute in seiner Laubhütte Gras umher und beschmierte seinen Körper mit Öl; dann ging er in seine Laubhütte hinein, verhüllte sich das Haupt und legte sich auf sein Lager, als sei ihm schweres Leid zugestoßen.

Als der König zurückkehrte, umfuhr er die Stadt von rechts und begab sich, ohne vorher seinen Palast zu betreten, nach der Türe der Laubhütte, indem er dachte: „Ich will meinen Herrn Dibbacakkhuka besuchen.“ Als er den Vorraum so verändert sah, dachte er: „Was ist dies?“, und ging in die Hütte hinein. Da sah er jenen daliegen und er sprach, indem er ihm die Füße rieb, folgende erste Strophe:

„Wer hat verletzt dich und gekränkt,
was bist du traurig und bekümmert?
Von wem werden noch heut die Eltern weinen?
Wer soll noch heute tot am Boden liegen?“

Als dies der falsche Asket hörte, stand er jammernd auf und sprach folgende zweite Strophe:

„Erfreut bin ich, o Fürst, durch deinen Anblick,
schon lang sah ich dich nicht, o Landeshüter.
Als ich hier harmlos einzog, Renu,
hat mich dein Sohn so zugerichtet, König.“

Die folgenden Strophen, deren Zusammenhang klar ist, sind in bestimmter Reihenfolge angeführt.

„Es sollen kommen Wächter schwertumgürtet,
die Henker sollen gehen in den Harem;
den Prinz Somanassa sie sollen töten,
das Haupt ihm abschlagen und es mir bringen.“

Die Boten, die der König sandte,
sprachen zum Prinzen folgendes:
„Verworfen wurdest du vom Herrscher,
den Tod sollst du erleiden, Fürst.“

Doch da laut jammernd rief der Sohn des Königs,
indem er die zehn Finger faltete:
„Auch ich möchte zuvor den Herrscher sehen,
bringt lebend mich zu ihm, lasst mich ihn sehen.“

Und als sie diese Worte hörten,
führten zum König sie den Sohn;
doch als der Sohn den Vater sah,
da rief er ihm von weitem zu:

„Es kamen zu mir Wächter schwertumgürtet,
die Henker, mich zu töten, Völkerfürst.
Erkläre mir den Grund, da ich dich frage:
Welch einen Fehler hab ich heut begangen?“

Der König antwortete: „Der hohe Stand ist sehr niedrig geworden, deine Schuld ist übergroß“; und um seine Schuld zu verkündigen, sprach er folgende Strophe:

„Abends und morgens steigt er in das Wasser,
das Feuer unermüdlich stets besorgt er.
Und diesen Heil'gen, der sich so bezähmt,
warum sprichst du ihn an: ‚Du Hausvater‘?“

Darauf versetzte der Prinz: „O Fürst, wenn ich einen Hausvater Hausvater nenne, was habe ich da für eine Schuld?“ Und er sprach folgende Strophe:

„Palmen und Wurzeln und auch Früchte, Fürst,
sind sein Besitz in mannigfacher Art.
Er hütet sie und pflegt sie unablässig;
darum ist der Brahmane ein Hausvater.“

Er fuhr fort: „Darum nannte ich ihn auch Hausvater. Wenn du mir nicht glaubst, so lasse die Gärtner an den vier Stadttoren fragen.“ Der König ließ sie fragen. Sie antworteten: „Ja, wir kaufen aus seiner Hand Blätter und verschiedene Arten von Früchten.“ Auch ließ er den Gemüsevorrat untersuchen und machte die Sache klar. Es drang aber das Gefolge des Prinzen auch in die Laubhütte des Asketen ein; hier fand es eine Menge von Kahapanas und Masakas, die er für seinen Blätterverkauf erhalten hatte, brachte diese heraus und zeigte sie dem Könige. Als aber der König die Schuldlosigkeit des großen Wesens erkannte, sprach er folgende Strophe:

„Fürwahr, die Wahrheit sprachest du, o Prinz;
gar mannigfaches Eigentum besitzt er.
Dies hütet und bewacht er unablässig;
darum ist der Brahmane ein Hausvater.“—

Darauf dachte das große Wesen: „Besser, als dass ich bei einem so törichten König bleibe, ist es für mich, in den Himalaya zu ziehen und die Welt zu verlassen. Inmitten der Versammlung werde ich seine Schuld offenbaren, ihn um Erlaubnis bitten und heute noch fortgehen und die Welt verlassen.“ Nachdem er der Versammlung seine Verehrung bezeugt hatte, sprach er:

„Es mögen hören mich, die hier versammelt,
die Städter und die Landbewohner alle!
Töricht ist dieser, auf des Toren Wort
achtet der Fürst und lässt Schuldlose töten.“

Nach diesen Worten aber sprach er, um für sich um die Erlaubnis dazu zu bitten, folgende weitere Strophe:

„Aus einer starken, groß gewachsnen Wurzel
wächst, schwer herauszuziehn, der äst'ge Bambus.
Die Füße dein verehr ich, Völkerfürst;
erlaub es mir, ich will die Welt verlassen.“

Die folgenden Strophen enthalten die Reden und Gegenreden des Königs und seines Sohnes:

„Du sollst genießen alle Schätze, Prinz,
die ganze Herrschaft übergeb ich dir,
noch heut sollst du der Kurus König werden;
nur geh nicht fort, ein Unglück ist die Weltflucht.“

„Was sind denn deine Schätze hier, o König?
Im Himmel hab ich früher mich erfreut
an schönen Körpern, Tönen, Wohlgeschmack,
an schönen Düften und Berührungen.

Genüsse hatt' ich in der Götterwelt,
umringt von himmlischer Jungfrauen Scharen;
da ich dich töricht seh, von andern leitbar,
will ich an solchem Königshof nicht bleiben.“

„Wahr ist 's, dass ich ein Tor, von andern leitbar;
die eine Schuld verzeihe mir, mein Sohn.
Wenn nochmals sich was Ähnliches ereignet,
so tu nach deinem Wunsche, wie du willst.“

Um aber den König zu ermahnen, sprach das große Wesen folgende acht Strophen:

„Ein ungerecht getanes Werk,
das nicht ist reiflich überlegt,
wie wenn Arznei man falsch gebraucht,
so reift es sich zum Übel aus.

Doch ein gerecht getanes Werk,
das reiflich auch ist überlegt,
wie wenn Arznei man recht gebraucht,
so reift es sich zum Guten aus.

Nicht gut ist 's, wenn ein Laie träg den Lüsten lebt;
nicht gut ist 's, wenn ein Weltflüchtling sich nicht bezähmt;
nicht gut ist 's, wenn ein König nicht erst untersucht;
nicht gut ist 's auch, wenn zürnt ein weiser Mann.

Entscheiden soll der König nach Verhör,
nicht ohne Untersuchung, Völkerfürst;
von dem, der nur nach Untersuchung handelt,
wird Ruhm und Ehre, König, immer größer.

Nach Untersuchung erst verhäng' der Fürst die Strafe,
das rasch Getane quält, du Landeshüter;
wozu ein Mann sich reiflich hat entschlossen,
das braucht man später nicht mehr zu bereuen.

Denn wer, wohl unterscheidend, in der Welt
nur Taten tut, die ihn nachher nicht reuen,
die sind belobt von Weisen, finden Glück
und sie gefallen dadurch wohl den Alten.

Es kamen zu mir Wächter schwertumgürtet
und Henker, mich zu töten, Völkerfürst;
und ich, der auf dem Schoß der Mutter saß,
ward mit Gewalt von ihnen fortgeschleppt.

In bittre Not, in Todesangst geriet ich;
mein süßes, liebes Leben rettet' ich
mit Mühe heute, von dem Tod erlöst;
die Weltflucht ist es nur, die ich mir wünsche.“—

Als so von dem großen Wesen die Wahrheit verkündet war, wendete sich der König an seine Gemahlin mit folgender Strophe:

„Fürwahr, hier unser junger Sohn, Sudhammā,
der mitleidsvolle Prinz Somanassa,
trotz Bitten nichts erreich ich heut von ihm;
auch du musst deine Bitte an ihn richten.“

Sie aber sprach, indem sie ihn zur Weltflucht sogar antrieb, folgende Strophe:

„Erfreu dich am Almosen Sammeln, Sohn,
zum Richtigen entschlossen flieh die Welt.
Wer auf Bestrafung aller hat verzichtet,
geht getadelt ein zum Brahmahimmel.“

Darauf sprach der König folgende Strophe:

„Ganz wunderlich fürwahr sieht dieses aus;
mich den Unglücklichen machst du noch elender.
Ich sage dir: ‚Bitt unsern Sohn, Sudhammā‘,
und du bestärkst in seinem Tun den Prinzen.“

Abermals sprach die Königin folgende Strophe:

„Die lustbefreit ein sündlos Leben führen,
die ganz erlöst wandeln in dieser Welt:
da deren edlen Wandel angenommen
der Prinz, kann ich ihm dieses nicht verwehren.“

Als der König ihre Worte vernommen, sprach er folgende Schlussstrophe:

„Gewiss, fürwahr, die Weisen sind zu ehren,
die Hochgelehrten, die gar viel ersinnen.
Da ihre guten Worte sie gehört,
ist glücklich Sudhammā und frei von Kummer.“—

Darauf bezeigte das große Wesen seinen Eltern seine Verehrung und sagte: „Wenn ich eine Schuld habe, so verzeiht sie mir.“ Gegen die Volksmenge streckte er darauf die gefalteten Hände und zog dann fort, nach dem Himalaya zugewendet. Als seine Leute umgekehrt waren, kamen Gottheiten in Menschengestalt und führten ihn über sieben Bergreihen hinüber in den Himalaya. In einer von Vissakamma, dem göttlichen Baumeister, gefertigten Laubhütte betätigte er die Weltflucht der Weisen. Bis er sechzehn Jahre alt war, dienten ihm dort Gottheiten, die das Aussehen von Dienern am Königshofe hatten. Den falschen Asketen aber schlug eine große Menge Volkes und brachte ihn ums Leben.—Das große Wesen aber erlangte die Fähigkeit der Ekstase und die Erkenntnisse und gelangte später in den Brahmahimmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „So, o Mönch, war dieser auch früher schon nur auf meine Ermordung bedacht“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Betrüger Devadatta, die Mutter (Sudhammā) war die große Maya (Buddhas Mutter), Rakkhita war Sāriputta, der Prinz Somanassa aber war ich.“

Ende der Erzählung von Somanassa