Jātaka 511

Die Erzählung von dem Was-Wünschen (Kimchanda-Jātaka)

„Was wünschst du und was strebst du an“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Betätigung des Uposatha. Als nämlich eines Tages viele Laienbrüder und Laienschwestern, die das Uposatha hielten, zum Anhören der Predigt zum Meister gekommen waren und sich in der Lehrhalle niedergesetzt hatten, fragte sie der Meister: „Haltet ihr das Fasten, ihr Laienbrüder?“ Als sie antworteten: „Ja, Herr“, fuhr er fort: „Gut habt ihr daran getan, dass ihr das Uposatha haltet; die Leute der Vorzeit erlangten durch den Gewinn einer halben Uposatha-Betätigung große Ehre.“ Nach diesen Worten erzählte er auf ihre Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war dieser ein gläubiger Fürst und unermüdlich im Almosen Geben, im Halten der Gebote und in der Betätigung des Uposatha. Er befestigte auch die übrigen, seine Minister u. dgl. im Almosen Geben und den übrigen Tugenden. Sein Hauspriester aber war ein Verleumder; er nährte sich von Geschenken und war ein ungerechter Richter.

Am Uposatha-Tage rief der König seine Minister und die übrigen Beamten zu sich und sagte ihnen: „Haltet das Uposatha!“ Der Hauspriester jedoch beobachtete das Uposatha nicht. Nachdem er am Tage ein Geschenk angenommen und einen falschen Richterspruch gefällt hatte, begab er sich zum Könige, um ihm seine Aufwartung zu machen. Während nun der König die Minister und die übrigen fragte, ob sie das Uposatha betätigt hätten, fragte er auch jenen: „Hast auch du, Lehrer, das Uposatha gehalten?“ Er antwortete: „Ja“; und nachdem er so gelogen, stieg er wieder von dem Palaste hinunter. Es schalt ihn aber ein Minister: „Ihr habt doch das Uposatha nicht gehalten!“ Jener erwiderte: „Ich habe schon früher gegessen; ich will aber nach Hause gehen, meinen Mund ausspülen, das Uposatha betätigen und am Abend nichts mehr verzehren. Auch bei Nacht will ich die Tugend bewahren; so werde ich zur Hälfte das Uposatha gehalten haben.“ „Gut, Lehrer“, antwortete der andere. Jener aber ging nach Hause und tat so.

Als er wiederum am nächsten Tage auf dem Richterstuhle saß, hatte gerade eine tugendhafte Frau einen Prozess. Da sie deshalb nicht nach Hause gehen durfte, dachte sie: „Die Uposatha-Betätigung werde ich nicht überschreiten“; und als die Zeit sich nahte, begann sie, ihren Mund auszuspülen. In diesem Augenblick wurde dem Brahmanen ein Mangobündel von ganz reifen Mangos gebracht. Da er merkte, dass jene das Uposatha halten wollte, gab er ihr die Früchte mit den Worten: „Iss diese und halte dann das Uposatha.“ Jene tat so. Soweit gingen die guten Werke des Brahmanen.

Als er in der Folgezeit starb, nahm er im Himalaya-Gebirge am Ufer des Kosiki-Ganges in einem drei Yojanas großen Mangowalde an einem reizenden Fleckchen Erde in einem herrlichen Goldpalaste auf einem reich geschmückten fürstlichen Lager, wie einer, der aus dem Schlafe erwacht, seine Wiedergeburt, herrlich geschmückt, mit größter Schönheit ausgestattet und von sechzehntausend Göttermädchen umgeben. Aber bei Nacht nur genoss er diese Glücksfülle; denn da er ein in einem Palaste lebender büßender Geist war, war sein Erfolg seinen Taten ähnlich. Wenn darum die Sonne aufging, begab er sich in den Mangowald. In dem Augenblicke, wo er diesen betrat, verschwand sein göttliches Aussehen und er erhielt eine Gestalt groß wie ein Palmbaum, der achtzig Ellen hoch ist. Sein ganzer Körper brannte; er glich einem schön blühenden Kimsuka-Baume. An beiden Händen hatte er je einen Finger, an diesen waren Nägel so groß wie ein großer Spaten. Mit diesen Nägeln kratzte er sein Rückenfleisch auf, riss es heraus und verzehrte es; von Schmerzen überwältigt stieß er dabei ein lautes Geschrei aus und musste so viel leiden. Wenn aber die Sonne unterging, so verschwand dieser sein Körper und ein göttlicher Körper ward ihm wieder zuteil. Reich geschmückte göttliche Tänzerinnen umringten ihn mit mannigfachen Instrumenten in der Hand; indem er so großes Glück genoss, stieg er in einen göttlichen Palast in dem entzückenden Mangowalde hinauf. So erhielt er zum Lohn für die dem fastenden Weibe geschenkte Mangofrucht einen Mangowald wieder, der drei Yojanas bedeckte; zur Strafe dafür aber, dass er Geschenke angenommen und falsch Recht gesprochen hatte, kratzte er sich sein Rückenfleisch heraus und aß es auf; zum Lohne endlich dafür, dass er ein halbes Uposatha gehalten hatte, genoss er Nacht für Nacht Ehrung, umgeben von sechzehntausend Tänzerinnen.—

Zu dieser Zeit hatte der König von Benares die Sünde eingesehen, die in den Lüsten liegt, und die Weltflucht der Weisen betätigt. Am Unterlauf des Ganges erbaute er sich an einem reizenden Fleckchen Erde eine Laubhütte und lebte dort, indem er sich von zurückgelassenen Ähren ernährte. Eines Tages nun fiel von jenem Mangowalde eine Mangofrucht, so groß wie ein großer Krug, in den Ganges und kam, durch die Strömung fortgetrieben, auf die Uferstelle zu, die bei dem Aufenthaltsorte jenes Asketen war. Als dieser, während er sein Gesicht wusch, sie inmitten des Stromes daherkommen sah, ging er durch das Wasser, ergriff sie und nahm sie mit in seine Einsiedelei, wo er sie in sein Feuerhaus legte. Mit einem Messer öffnete er sie und aß davon, bis er satt war; das übrige bedeckte er mit Kadali-Blättern und aß wieder davon Tag für Tag, bis sie zu Ende war.

Als die Frucht aber zu Ende gegangen war, vermochte er keine andere Waldfrucht mehr zu essen; durch die Lust nach Wohlgeschmack gefesselt dachte er: „Ich werde nur eine solche Mangofrucht verzehren“, ging an das Ufer des Flusses und setzte sich den Fluss betrachtend hier nieder, indem er den festen Entschluss fasste: „Wenn ich keinen Mango erhalte, werde ich nicht aufstehen.“ So blieb er dort, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, einen Tag sitzen, zwei Tage, drei Tage, vier, fünf, sechs Tage, durch den Glutwind ganz ausgetrocknet, und schaute den Fluss an. Am siebenten Tage aber dachte die Flussgottheit darüber nach; und da sie die Ursache davon erkannte, dachte sie: „Dieser Asket ist in die Gewalt der Begierde gekommen und sitzt deshalb sieben Tage lang da ohne Nahrung, indem er den Ganges betrachtet. Es passt sich nicht, ihm keine Mangofrucht zu geben; denn wenn er keine erhält, so wird er sterben. Ich werde sie ihm geben!“ Sie kam herbei, stellte sich über dem Ganges in die Luft und sprach, indem sie ihn anredete, folgende erste Strophe:

„Was wünschst du und was strebst du an,
dass du allein sitzt in der Hitze?
Wonach begehrst du und tust dies
aus welchem Grunde, o Brahmane?“

Als dies der Asket hörte, sprach er folgende neun Strophen:

„So wie ein großer Wasserkrug,
mit einer Öffnung wohl versehen,
so war die Mangofrucht, gar reich
an Schönheit, Duft und Wohlgeschmack.

Als ich sie sah, wie sie im Flusse
dahintrieb, du, der Reinheit Mitte,
erfasst' ich sie mit meinen Händen
und bracht' sie in mein Feuerhaus.

Darauf verbarg ich unter Blättern
des Kadali-Baumes sie selbst;
mit einem Stahl zerteilt' ich sie
und stillte meinen Durst und Hunger.

Nachdem sie mich von Leid befreit,
verlor ich sie und muss viel dulden;
doch such ich keine Süßigkeit
in andern Früchten irgendwie.

Nachdem ich so vertrocknet bin,
wird sie mich noch zum Tode führen,
die Mangofrucht, die gar so süß,
die ich heraushob, da sie trieb
im tiefen Wasser auf dem Meere.

So hab ich alles dir berichtet,
warum ich hier sitze und faste
an diesem so lieblichen Flusse,
der dicht gefüllt mit schupp'gen Fischen.

Auch du verkünde mir fürwahr,
wer du bist, ohne wegzulaufen,
wer du wohl seiest, schöne Frau,
warum du wohl gekommen, Schlanke.

Wie eine Goldplatte voll Glanz,
wie im Gebirg streifende Tiger,
unter den Götterfrauen, welche
den Göttern Dienerinnen sind,

und auch, die in der Menschenwelt
schönheitbegabte Frauen sind,—
an Schönheit ist dir keine gleich,
bei Göttern, Halbgöttern und Menschen.
Ich frage dich; sprich, Liebliche, Beglückte,
nenne mir deinen Namen, deine Sippe!“

Darauf sprach die Göttin folgende acht Strophen:

„Der liebliche Fluss Kosiki,
an dem du sitzest, o Brahmane,
in diesem wohne ich vorzüglich,
umgeben von des Wassers Wogen.

Auch viele Bergesschluchten,
die von mannigfachen Bäumen voll,
stehn unter meiner Oberhoheit;
herab sie fließen bei dem Regen.

Auch viele Flüsse aus dem Walde,
mit dunkelblauem Wasser fließend,
und viele, die den Nagas eigen,
sie strömen alle in mein Bett.

Die Mangos, Jambus, Brotfruchtbäume,
die Nipas, Palmen, Feigenbäume,
sie lassen viele ihrer Früchte
herunter schwimmen unaufhörlich.

Was immer auch für eine Frucht
auf beiden Ufern fällt ins Wasser,
die Früchte alle ohne Zweifel
kommen in die Gewalt der Strömung.

Wenn du dies hast erkannt, du Weiser,
Verständiger, so höre mich;
find an Begierde nicht Gefallen,
beruh'ge sie, o Völkerfürst!

Nicht halt ich dies für Förderung,
was du begehrst, o Reichsvermehrer,
dass du in deiner Jugend Fülle
den Tod ersehnst, du weiser König.

An dir erkennen dies die Eltern,
die Halbgötter mitsamt den Göttern,
auch die Asketen, die auf Erden
sind weit berühmt durch Selbstbezähmung;
unzweifelhaft durchschauen dich
die wohl Belehrten, Ruhmerfüllten.“

Darauf sprach der Asket folgende vier Strophen:

„Wenn so die Klugen alle Weisheit kennen,
Verletzung und Hinschwinden alles Lebens,
so häuft sich nicht die Sünde an bei diesem,
wenn er nicht sucht, den anderen zu töten.

Da du geehrt warst von der Menge
der Weisen, in der Welt bekannt,
hast du Unedles jetzt gesprochen
und strebst dadurch nach böser Tat.

Und wenn ich wirklich sterben werde
an deinem Strand, Schönhüftige,
wird ohne Zweifel übler Ruf
zu teil dir werden, wenn ich tot bin.

Drum hüte dich vor bösen Taten,
o Weib, schön um des Leibes Mitte,
dass dich nicht nachher alle Leute
beschuldigen, wenn ich gestorben.“

Als dies die Göttertochter vernommen, sprach sie folgende fünf Strophen:

„Dies weiß ich, der du Untragbares trägst;
mich selber und den Mango schenk ich dir,
der du aufgabst die Lüste, schwer zu lassen,
und dich zur Ruh und Tugend hast entschlossen.

Wer seine frühren Bande löste
und nachher wieder kommt in Fesseln,
der wandelt in Untugend nur
und immer mehr wächst seine Schuld.

Komm, dorthin will ich dich verbringen;
gern kannst du deinen Willen haben.
Ich gebe sie dir in der Kühle;
verweile dort befreit von Wünschen.

Vom Wohlgeschmack der Blumen dort,
Siegreicher, sind berauscht die Vögel,
auch Reiher, Pfauen, himmlische
Koyatthis, die Honigreis lieben;
umschwärmt von Scharen wilder Schwäne
lassen die Kuckucke dort sich hören.

Dort gibt es Mangos zweigbeschwert,
wie helles Stroh und Öl erglänzend;
Safflor und Nipas dort auch gibt es,
Palmen, behängt mit reifen Früchten.“

Nachdem sie dies so geschildert, brachte sie den Asketen dorthin und entfernte sich mit den Worten: „Verzehre in diesem Mangowalde die Mangofrüchte und stille damit deine Lust!“ Als der Asket durch das Verzehren der Mangofrüchte seine Lust gestillt hatte und wieder zur Ruhe gekommen war, wandelte er in dem Mangowalde umher. Da sah er jenen abgeschiedenen Geist, wie er sein Unglück erlitt, und vermochte kein Wort zu sagen. Als er ihn aber nach Sonnenuntergang umgeben von Tänzerinnen sein himmlisches Glück genießen sah, sprach er folgende drei Strophen:

„Bekränzt, geschmückt mit schönen Kleidern
und Ohrringen, sandelbestreut,
so wandelst du bei Nacht umher;
aber am Tag leidest du Schmerzen.

Von Weibern sind es sechzehntausend,
die hier sind deine Dienerinnen;
so große Pracht hast du und doch
erregst du so unsagbaren Schauder.

Welch böse Tat begingst du vordem,
die so viel Leid dir hat gebracht,
dass du, weil du sie tatst auf Erden,
von deinem Rücken isst das Fleisch?“

Der büßende Geist erkannte den König und erwiderte: „Ihr erkennt mich nicht; ich war aber Euer Hauspriester. Dieser Glücksgenuss bei Nacht wurde mir zuteil zum Lohne für ein halbes Uposatha, das ich um Euretwillen beobachtete; das Schmerzen Leiden am Tage aber ist nur die Strafe für das Böse, das ich getan. Als ich nämlich von Euch auf den Richterstuhl gesetzt war, fällte ich falsche Urteile, nahm Geschenke an und verleumdete die andern. Zur Strafe für dies am Tage verübte Böse erdulde ich dieses Leid.“ Und hierauf sprach er folgendes Strophenpaar:

„Nachdem die Veden ich erlernt,
ward ich gefesselt an die Lüste;
gar lange Zeit wandelte ich
zum Unglück nur der andern Menschen.

Wer ein Verleumder andrer ist,
der gräbt ihr Fleisch aus und verzehrt 's,
so wie ich selber heute esse
das Fleisch von meinem eignen Rücken.“

Nachdem er aber so gesprochen, fragte er den Asketen: „Wie seid Ihr hierher gekommen?“ Der Asket erzählte alles ausführlich. Darauf fragte jener: „Jetzt aber, ehrwürdiger Herr, werdet Ihr hier bleiben oder werdet Ihr fortgehen?“ Der König versetzte: „Ich werde nicht hier bleiben, sondern in meine Einsiedelei zurückkehren“ Darauf sprach der büßende Geist: „Gut, Herr, ich werde Euch beständig mit einer Mangofrucht aufwarten.“ Durch seine übernatürliche Kraft brachte er ihn in seine Einsiedelei zurück, sagte zu ihm: „Bleibt hier wohnen, ohne unzufrieden zu werden“, und entfernte sich wieder, nachdem er seine Zustimmung erhalten. Von da an wartete er ihm beständig mit einer Mangofrucht auf. Während der Asket sie verzehrte, betätigte er die Vorbereitung zur Erlangung der Ekstase, erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse und gelangte so in die Brahmawelt.

Nachdem der Meister vor den Laienbrüdern diese Unterweisung beschlossen, erklärte er ihnen die Wahrheiten und verband das Jātaka (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangten einige zur Bekehrung, einige zur einmaligen Rückkehr und einige zur Nichtrückkehr) mit folgenden Worten: „Damals war die Gottheit Uppalavanna, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Was-Wünschen