Jātaka 512

Die Erzählung von dem Topf (Kumbha-Jātaka)

„Wer ist erschienen“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf fünfhundert Frauen, Freundinnen der Visakha, die Branntwein getrunken hatten. Als nämlich zu Savatthi das Branntweinfest ausgerufen war, bereiteten die fünfhundert Frauen für ihre Gatten am Ende der Festwoche scharfen Branntwein und beschlossen, auch das Fest zu feiern. Darum gingen sie alle zu Visakha hin und sagten zu ihr: „Freundin, wir wollen das Fest begehen.“ Als jene erwiderte: „Dies ist ein Branntweinfest; ich werde keinen Branntwein trinken“, versetzten sie: „Gebt Ihr nur dem völlig Erleuchteten Almosen; wir werden das Fest schon feiern.“

„Gut“, stimmte Visakha bei; sie schickte die anderen fort, ließ den Meister einladen und spendete ein großes Almosen. Zur Abendzeit nahm sie viele wohlriechende Substanzen und Kränze mit und ging, um seine Predigt zu hören, nach dem Jetavana, von jenen umgeben. Die Frauen aber, voll Lust, Branntwein zu trinken, gingen mit ihr, und auch als sie schon am Torerker standen, tranken sie noch Branntwein und gingen dann mit ihr zum Meister hin. Visakha setzte sich, nachdem sie den Meister begrüßt, neben ihn; von den übrigen aber tanzten einige vor dem Meister, andere sangen, andere machten unziemliche Bemerkungen mit den Händen oder den Füßen und wieder andere fingen Streit an.

Um sie zu erschüttern, entsandte nun der Meister aus den Haaren seiner Augenbrauen einen Lichtstrahl und es entstand tiefe Finsternis. Da gerieten jene in Angst, von Todesfurcht gequält; dadurch hörte bei ihnen der Rausch auf. Jetzt verschwand der Meister von dem Polster, auf dem er gesessen, stellte sich auf den Gipfel des Sineru und entsandte aus den Haaren zwischen seinen Augenbrauen einen Strahl; da war es, als ob tausende Monde aufgingen. Während dort der Meister noch stand, sprach er, um in ihnen Bestürzung wachzurufen, folgende Strophe:

„Welches Gelächter, welche Freude
gibt es, wenn alles steht in Flammen?
Von Finsternis bedrückt wollt ihr
denn nicht nach einer Leuchte suchen?“

Am Ende dieser Strophe gelangten alle diese fünfhundert Frauen zur Frucht der Bekehrung. Der Meister aber kehrte zurück und ließ sich im Schatten seines duftenden Gemaches auf seinem Buddhasitze nieder. Darauf bezeigte ihm Visakha ihre Verehrung und fragte ihn: „Herr, wann ist denn dieses das Schamgefühl zerstörende Branntweintrinken aufgekommen?“ Um ihr dies mitzuteilen, erzählte er hierauf folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, zog ein Jäger namens Sura, um nach irgendeinem Gut zu suchen, nach dem Himalaya. Dort war ein Baum emporgewachsen, der in Manneshöhe sich in drei Teile teilte. Inmitten dieser drei Teile aber befand sich eine Höhlung, so groß wie ein Branntweintopf; diese füllte sich, wenn es regnete, mit Wasser. Um ihn herum stand ein Haritaki-Baum, ein Amalaki-Baum und ein Gebüsch von Pfeffersträuchern; von diesen zerbarsten die reifen Früchte und fielen in das Wasser hinab. Nicht weit von dort wuchs wilder Reis. Von da nahmen Papageien Reisköpfchen fort, setzten sich auf jenen Baum und verzehrten sie dort. Während sie dort aßen, entfielen ihnen wilder Reis und Reiskörner und fielen in das Wasser hinein; so wurde das Wasser durch die Sonnenglut gekocht und bekam eine blutrote Farbe. Zur Zeit der Hitze tranken durstige Vogelscharen davon und fielen berauscht zu Boden; nachdem sie kurze Zeit am Fuße des Baumes geschlafen hatten, flogen sie zwitschernd wieder davon. Auch bei den Hunden und Affen des Waldes und anderen Tieren fand dasselbe statt.

Als der Jäger dies sah, dachte er: „Wenn dies ein Gift wäre, so würden diese sterben; nachdem sie aber kurze Zeit geschlafen haben, entfernen sie sich, wohin sie wollen. Kein Gift ist dies!“ Er trank selbst davon, wurde berauscht und bekam Lust, Fleisch zu essen; darum machte er ein Feuer, tötete Rebhühner, Hähne u. dgl., die an den Fuß des Baumes gefallen waren, und briet ihr Fleisch auf Kohlen. Indem er mit der einen Hand tanzte, mit der andern das Fleisch verzehrte, blieb er einen oder zwei Tage dort.

Unweit von dort aber wohnte ein Asket namens Varuna. Manchmal ging sonst der Jäger zu diesem hin. Damals dachte er: „Dies Getränk will ich mit dem Büßer zusammen trinken“; er füllte eine Bambusröhre damit an, nahm gebratenes Fleisch mit, ging nach der Laubhütte und sprach: „Herr, trinkt von diesem Getränk!“ So aßen beide das Fleisch auf und tranken dazu. Weil aber Sura und Varuna diesen Trank entdeckt hatten, wurde er „sura“ und „varuni“ genannt.

Darauf dachten die beiden: „Dies ist ein Mittel“; sie füllten Bambusröhren damit an, nahmen diese an einer Tragstange mit, begaben sich in die Grenzstadt und ließen dem Könige melden: „Getränkehändler sind gekommen.“ Der König ließ sie zu sich kommen und sie reichten ihm ihren Trank dar. Nachdem der König zwei- oder dreimal getrunken hatte, wurde er berauscht; dieser reichte aber nur für einen oder zwei Tage. Darauf fragte er sie: „Gibt es noch mehr davon?“ Auf ihre bejahende Antwort fragte er weiter: „Wo?“, und sie erwiderten: „Im Himalaya, o Fürst.“ „Bringt mir also davon her!“

Sie gingen hin und brachten ein- oder zweimal davon; dann aber dachten sie: „Wir werden nicht beständig dorthin gehen können.“ Sie merkten sich die wesentlichen Bestandteile, mischten, von der Rinde des Baumes angefangen, alle Bestandteile zusammen und machten so in der Stadt Branntwein. Nachdem die Städter den Branntwein getrunken hatten, wurden sie nachlässig und kamen ins Elend; die Stadt war wie entvölkert.—Von hier entflohen die Getränkehändler, begaben sich nach Benares und ließen dem König melden: „Es sind Getränkehändler gekommen.“ Der König ließ sie rufen und gab ihnen Lohn. Auch hier machten sie Branntwein und auch diese Stadt ging damals zugrunde. Von da entflohen sie nach Saketa und von Saketa kamen sie nach Savatthi.

Damals herrschte zu Savatthi der König Sabbamitta (= „Allfreund“). Dieser bezeigte ihnen seine Gunst und fragte: „Was begehrt ihr?“ Als sie antworteten: „Das Geld für die Bestandteile, festen Reis und fünfhundert Töpfe“, ließ er ihnen dies alles geben. Nachdem sie sodann in den fünfhundert Töpfen den Branntwein bereitet hatten, banden sie, um die Töpfe zu schützen, in der Nähe eines jeden Topfes eine Katze fest. Als nun der Branntwein kochte und in die Höhe stieg, tranken diese den aus dem Innern der Töpfe hervorquellenden Branntwein, wurden davon berauscht und schliefen ein. Da kamen Mäuse, fraßen ihnen an den Ohren, Nasen, Zähnen und Schwänzen und liefen dann wieder fort.

Es meldeten aber die dort beschäftigten Männer dem Könige: „Die Katzen haben Branntwein getrunken und sind daran gestorben.“ Der König erwiderte: „Diese werden Giftmischer sein“, und ließ den beiden Männern den Kopf abschlagen; indem sie riefen: „Es ist Branntwein, o Fürst, es ist süß, o Fürst“, starben sie. Nachdem sie aber der König hatte töten lassen, befahl er, die Töpfe zu zerschlagen.

Bei den Katzen war inzwischen der Rausch vergangen; sie standen auf und liefen spielend umher. Als man dies sah, meldete man es dem Könige. Der König dachte: „Wenn es Gift wäre, so wären diese Tiere gestorben. Es muss etwas Süßes sein; wir wollen es trinken!“ Er ließ die Stadt prächtig schmücken und im Hofe des königlichen Palastes einen Pavillon errichten. In diesem reich gezierten Pavillon ließ er sich unter dem ausgebreiteten weißen Sonnenschirm auf seinem königlichen Throne nieder und machte sich, von der Schar seiner Minister umgeben, daran, den Branntwein zu trinken.

Damals betrachtete gerade Gott Sakka, um zu sehen, wer durch unermüdliche Fürsorge für die Mutter usw. die drei Arten guten Wandels betätige, die Welt. Da sah er, wie der König sich niedergesetzt hatte, um Branntwein zu trinken, und er dachte: „Wenn dieser Branntwein trinken wird, so wird der ganze Jambu-Erdteil zugrunde gehen. Ich werde bewirken, dass er nicht davon trinkt.“ Er stellte einen mit Branntwein gefüllten Topf auf seine Handfläche, kam in Brahmanenkleidung herbei, stellte sich vor den Augen des Königs in die Luft und sagte: „Kauft diesen Topf, kauft diesen Topf.“ Als der König Sabbamitta ihn sah, wie er solches rufend in der Luft stand, dachte er: „Woher kommt wohl der Brahmane?“; und indem er ihn anredete, sprach er folgende drei Strophen:

„Wer ist erschienen aus der Götterwelt,
die Nacht erleuchtend wie der Mond am Himmel?
Hervor aus deinen Gliedern kommen Strahlen,
so wie die Blitze leuchten in der Luft.

Wie eine Wolke wandelst du am Himmel,
du wandelst frei und stehst fest in der Luft.
Ist 's die gewohnte Wunderkraft, die du betätigst,
wie bei den Gottheiten, die weglos wandeln?

Gekommen bist du durch die Luft und stehst jetzt
und rufst: ‚Kauft diesen Topf!‘ Weil du so handelst,
was ist dies für ein Topf und wozu dient er?
Erkläre mir, Brahmane, diese Sache!“

Darauf antwortete Gott Sakka: „Höre also zu“, und sprach, um die Fehler des Branntweins darzulegen, folgende Strophen:

„Kein Topf zerlassner Butter ist 's, kein Öltopf,
kein Topf voll Butter noch ein Topf voll Honig.
Nicht wenig sind die Nachteile des Topfes;
hört an die vielen Fehler, die im Topf sind.

Wenn er getrunken, würde straucheln, fallen
in tiefen Abgrund, Höhlen und Mistpfützen,
auch viel, was ungenießbar ist, verzehren
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken, seines Sinns nicht mächtig
würd wandern wie ein Rind, das Futter sucht,
in seinem Elend würde singen, tanzen
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken, nackt und unbekleidet
im Dorf und auf den Straßen würde wandeln
verwirrt, verrückt und bis zur Unzeit schlafend
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken, würde schwankend aufstehn
und zitternd seinen Kopf und Arm bewegen,
wie eine holzgeschnitzte Puppe würde tanzen
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken, schläft versengt vom Feuer
und angefressen selbst von den Schakalen,
zu Banden, Tod und Räuberlos gelangt
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken, redet Unsagbares
in der Versammlung sitzend ohne Kleider,
befleckt und im Gespieenen festhaftend
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken, stolz mit trübem Auge
würde er glauben: ‚Mein gehört die Welt,
nicht ist mir gleich der ganzen Erde König‘,
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Voll Überhebung, Streit und voll Verleumdung,
schmähend, entblößend und zur Flucht bewegend,
der Dieb' und Schurken Los und Wohnung trifft
den, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Glückliche und erfolgreiche Familien,
viel tausend Goldstücke auch kann er haben,
doch alles Erbe wird von ihm vergeudet,
welchem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Getreide und Vermögen, Gold und Silber,
Felder und Kühe gehen dort verloren,
wohlhabenden Familien ist Zerstörer
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er von ihm getrunken, schilt der Mann
voll Glut im Antlitz Vater sowie Mutter,
die Schwiegermutter und die Schwiegertochter
fasst an, dem Ihr kauft diesen vollen Krug.

Wenn sie davon getrunken, schilt die Frau
voll Zorn den Schwiegervater und den Gatten;
auch einen Sklaven, einen Diener fasst sie,
wenn Ihr ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken, würde der Mann töten
den rechtschaffnen Asketen und Brahmanen,
zum Unheil auch würde er dadurch kommen,
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn sie davon getrunken, tun sie Unrecht
in Werken und in Worten und Gedanken,
zur Hölle kommen sie durch ihre Sünden,
denen Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Was man trotz Bitten früher nicht erlangte,
auch wenn man vieles Gold dafür wollt' opfern,
die Lüge sagt, wenn er davon getrunken,
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn er getrunken und man schickt ihm Botschaft,
da unerwartet dies die Not erfordert,
so kann er nicht verstehn den Sinn der Rede,
der, dem Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Auch die schamhaften Leute offenbaren
Schamlosigkeit, wenn sie berauscht von Branntwein;
auch weise, kluge Männer schwatzen viel,
wenn Ihr kauft ihnen diesen vollen Krug.

Wenn man getrunken, liegt auf einem Haufen
man ohne Essen auf der bloßen Erde;
zu Missachtung und Tadel kommen die,
denen Ihr kaufet diesen vollen Krug.

Wenn man getrunken, stürzt man hin
so wie ein Rind, aufs Haupt getroffen;
denn nicht ist des Branntweines Kraft
von einem Mann leicht zu bezwingen.

Was alle Welt sucht zu vermeiden
gleich einer giftgefüllten Schlange,
das, was dem Gifte gleicht auf Erden,
welcher Mann dürfte dies wohl trinken?

Da sie getrunken, wandelten die Söhne
des Andhakavenhu am Meeresstrande
und töteten einander mit den Keulen;
so geht es, wenn Ihr kauft den vollen Krug.

Da sie getrunken, stürzten aus dem Himmel
berauscht die frühren Götter trotz ihrer Kraft für ewig;
da diesen Rauschtrank, der so schädlich ist,
du kennst, o Großkönig, wie kannst du trinken?

Nachdem erkannt du, dass in diesem Kruge
nicht Molken oder Honig, kauf ihn, König;
denn was im Krug vorhanden, sagt' ich dir,
sein Wesen dir erklärt' ich, Sabbamitta.“—

Als dies der König vernommen, erkannte er die Nachteile des Branntweins und sprach befriedigt, um Sakka zu preisen, folgende zwei Strophen:

„Nicht hat mein Vater oder auch die Mutter
so viel an mir wie du mir jetzt getan.
Das Gute wünschend, nach Vollendung strebend
werd ich noch heut nach deinen Worten tun.

Ich schenke dir fünf Dörfer nach deinem Wunsche,
dann hundert Mägde, siebenhundert Kühe,
zehn Wagen auch bespannt mit edlen Rossen;
du bist mein Lehrer, der mein Bestes will.“

Als dies Gott Sakka hörte, zeigte er ihm seine Göttlichkeit; und um sich zu erkennen zu geben, sprach er in der Luft stehend folgende zwei Strophen:

„Dein sollen sein die hundert Mägde, König,
Dörfer und Rinder auch magst du behalten,
auch deine Wagen mit den edlen Pferden;
Sakka bin ich, der Fürst der (Dreiund)dreißig.

Iss Fleisch mit Brei und Reisbrei auch mit Butter,
verzehre Kuchen auch mit süßem Honig,
so gehe du, der Tugend froh, o König,
dann ohne Tadel ein zu Himmelshöhen.“

Nachdem ihm so Sakka eine Ermahnung gegeben, kehrte er an seinen himmlischen Ort zurück. Der König aber trank den Branntwein nicht, sondern ließ die Branntweintöpfe zerschlagen; er hielt die Gebote, spendete Almosen und gelangte dadurch in den Himmel. Auf dem Jambu-Erdteil aber kam das Trinken von Branntwein allmählich zur Entwicklung.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, Gott Sakka aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Krug.