Jātaka 516

Die große Erzählung von dem Affen (Maha-Kapi-Jātaka)

„Ein König lebte zu Benares“

Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung darauf, dass ihn Devadatta durch einen Felsblock verwundet hatte. Als dieser nämlich die Bogenschützen entsandt und in der Folgezeit auf ihn einen Felsblock geschleudert hatte, erzählten die Mönche von der Unehre des Devadatta. Da sprach zu ihnen der Meister: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon hat Devadatta nach mir einen Stein geworfen.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, hatte in einem Dorfe des Reiches Kasi ein seinen Acker bebauender Brahmane sein Feld gepflügt; darauf ließ er seine Rinder frei und begann, mit dem Spaten zu arbeiten. Die Rinder, die in einem Gebüsch die Blätter fraßen, kamen allmählich in den Wald und liefen davon. Als nun jener merkte, dass es Zeit war, und den Spaten beiseite legte, schaute er sich nach seinen Rindern um und fand sie nicht. Voll Betrübnis ging er, um sie zu suchen, in den Wald hinein und gelangte so bei seinem Nachforschen bis in den Himalaya, wo er die Richtung verlor. Während er sieben Tage lang ohne Nahrung umherirrte, bemerkte er einen Tinduka-Baum, bestieg ihn und aß seine Blätter; dabei fiel er herunter und stürzte in einen sechzig Ellen tiefen Höllenabgrund. Dort verbrachte er zwölf Tage.

Damals hatte der Bodhisattva im Affengeschlecht seine Wiedergeburt genommen. Als er gerade Waldfrüchte verzehrte, sah er den Mann; er hielt sich an einem Steine fest und zog den Mann heraus. Als er aber schlief, zerschlug jener sein Haupt mit einem Steine. Da das große Wesen jene seine Tat merkte, sprang es empor, setzte sich auf einen Ast und sprach: „He, Mann, gehe du auf der Erde; ich werde dir den Weg zeigen und auf den Spitzen der Zweige wandeln.“ Nachdem er so den Mann aus dem Walde herausgeführt und auf die Straße gebracht hatte, kehrte er wieder in seine Berggegend zurück.

Der Mann aber bekam, weil er sich so gegen das große Wesen verfehlt hatte, den Aussatz und wurde noch auf dieser Welt eine Art Menschengespenst. Als er sieben Jahre lang von seinem Leid zu Boden gedrückt umhergewandelt war, ging er einmal zu Benares in den Migacira-Park, breitete innerhalb der Umwallung Kadali-Blätter aus und legte sich schmerzgequält darauf. Damals war der König von Benares in seinen Park gegangen und wandelte dort umher; da sah er jenen und fragte: „Wer bist du? Was hast du getan, dass du solches Leid erduldest?“ Darauf erzählte ihm jener alles mit Ausführlichkeit.

Um diesen Sachverhalt zu erklären, sprach der Meister:

Ein König lebte zu Benares,
der Kasi-Leute Reichsvermehrer;
umringt von Freunden und Ministern
ging er zum Park Migacira.

Einen Brahmanen sah er dort,
der weiß und glänzend war und trocken,
mit Löchern wie ein Kuvilara,
mager, dass man die Adern sah.

Als nun der König sah den Mann,
der höchstes Mitleid ihm erregte,
den magern, fragt' er ihn voll Furcht:
„Was für ein Dämon bist du wohl?

Hände und Füße sind dir weiß,
viel weißer ist jedoch dein Haupt;
gesprenkelt ist dein ganzer Körper,
voll trocknen Aussatzes bist du.

Einer Reihe von Spinnwirteln
dein Rücken gleicht im Auf und Nieder;
voll schwarzer Knoten sind die Glieder.
Nicht sah ich jemals deinesgleichen.

Schwankenden Fußes zitterst du,
bist mager, dass man sieht die Adern;
verdorrt, verhungert siehst du aus;
woher bist du denn hergekommen?

Elend und schwächlich siehst du aus,
von schlechter Farbe, ganz zum Fürchten;
die Mutter selbst, die dich gebar,
würde dich nicht so sehen wollen.

Was hast du denn vordem getan
und welchen Mord hast du begangen?
Was für 'ne Tat begingest du,
dass du zu solchem Leid gelangtest?“

Darauf sprach der Brahmane folgendes:

„Schnell werde ich es dir verkünden,
so gut 's in meinen Kräften steht;
denn wer die Wahrheit sagt, den preisen
auf dieser Erdenwelt die Weisen.

Allein ging ich, ein Rind zu suchen,
und kam verirrt in einen Wald,
in einen weiten, wüsten Forst,
belebt von vielen Elefanten.

Verloren war ich in dem Dickicht,
wo Raubtiere umherschlichen;
dort wandelte ich sieben Tage
gequält von Hunger und von Durst.

Da sah ich einen Tinduka,
der ich von Hunger war entkräftet;
er hing über den Abgrund hin
und viele reife Früchte trug er.

Vom Wind herabgewehte aß ich
und sie gefielen mir gar wohl;
voll Hunger stieg ich auf den Baum:
‚Dort werd ich bleiben und verzehren.‘

Die eine Frucht hatt' ich gegessen
und nach der zweiten ich begehrte;
doch davon brach der Zweig mir ab,
wie von der scharfen Axt getroffen.

Mitsamt den Zweigen stürzte ich,
den Fuß nach oben, Kopf nach unten
in jenen Bergesschlund hinab,
wo keine Hilfe war, kein Halten.

Doch weil dort tiefes Wasser war,
deshalb zerschmetterte ich nicht.
Dort blieb ich liegen, aller Freude
beraubt, während zehn vollen Nächten.—

Da kam ein Affe mit 'nem Schwanz
wie eine Kuh; in Höhlen wohnt' er;
von Zweig zu Zweige schwang er sich
und so aß er der Bäume Früchte.
Als er mich mager sah und gelb,
da sprach er mitleidsvoll zu mir:

‚Holla, wer ist denn dieses hier,
der so vom Unglück ist gequält?
Ob du ein Mensch bist oder Dämon,
das offenbare mir von dir!‘

Ich faltete zu ihm die Hände
und sagte zu ihm dieses Wort:
‚Ein Mensch bin ich, ins Unglück stürzt' ich;
ich kann von hier nicht wieder fort.
Drum sag zu Euch ich: Heil sei Euch;
gewähre du mir deine Hilfe!‘

Jetzt einen schweren Stein ergriff
der Affe und ging an den Berg;
an jenen Stein stemmt' er sich an
und dann sagte zu mir der Starke:

‚Komm her und steig auf meinen Rücken,
fass meinen Hals mit deinen Armen;
schnell werde ich heraus dich tragen
aus diesem tiefen Bergesschlund.‘

Als ich nun diese Worte hörte
des majestät'schen Affenfürsten,
da stieg ich auf des Starken Rücken,
umfasst' den Hals mit meinen Armen.

So brachte er mich dann heraus,
der ruhmreiche, gewalt'ge Affe,
mit großer Anstrengung und Mühe
rasch aus der Berges tiefem Schlund.

Als mich herausgebracht der Weise,
der Starke, da sprach er zu mir:
‚Wohlan, mein Freund, bewache mich;
ich möchte jetzt ein wenig schlafen.

Löwen und Tiger oder Panther,
Bären und andre Waldestiere
könnten verletzen mich, den Matten;
wenn du sie siehst, halte sie fern!‘

Nachdem mich dieser so gerettet,
schlief er für einen Augenblick;
da stieg in mir unklugerweise
ein gar böser Gedanke auf:

‚Für Menschen ist er zu verzehren
so wie die andern Waldestiere;
wie wenn ich nun den Affen tötet'
und damit meinen Hunger stillte?

Wenn ich gegessen, werd' ich gehen
und noch gar viel Fleisch mit mir nehmen;
aus der Wildnis werd' ich entkommen
und er wird mir zur Speise dienen.‘

Darauf ergriff ich einen Stein
und schleudert' ihn nach seinem Haupte;
doch weil ermattet meine Hand,
besaß der Wurf geringe Kraft.

Schnell sprang der Affe jetzt empor;
den ganzen Körper blutbesudelt,
die Augen angefüllt mit Tränen
so wandt' er weinend sich an mich:

‚Nicht tue, Edler, so an mir;
Heil sei dir! Du hast dies getan.
Du, der du selber lange lebst,
den andern willst das Leben rauben.

Ach pfui, fürwahr, du böser Mann,
der du so Übles hast getan;
denn aus dem Abgrund zog ich dich,
dem tiefen, unzugänglichen.

Wie aus der andern Welt errettet
warst du und sannest mir Verrat;
von einem solchen Bösewicht,
vom Schlechten Schlechtes ward ersonnen.

Dass du nur nicht, du Unrechttuer,
noch bittre Schmerzen leiden musst,
dass dich nicht deiner Tat Erfolg
vernichte, wie die Frucht den Bambus.

Zu dir hab ich nicht mehr Vertrauen,
ein böses Werk dachtest du aus;
komm, gehe du jetzt hinter mir,
doch so, dass ich dich sehen kann.

Befreit bist du von Raubtieren,
gekommen zu der Menschen Pfad;
dies ist der Weg, du Unrechttuer,
gehe darauf, wohin du willst.‘—

Da so der Bergaffe gesprochen,
in einem Teich wusch er sein Haupt;
die Tränen wischte er sich ab
und stieg wieder zum Berg hinauf.

Als jener derart mich verflucht,
ward ich von Fieberglut befallen;
und da mein Körper brannt' wie Feuer
entfernt' ich mich, Wasser zu trinken.

Als wär' vom Feuer er verbrannt,
als wäre er mit Blut befleckt,
so kam der ganze See mir vor;
wie altes Blut war er gefärbt.

Und während seine Wassertropfen
auf meinen Körper niederfielen,
zur selben Zeit wuchsen mir Beulen
so groß wie halbe Vilva-Früchte.

Sie brachen auf und tropften nieder
an mir, stinkend wie altes Blut.
Wohin ich aber immer ging
in Dörfern und in Flecken auch,

mit Prügeln in den Händen wehrten
mich ab die Weiber und die Männer:
‚Du, der du Pestgeruch verbreitest,
nicht näher komm zu uns heran.‘

Ein derartiges schweres Unglück
muss ich seit sieben vollen Jahren
erdulden als den Lohn des Bösen,
das selber einst ich hab begangen.

Drum sage ich euch: Heil sei euch,
soviel ihr hier zusammenkamet;
übt nicht Verrat an euren Freunden,
ein Bösewicht ist der Verräter.

Aussätzig und voll Flecken wird,
wer seine Freunde hier verrät;
wer seinen Freund verraten, kommt
nach seinem Tode in die Hölle.“—

Während aber der Mann immer so mit dem Könige sprach, öffnete sich die Erde; in demselben Augenblicke starb er und wurde in der Hölle wiedergeboren. Als er aber in der Erde versunken war, verließ der König den Park und kehrte in die Stadt zurück.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon warf Devadatta einen Stein nach mir“, und verband sodann das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Mann, der seinen Freund verriet, Devadatta, der Affenkönig aber war ich.“

Ende der großen Erzählung von dem Affen