Jātaka 518

Die Erzählung von Pandara (Pandara-Jātaka)

„Wer Worte ausstreut“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung darauf, wie Devadatta gelogen hatte und in die Erde versunken war. Als nämlich damals die Mönche dessen Unehre verkündeten, sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon hat Devadatta die Unwahrheit gesagt und ist darauf in die Erde versunken.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, waren fünfhundert Kaufleute mit einem Schiffe auf das Meer gefahren. Am siebenten Tage, als man kein Ufer mehr sah, zerschellte das Schiff auf dem Meere und mit Ausnahme eines einzigen wurden alle übrigen die Speise der Fische. Einer aber gelangte, durch die Gewalt des Windes getragen, nach dem Hafenplatz Karambiya; hier stieg er aus dem Meere heraus, nackt und schutzlos, und ging in diesem Hafenplatz umher, um Almosen zu sammeln. Von ihm dachten die Leute: „Er ist ein genügsamer, zufriedener Asket“, und sie huldigten ihm und ehrten ihn. Da dachte jener: „Jetzt habe ich ein Mittel gefunden, um mein Leben zu fristen“; und auch als sie ihm Wohnung und Kleidung gaben, nahm er es nicht an. Da meinten sie: „Es gibt keinen genügsameren Asketen als diesen“, und sie wurden immer mehr mit Verehrung gegen ihn erfüllt; sie erbauten ihm eine Einsiedelei und wiesen sie ihm zur Wohnung an. Er wurde dort der nackte Asket von Karambiya genannt. Während er dort wohnte, wurde ihm große Ehre und Verehrung zu teil. Auch ein Naga-König und ein Supanna-König kamen herbei, um ihm ihre Aufwartung zu machen; von diesen trug der Naga-König den Namen Pandara.

Eines Tages nun ging der Supanna-König zu jenem hin, bezeigte ihm seine Verehrung und sprach, während er ihm zur Seite saß: „Ehrwürdiger Herr, wenn unsere Verwandten die Nagas fangen, gehen sie oft dabei zugrunde. Wir wissen keine sichere Art, die Nagas zu fangen; sie haben nämlich ein Geheimnis dabei. Könntet Ihr sie nicht, als ob Ihr ihnen etwas Liebes tun wolltet, nach dieser Sache fragen?“ Der Asket gab seine Zustimmung. Als nun der Supanna-König sich ehrfurchtsvoll wieder entfernt und der Naga-König zu jenem kam und, nachdem er ihm seine Ehrerbietung bewiesen, sich neben ihn gesetzt hatte, da fragte er den Naga-König: „O Naga-König, wenn die Supannas euch zu fangen suchen, gehen viele dabei zugrunde; wenn sie euch fangen wollen, wie müssen sie es da machen?“ Der Naga-König antwortete: „Herr, dies ist unser besonderes Geheimnis; wenn ich es verrate, so habe ich damit der Schar meiner Verwandten den Tod gebracht.“ Der Asket versetzte: „Wie aber, mein Lieber, meinst du von mir: ‚Dieser wird es einem anderen erzählen?‘ Ich werde es keinem anderen erzählen, sondern ich frage dich danach nur aus eigener Wissbegier. Vertraue mir, lege deine Furcht ab und sage es mir.“ Der Naga-König erwiderte: „Ich erzähle es noch, Herr“, bezeigte ihm seine Ehrfurcht und entfernte sich.

Auch am zweiten Tage fragte er ihn, aber auch da erzählte er es nicht. Als aber am dritten Tage der Naga-König herbeikam und neben ihm saß, sagte er zu ihm: „Heute ist der dritte Tag; warum sagst du es mir nicht, wenn ich dich frage?“ Jener antwortete: „Aus Furcht, Ihr möchtet es einem anderen erzählen, Herr.“ Der Asket versetzte: „Ich werde es niemandem sagen; sei ohne Furcht!“ „Darum also, Herr, erzählt es niemand“, sagte der Naga-König, und nachdem er die Zustimmung von jenem erhalten hatte, erzählte er:,Herr, wir verschlucken immer große Steine und legen uns, wenn wir dadurch beschwert sind, nieder; wenn dann die Supannas herankommen, sperren wir den Rachen auf, öffnen die Zähne und stellen uns, als wollten wir die Supannas beißen. Diese kommen dann heran und packen uns am Kopfe. Wenn sie sich nun anstrengen, uns, die wir in unserer Schwere am Boden liegen, aufzuheben, strömt ihnen das Wasser heraus und sie sterben in diesem Wasser. Auf diese Weise gehen viele Supannas zugrunde. Wenn sie uns packen, was brauchen sie uns da am Kopfe zu packen? Die Toren sollen uns am Schwanze fassen, unsern Kopf nach unten hängen lassen, dass wir das eingenommene Futter durch den Mund von uns geben, und uns dadurch leicht machen; dann können sie fortfliegen.“ So erzählte er ihr geheimes Tun jenem Bösewicht.

Als er sich hierauf entfernt hatte, kam der Supanna-König herbei, bezeigte dem nackten Asketen von Karambiya seine Verehrung und sagte: „Wie, Herr, habt Ihr den Naga-König nach seinem Geheimnis gefragt?“ Jener antwortete: „Ja, mein Lieber“, und erzählte ihm alles so, wie es ihm gesagt worden war. Als dies der Supanna hörte, dachte er: „Der Naga-König hat etwas Unpassendes getan; denn die Art, wie die Verwandten zugrunde gehen können, darf man einem andern nicht sagen. Gut; heute muss ich einen Supanna-Wind verursachen und zuerst einen auf diese Weise fangen.“ Er machte einen Supanna-Wind, packte den Naga-König Pandara am Schwanze, ließ dessen Haupt nach unten hängen und bewirkte so, dass er das in sich aufgenommene Futter von sich gab; dann schwang er sich in die Höhe und flog in die Luft empor. Als nun Pandara in der Luft hing den Kopf nach unten, dachte er: „Ich selbst habe das Unheil über mich gebracht“, und jammernd sprach er:

„Wer Worte ausstreut, nicht verbirgt sein Wissen,
wer sich nicht zähmt, wer nicht voll Umsicht ist,
den Toren überfällt durch ihn selbst Furcht
wie der Supanna Pandara den Naga.

Wer ein wohl zu behütendes Geheimnis
in der Verblendung ausspricht und verrät,
den Geheimnisbrecher überfällt rasch Not
wie der Supanna Pandara den Naga.

Wer nicht ein wahrer Freund, der darf
ernstes Geheimnis nicht erfahren;
auch dass ein guter Freund es weiß
oder auch nicht, bringt keinen Nutzen.

Vertrauen hatt' ich und dacht', der Asket,
der nackte, ist geehrt und wohl bewährt;
ihm öffnet' ich und sagt' ihm mein Geheimnis,
doch überwältigt weine ich Elender.

Und ihm, du Weiser, konnte ich das Wort,
das äußerste Geheimnis nicht verschweigen;
von ihm kam über mich die Todesnot
und überwältigt weine ich Elender.

Fürwahr, wer einen hält für seinen Freund
und ein Geheimnis seinem Feind verrät
aus Hass, aus Furcht oder von Lust erfüllt,
niedergebeugt wird zweifellos der Tor.

Wer ein Geheimnis weiß und, unter Böse
gekommen, dies in der Versammlung sagt,
ist hässlich, sagt man, wie die gift'ge Schlange;
weit fort, weit fort soll man sich von ihm halten.

Speise und Trank, Gewand, duftendes Pulver,
auch schöne Frauen, Kränze, Wohlgerüche,
auf alle Lüste werden wir verzichten;
in deine Macht sind wir gelangt, Supanna.“

So klagte Pandaraka mit diesen acht Strophen, während er mit dem Kopfe nach unten in der Luft hing. Als der Supanna dessen Klagelaute vernahm, tadelte er ihn mit den Worten: „O Naga-König, nachdem du dein Geheimnis dem nackten Asketen verraten hast, warum klagst du jetzt?“ Und er sprach folgende Strophe:

„Wer von uns dreien hier verdient wohl Tadel,
der du in dieser Welt lebst, Naga-König,
der Mönch, der Supanna oder du selbst?
Warum, Pandaraka, bist du gefangen?“

Als dies Pandaraka hörte, sprach er folgende weitere Strophe:

„Jener Asket war von mir hoch geehrt
und lieb, in meinem Herzen hoch geachtet;
drum öffnet' und erzählt' ich das Geheimnis,
doch überwältigt wein ich jetzt gar kläglich.“

Darauf sprach der Supanna folgende vier Strophen:

„Auf Erden gibt 's kein Wesen, das nicht stirbt,
doch nicht zu tadeln ist Einsicht und Wissen;
durch Wahrheit, Tugend, Klugheit und Bezähmung
erreicht ein Mann hier Unerreichbares.

Die Eltern sind die ersten der Verwandten
und keinen dritten gibt 's, der mitleidsvoll;
selbst ihnen sag kein wichtiges Geheimnis
aus Argwohn, dass sie seinen Zauber brechen.

Die Eltern und die Schwestern und die Brüder,
die Freunde auch, die in der Halle weilen,
auch ihnen sag kein wichtiges Geheimnis
aus Argwohn, dass sie seinen Zauber brechen.

Auch wenn die Gattin spricht zum Mann,
die edle, Liebes redende,
mit Söhnen, Schönheit, Ruhm geschmückt,
von der Verwandten Schar geehrt:
auch ihr verrat kein wichtiges Geheimnis
aus Argwohn, dass sie seinen Zauber breche.“

Es folgen weitere fünf Strophen:

„Nicht öffne man geheime Dinge,
man hüte sie wie einen Schatz;
denn ein verkündigtes Geheimnis
ist für den Wissenden nicht gut.

Dem Weibe sag' man kein Geheimnis
und auch dem Feinde nicht der Weise,
auch dem nicht, der durch Lust geschwächt ist,
noch dem, der sich den Launen hingibt.

Wenn ein Mann ein Geheimnis mitteilt
dem, der nicht ganz verständig ist,
so leidet er gleich wie ein Sklave
aus Furcht, er möcht' den Zauber brechen.

So viele das Geheimnis kennen
von einem Manne, das voll Zaubers,
so viele schaffen ihm Erregung;
drum ein Geheimnis nicht verrate.

Einsam sag' man am Tage sein Geheimnis,
bei Nacht nicht so laut, dass der Berg ertönt,
denn unberufne Hörer könnten 's hören;
darum wird ein Geheimnis rasch gelöst.“

Diese fünf Strophen werden im Ummagga-Jātaka bei der Frage der fünf Weisen verkündet werden. Es folgen noch diese zwei Strophen:

„So wie es ist bei einer großen Stadt,
gewaltig, erzbewehrt wie Bhaddasāla,
mit festen Mauern überall umgeben,
so ist es hier auch mit Geheimnissen.

Die ein Geheimnis wissen und nicht plaudern,
die fest ihr Wohl beobachten und schweigen,
von denen fliehen weit fort ihre Feinde
wie Giftschlangen vor einem Haufen Speere.“

Nachdem so der Supanna die Wahrheit verkündet hatte, sprach Pandaraka:

„Sein Haus verließ der Weltflüchtling und wandelt
nackt und geschoren um der Nahrung willen.
Diesem eröffnete ich mein Geheimnis
und hab mich so entfernt von Recht und Nutzen.

Doch was muss einer tun, Supanna-König,
welches Gebot und welche Pflichten übend
muss wandeln ein Asket, die Lüste lassend,
was muss er tun, dass er zum Himmel eingeht?“

Der Supanna antwortete:

„Mit Scham und Ausdauer, Geduld, Bezähmung,
vom Zorne frei, ablassend von Verleumdung
muss wandeln ein Asket, die Lüste lassend;
so handelnd geht er in den Himmel ein.“—

Nachdem aber Pandaraka die Wahrheitsunterweisung des Supanna-Königs vernommen, sprach er, indem er um sein Leben bat, folgende Strophe:

„Wie eine Mutter, wenn sie ihren Sohn,
den zarten sieht, am ganzen Leibe zittert,
so zeig dich gegen mich, o Vogelkönig;
erbarm dich meiner wie des Sohns die Mutter.“

Indem ihm darauf der Supanna das Leben schenkte, sprach er folgende weitere Strophe:

„Wohlan, so lös ich heut dich von dem Tode, Schlange.
Drei Arten gibt 's von Söhnen, keine andern:
der Schüler, der geschenkte und der eigne.
Sei froh, du bist mir einer dieser Söhne.“

Nach diesen Worten aber stieg er aus der Luft herab und legte ihn wieder auf die Erde.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister folgende zwei Strophen:

Folgendes Wort entsandte der Supanna
und stellt' den Spitzzüngigen auf die Erde:
„Sei heute frei und los von aller Furcht,
zu Land und Wasser sei von mir behütet.

Gleichwie den Kranken ein geschickter Arzt
und wie den Dürstenden ein kühler See,
wie ein Gewand den Winterfrostgeplagten,
so will auch ich dir eine Zuflucht werden.“

Mit den Worten: „Gehe fort“, schickte er ihn weg; jener aber kehrte in seine Naga-Behausung zurück.—Nachdem aber der andere seine Supanna-Behausung wieder erreicht hatte, dachte er: „Ich habe den Naga Pandaraka freigelassen, nachdem ich ihn durch einen Eid veranlasst hatte, mir zu vertrauen. Wie ist nun wohl sein Herz gegen mich gesinnt? Ich will ihn auf die Probe stellen.“ Er begab sich also nach der Naga-Behausung und erzeugte den Supanna-Wind. Als ihn der Naga sah, meinte er: „Der Supanna-König wird gekommen sein, um mich zu fangen“; er schuf sich einen Körper achtzig Klafter groß, machte sich durch das Verschlingen von Steinen und Sand schwer, streckte den Schwanz nach unten und stellte seine Haube auf die Spitze seines Schweifes. So legte er sich nieder, als wenn er den Supanna-König beißen wollte. Als dies der Supanna sah, sprach er folgende weitere Strophe:

„Nachdem du mit dem Feind dich eintest,
dem Ei entschlüpften, Leibgeborner,
liegst du jetzt da, die Zähne offen:
warum bist du in Furcht geraten?“

Als dies der Naga-König vernahm, sprach er folgende drei Strophen:

„Misstraue immer einem Feinde;
auch einem Freunde nicht vertraue.
Furchtlosigkeit erzeugt Gefahr
und schneidet ab des Lebens Wurzeln.

Wie kannst du einem denn vertrauen,
mit dem du selber Streit gehabt?
Gerüstet muss man immer stehen;
den Feind macht man sich nicht zum Diener.

Schaff dir Vertrauen, doch vertrau nicht selbst;
sei nicht gefürchtet, doch sei selbst voll Furcht;
dadurch entgeht der Weise der Gefahr,
dass seinen Zustand nicht der andre kennt.“

Nachdem sie so miteinander gesprochen, gingen sie einig und einträchtig beide nach der Einsiedelei des nackten Asketen.

Mit Götterschönheit, vornehm anzuschauen
zusammen gingen beide tugendduftend
und glänzend zum Karambiya-Asketen,
vereinigt wie Wagen fahrende Fürsten.

Als sie aber dorthin gekommen waren, dachte der Supanna-König bei sich: „Dieser Naga-König wird den nackten Asketen nicht am Leben lassen; ich werde jenem Bösewicht nicht meine Verehrung bezeigen.“ Darum blieb er draußen stehen und schickte den Naga-König allein zu jenem hinein.

Mit Bezug darauf sprach der Meister folgende Strophe:

Darauf fürwahr Pandaraka allein
ging zu dem nackten Büßer hin und sprach:
„Befreit ward heute ich von aller Furcht,
doch deinem Herzen sind wir nicht mehr lieb.“

Darauf sprach der nackte Asket folgende weitere Strophe:

„Lieber war mir doch der Supanna-König
ganz zweifellos, Pandaraka; 's ist wahr;
von Lust verblendet habe ich begangen
die böse Tat mit Absicht, nicht aus Irrtum.“

Als dies der Naga-König hörte, sprach er folgende zwei Strophen:

„Nicht kann mir etwas lieb sein oder unlieb,
wenn diese Welt ich anschau und die andre;
denn unter dem Anschein des wohl Bezähmten
wandelst du unbezähmt auf dieser Welt.

Edel erscheinst du, doch unedel bist du,
als Unbezähmter willst bezähmt du scheinen;
sündhaft bist von Natur du, Unedler,
viel bösen Wandel hast du schon geführt.“

Nachdem er ihn so getadelt, verfluchte er ihn noch mit folgenden Worten:

„Den treuen Freund hast du verraten,
Verräter und Verleumder bist du.
Durch dieses Wort der Wahrheit möge
dein Haupt in sieben Teil' zerspringen.“

Während so der Naga-König noch zuschaute, zersprang das Haupt des Asketen in sieben Teile; an der Stelle, wo er gesessen hatte, öffnete sich die Erde. Er versank in die Erde und wurde in der Avici-Hölle wiedergeboren; der Naga-König aber und der Supanna-König kehrten in ihre Behausungen zurück.

Um dies zu verkünden, dass jener in die Erde versunken war, sprach der Meister folgende Schlussstrophe:

Darum darf man die Freunde nicht verraten,
nichts Schlimm'res gibt 's als den Verrat am Freunde;
im Boden ist versunken der Befleckte,
besiegt die Abwehr durch des Fürsten Wort.—

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch schon früher ist Devadatta, weil er Falsches gesagt, in die Erde versunken“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der nackte Asket Devadatta, der Naga-König war Sāriputta, der Supanna-König aber war ich.“

Ende der Erzählung von Pandara