Jātaka 520

Die Erzählung von dem Knoten-Tindu-Baume (Gandatindu-Jātaka)

„Achtsamkeit führt zum Weg des Lebens“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Königsermahnung.

Die Königsermahnung ist schon oben ausgeführt (Jātaka 334).

Ehedem aber führte im Reiche Kampilla in der Stadt Uttarapancala ein König namens Pancala, der die Wege des Unheils wandelte, in Ungerechtigkeit und nachlässig die Herrschaft. Auch seine Minister und die anderen Diener waren alle dem Unrecht ergeben. Die durch die Abgaben bedrückten Bewohner des Landes nahmen Weib und Kinder mit sich und weilten im Walde wie wilde Tiere; da, wo ein Dorf stehen sollte, war nämlich kein Dorf mehr. Aus Furcht vor den Leuten des Königs konnten die Menschen am Tage nicht zu Hause bleiben; nachdem sie ihre Häuser mit Dornengestrüpp, Zweigen u. dgl. umgeben hatten, gingen sie immer bei Sonnenaufgang in den Wald. Bei Tage plünderten die Leute des Königs, bei Nacht die Räuber.

Damals hatte der Bodhisattva als eine Gottheit in einem Knoten-Tindu-Baume außerhalb der Stadt seine Wiedergeburt genommen. Jedes Jahr erhielt er vom Könige eine Opfergabe, die tausend Geldstücke wert war. Dieser dachte: „Dieser König führt nachlässig die Regierung; das ganze Reich geht zugrunde. Außer mir aber ist niemand sonst im Stande, den König auf das Geziemende hinzuweisen; er ist ja ein Verehrer von mir, der mich jedes Jahr mit einer Opfergabe verehrt. Ich werde ihn ermahnen.“

Zur Nachtzeit betrat er das Schlafgemach des Königs, trat an die Kopfseite des Lagers und stand in der Luft, Glanz verbreitend. Als der König ihn sah, wie er gleich der jungen Sonne strahlte, fragte er ihn: „Wer bist du? Aus welchem Grunde bist du gekommen?“ Als jener dessen Worte vernahm, antwortete er: „O Großkönig, ich bin die Gottheit des Tinduka-Baumes; ich bin gekommen, um dir eine Ermahnung zu geben.“ Da nun der König fragte: „Welche Ermahnung willst du mir denn geben?“, sprach das große Wesen: „O Großkönig, du führst nachlässig die Regierung; darum ist dein ganzes Reich verdorben, als wäre es völlig ausgeplündert. Die Könige nämlich, die mit Nachlässigkeit regieren, sind auch über ihr ganzes Reich nicht Herr. Nachdem sie schon in dieser Welt ins Verderben gestürzt sind, werden sie in der anderen Welt in der großen Hölle wiedergeboren. Und wenn sie die Nachlässigkeit angenommen haben, so sind auch ihre Leute drinnen und draußen nachlässig. Darum muss ein König ganz besonders achtsam sein.“ Nach diesen Worten sprach er, um ihm eine Unterweisung in der Wahrheit zu erteilen:

„Achtsamkeit führt zum Weg des Lebens,
Nachlässigkeit führt bis zum Tode.
Die Aufmerksamen sterben nicht,
die Nachlässigen sind wie tot.

Aus Rausch entsteht Nachlässigkeit,
aus Nachlassen entsteht Verlust,
aus dem Verlust entstehen Sünden;
sei nicht berauscht, Bharata-Fürst.

Verloren haben viele Fürsten
ihr Gut und Reich durch Nachlässigkeit,
ihr Dorf auch viele Dorfbewohner,
die Hauslosen und Hausbesitzer.

Denn wenn ein Fürst nachlässig ist,
in seinem Reiche, Reichsvermehrer,
verloren gehen alle Güter;
dies nennt man dann des Fürsten Schuld.

Dies ist nicht recht, du großer König;
nachlässig bist du schon zu lange.
Das glückliche, das blühnde Land,
die Räuber plündern ganz es aus.

Nicht Söhne wirst du noch bekommen,
kein Gold und kein Getreide haben;
denn wenn dein Reich geplündert wird,
verlierst du alle deine Güter.

Und einen König, der verloren
hat all sein Gut, du edler Fürst,
den achten nicht als einen Fürsten
Freunde, Verwandte und Vertraute.

Die Reiter und die Leibgardisten,
die Wagenkämpfer und das Fußvolk,
obwohl sie von ihm leben, achten
ihn doch nicht mehr als ihren Fürsten.

Wer nicht gut ordnet sein Geschäft,
wer töricht und sich schlecht bedenkt,
den Unklugen verlässt sein Ruhm
so wie die alte Haut die Schlange.

Wer gut geordnet sein Geschäft,
bei Zeit aufsteht und nichts versäumt,
bei dem mehren sich alle Güter
wie Kühe, wenn der Stier bei ihnen.

O Großkönig, geh aus auf Kunde
in deinem Reiche auf dem Lande;
wenn du dort siehst und hörst, so wirst
du dadurch selbst zum Rechten kommen.“

Nachdem das große Wesen so mit diesen elf Strophen den König ermahnt hatte, fügte es hinzu: „Gehe ohne zu zögern und untersuche dein Reich; lasse es nicht zugrunde gehen!“ Hierauf kehrte es an seinen Ort zurück.

Als aber der König seine Worte vernommen, machte er sich heftige Vorwürfe. Am nächsten Tage übergab er die Regierung seinen Ministern, verließ mit seinem Hauspriester zu guter Zeit durch das Osttor die Stadt und zog ein Yojana weit. Dort hatte ein alter Dorfbewohner aus dem Walde Dornzweige geholt, sie um sein Haustor gelegt und dieses verschlossen und war mit Weib und Kind in den Wald hinausgegangen. Als er am Abend, da des Königs Leute wieder fortgezogen waren, in sein Haus zurückkehrte, verletzte er sich am Haustor seinen Fuß an einem Dorn. Er setzte sich gebückt nieder; und während er den Dorn herauszog, sprach er:

„So soll Pancala Schmerz empfinden
in einer Schlacht vom Pfeil getroffen,
wie ich heute den Schmerz empfinde,
da ich mich an dem Dorn verletzte“,

und schalt mit dieser Strophe auf den König.—Dass er aber so auf ihn schalt, geschah durch die übernatürliche Macht des Bodhisattva; vom Bodhisattva in Besitz genommen schalt er so, wie man sich merken muss.—

Zu dieser Zeit aber standen der König und sein Hauspriester in unkenntlich machender Kleidung in dessen Nähe. Als nun der Hauspriester diese Worte hörte, sprach er folgende weitere Strophe:

„Ein Greis bist du und schwachen Auges,
die Dinge siehst du nicht mehr gut.
Was geht es Brahmadatta an,
dass dich der Dorn verwundet hat?“

Als dies der Alte hörte, sprach er folgende drei Strophen:

„Des Brahmadatta Schuld ist es,
dass ich so wandern muss, Brahmane.
Nicht sind geschützt die Landbewohner,
geplagt von ungerechten Steuern.

Bei Nacht verzehren uns die Räuber,
bei Tage die Steuereintreiber;
im Reiche eines schlechten Königs
gibt 's viele ungerechte Leute.

In dieser großen Not, mein Lieber,
machen aus Furcht die Jünglinge
sich Örter, wo sie sich verstecken,
und holen Dornen aus dem Wald.“

Als dies der König hörte, wandte er sich an seinen Hauspriester und sagte: „Lehrer, der Alte redet Geziemendes. Unsere Schuld nur ist dies; komm, wir wollen umkehren, wir wollen in Gerechtigkeit die Herrschaft führen.“ Da fuhr der Bodhisattva in den Körper des Hauspriesters, trat vor ihn hin und erwiderte: „Wir wollen noch weiter untersuchen, o Großkönig.“

Als sie nun von diesem Dorfe nach einem andern Dorfe gingen, hörten sie unterwegs die Stimme einer alten Frau. Diese nämlich, ein armes Weib, behütete ihre zwei erwachsenen Töchter und ließ sie nicht in den Wald gehen; sie selbst holte aus dem Walde Holz und Kräuter und ernährte ihre Töchter. An diesem Tage hatte sie ein Gebüsch erstiegen, um Kräuter zu holen, hatte sich dabei herumgedreht und war zu Boden gefallen. Darum wünschte sie dem König scheltend den Tod mit folgender Strophe:

„Wann wird denn endlich einmal sterben
da dieser König Brahmadatta?
In seinem Reiche müssen leben
die Mädchen ohne einen Gatten.“

Um sie zurückzuweisen, sprach der Hauspriester folgende Strophe:

„Das ist ein böses Wort, du Schlechte;
was Nutzen bringt, verstehst du nicht.
Woher soll denn für junge Mädchen
der König einen Gatten suchen?“

Da dies die Alte hörte, sprach sie folgende Strophen:

„Nichts Böses sage ich, Brahmane;
was Nutzen bringt, versteh ich wohl.
Nicht sind geschützt die Landbewohner,
geplagt von ungerechten Steuern.

Bei Nacht verzehren uns die Räuber,
bei Tage die Steuereintreiber;
im Reiche eines schlechten Königs
gibt 's viele ungerechte Leute.
Und wenn das Weib im Elend ist,
woher soll sie den Gatten nehmen?“

Als sie deren Worte vernommen, sagten sie: „Sie hat recht gesprochen“, und gingen weiter. Da hörten sie die Stimme eines Pflügers. Während dieser nämlich pflügte, wurde sein Ochse, Saliya mit Namen, von der Pflugschar getroffen und lag am Boden. Auf den König scheltend sprach jener folgende Strophe:

„So möge liegen Pancala,
getroffen in der Schlacht vom Speere,
wie dieser arme Saliya
daliegt, verwundet von der Pflugschar.“

Der Hauspriester aber sprach, um ihn zurückzuweisen, folgende Strophe:

„Mit Unrecht, du niedriger Mensch,
bist du auf Brahmadatta zornig,
der du den König jetzt verfluchst,
nachdem du selbst dich hast verfehlet.“

Als jener dies hörte, sprach er folgende drei Strophen:

„Mit vollem Rechte, o Brahmane,
bin ich auf Brahmadatta zornig.
Nicht sind geschützt die Landbewohner,
geplagt von ungerechten Steuern.

Bei Nacht verzehren uns die Räuber,
bei Tage die Steuereinnehmer;
im Reiche eines schlechten Königs
gibt 's viele ungerechte Leute.

Verflucht, die Köchin brachte heute
zur Unzeit mir das Mahl herbei;
weil ich die Speisebringerin erwartet',
ward Saliya verwundet von der Pflugschar.“

Die anderen gingen weiter und übernachteten in einem Dorfe. Am nächsten Tage stieß in der Frühe eine falsche Kuh den Melker mit dem Fuße, dass er mitsamt der Milch umstürzte. Dieser sprach auf Brahmadatta scheltend folgende Strophe:

„So werde Pancala getroffen
im Kampfe fest von einem Schwert,
wie ich heute getroffen wurde
und meine Milch ward ausgeschüttet.“

Als daraufhin der Brahmane folgende Strophe sprach:

„Dass eine Kuh die Milch verschüttet,
ein Rind an eine Pflugschar stößt,
was kann Brahmadatta dafür,
dass du ihn dafür tadelst, Herr?“,

sprach jener folgende drei Strophen:

„Zu tadeln ist der Fürst, Brahmane;
denn in des Brahmadatta Reiche
sind nicht geschützt die Landbewohner,
geplagt von ungerechten Steuern.

Bei Nacht verzehren uns die Räuber,
bei Tage die Steuereinnehmer;
im Reiche eines schlechten Königs
gibt 's viele ungerechte Leute.

'ne wilde, unruhige Kuh,
die wir vordem nicht melken wollten,
die haben wir heut doch gemolken,
weil uns dazu die Milchnot zwang.“

Jene erwiderten: „Er hat richtig gesprochen“, und verließen das Dorf. Sie stiegen auf die Heeresstraße hinauf und gingen nach der Stadt zu.—In einem Dorfe hatten Steuereintreiber, um sich eine Schwertscheide zu machen, ein junges, buntes Kalb getötet und die Haut an sich genommen. Die Kuh, die Mutter des Kalbes, fraß aus Kummer um ihr Kind kein Gras mehr, trank kein Wasser mehr, sondern lief klagend umher. Als dies die Dorfknaben sahen, sprachen sie auf den König scheltend folgende Strophe:

„So möge klagen Pancala,
des Sohns beraubt mög' er verdorren,
wie diese unglückliche Kuh
umherläuft ihres Sohns beraubt.“

Darauf sprach der Hauspriester folgende weitere Strophe:

„Wenn ein Stück Vieh vom Viehhirten
entlaufen ist und traurig schreit,
wie kann denn dies hier eine Schuld
vom König Brahmadatta sein?“

Darauf sprachen die Dorfknaben folgende zwei Strophen:

„Dies ist die Schuld, großer Brahmane,
von unserm König Brahmadatta.
Nicht sind geschützt die Landbewohner,
bedrückt von ungerechten Steuern.

Bei Nacht verzehren uns die Räuber,
bei Tage die Steuereinnehmer;
im Reiche eines schlechten Königs
gibt 's viele ungerechte Leute.
Warum wegen 'ner Schwerterscheide
wird ein Milch trinkend Kalb getötet?“

Die anderen erwiderten: „Ihr sagt den wahren Grund“, und gingen weiter.—Unterwegs aber in einem ausgetrockneten Lotosteiche verwundeten Krähen mit ihren Schnäbeln Frösche und fraßen sie auf. Als sie an diesen Ort kamen, ließ der Bodhisattva durch seine übernatürliche Macht den König von einem Frosch mit folgenden Worten schelten:

„So werde Pancala verzehret,
im Kampf getötet mit den Söhnen,
wie ich heute gefressen werde
als Waldbewohner von den Dörflern.“

Als dies der Hauspriester vernahm, sprach er, indem er den Frosch anredete, folgende Strophe:

„Nicht allen Wesen ihren Schutz gewähren
die Könige auf dieser Welt, o Frosch.
Dadurch begeht der König doch kein Unrecht,
dass deinesgleichen lebend Krähen fressen.“

Da dies der Frosch hörte, sprach er folgende zwei Strophen:

„Fürwahr mit Unrecht spricht der Heilige
nur Schmeicheleien für den König aus;
wo soviel Leute ausgeplündert werden,
verehrt der König den, der Liebes spricht.

Wenn dieses Reich wär' gut regiert, Brahmane,
blühend, erfreulich und des Glückes voll,
äßen die Krähen gute Opfergaben,
nicht meinesgleichen lebend sie verzehrten.“

Als dies der König und der Hauspriester hörten, dachten sie: „Von dem im Walde wohnenden Tier, dem Frosch angefangen, tadeln nur uns alle.“ Darauf gingen sie in die Stadt zurück, führten die Regierung in Gerechtigkeit und taten, indem sie bei der Ermahnung des großen Wesens verharrten, gute Werke wie Almosen Geben u. dgl.

Nachdem der Meister dem König von Kosala diese Lehrunterweisung verkündigt hatte, fuhr er fort: „O Großkönig, ein König muss die Wege des Unrechts aufgeben und in Gerechtigkeit sein Land regieren.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war ich die Gottheit in dem Knoten-Tinduka-Baume.“

Ende der Erzählung von dem Knoten-Tinduka-Baume