Jātaka 523

Die Erzählung von Alambusa (Alambusa-Jātaka)

„Darauf nun sprach“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Verlockung durch die frühere Frau.

Die Begebenheit ist schon im Indriya-Jātaka (Jātaka 423) ausgeführt.—

Damals aber fragte der Meister jenen Mönch: „Ist es denn wahr, dass du unzufrieden geworden bist?“ Auf dessen bejahende Antwort fragte er weiter: „Wer hat dich unzufrieden gemacht?“, und der Mönch erwiderte: „Meine frühere Frau.“ Darauf sprach der Meister: „O Mönch, dieses Weib fügt dir Schaden zu. Durch sie hast du früher die Fähigkeit zur Ekstase verloren und lagest drei Jahre lang betört und ohne Besinnung darnieder; und als du wieder zur Besinnung kamst, da klagtest du laut darüber.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war und die Vollendung in allen Künsten erreicht hatte, betätigte er die Weltflucht der Weisen und lebte in einer Waldgegend, indem er sich von den Wurzeln und Früchten des Waldes ernährte. An seiner Unratstätte aber verzehrte ein Antilopenweibchen das mit seinem Samen vermischte Gras und trank das Wasser. Dadurch wurde ihr Herz an ihn gefesselt. Sie empfing davon eine Leibesfrucht, ging von da an immer dorthin und hielt sich nur in der Nähe der Einsiedelei auf. Das große Wesen beobachtete sie und merkte den Grund. In der Folgezeit gebar sie einen menschlichen Sohn. Das große Wesen zog ihn mit Vaterliebe auf und gab ihm den Namen Isisinga.

Als dieser zu Vernunft gekommen war, machte der Bodhisattva ihn auch zum Asketen und zog dann, als er selbst alt geworden war, mit ihm nach einem Walde mit Namen Narivana. Hier sagte er zu ihm: „Mein Sohn, in diesem Teile des Himalaya sind Weiber, die diesen Blumen an Schönheit gleichen. Wer in ihre Gewalt kommt, den stürzen sie in schweres Verderben; darum darf man sich nicht in ihre Gewalt begeben.“ Nachdem er ihn so ermahnt, wurde er in der Folgezeit ein Bewohner der Brahmawelt. Isisinga aber blieb im Himalayagebirge wohnen, der Wonne der Ekstase sich erfreuend, in harter Askese, mit abgetöteten Sinnen.

Von dem Glanze seiner Tugend aber erzitterte Gott Sakkas Palast. Als Sakka darüber nachsann und die Ursache erkannte, dachte er: „Dieser möchte mir meine Sakka-Würde rauben; ich werde ein Göttermädchen zu ihm senden und von ihr seine Tugend zerstören lassen.“ Während er daraufhin die ganze Götterwelt untersuchte, sah er, dass unter seinen fünfundzwanzig Millionen zählenden Dienerinnen außer einem Göttermädchen namens Alambusa keine war, die im Stande wäre, dessen Tugend zu vernichten. Er ließ sie zu sich rufen und befahl ihr, die Tugend von jenem zu zerstören.

Um diesen Sachverhalt zu offenbaren, sprach der Meister folgende Strophe:

Darauf nun sprach der große Indra,
Vatras Bezwinger, der Sieger Vater,
die Göttermaid in Furcht versetzend,
im Saale zu Alambusa:

„Verführende, es bitten dich
die Dreiunddreißig mit Gott Indra:
Die du die Weisen kannst verführen,
gehe zu Isisinga hin!“

Sakka befahl Alambusa: „Gehe, suche Isisinga auf, bringe ihn in deine Gewalt und zerstöre seine Tugend!“ Und er sprach:

„Schon lange übertrifft er uns,
der Fromme mit dem heil'gen Wandel,
der am Nirvana, sich erfreut, der Weise.
Begib du dich auf seine Wege!“

Als dies Alambusa hörte, sprach sie folgendes Strophenpaar:

„Was willst du denn, o Götterkönig,
warum schaust du auf mich allein:
‚Geh, die du Weise kannst verführen?‘
Es gibt noch andre Göttermädchen,

mir gleichend, schöner noch als ich
im leidlosen Nandana-Walde.
Auch diesen gib Gelegenheit;
sie sollen hingehn zum Verführen.“

Darauf sprach Sakka folgende drei Strophen:

„Gewiss, die Wahrheit redest du;
es gibt noch andre Göttermädchen,
dir gleichend, schöner noch als du
im leidlosen Nandana-Walde.

Doch diese kennen nicht so gut
Verführung, wenn zum Mann sie kommen,
so wie du dich darauf verstehst,
o Weib, das glänzt an allen Gliedern.

Drum gehe du nur hin, du Schöne;
die erste bist du von den Frauen.
Durch deines Leibes Schönheitsfülle
wirst du in deine Macht ihn bringen.“

Als dies Alambusa hörte, sprach sie folgende zwei Strophen:

„Fürwahr, ich werde gehen müssen,
da mich der Götterkönig sendet.
Doch fürcht ich mich, ihn aufzusuchen;
von großer Macht ist der Brahmane.

Schon öfter kamen in die Hölle,
die einem Weisen sich genaht;
sie fanden ihrer Torheit Strafe.
Drum sträuben sich mir schon die Haare.“

Folgende Strophen sprach der völlig Erleuchtete:

Nach diesen Worten sich entfernte
das wunderschöne Göttermädchen
verführerisch, um zu verführen
Isisinga, Alambusa.

Und als sie in den Wald gelangt war,
den von Isisinga bewohnten,
mit Bimba-Früchten dicht bedeckten,
ein halbes Yojana im Umkreis,

am Morgen früh, zur Zeit des Frühstücks,
zur Stunde, da die Sonne aufging,
kam sie zu Isisinga, als er
am Feuer stehend fegt' den Boden.“

Um sie aber zu fragen, sprach der Asket:

„Wer strahlt hier glänzend wie der Blitz
und wie der helle Morgenstern?
Mit funkelndem Schmuck an den Händen,
mit Perlen, Edelsteinohrringen,

der Sonne Glanz an Schönheit gleichend,
duftend wie goldner Sandelstaub,
mit schlanken Hüften, voll von Zauber,
du Mädchen mit den schönen Augen,

du Schlanke, Sanfte, Fleckenlose,
fest stehst du da auf deinen Füßen;
gar Lust erweckend ist dein Gang,
dass er mir die Besinnung raubt.

Von unten auf sind deine Schenkel
gleich einem Elefantenrüssel;
gar glatt und weich ist deine Hüfte
so wie ein Tisch zum Würfel Spielen.

So wie des Lotos Staubgefäße
so ist dein Nabel schön geformt;
wie schwarzer Augensalbe Glanz
so sieht er aus der Ferne aus.

Der Brüste Paar, das von der Brust
sich schön abhebt, von keinem Stängel
gehalten, ist voll Milch und gleicht
frei schwebend einer Kürbishälfte.

Lang ist dein Hals wie der Gazelle,
geziert mit drei Faltenspiralen;
die Lippen, die die Zähn' verdecken,
glänzen so rot wie eine Zunge.

Gar schön zu sehn sind deine Zähne,
gereinigt mit dem besten Holze;
die ob're und die unt're Reihe
sind alle beide ohne Fehler.

Die schwarzen Augen, rot umsäumt,
die wie die Gunja-Früchte glänzen,
von großer Länge, großer Weite,
sind herrlich bei dir anzuschauen.

Nicht allzu lang und wohl geglättet,
mit goldnen Spitzen auch versehen
sind auf dem Haupte dein die Haare,
die wunderbar nach Sandel duften.

Soweit die Landleute und Hirten,
soweit die Kaufleute auch gehen,
bei dem Vorübergehn von Weisen
und sich bezähmenden Asketen

sah ich noch niemals deinesgleichen
hienieden auf dem Erdenrund:
Wer bist du oder wessen Sohn?
Wie können wir dich kennen lernen?“

Als so der Asket vom Fuß bis zu den Haaren ihre Schönheit pries, blieb Alambusa still; und da sie aus dem Verlauf seiner Rede merkte, dass er betört war, sprach sie folgende Strophe:

„Heil dir! Nicht ist es Zeit zum Fragen,
da es so weit ist, Kassapa.
Komm, Freund, wir wollen uns erfreuen
in der Einsiedelei zusammen!
Komm her, ich werde dich umarmen,
dass du der Lüste kundig wirst.“

Nachdem sie so gesprochen, dachte Alambusa: „Wenn ich hier stehen bleibe, wird dieser nicht an meine Hand herankommen; ich werde so tun, als wollte ich fortgehen.“ Und indem sie mit ihrer Erfahrung in der weiblichen Verführungskunst den Asketen ins Wanken brachte, ging sie in der Richtung des Weges, den sie gekommen.

Um diesen Sachverhalt zu verkünden, sprach der Meister folgende Strophe:

Nachdem es so gesagt, enteilte
das Göttermädchen Lust verheißend,
verführerisch, damit verführte
Alambusa den Isisinga.

Als aber der Asket sie enteilen sah, dachte er: „Sie geht fort“; und indem er mit blindem Eifer ihr langsames Gehen einholte, lief er rasch auf sie zu und berührte sie mit der Hand an ihren Haaren.

Um dies zu erklären, sprach der Meister:

Darauf ging dieser rasch ihr nach,
holte sie ein mit blindem Eifer,
und da er jene hatt' erreicht,
berührt' er ihrer Haare Spitzen.

Als er sich wandte, da umschlang
die Schöne ihn, die Glänzende,
und es entschwand sein heil'ger Wandel,
wie es ihr Wunsch gewesen war.

Im Geiste nahte sie Gott Indra,
der in dem Freudenparke weilte.
Als dieser ihren Wunsch erkannte,
der Götterkönig Maghava
sandte ihr rasch ein Polster zu
aus Gold, gut, um darauf zu ruhen,

bedeckt mit fünfzig Arten Blättern,
mit tausendfachem Schmuck geziert;
dort hielt die Schöne ihn umschlungen
und drückte ihn an ihre Brust.

Als sei es nur ein Augenblick,
so hielt sie ihn drei Jahre fest.
Doch nach drei Jahren der Brahmane
erwachte, da der Rausch vergangen.

Da sah er wieder grüne Bäume
ringsum und seine Feuerstelle,
den Wald im frischen Blätterschmucke,
belebt vom Laut der Kuckuckscharen.

Nachdem er rings umhergeschaut,
vergoss er Tränen und er klagte:
‚Ich opf're nicht, noch sag ich Sprüche,
das Feueropfer gab ich auf.

Wer hat mir früher denn mein Herz
verführt durch seine Liebesdienste,
da ich allein im Walde weilte?
Wer hat mir meiner Tugend Früchte
entrissen wie ein Schiff im Meere,
das mit Juwelen ist gefüllt?‘“

Als dies Alambusa hörte, dachte sie: „Wenn ich es ihm nicht mitteile, wird er mich verfluchen; wohlan, ich will es ihm sagen.“ Und indem sie mit sichtbarem Körper zu ihm trat, sprach sie folgende Strophe:

„Ich wurde von dem Götterkönig
zu dir gesandt, um dir zu dienen.
Mit Absicht tötet' ich dein Denken;
du hast es achtlos nicht bemerkt.“

Als er diese ihre Worte hörte, gedachte er an die ihm von seinem Vater erteilte Ermahnung; und indem er klagte: „Weil ich nicht nach den Worten meines Vaters tat, bin ich in tiefes Verderben gestürzt“, sprach er folgende vier Strophen:

„Folgende Lehren gab fürwahr
mir einst mein Vater Kassapa:
‚Wie Lotosblumen sind die Weiber,
drum hüte dich vor ihnen, Knabe.

Vor denen, deren Brüste schwellen,
o hüte dich vor ihnen, Knabe.‘
So hat mein Vater mich belehrt,
da er voll Mitleid war für mich.

Doch ich tat nicht nach seinen Worten,
nach meines alten Vaters Lehren.
In diesem menschenleeren Walde
bin einsam ich von Schmerz erfüllt.

So will ich es in Zukunft machen;
pfui über dieses Leben mein!
ich möchte wieder sein wie früher,
sonst werde mir der Tod zuteil.“

Er gab die Freude an der Sinnenlust auf und erlangte wieder die Fähigkeit zur Ekstase. Als aber Alambusa den Glanz seiner Asketentugend wahrnahm und bemerkte, dass er wieder der Ekstase teilhaftig geworden war, bekam sie Furcht und bat ihn um Verzeihung.

Um diesen Sachverhalt zu erklären sprach der Meister folgende zwei Strophen:

Als seine Tugend, Kraft und Weisheit
sie ihm zurückgegeben sah,
da beugt' ihr Haupt hin zu den Füßen
Isisingas Alambusa.

„O zürne mir nicht, großer Held,
zürne mir nicht, du großer Weiser.
Ich tat ja nur zum großen Nutzen
der edlen dreiunddreißig Götter;
durch dich die ganze Götterstadt
damals ins Wanken war geraten.“

Darauf erwiderte er ihr: „Ich verzeihe dir, Liebe; gehe, wohin es dir beliebt“; und indem er sie fortschickte, sprach er folgende Strophe:

„Die dreiunddreißig Götter alle
und Vasava, der Götter Herr,
und du, Liebe, sollst glücklich sein;
geh, Mädchen, wohin dir 's beliebt.“

Sie bezeigte ihm ihre Verehrung und kehrte auf dem goldenen Lager in die Götterstadt zurück.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister folgende drei Strophen:

Da seine Füße sie umfasst
und ihn von rechts umwandelt hatte,
faltete sie zu ihm die Hände
und ging dann weg von diesem Ort.

Das Lager aber, das sie hatte,
aus Gold, gut, um darauf zu liegen,
bedeckt mit fünfzig Arten Blätter,
mit tausendfachem Schmuck gezieret:
auf dieses Lager stieg sie nun,
zurück sie kehrte zu den Göttern.

Als sie wie eine Fackel ankam
und leuchtend wie der helle Blitz,
gewährte ihr der Götterkönig
froh, freudig, fröhlich einen Wunsch.“

Indem sie aber von ihm die Erfüllung eines Wunsches erbat, sprach sie folgende Schlussstrophe:

„Wenn du mir einen Wunsch gewährst,
Sakka, Beherrscher aller Wesen:
nicht möcht ich Weise mehr verführen;
dies ist 's, o Sakka, was ich wünsche.“

Nachdem der Meister diese Unterweisung des Mönchs beschlossen und die Wahrheiten verkündet hatte, verband er das Jātaka (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener Mönch zur Frucht der Bekehrung) mit folgenden Worten: „Damals war Alambusa die frühere Frau, Isisinga war der unzufriedene Mönch, der Vater aber, der große Asket, war ich.“

Ende der Erzählung von Alambusa