Jātaka 527

Die Erzählung von Ummadanti (Ummadanti-Jātaka)

„Wessen Behausung ist dies wohl, Sunanda“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch.—Als dieser nämlich eines Tages in Sāvatthi seinen Almosengang machte, blickte er ein reich geschmücktes Weib von größter Schönheit an und verliebte sich in sie. Ohne seinen Sinn wieder beruhigen zu können, kehrte er in das Kloster zurück. Von da an war er, wie von einem Speere verwundet, krank vor Begierde und glich einer verirrten Gazelle; er wurde mager, seine Adern traten an seinem Körper hervor und er wurde gelb über und über. Der Freude beraubt, fand er an der Befolgung eines der edlen Pfade keine Befriedigung seines Herzens; er gab die Vorschriften seiner Lehrer u. dgl. auf und hielt sich beständig fern von Unterweisung, von Fragen und von der eifrigen Betrachtung von Meditationsstoffen.

Die ihm befreundeten Mönche fragten ihn: „Früher, Freund, hattest du ein ruhiges Aussehen; jetzt sieht man deinem Antlitz an, dass du unruhig bist, und du bist nicht mehr wie früher. Was ist daran schuld?“ Er antwortete: „Freunde, ich habe keine Freude mehr.“ Darauf sprachen sie: „Freund, sei fröhlich! Schwer zu erlangen ist die Existenz eines Buddha, ebenso auch das Anhören der rechten Lehre und das Leben als Mensch. Nachdem du nun die Existenz als Mensch erlangt hattest, verließest du, weil du danach strebtest, dem Leiden ein Ende zu machen, die Schar deiner weinenden Verwandten und betätigtest voll Glauben die Weltflucht. Warum hast du dich in die Gewalt der Lüste begeben? Diese Lüste sind doch, von den Würmern angefangen, allen törichten Wesen gemeinsam; auch die Dinge, die ihre Grundlage bilden, machen unzufrieden. Die Lüste bringen viel Leid und viel Verzweiflung, immer größer wird ihr Schaden. Die Lüste gleichen einem Knochengestell, die Lüste gleichen einem Stück Fleisch, die Lüste gleichen einer Grasfackel, die Lüste gleichen einer Grube glühender Kohlen, die Lüste gleichen einem Traum, die Lüste gleichen etwas Erbetteltem, einer Baumfrucht, einer Speerspitze, einem Schlangenkopf. Warum bist du, nachdem du in dieser so zum Heile führenden Lehre Mönch geworden, in die Gewalt der so schädlichen Lüste gekommen?“ So ermahnten sie ihn.

Da sie ihn aber nicht dazu bewegen konnten, ihre Worte anzunehmen, führten sie ihn zum Meister in die Lehrhalle. Als er fragte: „Warum, ihr Mönche, bringt ihr diesen Mönch gegen seinen Willen hierher?“, erwiderten sie: „Er ist ja unzufrieden.“ Als der Meister auf seine Frage, ob dies wahr sei, von jenem eine bejahende Antwort erhielt, sprach er: „O Mönch, in der Vorzeit gerieten Weise, die ein ganzes Königreich beherrschten, als eine Lust an sie herankam, in deren Gewalt; doch bändigten sie ihren Sinn und taten nichts Unrechtes.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem führte im Reiche Sivi in der Stadt Aritthapura ein König namens Sivi die Regierung. Der Bodhisattva nahm im Schoße seiner ersten Gemahlin seine Wiedergeburt; man gab ihm den Namen Prinz Sivi. Auch dem Heerführer wurde ein Sohn geboren, dem man den Namen Ahiparaka gab. Die beiden wurden Freunde und wuchsen miteinander auf; als sie sechzehn Jahre alt geworden waren, gingen sie nach Takkasilā, erlernten dort die Künste und kehrten dann zurück. Der König übertrug seinem Sohne die Regierung; dieser setzte Ahiparaka an die Stelle des Heerführers und führte die Herrschaft in Gerechtigkeit.

In derselben Stadt aber wurde dem Tiritavaccha, einem achthundert Millionen besitzenden Großkaufmann, eine Tochter geboren. Diese war von höchster Schönheit und Herrlichkeit und mit allen Auszeichnungen versehen; am Namengebungstage gab man ihr den Namen Ummadanti. Als sie sechzehn Jahre alt geworden war, übertraf sie menschliche Schönheit und war so herrlich wie ein Göttermädchen. Die gewöhnlichen Leute, die sie sahen, konnten aus eigener Kraft nicht stehen bleiben; von einem Lustrausch waren sie befallen, als ob sie sich mit Branntwein berauscht hätten, und konnten nicht wieder zur Besinnung kommen.

Der Vater Tiritavaccha aber ging zum Könige hin und sagte: „O Fürst, in meinem Hause ist ein Frauenkleinod erstanden, das auch für einen König passend ist. Schickt Leute, die die Vorzeichen ablesen können; lasset diese sie untersuchen und tut dann, wie es Euch beliebt!“ Der König versetzte: „Gut“, und schickte einige Brahmanen fort; diese begaben sich nach dem Hause des Großkaufmanns, wurden dort mit großen Ehren aufgenommen und verzehrten dann Reisbrei. In diesem Augenblick kam Ummadanti mit all ihrem Schmuck geziert in ihre Nähe. Als jene sie sahen, konnten sie nicht bei Besinnung bleiben und wurden von sinnlicher Lust berauscht. Sie merkten nicht, dass sie ihr Mahl nicht ganz verzehrt hatten, sondern einige nahmen einen Bissen und in der Meinung, sie wollten ihn verzehren, legten sie ihn auf ihren Kopf; andere warfen den Bissen sich in den Schoß, wieder andere trafen damit die Wand; alle waren wie berauscht.

Als das Mädchen sie sah, sagte es: „Diese wollen meine Abzeichen untersuchen; nehmt sie am Halse und werft sie hinaus.“ So ließ es die Männer hinauswerfen. Diese gingen voll Ärger in den Palast des Königs und erzürnt über Ummadanti sagten sie: „O Fürst, dies Weib ist ein Unglücksvogel; sie passt nicht für Euch!“ Der König dachte: „Es ist ein Unglücksvogel“, und ließ das Mädchen nicht zu sich holen.

Als es diese Begebenheit erfuhr, sagte es: „Ich bin ein Unglücksvogel und deshalb vom König nicht zur Frau genommen worden; so sehen die Unglücksvögel aus!“ Und es dachte: „Gut, wenn ich den König einmal sehen werde, dann werde ich es mir merken“, und sie fasste einen Hass gegen ihn. Ihr Vater aber gab sie dem Ahiparaka und sie war ihm lieb und wert.

Durch die Frucht welches guten Werkes aber war sie so überaus schön? Durch die Spendung eines roten Gewandes. In der Vorzeit nämlich war sie zu Benares in einer armen Familie wiedergeboren worden. An einem Festtage sah sie einmal tugendhafte Frauen, die mit einem mit Safflor rot gefärbten Gewande bekleidet und geschmückt das Fest feierten. Dadurch bekam sie selbst Lust, mit einem solchen Gewande bekleidet das Fest zu begehen, und sie teilte dies ihren Eltern mit; doch diese erwiderten: „O Tochter, wir sind arm; woher sollten wir ein derartiges Gewand erhalten?“ Darauf versetzte sie: „Erlaubet mir daher, in einer reichen Familie um Lohn zu dienen; wenn diese meine Vorzüge erkennen, werden sie mir eines geben.“ Mit der Erlaubnis ihrer Eltern ging sie zu einer Familie hin und sagte: „Für ein mit Safflor rot gefärbtes Gewand will ich euch dienen.“ Die Leute aber antworteten: „Wenn du drei Jahre deine Arbeit getan hast und wir deine Vorzüge kennen gelernt haben, werden wir dir ein solches geben.“ Sie war damit einverstanden und trat ihren Dienst an.

Nachdem jene aber ihre Vorzüge kennen gelernt hatten, gaben sie ihr, als die drei Jahre noch nicht ganz abgelaufen waren, ein starkes Gewand, das mit Safflor rot gefärbt war, und dazu noch ein anderes Gewand und schickten sie fort mit den Worten: „Gehe mit deinen Freundinnen fort, bade und kleide dich an.“ Sie ging also mit ihren Freundinnen fort, legte ihr rotes Gewand an das Flussufer und badete.

In diesem Augenblick kam ein Schüler des Buddha Kassapa, dem seine Kleidung geraubt war und der deshalb einen Baumzweig zum Unter- und Obergewand genommen hatte, an diesen Ort. Als ihn jene sah, dachte sie: „Dieser Ehrwürdige hat seine Kleider verloren; früher war auch mir ein Gewand, weil ich keines geschenkt erhielt, schwer zu erhalten. Deshalb will ich mein Kleid auseinanderreißen und einen Teil dem Edlen geben.“ Sie ging aus dem Wasser heraus und zog ihr Gewand an; dann sprach sie: „Wartet, Herr“, bezeigte dem Thera ihre Ehrerbietung, riss ihr Kleid entzwei und gab jenem den einen Teil. Er trat zur Seite an einen verborgenen Ort, warf sein Zweigstück weg und zog den einen Zipfel des Gewandes als Untergewand und den anderen als Obergewand an. So angetan kam er hervor; von dem Glanze seines Gewandes aber erstrahlte sein ganzer Körper wie die junge Sonne.

Als jene dies sah, dachte sie: „Dieser Edle leuchtete zuerst nicht, jetzt erglänzt er wie die junge Sonne; ich werde ihm auch noch dies geben.“ Sie gab ihm auch den zweiten Teil ihres Gewandes und fügte folgenden Wunsch hinzu: „Herr, ich möchte in einer neuen Existenz der höchsten Schönheit teilhaftig werden; kein Mann soll, wenn er mich sieht, aus eigner Kraft stehen bleiben können. Keine andere nämlich soll schöner sein als ich.“ Nachdem sodann der Thera seine Danksagung verrichtet, entfernte er sich. Jene verweilte darauf zunächst in der Götterwelt und wurde in jener Zeit in Aritthapura wiedergeboren, wo sie solcher Schönheit teilhaftig wurde.—

In dieser Stadt aber rief man das Kattika-Fest aus und am Vollmondstage des Kattika-Monates schmückte man die Stadt. Als nun Ahiparaka sich auf seinen Wachposten begab, sprach er zu seiner Frau: „Liebe Ummadanti, heute ist das Kattika-Fest. Wenn der König die Stadt von rechts umfährt, wird er zuerst an die Türe deines Hauses kommen. Zeige dich ihm nicht; denn wenn er dich sieht, wird er nicht die Besinnung behalten können.“ Sie erwiderte: „Gehe nur, Herr; ich werde schon sehen.“ Als er aber gegangen war, befahl sie ihrer Dienerin: „Wenn der König an die Tür dieses Hauses kommt, so melde mir dies!“

Als nun nach Sonnenuntergang der Vollmond aufging, als die Stadt geschmückt war wie eine Götterstadt und in allen Stadtteilen die Lampen brannten, da umzog der König mit all seinem Schmucke geziert, auf einem mit edlen Rossen bespannten Wagen sitzend und umgeben von der Schar seiner Minister unter großer Ehrung die Stadt von rechts und kam dabei zuerst an das Haustor des Ahiparaka hin; dies Haus aber war von einer scharlachfarbenen Mauer umgeben, reich geschmückt, mit Toren und Türmen versehen und von äußerster Herrlichkeit.

In diesem Augenblick meldete es die Sklavin der Ummadanti; diese nahm einen Korb voll Blumen in die Hand, stellte sich mit der Anmut eines Göttermädchens an das Fenster und warf dem König die Blumen zu. Dieser blickte zu ihr empor; von sinnlichem Verlangen berauscht war er nicht im Stande, den Verstand zu behalten und konnte nicht erkennen, dass dies das Haus des Ahiparaka sei. Darauf redete er seinen Wagenlenker an und sprach, um ihn zu fragen, folgende zwei Strophen:

„Wessen Behausung ist dies wohl, Sunanda,
von einer gelben Mauer rings umgeben?
Und wer erscheint hier wie ein Feuerbrand von ferne,
wie eine Flamm' auf einem Berg am Himmel?

Von wem ist dies die Tochter wohl, Sunanda,
von wem die Schwiegertochter oder Gattin?
Verkünde mir es rasch, da ich dich frage,
ist unvermählt sie, hat sie einen Gatten?“

Jener aber sprach, um es ihm zu verkünden, folgende zwei Strophen:

„Ja, Völkerfürst, ich kenne diese wohl
von ihren Eltern her und auch den Gatten;
und dieser selbe Mann, o Landeshüter,
ist Tag und Nacht zu deinem Nutzen tätig.

Geschickt und glücklich und auch reich begütert
ist er, o Fürst, deiner Minister einer.
Von Ahiparaka ist sie die Gattin,
Ummadanti mit würd'gem Namen, König.“

Als dies der König hörte, sprach er, ihren Namen preisend, folgende weitere Strophe:

„Holla, holla, wie ist dieser ihr Name
von Vater und von Mutter gut gewählt!
Denn als sie eben nach mir hingeblickt,
hat mich Ummadanti in Rausch versetzt.“

Als jene merkte, dass er zitterte, schloss sie das Fenster und kehrte in ihr Gemach zurück.

Seitdem sie aber der König gesehen, war sein Sinn nicht mehr auf die Umfahrung der Stadt gerichtet. Er sagte zu seinem Wagenlenker: „Freund Sunanda, wende mit dem Wagen um“, und sprach dann: „Dies Fest ist nicht für uns passend, sondern es passt nur für den Heerführer Ahiparaka; auch die Königsherrschaft passt nur für ihn!“ Er ließ den Wagen kehrt machen, stieg in seinen Palast hinauf, legte sich auf sein fürstliches Bett und sprach lallend folgende Strophen:

„Beim Vollmond sie erschien mir, sanft das Auge
wie der Gazelle, Lotos gleich der Körper.
Zwei Vollmonde glaubt' heute ich zu schauen,
da ich sie sah in Taubenfarb' gekleidet.

Als sie mit ihren großen, schönen Augen,
den glänzenden, verführerisch mich ansah
und sich erhob, da raubt' sie mir mein Herz
wie eine Fee, im Bergeswald geboren.

Denn groß und schwarz und reich geschmückt
mit Edelstein- und Perlgehängen
das Weib mit seinem einen Kleide
blickt' wie die irrende Gazelle.

Wann wird die Schöngelockte mit roten Nägeln,
mit weichem Arm, besprengt mit feinstem Sandel,
mit runden Fingern, voll von List, die Männer
Bezwingende, entzückend, mir angehören?

Wann wird sie mich, die mit Goldschmuck bedeckte
Tochter Tiritis mit der schlanken Taille,
mit ihren weichen Armen fest umfangen
wie eine Schlingpflanze den Baum im Walde?

Wann wird sie, deren Haut wie Lack erglänzt,
mit runden Brüsten, lotosgleich der Körper,
anbieten meinem Munde ihren Mund,
so oft wie der Betrunkene den Branntwein?

Sobald ich sie da stehen sah
so schön an ihrem ganzen Körper,
da hatte ich in meinem Geiste
von nichts eine Erkenntnis mehr.

Ummadanti hab ich gesehen
mit Edelstein- und Perlgehängen;
nicht schlaf ich mehr bei Tag und Nacht
wie einer, der tausend verloren.

Wenn Sakka mir 'nen Wunsch erfüllte,
so möcht ich diesen Wunsch erhalten:
Für eine Nacht oder für zwei
möcht Ahiparaka ich sein;
wenn ich Ummadanti genossen,
möcht wieder ich sein König Sivi.“—

Es meldeten aber die Minister dem Ahiparaka: „Herr, als der König bei seinem Umfahren der Stadt an das Tor Eures Hauses kam, drehte er um und stieg wieder in seinen Palast hinauf.“ Jener begab sich nach seinem Hause, wandte sich an Ummadanti und fragte: „Liebe, hast du dich etwa dem Könige gezeigt?“ Sie antwortete: „O Gebieter, ein Mann kam daher mit großem Bauch und großen Zähnen, der auf einem Wagen stand. Ich weiß nicht, ob es der König war oder ein Mann des Königs; es wurde aber gesagt, er sei ein Herr. Am Fenster stehend warf ich Blumen nach ihm; sogleich wandte er sich um und fuhr fort.“

Als ihr Gatte dies hörte, dachte er: „Verloren bin ich durch sie!“ Am nächsten Tage stieg er in der Frühe zum Palaste des Königs hinauf und stellte sich an die Tür des Schlafgemaches des Königs. Als er hier hörte, wie der König um Ummadanti jammerte, dachte er: „Dieser hat sich in Ummadanti verliebt; wenn er sie nicht bekommt, so wird er sterben. Ich muss vom König und von mir jede Sünde fernhalten und ihm das Leben retten.“ Er kehrte in seinen Palast zurück, rief einen entschlossenen Diener zu sich und sprach zu ihm: „Freund, an dem und dem Orte befindet sich ein hohler heiliger Baum. Ohne irgend etwas davon zu sagen, begib dich, wenn die Sonne untergegangen ist, dorthin und setze dich in den Baum hinein. Ich werde dann, um ein Opfer darzubringen, an diesen Ort kommen und die Gottheiten (9) verehrend also beten: ‚O Götterkönig, unser König ist, als in unserer Stadt das Fest abgehalten wurde, ohne sich an dem Feste zu erfreuen, in sein Schlafgemach gegangen und hat sich jammernd niedergelegt. Wir wissen nicht den Grund davon. Der König ist aber ein großer Gönner der Gottheiten; alljährlich bringt er unter Aufwand von tausend Goldstücken ein Opfer dar. Verkünde uns, worüber der König jammert; rette unserm Könige das Leben!‘ So werde ich beten. In demselben Augenblicke antworte mit verstellter Stimme: ‚O Heerführer, euer König ist von keiner Krankheit befallen, sondern er ist in deine Gattin Ummadanti verliebt. Wenn er sie erhält, so wird er leben bleiben; wenn nicht, so wird er sterben. Wenn du deshalb sein Leben wünschest, so gib ihm Ummadanti.‘“ Nachdem er ihn so belehrt hatte, entließ er ihn.

Der Diener ging hin und setzte sich in den Baum. Als am nächsten Tage der Heerführer an diesen Ort kam und seine Bitte vorbrachte, antwortete jener wie verabredet. Der Heerführer versetzte: „Gut“, bezeigte der Gottheit seine Verehrung und teilte es den Ministern mit. Dann kehrte er in die Stadt zurück, ging zu dem Palast des Königs hinan und klopfte an die Tür des Schlafzimmers. Der König kam zur Besinnung und fragte: „Wer ist da?“ „Ich, o Fürst, Ahiparaka.“ Darauf öffnete ihm jener die Tür zu dem königlichen Gemache.

Der Heerführer ging hinein, bezeigte dem Könige seine Ehrerbietung und sprach folgende Strophe:

„Als ich verehrt' die Geister, Herr der Wesen,
da kam ein Dämon und sprach so zu mir:
‚Des Königs Herz hing sich an Ummadanti.‘
Ich geb sie dir; lass dich von ihr bedienen!“

Darauf fragte ihn der König: „Freund Ahiparaka, wissen denn die Dämonen, dass ich jammere, weil mein Herz in Ummadanti verliebt ist?“ „Ja, o Fürst“, war die Antwort. Da dachte er: „In der ganzen Welt ist meine Niedrigkeit bekannt“, und schämte sich. Er wandte sich wieder dem Rechte zu und sprach folgende weitere Strophe:

„Die Tugend bräch' ich und bin nicht unsterblich;
die Leut' auch würden meine Sünde merken.
Doch dein Herz wär' noch mehr verletzt, wenn du
Ummadanti mir gäbst und nicht mehr sähest.“

Die übrigen Strophen enthalten die Reden und Gegenreden der beiden:

„O Herrscher, ausgenommen dich und mich
weiß keiner unter allen, was geschehen.
Da ich Ummadanti dir gab, so stille
die Lust, o König, und entlass sie dann.“

„Wenn eine böse Tat ein Mensch begeht,
so denkt er: ‚Dass nicht andere es merken!‘
Es sehn die Überird'schen sein Vergehen
und auch die Männer, die ihm nahe stehen.“

„Würde dir wohl auf Erden hier ein andrer
dies glauben, dass sie nicht mehr lieb dir sei?
Noch stärker wär' dein Herz getroffen, wenn du
Ummadanti mir gäbst und nicht mehr sähest.“

„Gewiss ist sie mir lieb, o Völkerfürst,
und nicht ist sie mir unlieb, Landeshüter.
Doch gehe zu Ummadanti, o Herr,
wie zu der Felsenhöhle eilt der Löwe.“

„Bedrängt von eignem Unglück lassen Weise
doch nicht von ihrem Tun, das Glück verheißt;
und wenn die Toren auch vom Glück berauscht sind,
begehen sie doch keine böse Tat.“

„Du bist ja Mutter mir und Vater,
du bist Gatte mir und Herr, Ernährer, Gottheit;
dein Sklave bin ich nur mit Weib und Kindern.
Wie dir 's beliebt, so tue, König Sivi.“

„Wer, weil er Herrscher ist, ein Unrecht tut
und, wenn er 's tat, vor andern nicht bereut,
dem ist ein langes Leben nicht beschieden;
nicht achten ihn die Götter ob des Frevels.“

„Wenn Tugendhafte ein Geschenk annehmen,
das ihnen ohne Zwang gibt der Besitzer,
begehen die Empfänger wie die Geber
damit nur eine Tat, die Glück verdient.“

„Würde dies wohl auf Erden hier ein andrer
dir glauben, dass sie nicht mehr lieb dir sei?
Viel stärker würd' dein Herz getroffen, wenn du
Ummadanti mir gäbst und nicht mehr sähest.“

„Gewiss ist sie mir lieb, o Völkerfürst,
und nicht ist sie mir unlieb, Landeshüter.
Doch weil ich dir Ummadanti gegeben,
still deine Lust und schicke sie dann fort.“

„Wer in dem eignen Leid des andern Leid,
im fremden Glück das eigne Glück erblickt,
damit dasselbe mir sei wie den andern,
wer diese Meinung hat, der kennt das Recht.

Würde dies wohl ein andrer hier auf Erden
dir glauben, dass sie nicht mehr lieb dir sei?
Viel stärker würd' dein Herz getroffen, wenn du
Ummadanti mir gäbst und nicht mehr sähest.“

„Du weißt, o Völkerfürst, sie ist mir lieb
und nicht ist sie mir unlieb, Landeshüter.
In Liebe geb ich etwas Liebes dir;
wer Liebes gibt, erhält dafür auch Liebes.“

„So werde ich mich also töten,
der ich selbst schuld bin an der Lust;
denn nicht bin ich im Stand zu töten
mit Unrecht die Gerechtigkeit.“

„Wenn du sie, weil sie mein ist, Völkerfürst,
nicht mehr begehrst, du bester aller Helden,
so schenk ich sie der ganzen Welt, o Sivi;
da sie von mir entlassen, ruf sie zu dir.“

„Wenn Unverletzliches zu deinem Schaden,
du treuer Ahiparaka, du hergibst,
so wird dir schwerer Tadel draus entstehen
und in der Stadt wirst keinen Freund du finden.“

„Ich werde diesen Tadel tragen können,
Schmähung und Lob und jegliche Beschwerde;
es soll mich dies nur treffen, Landeshüter.
Wie dir 's gefällt, Sivi, tu deinen Willen.“

„Wer nicht auf Tadel achtet noch auf Lob,
auf Schmähung nicht und auch nicht auf Verehrung,
von dem entschwindet aller Glanz und Ruhm
wie Regenwasser von dem festen Lande.“

„Was nur an Unglück oder Glück daraus entsteht,
Tugendverletzung oder Herzenskränkung,
in meiner Brust werd ich dies alles tragen,
wie Festes und Bewegliches die Erde trägt.“

„Tugendverletzung oder Herzenskränkung,
auch Unglück wünsch ich nicht für andere.
Ich werde auf mich nehmen diese Last,
im Recht beharrend und niemanden quälend.“

„Ein gutes Werk ist 's, das zum Himmel führt;
steh du mir dabei nicht im Wege, Fürst!
Freudigen Sinns geb ich dir Ummadanti,
wie Geld der König den Brahmanen schenkt beim Opfer.“

„Gewiss, du Treuer, bist du mir ergeben;
lieb ist mir Ummadanti und auch du.
Die Götter würden 's tadeln und die Väter;
sieh, wie in Zukunft Übel draus erwächst.“

„Nicht würden 's Unrecht nennen, König Sivi,
die Städter und die Landbewohner alle,
dass ich dir Ummadanti hab geschenkt.
Still deine Lust und lasse sie dann frei.“

„Gewiss, du Teurer, wünschst du nur mein Glück;
lieb ist mir Ummadanti und auch du.
Doch die gepries'nen Tugenden der Weisen
sind wie des Meeres Ufer schwer besiegbar.“

„Du bist mein Opfer wert, zu mir voll Mitleid,
bist mein Erhalter, meiner Wünsche Schutz.
Wenn ich sie dir, Fürst, opf're, ernt' ich reichen Lohn;
aus Lieb' zu mir nimm Ummadanti an.“

„Gewiss hast, Ahiparaka, du jede Tugend
betätigt, Sohn du meines treuen Dieners;
ist noch ein andrer Mann dein Wohltäter
auf dieser Erde unterm Sonnenlicht?“

„Du bist der beste, bist unübertrefflich,
du bist des Rechtes kundig und bist weise.
Lebe noch lange als des Rechtes Schützer (13)
und lehre mich das Recht, du Rechtsbewahrer!“

„Wohlan denn, Ahiparaka,
vernimm nun diese meine Worte;
ich werde dich die Wahrheit lehren,
die von den Weisen wird befolgt.

Gut ist ein Recht liebender König,
gut ein erkenntnisreicher Mann,
gut ist 's, den Freund nicht zu verraten,
das Böse nicht zu tun, ist Glück.

Im Reiche eines zornbefreiten,
am Rechte festhaltenden Königs
da wohnen die Bewohner glücklich
wie in des kühlen Schattens Schutz.

Es kann mir nicht gefallen eine Tat,
die ohne Überlegung schlecht geschehen,
doch die, die dies erkannt und nicht selbst tun.
Vernimm drum diese Gleichnisse von mir (14)!

Wenn Rinder ziehen und der Stier
sie in verkehrter Richtung führt,
so gehen alle sie verkehrt,
weil auch verkehrt der Führer geht.

So ist es bei den Menschen auch.
Wer hier am höchsten wird geehrt
und lebt in Ungerechtigkeit,
um wie viel mehr die andre Schar!
Dem ganzen Reiche geht es schlecht,
wenn ungerecht sein König ist.

Wenn Rinder ziehen und der Stier
sie in der rechten Richtung führt,
so gehen alle sie gerade,
weil auch ihr Führer grade geht.

So ist es bei den Menschen auch.
Wer hier am höchsten wird geehrt
und lebet in Gerechtigkeit,
um wie viel mehr die andre Schar!
Dem ganzen Reiche geht es gut,
wenn nur sein König ist gerecht.

Auch ich möchte durch Unrecht nicht
selbst die Unsterblichkeit erstreben
oder mir, Ahiparaka,
die ganze Erde unterwerfen.

Denn was auch immer bei den Menschen,
als Kostbarkeit betrachtet wird,
die Rinder, Sklaven, edles Gold,
schöne Gewänder, gelber Sandel,

Pferde und Frauen, kostbare Juwelen
und was nur immer Sonn' und Mond behüten—
nicht möcht deswegen ich ein Unrecht tun;
unter den Sivi-Leuten bin ich Führer (15).

Als Führer, Vater, hoher Reicheswächter
das Recht der Sivi-Leut' in Ehren haltend,
und weil ich an Gerechtigkeit nur denke,
drum bin ich nicht in meines Wunschs Gewalt.“

„Gewisslich wirst du, großer König,
beständig ohne Sünd' und glücklich
noch lange die Regierung führen;
denn dies verdient ja deine Weisheit.

Und darum wollen wir dich preisen,
weil du im Recht Tun nicht ermattest;
denn wenn ein Fürst im Recht ermattet,
geht seine Herrschaft ihm verloren.

Übe Gerechtigkeit, o König,
bei deinen Eltern, edler Fürst;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König,
bei Weib und Kindern, edler Fürst;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König,
gegen die Freunde und Minister;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König,
bei deinen Reitern, deinen Heeren;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König,
in deinen Dörfern, deinen Städten;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König,
in deinen Ländern, deinen Völkern;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König,
gegen Asketen und Brahmanen;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König,
gegen die Tiere und die Vögel;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König;
gerechter Wandel bringt das Glück.
Wenn du hier übst Gerechtigkeit,
so gehst du in den Himmel ein.

Übe Gerechtigkeit, o König;
Indra, die Götter und die Brahmas
wurden durch rechten Wandel Götter.
Lasse nicht nach, gerecht zu sein.“

Als so der Heerführer Ahiparaka dem König die Wahrheit verkündete, zerstörte der König in sich seine Verliebtheit zu Ummadanti.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündet hatte, verband er das Jātaka (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener Mönch zur Frucht der Bekehrung) mit folgenden Worten: „Damals war der Wagenlenker Sunanda Ānanda, Ahiparaka war Sāriputta, Ummadanti war Uppalavanna, das übrige Gefolge war die Buddhaschar, der König Sivi aber war ich.“

Ende der Erzählung von Ummadanti