Jātaka 529

Die Erzählung von Sonaka (Sonaka-Jātaka)

„Von wem ich 's hört', dem geb ich hundert“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Vollendung in der Weltentsagung.—Während nämlich damals die Mönche in der Lehrhalle seine Vollendung in der Weltentsagung priesen, setzte sich der Erhabene mitten unter sie und sprach: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon betätigte der Vollendete die große Weltentsagung.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem herrschte zu Rājagaha der König von Magadha. Der Bodhisattva nahm im Schoße von dessen erster Gemahlin seine Wiedergeburt; am Namensgebungstage gab man ihm den Namen Prinz Arindama. Am Tage seiner Geburt wurde auch dem Hauspriester des Königs ein Sohn geboren, dem man den Namen Prinz Sona gab. Die beiden wuchsen zusammen auf; als sie herangewachsen waren, waren sie von höchster Schönheit und ohne Unterschied in ihrer Gestalt. Darauf gingen sie nach Takkasilā und erlernten dort die Künste. Als sie von dort fortzogen, dachten sie: „Wir wollen in jeder Art die Kunst und die Sitten des Landes kennen lernen.“ Allmählich gelangten sie bei ihrem Umherwandeln nach Benares. Nachdem sie hier im königlichen Parke die Nacht verbracht, gingen sie am nächsten Tage in die Stadt hinein.

An diesem Tage hatten einige Leute gedacht: „Wir wollen Brahmanenbackwerk machen“, hatten Reisbrei zubereitet und Sitze hergerichtet. Als sie nun die Jünglinge daherkommen sahen, ließen sie sie in ihr Haus eintreten und auf hergerichtetem Sitze Platz nehmen. Dort war aber auf dem hergerichteten Sitze des Bodhisattva ein reines Gewand ausgebreitet und auf dem des Sonaka ein rotes Tuch. Als dieser dies Zeichen sah, erkannte er: „Heute noch wird der Prinz Arindama zu Benares König werden; mir aber wird die Stelle des Heerführers gegeben werden.“ Nachdem sie beide ihr Mahl beendet hatten, kehrten sie in den Park zurück.

Damals war es der siebente Tag, dass der König von Benares gestorben war, und die königliche Familie hatte keinen Sohn. Die Minister und die übrigen Beamten versammelten sich, nachdem sie sich von oben bis unten gebadet hatten, und sandten den Phussa-Wagen aus mit dem Auftrag: „Gehe zu einem hin, der des Thrones würdig ist.“ Der Wagen fuhr aus der Stadt hinaus und gelangte allmählich zum Parke, wo er sich umdrehte und stehen blieb, fertig zum Besteigen.

Der Bodhisattva hatte sich auf dem königlichen Steinsitz niedergelegt, verhüllt vom Kopf bis zu den Füßen, und der junge Sonaka saß in seiner Nähe. Als dieser den Ton der Instrumente hörte, dachte er: „Für Arindama kommt der Phussa-Wagen herbei. Heute wird er König werden und mir die Stelle des Heerführers geben. Mich verlangt aber nicht nach Herrschaft; wenn er gegangen ist, werde ich mich entfernen und die Welt verlassen.“ So dachte er und stellte sich zur Seite in ein Versteck.

Als aber der Hauspriester in den Park gekommen war und das große Wesen da liegen sah, ließ er die Instrumente ertönen. Das große Wesen erwachte, drehte sich um, blieb noch ein wenig liegen, erhob sich dann und setzte sich auf dem Steinsitz mit gekreuzten Beinen nieder. Darauf faltete der Hauspriester die Hände nach ihm hin und sprach: „Die Königsherrschaft geht auf dich über.“ Der Prinz fragte: „Ist denn die Königsfamilie ohne Sohn?“ „Ja, o Fürst“, war die Antwort. „Gut also“, versetzte der Prinz. Darauf erteilte man ihm dortselbst die Weihe, ließ ihn den Wagen besteigen und mit großer Ehrung in die Stadt hineinfahren. Er umfuhr die Stadt von rechts und stieg dann in seinen Palast hinauf; wegen der Größe seiner Ehrung aber gedachte er nicht an den Jüngling Sonaka.

Als er aber in die Stadt gefahren war, kam dieser hervor und setzte sich auf den Steinsitz. Da fiel vor ihm ein gelbes Blatt, das sich von seinem Stängel gelöst hatte, von einem Sala-Baume herunter. Als er dies sah, dachte er: „Ebenso wie dies Blatt wird auch mein Körper, wenn er alt geworden ist, niederfallen.“ Durch die Betrachtung der Unbeständigkeit der Dinge u. dgl. erlangte er die übernatürliche Einsicht und erreichte die Teilerleuchtung. In demselben Augenblick verschwand sein Laienaussehen und es zeigte sich an ihm das Aussehen eines Weltflüchtlings. Indem er den begeisterten Ausruf ausstieß: „Es gibt jetzt keine weitere Existenz mehr für mich“, begab er sich nach der Berghöhle Nandamulaka.—

Nach Ablauf von vollen vierzig Jahren aber erinnerte sich an ihn das große Wesen und es dachte: „Wo ist jetzt wohl mein Freund Sonaka?“ Aber obwohl er immer wieder seiner gedachte, fand er doch niemand, der gesagt hätte: „Ich habe von ihm gehört oder ihn gesehen.“ Als er nun in dem reich geschmückten Thronsaale auf dem königlichen Polster saß und von Musikanten, Schauspielern, Tänzerinnen usw. umgeben sein volles Glück genoss, dachte er: „Wer mir, nachdem er es von irgend jemand gehört, meldet, dass an dem und dem Orte Sonaka weilt, dem gebe ich hundert Geldstücke; wer es mir aber meldet, nachdem er ihn selbst gesehen, dem gebe ich tausend.“ So verfasste er einen begeisterten Ausruf; und indem er ihn als Gesang vortrug, sprach er folgende erste Strophe:

„Von wem ich 's hört', dem geb ich hundert
und dem, der Sonaka sah, tausend.
Wer sagt von Sonaka mir etwas,
dem Freund, mit dem im Sand ich spielte?“

Eine Tänzerin aber erlernte dies, als ob sie es ihm vom Munde abschnitte, und sang es auch; nach ihr eine andre und wieder eine andre und so sangen es alle Haremsfrauen, weil sie dachten: „Es ist das Lieblingslied unsers Königs.“ Allmählich sangen auch die Bewohner der Stadt und die Landleute dies Lied; auch der König sang immer wieder dieses Lied. Nach Ablauf von fünfzig Jahren hatte er viele Söhne und Töchter; sein ältester Sohn hieß Prinz Dighavu.—

Damals dachte der Paccekabuddha Sonaka: „Der König Arindama möchte mich sehen; ich will gehen, um ihm den Nachteil, der in den Lüsten liegt, und den Nutzen der Weltflucht auseinander zu setzen und ihn so veranlassen, die Welt aufzugeben.“ Durch seine Wunderkraft begab er sich dorthin und setzte sich im Parke nieder.

Damals war gerade ein Knabe von sieben Jahren, der sein Haar in fünf Locken trug, von seiner Mutter geschickt dorthin gekommen und sammelte in einem Wäldchen bei dem Parke Holz; dabei sang er immer wieder jenes Lied. Jener rief ihn zu sich her und fragte: „Knabe, du singst immer nur dies eine Lied, ohne ein anderes zu singen; kennst du nicht auch ein anderes?“ Der Knabe antwortete: „Ja, Herr, ich kenne noch andere; dies ist aber unserm Könige lieb, darum singe ich es immer wieder.“ Der Asket fragte weiter: „Hast du aber schon jemand gesehen, der die Erwiderung auf dieses Lied gesungen?“ „Ich habe noch niemand gesehen, Herr“, war die Antwort. Darauf sagte jener: „Ich werde sie dich lehren. Wirst du aber im Stande sein, zum Könige hinzugehen und vor ihm diese Erwiderung zu singen?“ „Ja, Herr“, antwortete der Knabe.

Darauf teilte er ihm das Antwortslied mit, das anfing: „Mir gib, da ich es hörte“; und nachdem er es den Knaben gelehrt, schickte er ihn fort mit den Worten: „Gehe, Knabe, singe diese Erwiderung mit dem Könige zusammen; der König wird dir dafür viel Macht zuteil werden lassen. Was sollst du mit dem Holze? Gehe rasch hin!“ Der Knabe erwiderte: „Gut!“ Nachdem er das Erwiderungslied gelernt, bezeigte er jenem seine Ehrfurcht und sagte ihm: „Ehrwürdiger Herr, bleibet noch hier, bis ich den König herbeirufe.“ Dann ging er rasch fort, begab sich zu seiner Mutter und sagte zu ihr: „Mutter, wasche mich rasch und schmücke mich; ich werde dich aus deiner Armut befreien.“

Gebadet und geschmückt ging er dann an das Tor des königlichen Palastes und sagte: „Edler Türhüter, melde dem König, dass ein Knabe gekommen ist und am Palasttore steht, um mit ihm zusammen das Lied zu singen.“ Jener ging rasch hin und meldete es dem Könige. Dieser ließ ihn mit den Worten: „Er möge kommen“, zu sich rufen und sagte dann zu ihm: „Mein Sohn, du willst mit mir das Lied singen?“ „Ja, o Fürst“, antwortete der Knabe. „So singe also“, fuhr der König fort. Doch der Knabe erwiderte: „O Fürst, ich will nicht an diesem Orte singen. Lasse aber in der Stadt die Trommel herumgehen und lasse die Leute sich versammeln; inmitten der Volksmenge werde ich singen.“ Der König tat so, setzte sich in einem reich geschmückten Pavillon auf die Mitte seines Polsters, ließ auch dem Knaben einen entsprechenden Sitz geben und sagte dann: „Jetzt singe dein Lied.“ Doch der Knabe antwortete; „O Fürst, singet Ihr zuerst; dann werde ich das Erwiderungslied singen.“ Indem darauf der König zuerst sang, sprach er folgende Strophe:

„Von wem ich' s hört', dem geb ich hundert
und dem, der Sonaka sah, tausend.
Wer sagt von Sonaka mir etwas,
dem Freund, mit dem im Sand ich spielte?“

Um zu verkünden, wie auf das vom Könige zuerst gesungene begeisterte Ausrufslied der Knabe mit den fünf Locken die Erwiderung sang, sprach der Meister, der völlig erleuchtet war, folgende zwei Verse:

Darauf erwiderte der Knabe,
der kleine, mit seinen fünf Locken:
„Mir gib, da ich es hörte, hundert,
und da ich Sonaka sah, tausend.
Ich werde Sonaka dir zeigen,
den Freund, mit dem im Staub du spieltest.“

„In welchem Lande aber war es,
in welchen Reichen, welchen Städten?
Wo hast du Sonaka gesehen?
Sage mir dies auf meine Frage!“

„Grade in deinem Reiche, König,
und auf dem Boden deines Parkes,
da stehen hochstämmige Salas
dunkelblau glänzend, schön zu sehen;

sie gleichen Wolken, ganz entzückend,
eng sind gelehnt sie aneinander;
an deren Fuß ruht Sonaka
ganz in Ekstase, frei von Weltlust,
voll Ruhe, während diese Welten
von Sinnenlust in Flammen stehn.“

Drauf machte sich der König auf
mit seinem vierteiligen Heere;
den Weg ließ er ganz eben machen
und ging dann hin zu Sonaka.

Als er in seinen Park gelangte
und wandelte im großen Walde,
da sah er sitzen Sonaka
voll Ruhe, während alles brannte.“

Ohne ihm seine Ehrfurcht zu bezeigen, setzte er sich zur Seite; und da er wegen seiner Freude an den Lüsten ihn für arm hielt, sprach er folgende Strophe:

„Ärmlich fürwahr ist dieser Mönch,
kahlköpfig, ins Gewand gehüllt;
und ohne Mutter, ohne Vater
ruht er hier an des Baumes Fuße.“

Als Sonaka dies Wort vernommen,
entgegnete er folgendes:
„Nicht arm ist, König, wer die Tugend
an seinem eignen Leib betätigt.

Doch wer die Tugend außer Acht lässt
und sich der Untugend ergibt,
der ist, o König, arm und schlecht
und kommt zu einem bösen Ende.“

So tadelte er den Bodhisattva. Dieser aber stellte sich, als merke er nicht, dass jener ihn getadelt habe; er nannte seinen Namen und sein Geschlecht und sprach, indem er eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihm begann, folgende Strophe:

„Arindama, so ist mein Name,
König von Kasi nennt man mich.
Geht es wohl auch dem Herren gut,
da du hierher kamst, Sonaka?“

Darauf entgegnete ihm der Paccekabuddha: „O Großkönig, nicht nur hier, sondern auch, wenn ich anderswo mich aufhalte, geht es mir nicht schlecht.“ Und er begann ihm die folgenden Strophen zu sagen über das Glück der Asketen:

„Beständig währt das Glück des Mönches,
der ohne Geld und ohne Haus.
Sie gehn nicht in die Vorratskammer,
an ihre Schüssel, ihren Krug;
der andern Vorräte sie suchen
und nähren sich damit, die Frommen.

Ein zweites Glück gibt 's für den Mönch,
der ohne Geld und ohne Haus:
die Gabe darf er ungetadelt
verzehren, niemand hindert ihn.

Ein drittes Glück gibt 's für den Mönch,
der ohne Geld und ohne Haus:
in Ruhe darf er seine Gabe
verzehren, niemand hindert ihn.

Ein viertes Glück gibt 's für den Mönch,
der ohne Geld und ohne Haus:
frei wandelt er hin durch die Lande
und keine Fessel gibt 's für ihn.

Ein fünftes Glück gibt 's für den Mönch,
der ohne Geld und ohne Haus:
mag auch die Stadt in Flammen stehn,
für ihn kann nichts darin verbrennen.

Ein sechstes Glück gibt 's für den Mönch,
der ohne Geld und ohne Haus:
mag auch das Land geplündert werden,
von ihm kann man ja doch nichts rauben.

Ein siebtes Glück gibt 's für den Mönch,
der ohne Geld und ohne Haus:
auf einem Weg, wo Räuber hausen,
und auch bei anderen Gefahren
da wandeln mit Gewand und Schale
in Sicherheit die Heiligen.

Ein achtes Glück gibt 's für den Mönch,
der ohne Geld und ohne Haus:
wohin er immer sich entfernt,
geht er, ohne sich umzublicken.“

So erklärte der Paccekabuddha Sonaka die acht Glückseligkeiten eines Asketen; darüber hinaus wäre er aber im Stande gewesen, noch hundert oder tausend oder auch unzählige andere Glückseligkeiten des Asketentums anzuführen. Weil aber der König an den Lüsten seine Freude hatte, unterbrach er diese Aufzählung mit den Worten: „Mich verlangt nicht nach den Glückseligkeiten des Asketenlebens“; und um seine Anhänglichkeit an die Lüste zu verkündigen sprach er:

„Viel sind diese Glückseligkeiten,
die du verkündet hast, o Mönch.
Ich aber, der nach Lüsten gierig,
wie könnt' ich, Sonaka, so tun?

Der Menschen Lüste sind mir lieb,
doch lieb' ich auch des Himmels Freuden.
Auf welche Art könnten wir wohl
die beiden Welten uns gewinnen?“

Darauf sprach zu ihm der Paccekabuddha:

„Die Männer, die nach Lust begierig,
die lusterfreut, nach Lust geneigt,
kommen an einen schlimmen Ort,
nachdem sie ihre Sünden taten.

Doch wer die Lüste aufgegeben,
sich freigemacht hat, niemand fürchtet,
des Geistes Sammlung hat erreicht,
der kommt an keinen schlimmen Ort.

Ein Gleichnis werde ich dir bringen;
höre darauf, Arindama!
Denn auch aus einem Gleichnis merken
den Sachverhalt manchmal die Weisen.

Als auf dem Ganges einen Leichnam
dahin sah treiben auf der Flut
die Krähe, dachte sie bei sich,
die Einsichtslose, schwach im Denken:

‚'nen Wagen hab ich da erhalten
und Speise bietet er in Menge;
hier werd ich Tag und Nacht verbleiben,
daran nur hab ich meine Freude.‘

Indem das Fleisch des Elefanten
er aß und Gangeswasser trank,
wobei er Wälder sah und Tempel,
entfernt' sich nicht von dort der Vogel.

So führte ihn der Ganges mit sich,
freudeberauscht über den Leichnam,
und nahm ihn mit ins Meer hinein,
dort wo der Vögel harrt Verderben.

Als seiner Nahrung nun beraubt
der Vogel und ins Wasser fiel,
fand er im Westen nicht noch Osten,
im Norden nicht und nicht im Süden

zu seiner Zuflucht eine Insel,
dort wo der Vögel harrt Verderben;
er stürzte in das Meer hinunter
wie einer, der die Kraft verloren.

Darauf kamen des Meeres Fische,
Seeungeheuer, Krokodile,
bezwangen ihn und fraßen ihn,
der zappelnd nicht mehr fliegen konnte.

Geradeso hast du, o König,
und alle andern, die nach Lüsten
sind gierig und sie nicht ausspeien,
dieselbe Weisheit wie die Krähe.

Dies ist für dich ein Gleichnis, König,
gemacht, um dir das Heil zu zeigen;
du wirst es merken, je nachdem
du danach handelst oder nicht.“

Nachdem er jenen so durch dies Gleichnis ermahnt hatte, sprach er jetzt, um diese Ermahnung noch recht zu befestigen, folgende Strophe:

„Einmal oder auch zweimal redet,
wer sich der andern will erbarmen;
doch weiter wird er nicht mehr sprechen,
wie es der Sklave macht beim Herren.“

Folgende Strophe sprach der völlig Erleuchtete:

Nach diesen Worten sich entfernte
Sonaka, der unendlich weise,
und durch den Luftraum flog er fort,
nachdem den Fürsten er belehrt.—

Der Bodhisattva blieb stehen und schaute ihm nach, wie er durch die Luft dahinflog, solange er ihn noch sehen konnte; als er aber aus seinem Gesichtskreise verschwunden war, da machte er sich Vorwürfe und dachte bei sich: „Dieser Brahmane, der doch von niederer Abkunft ist, hat über das Haupt von mir, der ich einer ununterbrochenen Linie von Fürsten entstamme, den Staub von seinen Füßen herabgestreut, ist in die Luft hinauf geflogen und fortgezogen. Auch mir kommt es zu, heute noch fortzuziehen und die Weltflucht zu betätigen.“ Und da er die Herrschaft niederzulegen und die Welt zu verlassen wünschte, sprach er folgendes Strophenpaar:

„Wo sind denn jene Königsmacher,
die Wagenlenker zeichenkundig?
Ich will die Herrschaft niederlegen;
nicht mehr verlangt mich 's nach dem Throne.

Noch heut werd ich die Welt verlassen;
wer weiß, ob er nicht morgen stirbt?
Dass ich nicht wie die dumme Krähe
in die Gewalt der Lüste komme!“

Als seine Minister hörten, wie der König so seine Herrschaft niederlegte, sprachen sie:

„Du hast doch einen jungen Sohn,
den Dighavu, den Reichsvermehrer!
Ihm lass die Königsweihe geben,
dieser soll unser König sein!“

(Die nächsten Strophen, von der vom Könige gesprochenen Strophe angefangen, sind der Reihe nach in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu verstehen.)

„Bringet mir rasch den Prinzen her,
den Dighavu, den Reichsvermehrer!
Man gebe ihm die Königsweihe,
dieser soll euer König sein.“

Drauf brachte man herbei den Prinzen,
den Dighavu, den Reichsvermehrer;
als er ihn sah, da sprach der König
zu seinem einz'gen, lieben Sohn:

„Von Dörfern volle sechzigtausend,
mit allen Gütern angefüllt,
nimm alle sie, mein Sohn, entgegen;
die Herrschaft übertrag ich dir.

Noch heut werd ich die Welt verlassen;
wer weiß, ob er nicht morgen stirbt?
Dass ich nicht wie die dumme Krähe
in die Gewalt der Lüste falle.

Von Elefanten sechzigtausend,
mit allem Schmuck herrlich geziert,
mit goldnen Gürteln Elefanten,
mit goldnem Zaumzeug auch geschmückt,

am Rücken tragend ihre Führer
mit Lanzen, Haken in der Hand—
nimm alle sie, mein Sohn, entgegen;
die Herrschaft übertrag ich dir.

Noch heut werd ich die Welt verlassen;
wer weiß, ob er nicht morgen stirbt?
Dass ich nicht, wie die dumme Krähe,
in die Gewalt der Lüste falle.

Von Rossen volle sechzigtausend,
mit allem Schmuck herrlich geziert,
von Abkunft lauter edle Pferde,
die Sindhu-Rosse rasch im Lauf,

am Rücken tragend ihre Lenker
mit Schwert und Bogen in der Hand—
nimm alle sie, mein Sohn, entgegen;
die Herrschaft übertrag ich dir.

Noch heut werd ich die Welt verlassen;
wer weiß, ob er nicht morgen stirbt?
Dass ich nicht, wie die dumme Krähe,
in die Gewalt der Lüste falle.

Von Kriegerwagen sechzigtausend,
stark angeschirrt, besteckt mit Fahnen,
mit Panter- und mit Tigerfellen
und reich verziert mit allem Schmuck,

auf ihnen stehen ihre Lenker
mit Bogen in der Hand und Schilden—
nimm alle sie, mein Sohn, entgegen;
die Herrschaft übergeb ich dir.

Noch heut werd ich die Welt verlassen;
wer weiß, ob er nicht morgen stirbt?
Dass ich nicht, wie die dumme Krähe,
in die Gewalt der Lüste falle.

Dazu der Kühe sechzigtausend
von roter Farbe, stierbegleitet,
nimm alle sie, mein Sohn, entgegen;
die Herrschaft übergeb ich dir.

Noch heut werd ich die Welt verlassen,
wer weiß, ob er nicht morgen stirbt?
Dass ich nicht, wie die dumme Krähe,
in die Gewalt der Lüste falle.

Dazu von Frauen sechzehntausend,
mit allem Schmuck herrlich geziert,
mit bunten Ringen an den Händen,
mit Edelstein- und Perlohrringen—
nimm alle sie, mein Sohn, entgegen;
die Herrschaft übertrag ich dir.

Noch heut werd ich die Welt verlassen;
wer weiß, ob er nicht morgen stirbt?
Dass ich nicht, wie die dumme Krähe,
in die Gewalt der Lüste falle.“

„Als ich noch jung war, lieber Vater,
starb mir die Mutter, wie ich hörte,
und ohne dich, du lieber Vater,
vermag ich weiter nicht zu leben.

Wie einem Elefant im Walde
sein Junges nachfolgt hinterdrein,
wenn er im Bergesdickicht wandelt,
an ebnen und unebnen Orten,

so werde ich auch dir nachfolgen
mit deiner Schale hinterdrein.
Ein guter Träger will ich werden
und nicht dir schlecht zu tragen sein.“

„Wie, wenn ein Schiff auf hohem Meere
von Kaufleuten, die Geld erstreben,
von einem Hindernis erfasst wird,
die Kaufleute zugrunde gehn,

so steht auch dieser Unglückssohn
mir hinderlich im Wege nur.
Bringet zu dem Palaste mein
den Prinzen hier, den Reichsvermehrer!

Dort werden mit beringten Händen,
wie den Sakka die Göttermädchen,
die schönen Frauen ihn erfreuen;
an ihnen wird er sich ergötzen.“

Drauf brachten sie den Prinzen hin
zu dem Palast, den Reichsvermehrer;
als sie ihn sah'n, die Mädchen sagten
zu Dighavu, dem Reichsvermehrer:

„Bist du 'ne Gottheit, ein Gandharva
oder Sakka Purindada?
Wer bist du oder wessen Sohn?
Wie können wir dich kennen lernen?“

„Nach mir verlangt ihr; Heil sei euch!
Ich werde euer Gatte werden.“
Darauf sagten daselbst die Mädchen
zu Dighavu, dem Reichsvermehrer:
„Wohin gelangte denn der König?
Wohin ist er von hier gekommen?“

„Den Schmutz der König hat verlassen,
auf festen Grund ist er gelangt;
die große Straße er erreichte,
die dornenlose, dickichtfreie.

Und ich bin auf den Weg gekommen,
der zu den Straforten mich hinführt,
wo ich zu schlechtem Ziel gelange
voll von Gestrüpp, bedeckt mit Dornen.“

„Zum guten Ziel kamest du, König,
wie zu des Löwen Felsenhöhle.
Beherrsche uns, o großer König;
über uns alle bist du Herr.“

Nachdem sie so gesprochen, ließen sie alle Instrumente ertönen und führten mannigfache Tänze und Gesänge auf. Groß war die Pracht; von der Ehrung berauscht, gedachte er nicht mehr an seinen Vater. Nachdem er aber in Gerechtigkeit die Herrschaft geführt hatte, gelangte er an den Ort seiner Verdienste. Der Bodhisattva jedoch betätigte die Ekstase und die Erkenntnisse und wurde ein Bewohner der Brahmawelt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon führte der Vollendete die große Weltentsagung aus“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals ging der Paccekabuddha zum völligen Nirvana ein, der Sohn war der Prinz Rāhula, der König Arindama aber war ich.“

Ende der Erzählung von Sonaka