Jātaka 544

Die große Erzählung von Narada Kassapa (Maha-Narada-Kassapa-Jātaka)

„Es war ein König der Videhas“

Dies erzählte der Meister, da er im Latthivana-Parke verweilte, mit Beziehung auf die Bändigung des Uruvela-Kassapa. Nachdem nämlich der Meister das Rad der Lehre in Bewegung gesetzt und sodann den Uruvela-Kassapa und die anderen Asketen sich Untertan gemacht hatte, begab er sich, um bei dem Könige von Magadha das Versprechen auszulösen, umgeben von den tausend früheren Jatilas nach dem Parke Latthivana. Darauf kam der König von Magadha mit einer zwölf Myriaden zählenden Versammlung herbei, bezeigte dem mit den zehn Kräften Ausgestatteten seine Verehrung und setzte sich neben ihn. Da stieg inmitten der Versammlung den Brahmanen und den Hausvätern folgender Zweifel auf: „Führt nun wohl Uruvela-Kassapa bei dem großen Asketen den heiligen Wandel oder der große Asket bei Uruvela-Kassapa?“ Da dachte der Erhabene: „Ich werde sie erkennen lassen, dass Kassapa bei mir die Weltflucht betätigt“, und sprach folgende Strophe:

„Was sahest du, Bewohner Uruvelas,
dass du das Feuer aufgabst, der du Büßer
genannt wirst? Kassapa, ich frage dich:
Warum verließest du das Feueropfer?“

Auch der Thera erkannte die Absicht des Erhabenen und erwiderte:

„Die Körper, Töne und die Wohlgeschmäcke,
Lüste und Weiber preisen die Opfersprüche.
Da ich dies als Befleckung im Leben erkannte,
drum freut' ich mich nicht mehr an Opfer und Feuer.“

Nachdem er diese Strophe gesprochen, legte er, um zu zeigen, dass er selbst der Schüler sei, sein Haupt auf die Füße des Vollendeten und sagte: „Mein Meister ist, Herr, der Erhabene; der Schüler bin ich.“ Darauf sprang er eine Palme hoch, zwei Palmen hoch, drei Palmen hoch, bis zur Höhe von sieben Palmen siebenmal in die Luft empor, kam wieder herab, bezeigte dem Vollendeten seine Verehrung und setzte sich ihm zur Seite. Als die Menge dies Wunder sah, sagte sie: „Ach, von großer Macht ist der Buddha! Obwohl Uruvela-Kassapa zu solchem Vertrauen auf seine Stärke gelangt war und sich selbst für heilig hielt, hat er jetzt das Netz seines Irrglaubens zerrissen und sich von dem Vollendeten bändigen lassen.“ So redete sie nur von dem Vorzuge des Meisters. Der Meister aber erwiderte: „Nicht wunderbar ist es, dass ich jetzt, wo ich die Allwissenheit erlangte, diesen bändigte. Früher, in der Zeit, da ich noch von Lüsten erfüllt war, war ich ein Brahma namens Narada, zerstörte das Netz seines Irrglaubens und machte ihn gehorsam.“ Und darauf erzählte er auf die Bitte der Versammlung folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem herrschte im Königreiche Videha zu Mithila ein König namens Amgati, ein gerechter, rechtlicher König. Er hatte eine Tochter mit Namen Ruja, die sehr schön und lieblich war. Diese hatte hunderttausend Weltalter hindurch dafür Gebete dargebracht und hatte deshalb als ein Wesen voll von Verdiensten im Schoße der ersten Gemahlin des Königs ihre Wiedergeburt genommen. Die übrigen sechzehntausend Frauen des Königs aber waren unfruchtbar.—Ihm war diese Tochter lieb und angenehm. Er schickte ihr täglich fünfundzwanzig Blumenkörbe mit mannigfachen Blumen gefüllt und feine Gewänder, damit sie sich damit schmücken solle. Die festen und flüssigen Speisen waren unbegrenzt; alle vierzehn Tage sandte er ihr tausend Kahapanas, damit sie Almosen spende.

Er hatte aber drei Minister, Vijaya, Sunama und Alāta. Als nun einmal das viermonatliche Vollmondsfest kam und die Stadt sowohl wie auch sein Haremsgebäude gleich einer Götterstadt geschmückt war, saß er wohl gebadet und wohl gesalbt und mit allem Schmucke geziert in dem Thronsaale, dessen Fenster geöffnet war, umgeben von der Schar seiner Minister, und betrachtete die reine Fläche des Himmels und die Mondscheibe, wie sie aufstieg. Da sagte er: „Entzückend fürwahr ist die klare Nacht; mit welchem Vergnügen wollen wir uns heute erfreuen?“ So fragte er seine Minister.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Es war ein König der Videhas
mit Namen Amgati, der Edle,
mit vielen Wagen, vielem Geld,
ein Mann von grenzenloser Macht.

Und in der Nacht des fünfzehnten,
als die erste Nachtwache nicht zu Ende,
am viermonatlichen Vollmondsfest,
versammelt er seine Minister,

die weisen, heil'gen Wissens voll,
die vorher lächelten, die klugen,
den Vijaya, Sunama, auch
Alātaka, den Heerführer.

Sie fragte nun der Vedeha:
„Sag' jeder einzeln, was er wünscht.
Das viermonatliche Fest ist heut',
das Vollmondsfest; fort ist das Dunkel.
Mit welcher Freude wollen wir
in dieser Nacht die Zeit verbringen?“

Als er sie so fragte, brachten sie ihre Vorschläge so wie sie den Wünschen eines jeden entsprachen.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Darauf sprach folgendes Alāta,
der Heerführer des Königs war:
„Das fröhliche, gerüstete
vollständ'ge Heer lass uns versammeln.

Zum Kampfe, Fürst, wollen wir führen
die Männer, unbegrenzt an Kraft.
Die bisher dir nicht Untertan,
wollen wir Untertan dir machen.
Dieses ist meine eig'ne Meinung:
Was unbesiegt, lass uns besiegen!“

Als des Alāta Wort vernommen
Sunama, sprach er folgendes:
„O großer König, deine Feinde
sind alle jetzt versammelt hier.

Sie haben abgelegt die Schwerter,
zur Unterwerfung sich geneigt.
Das höchste Fest feiern wir heute;
nicht kann mir da der Kampf gefallen.

Speise und Trank und Kuchen auch
sollen sie rasch herbei dir bringen;
erfreue, Fürst, dich an den Lüsten,
an Tänzen, Liedern und Musik!“

Als des Sunama Wort vernommen
Vijaya, sprach er folgendes:
„All diese Freuden, großer König,
steh'n dir immer zur Verfügung.

Nicht schwer ist es dir zu erlangen,
dass du an Lüsten dich erfreust;
obwohl die Lüste leicht erreichbar,
finden sie bei mir kein Gefallen.

Einen Asketen oder Brahmanen
lass uns aufsuchen, einen weisen,
der heute uns den Zweifel löse
in dem Gewünschten wissenskundig.“

Als des Vijaya Wort vernommen,
König Amgati, sprach er so:
„Wie Vijaya geredet hat,
dieses gefällt auch mir gar wohl.

Einen Asketen oder Brahmanen
lasst uns aufsuchen, einen weisen,
der heute uns den Zweifel löse
in dem Gewünschten wissenskundig.

Ihr alle denkt darüber nach:
Zu welchem Weisen wollen wir gehen,
der heute uns den Zweifel löse
in dem Gewünschten wissenskundig?“

Als des Vedeha Wort vernommen
Alāta, sprach er folgendes:
„Im Wildpark wohnt ein nackter Büßer,
ob seiner Weisheit hochgeehrt,

Guna, aus Kassapas Geschlecht,
gelehrt, beredt, ein großer Lehrer.
Diesen, o König, suche auf;
er wird uns unsern Zweifel lösen.“

Als des Alāta Wort vernommen
der König, trieb er an den Lenker:
„Wir wollen in den Wildpark gehen,
bring' her einen bespannten Wagen!“—

Für ihn bespannte man den Wagen
von Elfenbein, mit Silberzierrat,
ganz rein und glänzend ausgestattet,
weiß wie die monderhellte Nacht.

Daran wurden jetzt angeschirrt
vier lotosfarb'ge Sindhu-Rosse,
den Winden glichen sie an Schnelle,
wohl eingeübt, mit goldnen Kränzen.

Weiß war der Sonnenschirm, der Wagen,
und weiß war auch der Yakschweifwedel;
als so ausfuhr mit den Ministern
Vedeha, glänzt' er wie der Mond.

Mit ihm auch gingen viele Starke,
mit Herrscherschwertern in den Händen;
auf Pferden reitend weise Männer
begleiteten den Männerfürsten.

Als er ein wenig war gefahren,
stieg ab der Fürst von seinem Wagen;
mit den Ministern ging Vedeha
zu Fuße jetzt zu Guna hin.

Und die Brahmanen und die Reichen,
die damals dort versammelt waren,
entfernte nicht von dort der König,
obwohl sie ihm den Platz versperrten.“

Von dieser gemischten Versammlung aber umgeben setzte er sich dem Asketen zur Seite und begann eine freundliche Unterhaltung mit ihm.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Darauf auf einer weichen Matte,
mit bunten Eichhörnchen verziert,

als sich der König hingesetzt,
begann er freundlich ein Gespräch:
„Kannst du dein Leben fristen, Herr,
weil dir nicht fehlt der Lebenshauch?

Ist hier dein Leben unbeschwerlich,
erhältst du auch Almosenspeise?
Bist wenig du geplagt von Krankheit?
Geht dir dein Auge nicht verloren?“

Drauf Guna freundlich antwortet'
dem Zucht liebenden Vedeha:
„Mein Leben kann ich fristen hier,
o König, alles ist mir doppelt.

Ist aber, edler Vedeha,
das Grenzland dir nicht allzu mächtig?
Ist dein Gespann in guter Ordnung,
hat auch dein Wagen guten Lauf?
Hast du nicht etwa eine Krankheit,
die deinen Körper heftig quält?“

Der König, freundlich angeredet,
fragte darauf unmittelbar
nach Recht und Vorteil und dem Weg,
der Recht liebende Länderherr.

„Wie übt ein Mensch Gerechtigkeit
gegen die Eltern, Kassapa?
Wie übt er sie gegen die Lehrer,
wie ferner gegen Weib und Kinder?

Wie übt er sie gegen die Alten,
wie gegen Asketen und Brahmanen?
Wie übt er sie gegen sein Heer,
wie gegen seines Lands Bewohner?

Wie kommt, wenn er Gerechtigkeit
geübt, er nach dem Tod zum Himmel?
Und wie auch fallen Ungerechte
so manche in die Höll' hinab?“

Diese so bedeutende Frage, die man unter allwissenden Buddhas, Paccekabuddhas, Buddhaschülern und sehr erleuchteten Wesen immer, wenn man den vorhergehenden nicht erhalten kann, dem folgenden vorlegen sollte, stellte der König an einen ganz unwissenden, nackten und schutzlosen, unberühmten, blinden und törichten Asketen. Als dieser so gefragt wurde, gab er nicht die der Frage entsprechende Antwort, sondern, wie wenn er eine umherwandelnde Kuh schlüge oder in eine Speiseschüssel Schmutz würfe, sagte er: „Höre, großer König“, verschaffte sich Gehör und trug dann seine falsche Lehre vor.

Um dies zu erklären, sprach der Meister:

Als er Vedehas Wort vernommen,
sprach Kassapa folgendermaßen:
„Höre von mir, o großer König,
ein wahres, unverfälschtes Wort!

Nicht gibt es für gerechten Wandel,
'ne gute oder böse Frucht;
nicht gibt es, Fürst, 'ne andre Welt.
Wer ist von dort hierher gekommen?

Nicht gibt es, König, Ahnen auch,
wie also Mutter oder Vater?
Auch einen Lehrer gibt es nicht;
wer kann den Ungezähmten zähmen?

Gleich sind einander alle Wesen,
nicht gibt es Ehrung für das Alter.
Es gibt nicht Kraft noch Energie;
woher 'nen Mann, der sich bemüht?
Denn immerwährend sind die Wesen,
wie stets dem Schiff nachhängt der Strick.

Der Mensch erlangt das, was er braucht;
woher kam' des Almosens Frucht?
Fürst, Almosen bringt keine Frucht,
unwirksam ist es, Fürst, und schwach.

Von Toren wird die Gab' gespendet,
von Weisen wird sie angenommen;
die Schwachen geben sie den Klugen,
die Toren, die sich weise dünken.“

Nachdem er so die Fruchtlosigkeit des Almosen Spendens geschildert, sprach er weiter, um den Erfolg des Bösen zu verkünden:

„Immer sind diese sieben Körper,
nicht zu zerstören, unverletzlich:
Das Licht, die Erde und das Wasser,
die Luft und ferner Glück und Unglück
sowie das Leben; diese sieben,
für sie gibt es keine Zerstörer.

Es gibt nicht Töter noch Zerstörer
noch kann sie irgendwer verletzen;
in diese Körper eingeführt
hören die Schwerter auf zu wirken.

Wenn einer mit gezücktem Schwerte
auch schlüge auf der andern Haupt,
zerstört er diese Körper nicht;
weshalb also des Bösen Strafe?

Wenn vierundachtzig große Zeiten
durchwandert, werden alle rein;
wenn diese Zeit noch nicht gekommen,
wird auch der Heilige nicht rein.

Bevor die Zeit kommt, werden sie
nicht rein trotz vieler guten Taten;
auch wenn viel Böses man getan,
kommt man nicht über diese Zeit.

Allmählich kommt uns erst die Reinheit
nach vierundachtzig Weltaltern;
und über die Bestimmung kommen wir
nicht wie übern Strand das Meer.“

So brachte dieser die Vernichtung Verkündigende durch eigene Kraft seine eigene Rede vor ohne Berufung auf ein Beispiel.

Als des Kassapa Wort vernommen
Alāta, sprach er folgendes:
„So wie es hat der Herr gesprochen,
gefällt auch mir wohl dieses Wort.

An meine früh're Existenz
gedenk' ich, die ich durchgemacht:
Ich hieß Pingala, war ein Jäger,
ein Rindertöter ehedem.

In der blühenden Stadt Benares
hab' ich viel Böses da getan;
ich tötete dort viele Tiere,
viel Büffel, Eber, Ziegenböcke.

Von dort weg ward ich hier geboren
in reicher Heerführerfamilie.
Fürs Böse gibt's jetzt keine Strafe;
nicht bin ich in die Höll' gekommen.“

Doch dort war auch, gehüllt in Lumpen,
ein Sklave namens Bijaka;
er kam zu Guna hin, indem
er das Uposatha beging.

Als Kassapas Wort er vernommen
und auch, was Alāta gesprochen,
da seufzt' er schwer und augenblicklich
vergoss er weinend heiße Tränen.

Ihn fragte der Vedeha-Fürst:
„Aus welchem Grunde weinst du, Lieber?
Was sahest oder hörtest du?
Welch einen Schmerz lässt du mich sehen?“

Als des Vedeha Wort vernommen
Bijaka, sprach er folgendes:
„Ich habe keinen schweren Schmerz;
o großer König, höre mich.

An meine früh're Existenz
gedenk' ich, die so glücklich war.
Einst war ich in der Stadt Saketa
ein Großkaufmann mit Namen Bhava,

der Tugend froh, von den Brahmanen
geehrt und Reichen, rein, gern gebend,
und nicht gedenk' ich, dass ich jemals
ein böses Werk hätt' ausgeführt.

Von da gestorben, Vedeha,
wurde ich hier wiedergeboren
im Schoße einer armen Dirne,
woher ich dann so elend wurde.

Obwohl ich aber so im Elend,
entschloss ich mich zu rechtem Wandel;
von meiner Mahlzeit gebe ich
die Hälfte dem, der sie begehrt.

Am vierzehnten und fünfzehnten
halte ich stets Uposatha
und keine Wesen ich verletze
und auch den Diebstahl halt' ich fern.

Und alles dieses, was ich jetzt
Gutes getan, bleibt ohne Frucht;
nutzlos ist, glaub' ich, diese Tugend,
wie es Alāta hat gesagt.

Jetzt habe ich mein Spiel verloren
wie ein unkund'ger Würfelspieler;
das Spiel gewonnen hat Alāta,
wie einer, der versteht zu würfeln.

Ein Tor kann ich nicht mehr bemerken,
durch das ich in den Himmel komme;
darum, o König, weine ich,
da ich Kassapas Wort gehört.“

Als er Bijakas Wort vernommen,
sprach darauf König Amgati:
„Es gibt kein Tor zur Seligkeit,
wart' auf dein Schicksal, Bijaka!

Ob Glück du oder Unglück findest,
wird durch das Schicksal dir zuteil.
Für alle gibt's ein End' des Wanderns;
sei um die Zukunft nicht besorgt.

Auch ich war früher tugendhaft,
geplagt durch Reiche und Brahmanen,
und meine Pflichten übt' ich aus,
von Sinneslust dabei verlassen.“

Nachdem er aber so gesprochen, fuhr er fort: „Ehrwürdiger Kassapa, so lange Zeit hindurch waren wir nachlässig. Jetzt aber haben wir einen Meister gefunden. Von jetzt an wollen wir uns nur an den Lüsten erfreuen in Eurer Nähe. Von jetzt an soll auch das Anhören der Wahrheit für uns kein Hindernis mehr sein. Bleibet Ihr da, wir wollen gehen!“ Und um sich von ihm zu verabschieden, sagte er:

„Wir werden, Herr, uns wiedersehen,
es gibt noch 'ne Zusammenkunft.“
Nachdem Vedeha so gesprochen,
kehrt' er ins eigne Haus zurück.

Als der König zuerst zu Guna hingegangen war, grüßte er ihn ehrfurchtsvoll und legte ihm dann seine Frage vor. Als er aber fortging, tat er dies, ohne ihm seine Ehrfurcht zu bezeugen. So erhielt Guna infolge seiner Tugendlosigkeit nicht einmal einen Gruß; wie hätte er da Almosen und andere Ehrungen bekommen sollen?

Nachdem aber der König diese Nacht verbracht hatte, versammelte er am nächsten Tage seine Minister um sich und sprach zu ihnen: „Schaffet mir Mittel zur Sinnenlust her! Ich will von nun an nur noch das Glück der Sinnenlust genießen. Keine anderen Geschäfte sollen mir gemeldet werden; die Rechtsprechung soll der und jener besorgen.“ Und er war am höchsten den sinnlichen Vergnügungen ergeben.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Als dann die Nacht zu Ende war,
ließ bei der Aufwartung der König
seine Minister sich versammeln
und sprach zu ihnen dieses Wort:

„Im Candaka, meinem Palaste,
soll man mir immer Lüste schaffen;
man komme mir nicht mit Geschäften,
geheimen oder öffentlichen.

Vijaya und Sunama und
der Heerführer Alāta auch
sollen besorgen die Geschäfte,
die drei, die ihrer kundig sind.“

Nachdem Vedeha so gesprochen,
gab er sich ganz den Lüsten hin;
auch bei den Brahmanen und Reichen
gab er sich mit nichts weiter ab.—

Darauf nach zweimal sieben Nächten
des Vedeha leibliche Tochter,
die Königstochter namens Ruja
sprach zu der Ammenmutter also:

„Schmücket mich rasch; auch geb' man mir
Freundinnen bei, denn morgen ist
der heilige fünfzehnte Tag.
Ich möchte hingeh‘n zu dem Herrscher.“

Darauf brachten sie ihr Girlanden
und sehr kostbares Sandelpulver,
Juwelen, kostbare Muschelperlen
und auch buntfarbige Gewänder.

Als sie auf einem goldnen Stuhle
sich hingestreckt, gar viele Frauen,
die selbst vor Schönheit glänzten,
stellten sich um Ruja, die reizende.

Und so in der Freundinnen Mitte,
mit allem Schmucke wohl geziert
ging Ruja hin in den Palast
so wie der Blitz fährt durch die Wolke.

Als sie nun zu Vedeha kam,
begrüßt' sie ihn, die Tugendsame;
auf einem goldverzierten Stuhl
setzt' sie sich nieder ihm zur Seite.

Als sie Vedeha nun gewahrte,
wie Göttermädchen, die versammelt,
Ruja von Freundinnen umgeben,
sprach er zu ihr folgendes Wort:

„Erfreust du dich in dem Palaste
und in dem Lotosteich, der drinnen?
Bringt man auch mannigfache Speise
beständig dir zum Essen hin?

Pflücken auch mannigfache Blumen
die Mädchen ab und winden Kränze,
macht ihr euch einzeln kleine Häuser,
wenn ihr eifrig dem Spiel ergeben?

Woran es etwa dir gebricht,
das soll man rasch herbei dir bringen;
sprich einen Wunsch, du Mundgefärbte,
auch wenn er schwer war' gleich dem Mond.“

Als sie Vedehas Wort vernommen,
sprach Ruja drauf zu ihrem Vater:
„All diese Dinge, großer König,
erhalte ich bei meinem Herrscher.

Der heil'ge fünfzehnte ist morgen,
tausend Goldmünzen bring' man mir;
wie sonst so will auch jetzt ich geben
ein Almosen an alle Bettler.“

Als er dies Wort von Ruja hörte,
sprach so der König Amgati:
„Verschleudert hast du viel Vermögen
nutzlos und ohne alle Frucht.

Du hältst immer das Fasten ein,
genießest weder Trank noch Speise;
nach dem Geschick ist's nicht zu halten,
der Fastende hat kein Verdienst.

Auch Bijaka, als er vernommen
damals, was Kassapa gesagt,
da seufzt' er auf und augenblicklich
vergoss er weinend heiße Tränen.

Solange, Ruja, du noch lebst,
enthalte dich nicht mehr der Speise.
Ein Jenseits, Liebe, gibt es nicht;
was tötest du dich zwecklos ab?“

Als sie Vedehas Wort vernommen,
sprach Ruja, reizend anzuseh‘n,
des Früh'ren kundig und des Künft'gen,
zu ihrem Vater folgendes:

„Gehört hab' ich dies früher schon
und es geseh‘n mit eignen Augen:
Wer mit den Toren Umgang hat,
wird dabei selbst zu einem Toren,

denn der Verirrte durch den Irren
noch tiefer kommt zum Irrtum hin;
für Bijaka und für Alāta
passt es so in der Irre gehen.

Du aber, Fürst, bist doch voll Einsicht,
bist weise, deines Vorteils kundig;
wie kamest du zu dieser Lehre,
der niedrigen, für Toren passend?

Denn wenn man rein wird durch Wiedergeburt,
ist ohne Zweck des Guna Weltverlassen;
wie eine Motte stürzt ins glüh'nde Feuer,
kommt dieser Narr zum Leben als Asket.

Im Glauben, dass Wiedergeburt bringt Reinheit,
viele verschlechtern unwissend ihr Karma;
in früh'ren Sünden sind sie festgehalten,
wie von der Angel schwer loskommt der Fisch.

Ein Gleichnis werde ich dir bringen,
o großer König, dir zum Nutzen;
denn aus dem Gleichnis lernen manchmal
die Weisen ihren Nutzen kennen.

So wie von Kaufleuten ein Schiff,
das unzählbare Waren trägt,
infolge der zu großen Last
im Ozean zum Sinken kommt,

so geht's dem Menschen, der das Böse,
wenn auch nur immer wenig, anhäuft;
infolge der zu großen Last
versinkt er in dem Höllenschlund.

Noch ist nicht gänzlich voll die Last,
du Erdgebieter, von Alāta;
er häuft noch immer Böses an,
durch das er in das Unglück stürzt.

Früher gab es auch gute Taten,
du Erdgebieter, von Alāta;
deren Erfolg es ist, o Fürst,
dass er jetzt dieses Glück genießt.

Doch seine guten Werke schwinden,
weil er am Laster sich erfreut;
den rechten Weg hat er verlassen
und läuft nun auf dem bösen Weg.

Wie eine Waage, die man fasst,
wenn die Waagschale draufgestellt,
den einen Teil hebt in die Höhe,
nachdem die Last auf sie gelegt,

so geht es auch dem Mann, der Gutes,
wenn auch nur immer wenig, anhäuft,
wie Bijaka, dem frommen Sklaven,
der so sehr nach dem Himmel strebt.“

Und um dies zu verkünden, sprach sie:

„Wenn heut' der Sklave Bijaka
nur Leiden sieht in seinem Leben,
so ist es nur die früh're Sünde,
die dieser jetzt zu büßen hat.

Doch diese seine Sünden schwinden,
weil er an Tugend sich erfreut.
Komme du nicht auf diesen Irrweg,
indem du Kassapa gehorchst.“

Um ihm sodann den Fehler, der in der Verehrung des Bösen liege, und den Vorzug der Verehrung tugendhafter Freunde zu beweisen, sprach sie:

„Wem immer einer folgt, o König,
dem Guten oder auch dem Bösen,
dem Tugendreichen oder Schlechten,
in dessen Macht begibt er sich.

Wie der beschaffen ist, den einer
zum Freund sich macht und dem er folgt,
ebenso ist er selbst beschaffen,
ebenso der, der bei ihm wohnt.

Wer den Verehrenden verehrt
und einen anderen berührt,
dem geht's, wie beim vergifteten Pfeil:
das ganze Bündel macht er giftig.
Aus Furcht vor Ansteckung der Weise
mag nicht der Feind des Bösen werden.

Wenn einen faulen Fisch ein Mann
ins beste Gras hineingewickelt,
so wird das Gras selbst übelriechend;
so ist's auch, wenn man Toren ehrt.

Und wenn ein Mann duftendes Pulver
einwickelt in Palasa-Blätter,
so werden auch die Blätter duftend;
so ist's auch, wenn man ehrt die Weisen.

Wenn man darum die eig'ne Reife
wie bei 'nem Früchtekorb erkennt,
so soll der Weise nicht verehren
die Bösen, sondern Gute ehren;
die Bösen führen in die Hölle,
die Guten bringen in den Himmel.“

Nachdem so die Königstochter mit diesen sechs Strophen ihrem Vater die Wahrheit verkündet hatte, sprach sie jetzt, um das weitere von ihr ertragene Leid zu schildern, folgendes:

„An sieben Existenzen denk' ich,
die nacheinander ich durchlebte,
und auch an künft'ge sieben Leben,
die ich nach diesem werd' erreichen.

In meiner siebten Existenz
war früher ich, o Völkerfürst,
ein Schmiedesohn in Magadha
und wohnte in Rājagaha.

Durch einen bösen Freund verführt
hab' ich viel Böses dort getan;
mich an des Nächsten Weib vergreifend
lebt' ich, als würde ich nicht sterben.

Doch diese Tat blieb fortbestehen
wie Feuer, das bedeckt mit Asche.
Darauf infolge andrer Taten
ward ich geboren im Lande Vamsa

zu Kosambi in der Familie
des Großkaufmanns reich, mächtig, blühend
als einz'ger Sohn, o großer König,
immer geehrt und hochgeachtet.

Dort fand ich einen guten Freund,
einen Gefährten tugendliebend,
der klug war und erfüllt mit Weisheit;
der lehrte mich, was mir von Nutzen.

Am vierzehnten und fünfzehnten
hielt ich lang das Uposatha;
auch diese Tat blieb fortbestehen
wie ein Schatz, der im Wasser liegt.

Doch darauf von den bösen Taten,
die ich zu Magadha getan,
die Frucht zur Reife war gekommen,
wie wenn man Feindesgift getrunken.

Von da geschieden, Vedeha,
ward' ich in der Roruva-Hölle
lang wegen meiner Tat gepeinigt;
wenn ich dran denk', find' ich kein Glück.

Nachdem ich viele, viele Jahre
viel Unglück dort erduldet hatte,
war zu Bhennakata ich, König,
ein Bock mit abgeschnittnen Hoden.“

Dieser Bock aber war sehr stark; man stieg auch auf seinen Rücken und ritt auf ihm; man spannte ihn auch an einen Wagen.—Um dies zu erläutern, sprach sie folgende Strophe:

„Der Edlen Söhne stiegen mir
auf meinen Rücken, auf den Wagen.
Dies war der Lohn für jene Tat,
dass ich des Nächsten Weib besucht.“

Nachdem sie aber dort gestorben war, nahm sie im Walde in einer Affenfamilie ihre Wiedergeburt. Am Tage ihrer Geburt zeigte man sie dem Führer der Herde. Dieser sagte: „Bringt mir meinen Sohn“, packte ihn fest und biss ihm, der laut schrie, mit seinen Zähnen die Hoden ab.—Um dies zu verkünden, sprach sie:

„Von da gestorben war, Vedeha,
ein Affe ich im großen Walde.
Vom wilden Herrn der Herde wurden
mir dort die Hoden ausgerissen.
Dies war der Lohn für meine Tat,
weil ich des Nächsten Weib besucht.“

Um darauf ihre weiteren Existenzen zu schildern, sprach sie:

„Von dort gestorben war, Vedeha,
im Land Dasanna ich ein Rind.
Verschnitten war ich rasch und tüchtig
und lange ging ich unterm Joch.
Dies war der Lohn für meine Tat,
weil ich des Nächsten Weib besucht.

Von dort gestorben kam, Vedeha,
ich bei den Vajjins auf die Welt.
Da war ich weder Weib noch Mann;
denn schwer erreichbar ist die Mannheit.
Dies war der Lohn für meine Tat,
weil ich des Nächsten Weib besucht.

Von dort gestorben ward, Vedeha,
im Nandana-Wald ich geboren;
im Haus der dreiunddreißig Götter
war ich 'ne Nymphe lusterregend,

mit Kleidern und mit Schmuck geziert,
mit Perlen, Edelsteinohrringen,
des Tanzes kundig und des Sanges,
als eine Dienerin von Sakka.

Da ich dort lebte, Vedeha,
gedacht' ich dieser Existenzen
und auch der sieben künftigen,
die ich von hier durcheilen werde.

Zur Reife kam das gute Werk,
das zu Kosambi ich getan;
die Götter- und die Menschenwelt
werd' ich durcheilen von hier aus.

In sieben Leben, großer König,
werd' ich beständig hoch geehrt;
vom Weib sein werde ich nicht frei
diese sechs nächsten Existenzen.

Das siebte Leben, Fürst, ist dies:
Ein Göttersohn von großer Macht,
ein männlicher Gott werd' ich sein,
der höchste in der Götterwelt.

Grad heute flechten sie den Kranz
in Nandana von Himmelsbäumen;
der Göttersohn Java ist es,
der meinen Kranz entgegennimmt.

Gleich einem Augenblick im Himmel
sind diese meine sechzehn Jahre;
ein Tag und eine Nacht im Himmel
ist lang wie hundert Menschenjahre.

So folgen unsere Taten uns
durch unzählbare Existenzen,
die guten wie die bösen auch;
denn nicht zu Ende geht das Karma.“

Um ihm dann die höchste Wahrheit zu sagen, sprach sie:

„Wer immer wieder wünscht, ein Mann
in jeder Existenz zu werden,
der halt' sich von des Nächsten Weib,
wie der Reinfüßige vom Schmutz.

Wer immer wieder wünscht, ein Mann
in jeder Existenz zu werden,
der möge ehren seinen Herrn
wie Indra seine Dienerinnen.

Wer Himmelsglück für sich erwünscht,
himmlisches Leben, Ruhm und Glück,
der halt' das Böse von sich fern
und übe die dreifache Tugend.

In Tat, in Wort und in Gedanken
wer unablässig ist voll Einsicht,
der nur gereicht sich selbst zum Nutzen,
sei er ein Weib oder ein Mann.

Die immer hier als Menschen in der Welt
berühmt sind und die Güter all' genießen,
die taten früher zweifellos viel Gutes;
durch eignes Karma sind getrennt die Wesen.

Wohlan, denkst du nicht selbst, o Fürst,
woher dir diese stammen, Herrscher,
die, Himmelsmädchen gleich geschmückt,
mit goldnen Netzen sind bedeckt?“

So belehrte sie ihren Vater.

Um dies zu verkündigen, sprach der Meister:

Also erfreut' das Mädchen Ruja
König Amgati, ihren Vater;
den Weg dem Irrenden sie zeigte,
die Wahrheit kündete die Fromme.

Nachdem sie so ihrem Vater von der Dämmerung an die ganze Nacht hindurch die Wahrheit verkündet hatte, sagte sie noch: „Fürst, nimm nicht die Worte eines nackten Irrgläubigen an! Nimm das Wort eines guten Freundes an, wie ich es bin, wenn ich dir sage: ‚Es gibt diese Welt und es gibt eine andere Welt; es gibt eine Frucht der wohl getanen und übel getanen Werke.‘ Stürze dich nicht in Unglauben!“ Trotzdem aber war sie nicht im Stande, ihren Vater von seinem Irrglauben zu befreien; sondern er war nur dadurch befriedigt, dass er ihre süße Stimme hörte. Wenn nämlich die Eltern die Worte ihrer lieben Kinder hören, so sind sie erfreut, geben aber nicht ihre Ansicht auf.

In der Stadt aber herrschte lautes Geschrei: „Die Königstochter Ruja verkündet ihrem Vater die Wahrheit und veranlasst ihn dadurch, seinen Irrglauben aufzugeben.“ Die ganze Volksmenge war erfreut, indem sie dachte: „Die weise Königstochter wird heute ihren Vater von seinem Irrglauben befreien und dadurch den Stadtbewohnern Heil verschaffen.“

Als sie aber ihren Vater nicht zur Erkenntnis bringen konnte, gab sie deshalb ihre Bemühung nicht auf, sondern, indem sie dachte: „Durch irgendein beliebiges Mittel werde ich meinem Vater Heil verschaffen“, legte sie die gefalteten Hände auf ihr Haupt, verehrte die zehn Himmelsgegenden und sprach: „In dieser Welt gibt es welterhaltende, tugendhafte Asketen und Brahmanen, es gibt die Welthüter-Gottheiten und die Mahabrahmas. Diese sollen kommen und durch ihre Macht meinen Vater zum Aufgeben seines Irrglaubens veranlassen. Wenn auch er keine Tugend besitzt, so sollen sie wegen meiner Tugend, wegen meiner Kraft, wegen meiner Wahrheit herbeikommen, ihn zum Aufgeben seines Irrglaubens veranlassen und dadurch der ganzen Welt Heil bringen.“ So brachte sie ihre Verehrung dar. Damals war der Bodhisattva ein Brahma-Engel namens Narada. Die Bodhisattvas nämlich betrachten, um ihre Liebe zu betätigen, infolge ihres großen Mitleids, um die gut wandelnden und die übel wandelnden Wesen zu sehen, von Zeit zu Zeit die Welt. Als er nun an diesem Tage die Welt betrachtete, sah er, wie die Königstochter, um ihren Vater von seinem Irrglauben zu befreien, den welterhaltenden Gottheiten ihre Verehrung darbrachte. Da dachte er: „Außer mir ist niemand im Stande, diesen zur Aufgabe seines Irrglaubens zu veranlassen. Heute kommt es mir zu, dorthin zu gehen, der Königstochter einen Gefallen zu erweisen, ihrem Vater aber samt seiner Umgebung Heil zu bringen. In welcher Erscheinung aber soll ich gehen?“ Da kam ihm folgender Gedanke: „Den Menschen sind die Weltflüchtlinge lieb und ehrwürdig und ihre Stimme müssen sie annehmen; darum werde ich in der Erscheinung eines, der die Welt verlassen hat, dorthin gehen.“ Nachdem er diesen Entschluss gefasst, erschuf er für sich eine gefällige, goldfarbene Menschenerscheinung, band sich einen hübschen Flechtenkranz und steckte in die Flechten eine goldene Nadel hinein. Dann zog er ein rotes Unter- und Obergewand an und legte ein mit goldenen Sternen verziertes, aus Silber gefertigtes Ziegenfell auf die eine Schulter; er nahm eine an einer Perlenschnur hängende Almosenschale mit, tat eine an drei Stellen gekrümmte Tragstange auf die Schulter und fasste an einer Perlenschnur einen Wassertopf aus Korallen. In diesem Asketenaufzug kam er, indem er an der Fläche des Himmels wie der Mond erglänzte, durch die Luft daher, ging in den geschmückten Thronsaal des Canda-Palastes hinein und stellte sich vor den König in die Luft.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Darauf kam aus der Brahmawelt
zum Menschenvolke Narada;
während er Indien betrachtet',
sah er den König Angati.

Er schritt hinein in den Palast
und stellt' sich vor Vedeha hin.
Doch als ihn Ruja kommen sah,
grüßt' sie den Weisen ehrfurchtsvoll.

Als aber der König ihn sah, wurde er von dem Brahma-Glanze erschreckt und vermochte nicht mehr, auf seinem Sitze zu bleiben, sondern er stieg herunter, stellte sich auf die Erde und fragte jenen, woher er komme und wes Namens und Geschlechtes er sei.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Doch es erhob sich von dem Sitze
der König angsterfüllten Sinns;
indem er Narada nun fragte,
sprach er dabei folgendes Wort:

„Woher kommst du in göttlicher Gestalt,
der du die Nacht erleuchtest gleich dem Mond?
Nenn' mir auf meine Frag' Nam' und Geschlecht;
als wen kennt man dich in der Menschenwelt?“

Jener aber dachte: „Dieser König glaubt, es gebe keine andere Welt; ich will ihm sogleich die andere Welt verkünden“; und er sprach folgende Strophe:

„Vom Götterhimmel komme ich jetzt her,
der ich die Nacht erleuchte gleich dem Mond.
Gefragt von dir nenn' ich dir Nam' und Art:
Als Narada und Kassapa man kennt mich.“

Da dachte der König: „Ich kann ihn auch nachher noch nach der andern Welt fragen; jetzt will ich ihn fragen, wie er zu dieser Wundermacht gekommen ist.“ Und er sprach folgende Strophe:

„Gar wunderbar fürwahr ist jetzt dein Ausseh‘n,
wie du da in dem Luftraum gehst und stehest.
Ich frag' dich, Narada, nach folgendem:
Wodurch kommst du zu solcher Wunderkraft?“

Narada antwortete:

„Wahrheit und Recht, Selbstzucht und Selbstaufgabe,
die Tugenden hab' ich zuvor betätigt;
durch diese wohlgeübten Tugenden
kam ich gedankenschnell zum Ort der Wünsche.“

Obwohl dieser aber so sprach, glaubte jener, weil er die Irrlehre so gut aufgefasst hatte, noch nicht an eine andere Welt, sondern er sagte: „Gibt es denn einen Erfolg guter Werke?“, und sprach folgende Strophe:

„Gar wunderbar nennst du der Tugenden Erfolg;
denn wenn dies so ist, wie du es gesagt,
so frage ich dich danach, Narada,
und du antworte gut auf meine Frage!“

Narada erwiderte:

„Frage mich nur, o König, du bedarfst es,
was du für Zweifel hegst, du Landeshüter.
Ich will dir Lösung von den Zweifeln bringen
durch Logik, durch Erkenntnis und durch Gründe.“

Der König versetzte:

„Ich frage dich nach diesem, Narada:
auf meine Frage sag' mir keine Lüge!
Gibt es denn wirklich Götter, gibt es Väter,
gibt es 'ne andre Welt, wie das Volk meint?“

Narada antwortete:

„Ja, es gibt Götter und es gibt auch Väter,
es gibt 'ne andre Welt, von der das Volk spricht;
doch Toren, die auf Lüste sind versessen,
glauben nicht an die andre Welt voll Irrtum.“

Als dies der König hörte, spottete er und sprach folgende Strophe:

„Wenn, wie du glaubst, o Narada, für Tote
es gibt ein Leben in der andern Welt,
o gib mir jetzt fünfhundert auf der Stelle;
im Jenseits geb' ich tausend dir dafür.“

Darauf sprach das große Wesen zu ihm, um ihn inmitten der Versammlung zu tadeln:

„Wir würden dir gewiss fünfhundert geben,
kennten wir dich als tugendhaft und freundlich;
doch wenn du Wilder in der Hölle wohnst,
wer kann im Jenseits dich um tausend drängen?

Auch hier auf Erden wer da lasterhaft,
von schlechtem Wandel, träg' und grausam handelt,
dem borgen weise Leute keine Schuld;
denn nicht kommt sie zurück von einem solchen.

Doch wenn man als geschickt kennt einen Mann,
energisch, tugendhaft und freundlich redend,
dem bietet man von selbst die Schätze an;
wenn er sein Werk getan, bringt er's zurück.“

Als so der König von ihm zurückgewiesen wurde, fand er keine Widerrede. Die Volksmenge rief hocherfreut: „Von großer Wundermacht ist der göttliche Weise; heute wird er den König zur Aufgabe seines Irrglaubens veranlassen“, und erfüllte die ganze Stadt mit diesem Rufe. Durch die übernatürliche Macht des großen Wesens war damals in der sieben Yojanas zählenden Stadt Mithila kein einziger, der seine Unterweisung nicht vernommen hätte.

Da dachte das große Wesen: „Dieser König hat allzu fest seinen Unglauben angenommen; ich werde ihn zuerst durch die Furcht vor der Hölle erschüttern, ihn so zum Aufgeben seiner Irrlehre veranlassen und ihn wieder durch die Schilderung der Götterwelt trösten.“ Es sprach zu dem König: „O Großkönig, wenn du deinen falschen Glauben nicht aufgibst, wirst du in die so unendliches Leid bringende Hölle kommen“; und er begann seine Erzählung von der Hölle folgendermaßen:

„Von hier geschieden wirst du sehen, König,
wie du von Rabenscharen wirst gezerrt
und aufgezehrt dort in der Hölle weilend,
wie dort von Krähen, Geiern und von Falken
dein Leib zerrissen wird, strömend von Blut.
Wer kann im Jenseits dich um tausend drängen?“

Nachdem er aber so die Rabenhölle geschildert, fuhr er fort: „Wenn du auch dort nicht deine Wiedergeburt findest, so wirst du in der Lokantara-Hölle wiedergeboren werden.“ Und um diese Hölle zu schildern, sprach Narada folgende Strophe:

„Ein blindes Dunkel herrscht ohn' Mond und Sonne,
voll Lärm ist stets die Hölle, furchterregend;
dort kennt man keine Nacht und keinen Tag.
Wer sollte Geld verlangend dort verweilen?“

Nachdem er ihm so auch die Lokantara-Hölle ausführlich geschildert, sprach er, um ihm zu beweisen, dass ihm nicht nur dies sondern auch noch anderes Leid zuteil werde, wenn er seinen Irrglauben nicht aufgebe, folgende Strophe:

„Auch Sabala und Sama, die zwei Hunde,
mit ungeheurem Körper, stark und groß,
zerbeißen dort mit den ehernen Zähnen
den, der von hier kommt in die andre Welt.“

(Bei den weiteren Höllen herrscht dieselbe Art; darum sind alle diese Örter samt den dazu kommenden Höllenwächtern in der oben angegebenen Art ausführlich zu schildern und von all diesen Strophen die unklaren Worte zu erklären.)

„Der du gefressen wirst dort in der Hölle,
von wilden Tieren, die aufs Wild sich stürzen,
dein Leib zerrissen wird, strömend von Blut:
Wer kann im Jenseits dich um tausend drängen?

Mit Bogen und mit wohlgeschärften Speeren
treffen und stoßen dort in dieser Hölle,
der grausen, die Kalupakala-Feinde
den Mann, der früher böse Werke tat.

Ihn, der verwundet in der Hölle läuft,
unten den Bauch geschlitzt und an der Seite,
des Leib zerrissen wird, strömend von Blut,
wer kann im Jenseits ihn um tausend drängen?

Speere und Bogen, Lanzen und Jagdspieße,
verschied'ne Waffen lässt der Gott dort regnen;
sie fallen nieder wie glühende Kohlen;
auch Steine lässt er regnen auf die Wilden.

Der Glutwind auch ist schwer erträglich in der Hölle,
nicht findet man dort Labsal auch nur wenig;
wenn einer dort herumläuft krank und schutzlos,
wer kann im Jenseits ihn um tausend drängen?

Den, der dort läuft, geschirrt an einen Wagen,
und auf dem Boden geht, der ganz voll Glut,
mit Geißeln und mit Stricken wird getrieben,
wer kann im Jenseits ihn um tausend drängen?

Den, der besteigt den Berg voll scharfer Messer,
der zittern macht, der glüht und Furcht erregt,
des Leib zerrissen wird, strömend von Blut,
wer kann im Jenseits ihn um tausend drängen?

Den, der besteigt den einem Berge gleichen
Haufen von Kohlen, glühend, Furcht erregend,
des Leib verbrannt ist und der kläglich weint,
wer kann im Jenseits ihn um tausend drängen?

Den Wolkenrändern gleich an Höhe
sind Bäume dort, besetzt mit Dornen,
mit scharfen Spitzen erzgefertigt,
welche das Blut der Männer trinken.

Hinauf an diesen steigen Frauen
und Männer, die die Ehe brachen,
getrieben von des Yama Dienern,
die Speere in den Händen tragen.

Den, der hinaufsteigt in der Hölle
am Seidenbaum, mit Blut befleckt,
zerstörten Körpers, ohne Haut,
schwerkrank und arge Schmerzen leidend,

der immerfort die Hitze atmet
und so die früh'ren Sünden büßt:
den Hautlosen auf Baumesspitze,
wer könnte da um Geld ihn bitten?

Den Wolkenspitzen gleich an Höhe
sind Bäume dort voll Schwerterklingen,
mit scharfen Spitzen erzgefertigt,
welche das Blut der Männer trinken.

Den, der zu diesem Baum voll Schwertern kam,
der durch die spitzen Klingen wird zerfleischt,
des Leib zerrissen wird, strömend von Blut,
wer kann im Jenseits ihn um tausend drängen?

Wenn er von dort ist kaum entkommen
der grausen Schwerterklingenhölle,
stürzt er in die Vetarani:
wer könnte dann um Geld ihn bitten?

Von scharfem Laugenwasser brennend
ist schrecklich die Vetarani,
bedeckt mit ehernen Lotosblumen
fließt sie dahin mit scharfen Blättern.

Wenn er dort mit zerfleischtem Körper
wird hingetrieben blutbefleckt
schutzlos in der Vetarani,
wer könnte dann um Geld ihn bitten?“—

Nachdem aber der König die Erzählung des großen Wesens von der Hölle angehört hatte, sprach er erschütterten Herzens, um sich bei ihm allein Schutz zu suchen, zu dem großen Wesen:

„Ich zittre wie ein umgeschlagner Baum,
die Richtung kenn' ich nicht verwirrten Sinnes;
von Furcht bin ich gequält und groß ist meine Furcht,
da ich die Verse hört', die du gesprochen, Weiser.

Wie bei dem Brand das Wasser oder
wie in dem Meere eine Insel,
wie in der Finsternis ein Licht,
so sei du unsre Zuflucht, Weiser.

Den Vorteil und die Tugend lehr' mich, Weiser,
gewiss sind meine früh'ren Taten Sünde;
verkünd' mir, Narada, der Läut'rung Weg,
damit ich nicht mehr in die Hölle stürze.“

Darauf sprach das große Wesen, um ihm den Weg der Reinheit zu verkünden, indem es auf die früheren Könige, die gerecht gelebt hatten, als Beispiel hinwies, folgende Strophen:

„Weil Dhatarattha, Vessamitta,
Atthaka und Yamataggi,
Usinnara und König Sivi
Asketen und Brahmanen dienten,

gelangten diese Könige
und andre nach des Sakka Reich;
drum halt' das Unrecht von dir fern,
wandle gerecht, du Herr der Erde!

Mit Speisen in den Händen soll man
ausrufen im Palaste dein:
‚Wer ist denn hungrig oder durstig,
wer wünscht sich einen Kranz und Salbe,
mit mannigfach gefärbten Kleidern
wer, wenn er nackt ist, will sich antun?

Wer nimmt 'nen Schirm sich für den Weg
und auch Sandalen, weich und schön?‘
So soll des Abends wie des Morgens
man rufen laut in deiner Stadt.

Wenn alt der Mann, das Rind, das Pferd,
so spanne sie nicht an wie früher,
sondern gib ihnen Unterhalt;
Dienst leisten sie, solang sie stark.“

Nachdem so das große Wesen dem Könige die Pflicht, Almosen zu spenden, und die Pflicht der Tugend auseinandergesetzt hatte, sagte es jetzt, weil dieser König sich freute, wenn seine Existenz mit einem Wagen verglichen geschildert wurde, deshalb folgendes, indem es ihm unter dem Bilde eines alle Wünsche erfüllenden Wagens die Wahrheit verkündete:

„Dein Körper ist gedacht als Wagen,
von dem Verstand gelenkt, rasch fahrend;
das Nichtverletzen ist die Achse,
Almosen austeilen sein Dach.

Der Füße Zähmung ist der Radkranz,
der Hände Zähmung ist der Zierrat,
des Leibes Zähmung seine Nabe,
der Sprache Zähmung sein Gerassel.

Wahr sprechen ist der Teile Gleichheit,
nicht schmähen die Zusammenfassung,
freundliches Wort das Fehlerlose,
maßvolle Worte sind der Sitz.

Glaub' und Lust los sein sind sein Schmuck,
Demut und Achtung seine Deichsel,
Nachgiebigkeit ist seine Stange,
die Tugend halten seine Leine.

Nicht zornig werden ist sein Schlüssel,
Tugend der weiße Sonnenschirm,
ein tiefes Wissen ist die Bremse,
Beständigkeit sind seine Räder.

Die Zeit gut kennen seine Zierde,
Vertrauen sind seine drei Stäbe,
demütig leben ist sein Jochband,
frei sein von Stolz sein leichtes Joch.

Des Herzens Freiheit ist das Kissen,
Ehrung des Alters nimmt den Staub,
nachdenken ist des Weisen Geißel,
Verstand und Übung sind die Zügel.

Gezähmter Sinn kommt auf den Weg
mit gleich gezügelten Genossen;
Lust und Begier ist falscher Weg,
der rechte Weg ist Selbstbezähmung.

Und wenn die Rosse auch nacheilen
Gestalten, Tönen, Duft, Geschmack,
so ist Verstand die Peitsche, König;
du selber bist der Wagenlenker.

Und wenn auf diesem Wagen
herrscht gerechter Wandel, feste Einsicht,
erfüllt er alle Wünsche, König,
und niemals fährt er in die Hölle.“

Der Weise fuhr fort: „So, o Großkönig, weil du zu mir sagtest: ‚Verkünde mir, Narada, den Weg der Reinheit, damit ich nicht in die Hölle stürze‘, diesen Weg habe ich dir auf mancherlei Art verkündet.“ Nachdem er aber dem Könige die Wahrheit gezeigt, ihm seinen Irrglauben genommen und ihn in den Geboten befestigt hatte, ermahnte er ihn noch folgendermaßen: „Von jetzt ab gib die falschen Freunde auf und besuche nur die braven Freunde; sei beständig voll Achtsamkeit!“ Dann pries er die Vorzüge der Königstochter, gab der Königsversammlung und den Leuten aus dem Harem des Königs noch eine Ermahnung und kehrte dann mit großer übernatürlicher Kraft vor ihren Augen in die Brahmawelt zurück.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er noch hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch schon früher habe ich bei Uruvela-Kassapa das Netz der Irrlehre zerrissen und ihn gebändigt.“

Dann sprach er, um das Jātaka zu verbinden, folgende Schlussstrophen:

„Alāta war Devadatta,
Sunama aber Bhaddaji,
Vijaya war Sariputta,
Mogallana war Bijaka.

Der nackte Büßer damals war
Sunakkhatta, der Licchavi;
Ānanda aber war Ruja,
die wohl gefiel dem Könige.

Der irrgläubige König war
dort Uruvela-Kassapa,
Mahabrahma war Bodhisattva:
versteht so dieses Jātaka!“

Ende der großen Erzählung von Narada-Kassapa