Jātaka 545

Die Erzählung von dem weisen Vidhura (Vidhurapandita-Jātaka)

„Gelb bist du, abgemagert, schwach“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Vollendung in der Wahrheit.—Eines Tages nämlich begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, der Meister ist von großer Weisheit, von ausgebreiteter Weisheit, von fröhlicher Weisheit, von rascher Weisheit, von scharfer Weisheit, von durchdringender Weisheit. Er zerschmettert die Widerreden; er hat durch die übernatürliche Kraft seiner Weisheit die von weisen Fürsten ausgedachten feinen Fragen gelöst, hat jene zur Selbstverleugnung gebracht, sie in den Zufluchten und in den Geboten befestigt und sie auf den zur Unsterblichkeit führenden Weg geleitet.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er weiter: „Kein Wunder ist es, ihr Mönche, dass der zur höchsten, vollkommenen Erleuchtung gelangte Vollendete die Schmähreden der Gegner widerlegen und Fürsten u. dgl. bezähmen kann. Denn in einer früheren Existenz, obwohl er nach der Erkenntnis der Erleuchtung erst suchte, war der Vollendete auch schon voll Weisheit und zerbrach die Reden der Gegner. Damals nämlich habe ich zur Zeit, da ich der junge Vidhura war, auf dem Gipfel des sechzig Meilen hohen Kala-Berges den Dämonen-Heerführer, Punnaka mit Namen, allein durch die Macht der Erkenntnis überwunden, zur Selbstverleugnung gebracht und ihn veranlasst, sein eigenes Leben als Geschenk hinzugeben.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Das Kapitel von den vier Uposatha-Gelübden

Ehedem herrschte im Reiche Kuru in der Stadt Indapatta der König Dhananjaya-Korabba. Der weise Vidhura hieß sein Minister, der ihn in weltlichen und geistlichen Dingen unterwies. Dieser besaß die Gabe lieblicher Rede und war ein großer Verkünder der Wahrheit. Die Könige von ganz Indien hatte er wie Elefanten, die durch den Ton der den Elefanten angenehmen Laute verlockt werden, durch seine süße Verkündigung der Wahrheit bezaubert und ließ sie nicht in ihre eigenen Reiche zurückkehren, sondern indem er mit Buddha-Anmut viel Volks die Wahrheit lehrte, blieb er unter großer Ehrung in dieser Stadt wohnen.

Zu Benares aber hatten vier wohlhabende Brahmanen, befreundete Hausväter, den Nachteil eingesehen, der in den Lüsten liege, waren nach dem Himalaya gezogen und betätigten hier die Weltflucht der Weisen. Sie erlangten die Erkenntnisse und die Vollendungen und nährten sich von den Wurzeln und Früchten des Waldes. Nachdem sie dort lange geweilt, wanderten sie fort, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, und kamen auf ihrer Wanderung im Reiche Anga nach der Stadt Kalacampa, die sie betraten, um Almosen zu sammeln. Hier waren vier befreundete Gutsbesitzer über ihren edlen Wandel hocherfreut; sie begrüßten sie ehrfurchtsvoll, nahmen ihnen ihre Almosenschalen ab und ein jeder bewirtete einen von ihnen in seinem Hause mit vorzüglicher Speise. Nachdem sie deren Zustimmung erlangt, wiesen sie ihnen im Parke ihre Wohnung an.

Nachdem nun die vier Asketen im Hause der vier Gutsbesitzer gespeist, gingen sie, um den Tag zu verbringen, fort: der eine in den Himmel der dreiunddreißig Götter, der eine in das Naga-Reich, der eine in das Supanna-Reich und der letzte in den Migacira-Park des Königs Koravya. Derjenige von ihnen, der in die Götterwelt gegangen war und dort den Tag verbracht hatte, betrachtete dort den Glanz des Gottes Sakka und pries nur diesen bei seinem Gastfreunde; derjenige, welcher in das Naga-Reich gegangen war und dort den Tag verbracht hatte, betrachtete dort die Glücksfülle des Naga-Königs und pries nur diese seinem Gastfreunde; derjenige, welcher in das Supanna-Reich gegangen war und dort den Tag verbracht hatte, betrachtete dort die Würde des Supanna-Königs und pries nur diese seinem Gastfreunde; derjenige endlich, welcher im Parke des Königs Koravya den Tag verbracht hatte, betrachtete dort die fürstliche Pracht des Königs Dhananjaya und pries nur diese vor seinem Gastfreunde. Auch die vier Leute strebten deshalb nach diesem Platze der Götter; sie gaben Almosen und übten noch andere gute Werke. Dadurch wurde am Ende seines Lebens einer als Gott Sakka wiedergeboren, einer wurde mit Frau und Kindern im Naga-Reiche wiedergeboren, einer wurde als der Supanna-König in dem Palaste am Simbali-See wiedergeboren und einer nahm seine Wiedergeburt im Schoße der ersten Gemahlin des Königs Dhananjaya. Die Asketen aber wurden in der Brahmawelt wiedergeboren.

Als der Prinz Koravya herangewachsen war, kam er nach dem Tode seines Vaters auf den Thron und führte die Herrschaft mit Gerechtigkeit; er verstand sich aber sehr gut auf das Würfelspiel. In Befolgung der Ermahnungen des weisen Vidhura spendete er Almosen, hielt die Gebote und beobachtete das Uposatha. Als er nun eines Tages sich zum Halten des Uposatha entschlossen hatte, dachte er: „Ich will mich der Einsamkeit ergeben“; er ging in den Park, setzte sich an einer reizenden Stelle nieder und betätigte die Asketentugend. Auch Sakka hatte sich zum Uposatha entschlossen und dachte: „In der Götterwelt besteht ein Hindernis“; deshalb begab er sich in die Menschenwelt, ging in denselben Park, setzte sich auch an eine reizende Stelle und betätigte die Asketentugend. Auch der Naga-König Varuna hatte sich zum Uposatha entschlossen und dachte: „In dem Naga-Reiche besteht ein Hindernis dafür“; er ging ebendahin, setzte sich an einer reizenden Stelle nieder und betätigte die Asketentugenden. Endlich hatte auch der Supanna-König sich zum Uposatha entschlossen und dachte: „Im Supanna-Reiche besteht ein Hindernis“; er war ebendorthin gegangen, hatte sich an einer lieblichen Stelle niedergesetzt und betätigte dort die Asketentugend.

Zur Abendzeit aber verließen diese vier ihre Plätze, trafen am Ufer des königlichen Lotosteiches zusammen und schauten einander an. Durch die Kraft ihrer früheren Liebe waren sie einig und einträchtig, betätigten ihre Liebe zueinander, begannen eine freundliche Unterhaltung und setzten sich dann nieder; und zwar setzte sich Sakka auf den königlichen Steinsitz, die anderen suchten sich einen passenden Platz und setzten sich dort nieder.

Darauf sprach Sakka zu ihnen: „Wir sind ja vier Könige; von wem unter uns aber ist die Tugend am größten?“ Ihm entgegnete der Naga-König Varuna: „Größer als die Tugend von euch drei Leuten ist meine Tugend.“ Auf die Frage: „Was ist der Grund davon?“, fuhr er fort: „Dieser Supanna-König hier ist unser Feind, wenn wir geboren sind und auch wenn wir noch nicht geboren sind. Obwohl ich aber einen solchen Feind sehe, der uns das Leben nimmt, fühle ich keinen Zorn gegen ihn; darum ist meine Tugend am größten.“ Nach diesen Worten sprach er folgende erste Strophe des Catuposatha-Jātaka im zehnten Buche:

„Wer dem, der Zorn verdient, nicht zürnt,
als weiser Mann gar niemals Zorn empfindet,
auch wenn er zürnt, den Zorn nicht offenbart,
den Mann fürwahr nennt in der Welt man heilig.“

Er fuhr fort: „Diese Vorzüge aber sind in mir vorhanden; darum ist nur meine Tugend groß.“ Als dies der Supanna-König hörte, sagte er: „Dieser Naga ist meine Lieblingsspeise; weil ich aber, obwohl ich diese Lieblingsspeise sehe, meinen Hunger unterdrücke und um des Essens willen nichts Böses tue, darum ist meine Tugend am größten.

Wer leeren Magens seinem Hunger stand hält,
bezähmt als Büßer Trank und Speise mäßigt,
wer nicht um Essens willen Böses tut,
den Mann fürwahr nennt in der Welt man heilig.“

Darauf erwiderte der Götterkönig Sakka: „Ich habe die vielgestaltige Götterherrlichkeit, die nächste Ursache des Glückes, aufgegeben und bin, um die Gebote zu halten, in die Menschenwelt gekommen; darum ist meine Tugend am größten.“ Und er sprach folgende Strophe:

„Wer Spiel und Sinnenlust gänzlich verlässt
und keine Unwahrheit sagt in der Welt,
verzichtet auf den Ort der Pracht, auf Unzucht,
den Mann fürwahr nennt in der Welt man heilig.“

So pries auch Sakka seine Tugend. Als dies König Dhananjaya hörte, sagte er: „Ich habe heute meinen großen Besitz, meinen mit sechzehntausend Tänzerinnen angefüllten Harem aufgegeben und betätige im Parke die Asketentugend; darum ist meine Tugend am größten.“ Und er sprach folgende Strophe:

„Wer den Besitz und alle die Begierden,
weil er sie wohl erkennt, im Stiche lässt,
den Selbstbezähmten, Festen, frei von Gier und Lust,
den Mann fürwahr nennt in der Welt man heilig.“

Nachdem sie so alle ihre Tugend als die größte gepriesen hatten, fragten Sakka und die anderen den Dhananjaya: „O Großkönig, gibt es aber bei Euch irgendeinen Weisen, der uns diesen Zweifel lösen könnte?“ Er antwortete: „Ja, ihr Großkönige. Ich habe einen Mann, der mich in weltlichen und geistlichen Dingen unterweist, einen unvergleichlichen Leiter, der weise Vidhura genannt. Dieser wird unsern Zweifel lösen; zu ihm wollen wir hingehen.“ „Gut“, sagten sie und stimmten zu. Darauf verließen sie alle den Park, gingen zur Lehrhalle hin und befahlen, sie zu schmücken. Dann ließen sie den Bodhisattva in der Mitte des Polsters Platz nehmen und begannen eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihm. Als sie dann ihm zur Seite saßen, sagten sie: „Du Weiser, uns ist ein Zweifel aufgestiegen; löse uns diesen!“ Und sie sprachen folgende Strophe:

„Wir fragen den Betät'ger höchster Weisheit;
in Strophen ist ein Streit bei uns entstanden.
Löse uns heut den Zweifel, die Bedenken;
durch dich heut wollen wir entgehn dem Zweifel.“

Als der Weise ihre Rede hörte, erwiderte er: „Ihr Großkönige, wie soll ich von den Streitversen, die ihr wegen eurer Tugend machtet, erkennen, ob sie gut gesagt oder schlecht gesagt sind?“ Und er sprach folgende Strophen:

„Die Weisen, die die Dinge recht verstehen,
die reden klüglich dort zur rechten Zeit.
Wie könnten von den ungesprochnen Versen
den Sinn, ihr Fürsten, wohl erkennen Weise?

Wie hat fürwahr gesagt der Naga-König,
wie andrerseits der Vogel Garula,
was ferner sagte der Gandharva-König,
was endlich sprach der Kurus bester Fürst?“

Darauf sagten sie ihm folgende Strophe:

„Geduld fürwahr gab an der Naga-König,
das Fasten pries der Vogel Garula,
das Lustaufgeben der Gandharva-König,
die Armut lobt' der Kurus bester Fürst.“

Als das große Wesen ihre Rede vernommen, antwortete es:

„All diese Worte sind gar gut gesprochen,
kein einziges davon ist schlecht gesagt.
In wem jedoch diese vereinigt sind,
wie Speichen in den Naben sich vereinen,
wer mit den vier Tugenden ausgestattet,
den Mann fürwahr nennt in der Welt man heilig.“

So machte das große Wesen die Tugend der vier zu einer einzigen gleichen. Als dies die vier Leute hörten, waren sie hocherfreut und sprachen, um ihn zu loben, folgende Strophe:

„Du bist der beste, bist unübertrefflich,
die Wahrheit wissend, tugendkundig, klug.
Mit Weisheit fasstest du die Frage auf
und löstest uns als Weiser die Bedenken;
du brachest unsre Zweifel und Bedenken
wie Elfenbein der Drechsler mit der Säge.“

So waren auch diese vier Leute über seine Beantwortung ihrer Frage erfreuten Herzens. Darauf ehrte ihn Sakka mit einem himmlischen Gewande, der Garula mit einem goldenen Kranze, der Naga-König Varuna mit einem Kleinod, der König Dhananjaya aber mit tausend Kühen usw.; darum sprach dieser folgendermaßen:

„Der Kühe tausend, einen starken Stier,
zehn Wagen, wohl bespannt mit edlen Rossen,
erfreut durch die Beantwortung der Frage
geb ich dir und nach Wunsch noch sechzehn Dörfer.“

Nachdem aber Sakka und die anderen dem großen Wesen ihre Verehrung bezeigt hatten, kehrten sie an ihren Ort zurück.

Ende des Kapitels von den vier Uposatha-Gelübden

Das Kapitel von dem Gelüste

Unter ihnen hatte der Naga-König eine Gattin mit Namen Fürstin Vimala. Als diese an seinem Halse das Schmuckkleinod nicht mehr sah, fragte sie ihn: „O Fürst, wo ist aber dein Kleinod?“ Er erwiderte: „Liebe, als ich die Wahrheitsunterweisung des weisen Vidhura, des Sohnes des Brahmanen Canda, hörte, ehrte ich ihn hocherfreut durch dieses Kleinod; aber nicht ich allein sondern auch Sakka ehrte ihn mit einem himmlischen Gewande, der Supanna-König mit einem goldenen Kranze und der König Dhananjaya durch Schenkung von tausend Kühen usw.“ Darauf sagte sie weiter: „Ist er ein Verkündiger der Wahrheit, o Fürst?“ Er antwortete: „Liebe, was sagst du da? Es ist als sei im Gebiete von Indien ein Buddha erschienen. Von ganz Indien sind die hunderteins Könige durch dessen liebliche Rede gefesselt wie brünstige Elefanten, die durch den Ton der den Elefanten angenehmen Laute bezaubert sind, und kehren nicht mehr in ihre Königreiche zurück; ein so süßer Verkündiger der Wahrheit ist dieser.“

Als sie diese Kunde von den Vorzügen des weisen Vidhura vernahm, bekam sie Lust, dessen Wahrheitsverkündigung zu hören, und dachte bei sich: „Wenn ich sagen werde: ‚˜O Fürst, ich habe Lust, seine Wahrheitsverkündigung zu hören; führe ihn sogleich hierher‘, so wird er ihn nicht herbringen. Wie, wenn ich nun ihm sagte: ‚˜In meinem Herzen ist ein Gelüste entstanden‘, und mir den Anschein der Krankheit gäbe?“ Sie tat so, gab ihren Dienerinnen einen Wink und legte sich nieder. Als nun der Naga-König sie zur Zeit der Aufwartung nicht sah, fragte er ihre Dienerinnen: „Wo ist Vimala?“ Da sie antworteten: „Sie ist krank, o Fürst“, ging er zu ihr hin, setzte sich auf die Seite ihres Lagers und sprach, indem er ihren Körper rieb, folgende erste Strophe:

„Gelb bist du, abgemagert, schwach;
nicht war vorher dein Aussehn derart.
Sag, Vimala, auf meine Frage:
Von welcher Art sind deine Schmerzen?“

Um es ihm zu melden, sprach sie folgende zweite Strophe:

„Bei Frauen gibt es eine Eigenheit,
Gelüste nennt man sie, du Völkerfürst.
Nach dem rechtmäßig hergebrachten Herzen
des Vidhura verlang ich, Naga-Fürst.“

Als dies der Naga-König hörte, sprach er folgende dritte Strophe:

„Traun, nach dem Monde hast du ein Gelüste
oder der Sonne oder nach dem Winde!
Da schon Vidhuras Anblick schwer erreichbar,
wer wird Vidhura hierher bringen können?“

Da sie dessen Worte vernahm, sagte sie: „Wenn ich es nicht erhalte, so werde ich hier auf der Stelle sterben“; sie drehte sich um, zeigte ihm den Rücken und legte sich nieder, das Antlitz mit dem Zipfel ihres Gewandes bedeckt. Der Naga-König ging in sein Schlafgemach und überlegte, auf seinem Lager sitzend: „Vimala lässt das Herzfleisch des Vidhura herbeiholen.“ Da dachte er: „Wenn Vimala das Herz des Weisen nicht bekommt, so muss sie sterben. Wie könnte ich wohl dessen Herzfleisch erhalten?“

Da kam seine Tochter, Irandati mit Namen, die Naga-Prinzessin, mit allem Schmuck geziert, mit großem Liebreiz, um ihm ihre Aufwartung zu machen; sie bezeigte ihrem Vater ihre Verehrung und blieb ihm zur Seite stehen. Als sie die Veränderung in seinen Zügen gewahrte, sagte sie: „Väterchen, du bist allzu sehr betrübt; wer ist daran schuld?“ Und um ihn zu fragen, sprach sie folgende Strophe:

„Warum bist, Väterchen, du ärgerlich?
Dem Lotos, der berührt ist, gleicht dein Antlitz.
Was siehst du ungehalten aus, o Herr?
Sei nicht bekümmert, Quäler deiner Feinde!“

Als der Naga-König die Worte seiner Tochter vernahm, sprach er, um ihr den Sachverhalt zu verkünden:

„Ja, deine Mutter, o Irandati,
trägt nach dem Herz des Vidhura Verlangen.
Da schon Vidhuras Anblick schwer erreichbar,
wer wird Vidhura hierher bringen können?“

Darauf sagte er zu ihr: „Meine Tochter, bei mir ist niemand, der im Stande wäre, den Vidhura herbeizubringen. Gib du deiner Mutter das Leben wieder; suche dir einen Gatten, der fähig ist, den Vidhura herbeizubringen.“ Und um sie anzutreiben, sprach er folgende Halbstrophe:

„Wandle umher und such dir einen Gatten,
der den Vidhura hierher bringen kann.“

So sagte dieser aus Lust zu sinnlichem Vergnügen seiner Tochter ein unpassendes Wort.

Doch als sie ihres Vaters Wort vernommen,
ging nachts sie fort und wanderte voll Lust.

Während sie aber umherwanderte, holte sie im Himalaya die Blumen voll Schönheit, Wohlgeruch und Wohlgeschmack, schmückte mit ihnen den Berg wie ein kostbares Kleinod und machte auf seiner oberen Fläche ein Blumenlager. Indem sie tanzte, dass es reizend anzusehen war, und ein süßes Lied sang, sprach sie folgende siebente Strophe:

„Welcher Gandharva oder Dämon,
Naga, Feenmann oder Mensch,
welch Weiser, aller Freuden Spender,
will lange Zeit mein Gatte sein?“—

In diesem Augenblicke begab sich gerade der Neffedes Großkönigs Vessavana, der Dämonenheerführer Punnaka, nachdem er sein drei Gavutas großes Zauber-Sindhu-Ross bestiegen, auf dem Gipfel des Kala-Berges nach der Manosila-Ebene zu einer Zusammenkunft der Dämonen und hörte dabei ihren Gesang. Der Ton des Liedes seiner früheren Frau, die er in seiner letzten Existenz besessen hatte, durchdrang seine Haut usw. und drang durch bis zu den Knochen. Er wurde verliebt, kehrte um und sagte, noch auf dem Rücken seines Sindhu-Rosses sitzend: „Liebe, ich bin durch meine Weisheit, Tugend und Gerechtigkeit im Stande, das Herz des Vidhura herbeizubringen; sei ohne Sorge!“ Und um sie zu trösten, sprach er folgende achte Strophe:

„Sei nur getrost; ich werd dein Gatte,
dein Mann, du schönäugiges Mädchen,
denn derartig ist meine Weisheit.
Sei nur getrost, du wirst mein Weib.“

Darauf sagte Irandati zu ihm
so denkend, wie 's entsprach dem frühren Leben:
„Komm, wollen wir zu meinem Vater gehn;
er wird dir diesen Sachverhalt verkünden.“

Geschmückt mit schönen Kleidern und
mit Kränzen, sandelüberstreut
nahm sie den Dämon bei der Hand
und ging zu ihrem Vater hin.

Der Dämon Punnaka aber fasste sie von hinten, ging zu dem Naga-König hin und sprach, um Irandati zur Frau zu begehren:

„Du Naga-König, höre auf mein Wort:
Nimm an ein angemessenes Geschenk.
Denn ich verlange nach Irandati;
darum vereinige du mich mit ihr.

Hundert Rosse und Elefanten,
auch hundert Maultiere und Wagen,
dann hundert Schuppen, alle voll
von mannigfachen Edelsteinen:
diese nimm an, du Naga-Fürst,
gib deine Tochter mir Irandati!“

Darauf antwortete ihm der Naga-König:

„Ich will 's einstweilen den Verwandten,
den Freunden und Vertrauten sagen.
Die Tat unüberlegt getan,
die hat man später nur zu büßen.“

Darauf der Naga Varuna
hinein ging wieder in sein Haus;
er rief die Gattin zu sich her
und sprach zu ihr dann dieses Wort:

„Hier dieser Dämon Punnaka
bittet mich um Irandati;
um den Empfang von vielem Gut
wolln wir ihm geben, die mir lieb.“

Vimala antwortete:

„Nicht ist um Geld oder um Gut
unsre Irandati erhältlich.
Wenn aber er fürwahr das Herz des Weisen
rechtlich erlangt zu uns her könnte bringen,
um dieses Gut das Mädchen wär' erhältlich;
nicht andre Schätze wollen wir darüber.“

Darauf der Naga Varuna
herausging wieder aus dem Haus,
den Punnaka redet' er an
und sprach zu ihm folgendes Wort:

„Nicht ist um Geld oder um Gut
unsre Irandati erhältlich.
Wenn aber du fürwahr das Herz des Weisen
rechtlich erlangt zu uns her könntest bringen,
um dieses Gut wäre das Mädchen feil;
nicht andre Schätze wollen wir darüber.“

Punnaka antwortete:

„Wen weise nennen manche in der Welt,
den nennen andre wieder einen Toren.
Verkünde mir, denn man kann drüber streiten:
von welchem Weisen sprachest du jetzt, Naga?“

Der Naga-König erwiderte:

„Dhananjayas, des Kuru-Königs, Helfer,
wenn du 's gehört, mit Namen Vidhura,
den Weisen bringe her; wenn du ihn rechtlich
erlangtest, werd Irandati dein Weib.“

Als dieses Wort des Varuna vernommen
der Dämon, stand er voller Freude auf;
so, wie er war, sprach er zu einem Diener:
„Bring mir mein edles Ross her aufgezäumt!“

Aus Gold gemacht waren die Ohren
und aus Rubinen seine Hufe,
aus glänzendem, geläutertem
Gold war sein Panzer um die Brust.

Der Mann brachte sogleich das Sindhu-Ross herbei. Punnaka bestieg es, begab sich durch die Luft zu Vessavana, pries ihm das Naga-Reich und meldete ihm die Begebenheit.—Um dieses zu verkünden, ist folgendes gesagt:

Das Ross, das einen Götterwagen
könnt' fahren, Punnaka bestieg;
herrlich geschmückt, geordnet Haar und Bart,
entfernt' er sich nach oben durch die Luft.

Und Punnaka aus Liebesmacht voll Gier
Irandati, das Naga-Mädchen, wünschend,
ging hin zu dem berühmten Herrn der Geister
und sprach so zu Vessavana-Kuvera:

„Bhogavati, so heißt das schöne Haus,
die goldne Wohnung wird es auch genannt;
in der kunstvoll gebauten goldnen Stadt
ist 's für den Schlangenkönig aufgerichtet.

Wachttürme gibt 's mit Lippen und mit Hälsen
aus edelem Rubin und Katzenaugen;
Paläste sind dort, auch aus Stein gemacht,
mit Gold und Edelsteinen zugedeckt.

Mangos und Tilakas und Rosenäpfel,
Sattapannas, Mucalindas, Ketakas,
Piyakas und Uddalakas und Sahas
und Sinduvaritas bedeckt mit Fülle,

Campeyyakas und Nagamalikas,
Bhaginimalas gibt 's und Koliyas:
all diese Bäume beugen sich ringsum
und sie verschönen jener Schlange Haus.

Auch wilde Palmen gibt 's aus Stein
mit goldnen Blumen immer blühend;
dort wohnt der elternlos Geborene,
der mächt'ge Naga-König Vidhura.

Die edle Gattin sein heißt Vimala,
mit einem Körper wie ein goldner Zweig,
wie eine junge Kala ist sie hoch,
ihr Busen schön zu sehn wie Nimba-Blüten.

Mit rotem Lack ist ihre Haut geziert
dem Kanikara gleich, der einsam blüht,
gleich einem Mädchen in der Götterwelt,
gleich einem Blitz, der durch die Wolke dringt.

Von dem Gelüst erfüllt und aufgeregt
verlangt sie nach dem Herz des Vidhura.
Dieses will ihnen ich verschaffen, Herrscher;
dafür geben sie mir Irandati.“

Da dieser so ohne Erlaubnis des Vessavana sich nicht fortzugehen getraute, sagte er, um ihn dies merken zu lassen, diese vielen Strophen. Vessavana aber hörte gar nicht auf dessen Worte, sondern er entschied gerade den Streit um einen Palast zwischen zwei Götter-Söhnen. Obwohl jedoch Punnaka merkte, dass seine Worte nicht gehört wurden, stellte er sich neben den Göttersohn, der der Sieger war. Nachdem nun Vessavana den Streit entschieden hatte, bestätigte er den Unterlegenen nicht, sondern sprach zu dem anderen: „Gehe du und wohne in deinem Palaste.“ Im Augenblicke aber, da er sagte: „Gehe du“, sprach Punnaka: „Merkt euch, dass mein Oheim mich fortgeschickt hat“, und nahm einige Göttersöhne als Zeugen. Dann ließ er auf die oben angegebene Art sein Sindhu-Ross herbeibringen, bestieg es und entfernte sich.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Da Punnaka zum hehren Herrn der Geister
Vessavana-Kuvera so gesprochen,
befahl er einem Manne, der dort war:
„Bringe mein edles Ross gezähmt hierher!“

Aus Gold gemacht waren die Ohren,
aus glänzendem Rubin die Hufe,
aus funkelndem, geläutertem
Gold war sein Panzer um die Brust.

Das Ross, das einen Götterwagen
könnt' fahren, Punnaka bestieg;
herrlich geschmückt, geordnet Haar und Bart,
entfernt' er sich nach oben durch die Luft.—

Während er so durch die Luft dahinritt, dachte er hei sich: „Der weise Vidhura ist von vielen umgeben, ihn kann man nicht ergreifen. Der Kuru-König Dhananjaya aber ist ein Freund des Würfelspiels; wenn ich ihn im Spiel besiegt habe, werde ich Vidhura erhalten. In seinem Hause aber sind viele Kostbarkeiten; für einen wertlosen Preis wird er nicht Würfel spielen. Man muss ein sehr wertvolles Kleinod herbeiholen, ein anderes Kleinod wird der König nicht annehmen. In der Nähe der Stadt Rājagaha aber im Innern des Vepulla-Berges ist ein kostbares Kleinod von großer Macht, das einem weltbeherrschenden Könige zukommt; dies will ich holen, damit den König verlocken und dann den König besiegen.“ Und er tat so.

Um dies zu erklären, sprach der Meister:

Er ging zum schönen Rājagaha hin,
der Stadt des Reiches Anga, schwer bezwingbar,
gar reich versehn mit Speise und mit Trank
wie Vāsavas Palast Masakkasāra,

umtönt von Pfauen- und von Reiherscharen,
umsungen rings und reich belebt von Vögeln,
von Vögeln mancher Art umtönt, mit schönen Höfen,
bedeckt mit Blumen wie der Himalaya.

Drauf Punnaka bestieg den Berg Vepulla
aus Felsen aufgetürmt, bewohnt von Feen,
indem er suchte nach dem großen Kleinod;
dies sah er mitten auf der Bergesspitze.

Als er das Kleinod funkeln sah
von edler Art, das Schätze brachte,
das leuchtende, das hochberühmte,
glänzt' es, wie in der Luft der Blitz.

Und er ergriff den Lapislazuli,
kostbar, betörend und von großer Macht;
das edle Ross bestieg er unvergleichlich
und durch den Luftraum er entfernte sich.

Nach der Stadt Indapatta er gelangte,
stieg ab und ging hin zu der Kuru-Halle;
die hunderteins, die einig dort versammelt,
sprach drauf der Dämon an, ohne zu zittern:

„Wer jagt uns ab den königlichen Schatz,
wen sollen wir besiegen um das Höchste?
Welch unvergleichlich Kleinod sollen wir gewinnen
oder wer ist 's, der uns besiegt ums höchste Gut?“

So traf er mit diesen vier Zeilen nur den Koravya. Da dachte der König: „Ich habe noch niemals vorher jemand gesehen, der so kühn gesprochen hätte; wer ist wohl dies?“ Und um ihn zu fragen, sprach er folgende Strophe:

„In welchem Reiche ist dein Heimatland?
Nicht eines Kuru Wort gleicht deine Stimme;
an Schönheitsglanz du übertriffst uns alle.
Nenn mir den Namen dein und die Verwandten!“

Als dies der andere hörte, dachte er: „Dieser König fragt mich nach dem Namen; Punnaka aber ist ein Sklavenname. Wenn ich sagen würde: ‚˜Ich bin Punnaka‘, so würde er denken: ‚˜Dies ist ein Sklave; warum spricht er aus Keckheit so zu mir?‘ und würde mich verachten. Ich werde ihm meinen Namen aus meiner unmittelbar vorhergehenden Existenz sagen.“ Und er sprach folgende Strophe:

„Kaccayana der Jüngling bin ich, König,
Anunanama so nennt man mich auch.
Im Reiche Anga leben meine Verwandten;
des Würfelns halber kam ich her, o Fürst.“

Darauf fragte ihn der König: „Du junger Brahmane, wenn du im Spiel besiegt wirst, was wirst du dann geben? Was besitzest du?“ Und er sprach folgende Strophe:

„Hat der Brahmanenjüngling Kostbarkeiten,
welche der Spieler nimmt, der dich besiegt?
Viele Juwelen wohl besitzt ein König;
wie kannst du Armer sie herausfordern?“

Punnaka antwortete:

„Ich habe ein bezauberndes Juwel,
ein großes Kleinod, welches Geld verschafft,
und dieses edle Pferd, der Feinde Schrecken.
Dies nehm der Spieler, wenn er mich besiegt!“

Als dies der König hörte, sprach er folgende Strophe:

„Ein Edelstein, was wird er machen, Jüngling,
ein einz'ges edles Ross, was macht es aus?
Viel kostbare Kleinodien hat ein König,
nicht wenig edle Rosse windesschnell.“

Ende des Kapitels von dem Gelüste

Das Kapitel von dem Kleinod

Als er des Königs Worte vernommen, erwiderte er: „O Großkönig, was sagt Ihr da? Das eine Pferd ist so viel wert wie tausend Pferde, der einzige Edelstein gilt so viel als tausend Edelsteine. Es sind ja nicht alle Pferde gleich; sehet dessen Schnelligkeit!“ Mit diesen Worten bestieg er das Pferd und trieb es oben auf die Mauer. Da war es, als wäre die sieben Meilen im Umfang messende Stadt von lauter Pferden umgeben, von denen ein Hals den andern streifte; dann konnte allmählich weder das Pferd erkannt werden noch der Dämon, sondern nur ein roter Streifen Tuch, den er um seinen Leib gebunden, schien, als er ob alles umgebe. Darauf stieg er wieder von seinem Ross herab und sagte: „Hast du, o Großkönig, die Schnelligkeit des Pferdes gesehen?“ „Ja, ich habe sie gesehen“, antwortete dieser.

„Siehe aber jetzt weiter, o Großkönig“, fuhr der Dämon fort und er ließ das Pferd im Stadtpark auf der Oberfläche des Wassers laufen. Ohne auch nur seine Hufspitzen zu benetzen, sprang es darauf umher. Darauf ließ er es auf den Blättern der Lotospflanzen herumgehen, schlug dann auf die Hand und streckte die Hand aus: da kam das Pferd herbei und stellte sich auf seine Handfläche. Darauf sprach er: „Gilt ein solches Pferdekleinod, o Menschenfürst?“ Der König antwortete: „Ja, es gilt, du Brahmanenjüngling.“

Jetzt sprach der Dämon weiter: „Das Pferdekleinod möge jetzt beiseite bleiben; sieh die Macht dieses Edelsteinkleinods!“ Und um dessen übernatürliche Macht zu verkünden, sprach er:

„Doch dies mein Edelsteinkleinod
betrachte jetzt, der Menschen Höchster;
Körper von Weibern sind darin,
Körper von Männern auch dabei,

Körper von Tieren siehe hier,
Körper von Vögeln sind auch da;
Naga-Könige und Supannas
im Edelstein sieh dargestellt.

Ein Elefanten-, Wagenheer,
Rosse, Flaggen und Fußsoldaten,
das vierteilige Heer sieh hier
im Edelsteine dargestellt.

Leibwächter, Elefantenreiter,
auch Wagenkämpfer, Fußsoldaten
und ganze Heere aufgestellt
sieh in dem Kleinod abgebildet.

Auch eine Stadt versehn mit Wällen,
mit vielen Torbögen und Mauern,
mit Plätzen an den Kreuzeswegen
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Auch Palisaden, tiefe Gräben,
auch Balken und hölzerne Bolzen,
Warttürme auch und große Tore
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sieh ferner: in den Torwegstraßen
sind viele Vögel mancher Art,
Schwäne und Reiher sowie Pfauen,
Wildgänse und auch Seeadler,

Kuckucke mit gar bunten Farben,
geschwänzte Pfauen, Jīvakas.
Die ganze Schar der vielen Vögel
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sieh diese Stadt mit schönen Mauern
die haarsträubende, wunderbare,
mit ausgehängten Fahnen lieblich,
mit goldnem Sande überstreut.

Sieh diese Laubhütten verteilt,
nach ihren Teilen abgegrenzt,
sieh diese Häuser und Paläste,
die Straßen und die Durchgänge.

Die Wirtshäuser und die Betrunknen,
die Metzgerläden und die Küchen,
die Huren und die Dirnen auch
sieh in dem Steine dargestellt.

Auch Kränzebinder, Wäscherleute,
Märchenerzähler, Kleiderhändler,
Goldschmiede und auch Juweliere
sieh in dem Steine dargestellt.

Auch Köche und Speisenbereiter,
Tänzer und Schauspieler und Sänger,
auch Musikanten, Trommelschläger
sieh in dem Steine dargestellt.

Sieh Pauken, dazu Tamburine,
Muscheltrompeten, kleine Trommeln
und alle Zimbeln-Instrumente
sieh in dem Steine dargestellt.

Der Zimbeln und der Lauten Töne,
Tanz und Gesang, schön ausgeführt,
geschlagner Instrumente Klang
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Springer und Faustkämpfer sind hier,
auch Zauberkünstler, die sich zeigen,
fürstliche Sänger und Barbiere
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Versammlungen auch gibt es hier,
besucht von Männern und von Frauen,
Bänke an Bänken auf dem Boden
sieh in dem Kleinod dargestellt.

...
...

Sieh die Faustkämpfer in der Menge
beim Schlagen ihrer doppelten Arme,
die Schläger und die Geschlagenen
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sieh: an dem Fuß der Berge sind
Scharen verschiedenart'ger Tiere,
Löwen und Tiger, wilde Eber,
Bären und Wölfe und Hyänen,

Rhinozerosse, Gayal-Ochsen,
Büffel, Rotwild und Antilopen,
Gazellenhirsche und auch Eber,
Elchhirsche, dazu wilde Schweine,

buntfarbene Kadali-Gazellen,
Katzen und langohrige Hasen:
die Menge der verschiednen Tiere
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Flüsse sind da mit schönen Furten,
mit feinem Goldsand überstreut;
durchsichtig fließen die Gewässer,
bevölkert von der Fische Scharen.

Alligatoren, Makaras,
auch Krokodile und Schildkröten,
Pathinas, Pavusas sind hier,
Valajas, Mufijarohitas.

Von mannigfachen Bäumen voll,
belebt von manchen Vögelscharen
ein Wald aus Lapislazuli:
sieh ihn im Steine dargestellt.

Sieh ferner hier die Lotosteiche
schön abgeteilt nach den vier Seiten,
belebt von manchen Vögelscharen,
bevölkert von der Fische Volk.

Die Erde überall voll Wasser,
die rings vom Meere ist umgeben,
mit Wälderreihen wohl versehen,
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sieh vorne das Videha-Volk
und hinten die Goyaniyas,
die Kurus und ganz Indien
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sieh hier die Sonne und den Mond,
die vier Weltgegenden bestrahlend,
wie sie um den Sineru wandeln,
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Den Sineru und Himavant,
den wunderstarken Ozean,
die vier Weltwächter auch dazu
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Gärten und Walddickichte auch,
Felsen, aus Steinen aufgetürmt,
lieblich, belebt von Feenmännchen,
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Pharusaka, Cittalata,
Missaka und Nandana-Park,
auch den Vejayanta-Palast
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sudhammā, Tāvatimsa-Himmel,
den blühenden Paricchatta,
Eravana, den Elefanten,
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sieh hier die Göttermädchen, gleich
den Blitzen in der Luft entstehend,
wie sie wandeln im Nandana;
sieh dies im Kleinod dargestellt.

Sieh hier die Göttermädchen, wie
sie anlocken die Göttersöhne,
wie hier die Göttersöhne wandeln;
sieh dies im Kleinod dargestellt.

Paläste mehr als tausend hier,
mit Lapislazuli gedeckt,
in ihrem Glänze weithin strahlend,
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Die Tāvatimsas und die Yamas,
des Tusita-Himmels Bewohner,
die sich im Paranimmita freuen,
sieh in dem Kleinod dargestellt.

Sieh ferner hier die Lotosteiche
mit ihrem klaren Wasser, glänzend,
bedeckt mit den Korallenblüten,
mit weißem und mit blauem Lotos.

Sieh hier diese zehn weißen Striche,
diese entzückenden zehn blauen,
dazu die sechs und fünfzehn braunen
und diese vierzehn gelben Striche.

Zwanzig sind da aus Gold gemacht
und zwanzig sind gemacht aus Silber;
von scharlachroter Farbe aber
sieht man hier glänzen dreißig Striche.

Zehn und sechs schwarze Striche sind da,
fünfundzwanzig mit Krapp gefärbte,
vermischt mit den Bandhuka-Blumen
und bunt gemacht durch blauen Lotos.

Dies Kleinod voll der Vorzüge,
das leuchtende, weitstrahlende,
betracht' als Einsatz für das Spiel,
o Großkönig, der Menschen Erster.“

Ende des Kapitels von dem Kleinod

Die Frage nach dem häuslichen Leben

Nach diesen Worten sprach Punnaka: „O Großkönig, ich werde, wenn ich jetzt im Spiel besiegt werde, dies kostbare Kleinod geben; was aber wirst du geben?“ Der König antwortete: „Mein Lieber, außer meinem Körper und dem weißen Sonnenschirme soll mein ganzes Eigentum der Einsatz sein.“ Der Dämon versetzte: „So zögere also nicht länger, Fürst; ich bin weit her gekommen. Lasse den Spieltisch herrichten!“ Der König gab seinen Ministern den Auftrag. Darauf richteten diese rasch die Spielhalle her und bereiteten für den König ein Polster aus den feinsten Gewändern; für die übrigen Könige stellten sie auch Sitze auf und richteten auch für Punnaka einen entsprechenden Sitz her. Hierauf meldeten sie dem Könige, es sei Zeit. Darauf redete Punnaka den König mit folgender Strophe an:

„Zum ausgesetzten Preis geh hin, o König,
du hast nicht solch ein kostbares Juwel.
Mit Recht lass siegen uns, nicht mit Gewalt,
und wenn besiegt du bist, entlass uns rasch!“

Der König entgegnete ihm: „Jüngling, fürchte dich nicht, weil ich der König bin, mit Recht, nicht mit Gewalt wird für uns der Sieg erzielt werden oder die Niederlage.“ Als dies Punnaka hörte, sagte er: „Merket euch, dass wir nur auf rechtmäßigem Wege siegen oder unterliegen“; und indem er die Könige zu Zeugen nahm, sprach er folgende Strophe:

„O hoher Pancala, o Surasena,
die Macchas, Maddas mit den Kekakas,
sie sollen sehn, gerecht ist unser Kampf!
Nicht tut uns einer was in der Versammlung.“

Darauf ging der König umgeben von den hunderteins Königen mit Punnaka in die Spielhalle. Sie alle nahmen auf passenden Sitzen Platz. Hierauf stellte man goldene Würfel auf die silberne Platte. Da sprach Punnaka rasch: „O Großkönig, bei dem Würfeln gibt es verschiedene Spielarten, Malika, Savata, Bahula, Bhadra usw., im ganzen vierundzwanzig. Wählt Euch eine Spielart, die Euch gefällt!“ Der König antwortete: „Gut“, und wählte das Bahula, Punnaka aber wählte das Savata. Darauf sprach der König zu ihm: „Also, mein lieber junger Brahmane, wirf du die Würfel!“ Jener versetzte: „O Großkönig, das erste Mal kommt es nicht an mich; werfet Ihr!“ Der König stimmte zu. Dessen Mutter aber in seiner drittletzten Existenz war seine Schutzgottheit; durch deren übernatürliche Macht gewann er im Spiel. Diese stand unweit von ihm. Indem der König an die Gottheit sich erinnerte, sang er das Würfellied, drehte die Würfel in der Hand herum und warf sie in die Luft empor. Durch die übernatürliche Macht des Punnaka fielen die Würfel so, dass sie den König unterliegen machten. Infolge seiner Gewandtheit im Würfelspiel merkte aber der König, dass die Würfel ihm zur Niederlage herabfielen; deshalb sammelte er sie noch in der Luft, nahm sie und warf sie nochmals in die Luft. Als er merkte, dass sie zum zweiten Male zu seiner Niederlage herabfallen wollten, fasste er sie nochmals.

Da dachte Punnaka: „Dieser König, der mit einem Dämon wie ich Würfel spielt, sammelt die fallenden Würfel und fängt sie auf; was ist schuld daran?“ Da merkte er die übernatürliche Macht der Schutzgottheit von jenem; er öffnete die Augen und sah sie an, als sei er zornig. Voll Furcht entfloh sie bis zum Gipfel des Cakkavala-Berges und blieb dort zitternd stehen.

Als nun der König zum dritten Male die Würfel warf, erkannte er zwar, dass sie wieder ihm zur Niederlage herabfallen wollten, konnte sie aber infolge von Punnakas übernatürlicher Macht mit der ausgestreckten Hand nicht erfassen, sondern sie fielen nieder, dass der König verlor. Darauf warf Punnaka die Würfel; diese fielen so, dass er siegte. Als er nun merkte, dass jener besiegt war, klappte er mit den Fingern und rief dreimal mit lauter Stimme: „Ich habe gesiegt, ich habe gesiegt!“ Dieser Schall verbreitete sich über ganz Indien.

Um diesen Sachverhalt zu verkünden, sprach der Meister:

Sie traten ein, erfüllt vom Würfelrausch,
der Kuru-Fürst und Punnaka, der Dämon.
Der König suchte aus und fand Verlust,
den Preis erhielt der Dämon Punnaka.

Die beiden waren dort zum Spiel versammelt
inmitten seiner Freunde, nah den Kön'gen;
der Dämon doch den stärksten Mann besiegte,
worauf ein lautes Lärmen dort entstand.

Als der König so besiegt wurde, war er missmutig; da sprach Punnaka, um ihn zu trösten, folgende Strophe:

„O großer König, Sieg und Niederlage
kommt immer einem von zwei Kämpfern zu.
Besiegt bist du, Fürst, um den höchsten Schatz
und, weil besiegt, gib mir jetzt rasch den Preis!“

Indem so der andere ihn aufforderte, dies zu nehmen, sprach er folgende Strophe:

„Die Elefanten, Rinder, Rosse, Edelsteine,
was ich auf Erden nur an Schätzen habe,
das nimm, Kaccana, als der Schätze besten
und gehe damit fort, wohin du willst!“

Punnaka erwiderte:

„Von Elefanten, Rindern, Rossen, Edelsteinen,
was du auf Erden nur an Schätzen hast,
das beste davon ist dein Helfer Vidhura;
diesen gewann ich, diesen gib als Preis!“

Der König versetzte:

„Er ist mein eignes Ich, Zuflucht und Glück,
ist meine Leuchte, Hilfe, meine Rettung,
nicht aufzuwiegen ist er mir mit Geld;
dem eignen Leben gleicht mir dieser Helfer.“

Punnaka antwortete:

„Lang würde dauern wohl mein Streit mir dir;
lass lieber uns zu ihm gehn und ihn fragen!
Er nur allein mög' diesen Streit entscheiden;
wie er es sagt, soll es für beide gelten.“

Der König erwiderte:

„Fürwahr, die Wahrheit sagst du da
und nichts Gewaltsames, o Jüngling.
Lass uns zu ihm gehn und ihn fragen;
darüber sind wir zwei befriedigt.“

Nach diesen Worten nahm der König die hunderteins Könige und den Punnaka mit sich und ging erfreuten Herzens rasch nach der Lehrhalle. Der Weise erhob sich von seinem Sitze, bezeigte dem Könige seine Ehrfurcht und stellte sich ihm zur Seite. Darauf wandte sich Punnaka an das große Wesen und sagte: „Du Weiser, du stehst im Recht. Auch um deines Lebens willen sagst du keine Lüge. Die Kunde von deinem Ruhm hat sich in der ganzen Welt verbreitet. Ich aber will heute sehen, ob du wirklich im Rechte fest stehst.“ Und er sprach folgende Strophe:

„Gaben die Götter wirklich dich den Kurus
als den gerechten Richter Vidhura?
Bist du des Königs Sklav' oder Verwandter?
Wie wirst als Vidhura du eingeschätzt?“

Da dachte das große Wesen: „Dieser fragt mich so; ich aber wäre im Stande, ihn zu belehren, ich sei ein Verwandter, ich sei höher als der König oder ich hätte gar keine Beziehungen zum König. In dieser Welt jedoch gibt es keine Hilfe, die der Wahrheit gleich wäre; man muss die Wahrheit sagen.“ Deshalb sagte er: „O Brahmanenjüngling, ich bin kein Verwandter des Königs und auch nicht höher als dieser, sondern ich gehöre zu einer der vier Sklavenarten.“ Um dies zu zeigen, sprach er folgendes Strophenpaar:

„Von ihrer Mutter her sind manche Sklaven,
um Geld gekauft sind wieder andre Sklaven,
von selbst begeben manche sich in Knechtschaft,
von Furcht erfüllt werden auch manche Sklaven.

Dies sind vier Arten Sklaven bei den Menschen.
Wahrhaftig von Natur bin ich so worden,
des Königs Vorteil oder auch sein Schaden.
Des Königs Sklav' bin ich auch bei 'nem andern;
mit Recht würde er mich dir geben, Jüngling.“

Als dies Punnaka hörte, sprach er hocherfreut, indem er mit den Fingern klappte:

„Dieses ist heut für mich der zweite Sieg;
gefragt entschied der Helfer diese Frage.
Im Unrecht scheint fürwahr der beste König.
Gut ist 's gesagt; gestehst du mir dies nicht?“

Als dies der König hörte, dachte er: „Ohne einen Mann wie mich, der ihm so viel Ehre verlieh, zu beachten, hat er den kaum gesehenen Brahmanenjüngling nur beachtet.“ Voll Zorn über das große Wesen sagte er: „Wenn er ein Sklave ist, so nimm ihn mit und gehe!“ Und er sprach folgende Strophe:

„Wenn dieser so entschieden hier die Frage:
‚˜Ein Sklav' bin ich; nicht bin ich sein Verwandter‘,
so nimm, Kaccana, hin der Schätze besten;
mit ihm begib dich fort, wohin du willst.“

Nachdem der König aber so gesprochen, dachte er: „Der Brahmanenjüngling wird mit dem Weisen fortgehen, wohin er will. Von der Zeit seines Weggangs an werde ich aber nur schwer die süße Verkündigung der Wahrheit anzuhören bekommen. Wie, wenn ich ihn nun an seinen Ort setzte und ihm die Frage nach dem häuslichen Leben vorlegte?“ Darauf sagte er zu ihm: „Weiser, sobald Ihr weggegangen seid, wird mir die süße Verkündigung der Wahrheit schwer zu erlangen sein. Setzt Euch auf den geschmückten Lehrstuhl, tretet an Eure Stelle und erklärt mir die Frage nach dem häuslichen Leben!“ Jener verkündete mit dem Worte: „Gut“, seine Zustimmung, nahm auf dem geschmückten Lehrstuhle Platz und beantwortete die Frage, die ihm der König vorlegte. Hier ist diese Frage:

„O Vidhura, wenn einer wohnt
in seinem Hause und dort bleibt,
wie kann sein Leben ruhig sein,
wie kann er sich die Gunst gewinnen?

Wie kann er frei von Leiden sein?
Der Jüngling, der die Wahrheit spricht,
wie bleibt er, wenn von dieser Welt
er geht zur andern, frei von Kummer?“

Zu ihm sprach darauf Vidhura
beweglich, weise und verständig,
der auf den Nutzen sich verstand,
der richtig abwog alle Dinge:

„Nicht seien Gattinnen Gemeingut,
nicht für sich nur nehm er sein Mahl,
nicht üb er spitzfindige Reden,
denn dies ist nicht der Weisheit Wachstum.

Der Tugend voll und pflichteifrig,
ohne Nachlassen, reich an Einsicht,
demütig, auch von Torheit frei,
mitleidig, freundlich, sanftmütig

gewinne er die Gunst der Freunde;
freigebig, wohl der Bräuche kundig,
befried'ge er mit Trank und Speise
immer Asketen und Brahmanen.

Der Wahrheit Freund, der Lehre Träger
möge er sein, eifrig im Fragen;
wie sich 's gebührt, mög' er verehren
die hochgelehrten Tugendhaften.

Wenn einer wohnt in seinem Hause
und in dem eignen Heime bleibt,
so sei sein Leben so voll Ruhe
und so gewinn' er sich die Gunst.

So kann er frei von Leiden bleiben;
der Jüngling, der die Wahrheit spricht,
wird, wenn er geht von dieser Welt
zur andern, so von Kummer frei.“

Nachdem so das große Wesen dem Könige die Frage nach dem häuslichen Leben beantwortet hatte, stand es von seinem Polster auf und bezeigte dem Könige seine Verehrung. Der König ließ ihm große Ehrung zuteil werden und kehrte dann von den hunderteins Königen umgeben in seinen Palast zurück.

Ende der Frage nach dem häuslichen Leben

Das Kapitel von dem Siegespreis

Das große Wesen aber kehrte zurück; da sprach Punnaka zu ihm:

„Komm jetzt, ich möchte weiter gehen;
du bist vom Herrscher mir geschenkt.
An diesen Zweck denke nur jetzt;
das ist das uralte Gesetz.“

Der weise Vidhura erwiderte:

„Ich weiß, o Jüngling, dir gehöre ich;
gegeben wurde ich dir von dem Herrscher.
Drei Tage aber lass im Haus uns bleiben,
dass in der Zeit ich meine Söhn' ermahne.“

Als dies Punnaka hörte, dachte er: „Der Weise sagt die Wahrheit. Er ist mir eine große Hilfe. Wenn er sagt, sieben Tage oder einen halben Monat solle ich ihn noch ruhen lassen, so muss ich warten.“ Und er sprach:

„Dies soll so sein; drei Tage lass uns weilen.
Tu heute deine Pflicht in deinen Häusern,
ermahne heute deine Frau und Kinder,
dass sie nach deinem Scheiden glücklich werden.“

Nachdem er so gesprochen, ging Punnaka mit dem großen Wesen in dessen Behausung.

Um diesen Sachverhalt zu verkünden, sprach der Meister:

Nachdem er „Gut“, gesagt, ging fort der Dämon
mit Vidhura zusammen, lusterfüllt;
der Edelste ließ in das Haus ihn treten
belebt von Elefanten und edlen Rossen.

Das große Wesen aber besaß für die drei Jahreszeiten drei Paläste; von diesen hieß der eine Konca, der zweite Mayura und der dritte Piyaketu. Mit Bezug auf diese ist folgende Strophe gesagt:

Konca, Mayura und auch Piyaketu
suchte er auf, die ganz entzückenden,
erfüllt mit Nahrung, voll von Trank und Speise
wie Vāsavas Palast Masakkasāra.

Als es dorthin gekommen war, ließ es in dem siebenten Stockwerk des reichgeschmückten Palastes das Schlafgemach und den großen Söller in Ordnung bringen und ein fürstliches Lager in Stand setzen. Auch ließ es alle Arten von Speise und Trank bereitstellen und übergab ihm fünfhundert Frauen, die Göttermädchen glichen, indem es sagte: „Diese sollen deine Dienerinnen sein; bleibe hier zufriedenen Sinnes wohnen!“ Sodann ging es selbst in seine Wohnung; sobald es aber fortgegangen war, nahmen die Frauen verschiedenartige Instrumente zur Hand und führten zur Ehrung des Punnaka Tänze u. dgl. auf.

Um diesen Sachverhalt zu erklären, sprach der Meister:

Darauf sie tanzten und sie sangen
und rezitierten wechselweise
wie Göttermädchen bei den Göttern
mit allem Schmuck geziert die Frauen.

Nachdem mit schönen Frau'n versehn den Dämon,
mit Speise und mit Trank der Rechteshüter,
ging er darauf zu seiner Gattin hin,
indem er nachdachte über sein Wohl.

Und zu der Gattin, die mit duft'gem Sandel
beträufelt einem edlen Goldschmuck glich,
sagt' er: „Komm her zu mir und höre, Liebe,
rufe die Söhne, Kupferäugige!“

Als Anujja des Gatten Wort vernommen,
sprach sie zur kupferäug'gen Schwiegertochter:
„Ruf, Ceta, die du dichten Brustschmuck trägst,
die Söhne mein, du Wasserlilien Gleiche!“

Diese versetzte: „Gut“, ging im Palaste umher, und indem sie sagte: „Euer Vater ruft euch, weil er euch eine Ermahnung geben möchte; denn dies ist ja das letzte Mal, dass ihr ihn seht“, versammelte sie seine ganze Freundschaft, seine Frauen und Kinder. Als aber der Jüngling Dhammapala dies Wort hörte, kam er weinend und von seinen jüngeren Brüdern umgeben zu seinem Vater hin. Als sie der Vater sah, vermochte er aus eigner Kraft nicht, stehen zu bleiben; er umarmte sie mit tränenerfüllten Augen, küsste sie auf ihr Haupt und ließ seinen ältesten Sohn sich einen Augenblick auf sein Herz legen. Dann ließ er ihn wieder von seinem Herzen heruntersteigen, verließ das Schlafgemach, setzte sich in dem großen Saale auf die Mitte des Polsters und gab seinen tausend Söhnen eine Ermahnung.

Um diesen Sachverhalt zu verkünden, sprach der Meister:

Als sie gekommen, küsste Dhammapala
die Söhne auf das Haupt, ohne zu zittern;
dann redet' er sie an und sprach das Wort:
„Geschenkt bin ich vom König jetzt dem Jüngling.

Ihm bin ich, wenn auch heut noch frei,
gehorsam und er geht mit mir hin, wohin er will.
Ich bin gekommen nun, euch zu ermahnen;
wie könnt' ich gehen, ohne euch zu schützen?

Wenn euch der König, der im Kuru-Land wohnt,
wenn Janasandha fragt, der Lustergebne:
‚˜Was wohl erkennt ihr als vor alters geltend,
was lehrt euch euer Vater ehedem?

In gleicher Lage seid ihr all wie ich,
denn welcher Mensch ist hier des Königs Diener?‘
Die Hände faltend sprechet so zu ihm:
‚˜Nicht so ist 's, Fürst, nicht so ist es der Brauch.
Der Tigerkönig und ein niedres Tier,
wie könnt es, Fürst, in gleicher Lage sein?‘“

Als sie aber diese seine Worte hörten, konnten seine Frauen und Kinder, seine Verwandten, Freunde und auch die Sklaven alle aus eigener Kraft nicht mehr stehen bleiben, sondern sie stießen ein lautes Jammergeschrei aus; das große Wesen aber tröstete sie.

Ende des Kapitels von dem Siegespreis

Das Kapitel vom Königshofe

Als aber Vidhura zu seinen Verwandten hinging und sie ruhig sah, sagte er: „Ihr Lieben, seid nicht bekümmert! Alle zusammengesetzten Dinge sind unbeständig. Der Ruhm hat auch das Unglück im Gefolge. Ich will aber die Ursache, wie man des Ruhmes teilhaftig wird, den Königshof erklären. Höret zu mit aufmerksamem Sinn!“ Und er ließ vor ihnen mit Buddha-Anmut den Königshof erstehen.

Um diesen Sachverhalt zu erklären, sprach der Meister:

Darauf zu Freunden und zu Feinden,
zu den Verwandten und Bekannten,
frei von Anhänglichkeit den Sinn,
sprach Vidhura folgende Worte:

„Kommt, Edle, her und setzt euch nieder,
höret von mir den Königshof,
wie der Mann, der zum Haus des Königs
gelangt ist, Ruhm erwerben kann.

Nicht, wer zum Königshofe kommt,
als Unbekannter findet Ruhm,
nicht als ein Feigling, nicht als Tor
und niemals als Nachlässiger.

Wenn aber Tugend, Einsicht, Reinheit
an ihm der König wahrgenommen,
dann schenkt er diesem sein Vertrauen,
verbirgt nicht vor ihm sein Geheimnis.

Wer wie die fest gefasste Waage
mit gleichen Stäben, gut gehalten,
wenn er gebraucht wird, nicht erzittert,
der kann am Königshofe wohnen.

Wer wie die fest gefasste Waage
mit gleichen Stäben, gut gehalten,
alle Belastung auf sich nimmt,
der kann am Königshofe wohnen.

Bei Tag oder bei Nacht der Weise,
wenn er bei Aufträgen des Königs
darum gebeten nicht erzittert,
der kann am Königshofe wohnen.

Bei Tag oder bei Nacht der Weise,
wenn er bei Aufträgen des Königs
sie alle gut erfüllen kann,
der kann am Königshofe wohnen.

Wer einen Weg hat gut gemacht
und für den König hergerichtet
und, wenn der 's sagt, ihn doch nicht geht,
der kann am Königshofe wohnen.

Nicht soll er jemals mit dem König
die nämlichen Vergnügen teilen
und immer geh' er hinterdrein;
dann kann am Königshof er wohnen.

Nicht gleiche Kleidung wie der König,
nicht Kränze trag‘ er und nicht Salbe,
in Schmuck und in künstlicher Rede
soll er nicht gleich dem König wandeln;
er wähle einen andern Aufzug,
dann kann am Königshof er wohnen.

Der König spiel' mit den Ministern
umgeben von den Gattinnen;
dann soll der weise Hofmann nicht
vertraulich tun mit Königsfrauen.

Nicht hochmütig und nicht zu hastig,
weise und wohl bezähmt die Sinne,
im Geiste sei er rasch entschlossen;
dann kann am Königshof er wohnen.

Nicht spiel' er mit des Königs Frauen,
nicht red' er insgeheim mit ihnen,
nicht nehme er ihm seine Schätze;
dann kann am Königshof er wohnen.

Nicht schätze er den Schlaf zu hoch,
nicht trink' er Branntwein sich berauschend,
kein Tier töt' er im Wald des Königs;
dann kann am Königshof er wohnen.

Nicht auf des Königs Bank noch Polster,
sein Kissen, Wagen, Elefanten
steig' er und denk': ‚˜Ich bin geehrt‘;
dann kann am Königshof er wohnen.

Nicht allzu fern sei er dem König,
nicht allzu nah in seiner Klugheit,
vor seinen Augen stehe er,
ihn anschauend, vor seinem Herrn.

Ein König ist nicht zu berechnen,
nicht zu verführen ist ein König;
rasch kommen Könige in Zorn,
wie 's Auge trifft der Papagei.

Der weise, der verständ'ge Mann,
der sich selbst als geehrt betrachtet,
soll nicht mit barschen Worten reden
zum König, wenn er ihn verdächtigt.

Wenn er den Wunsch erlangt, er nehm' ihn,
nicht schenk' er Königen Vertrauen,
wie Feuer bleibe er gezügelt;
dann kann am Königshof er wohnen.

Wenn seinen Bruder oder Sohn
für sich gewinnt der edle Fürst
durch Dörfer und durch Flecken auch
in seinem Reiche und durch Länder,
so sei er still und warte ab;
nicht nenn' er ihn klug oder schlecht.

Den Reitern und den Leibgardisten,
den Wagenkämpfern, Fußsoldaten,
wenn auf die Kunde ihrer Taten
der König ihren Sold vermehrt,
schaff' er ihnen kein Hindernis;
dann kann am Königshof er wohnen.

Mit kleinem Bauche wie ein Bogen
bieg' sich der Weise wie ein Rohr,
erhebe keinen Widerspruch;
dann kann am Königshof er wohnen.

Mit kleinem Bauche wie ein Bogen
und ohne Zunge wie ein Fisch,
nur wenig essend, weise, tapfer,
so kann am Königshof er wohnen.

Nicht geh' zu oft er zu dem Weibe,
auf seines Ruhms Vermindrung achtend;
zu Husten, Asthma, Schmerz und Dummheit
kommt, wer so den Verstand verlor.

Er möge nicht zu lange reden,
er schweige auch nicht immer still;
ein Wort, das unverwirrt, gemäßigt,
äußre er zur gegebnen Zeit.

Nicht zornig, nicht Anstoß erregend,
wahr, sanftmütig und ohne Falsch
er rede kein törichtes Wort;
so kann am Königshof er wohnen.

Gezügelt, wissensvoll, beherrscht,
gewandt, zurückhaltend und sanft,
voll Eifer, rein und wohl erfahren,
so kann am Königshof er wohnen.

Voll Demut gegen alte Leute,
gehorsam und erfüllt mit Ehrfurcht,
mitleidig, passend zum Verkehr,
so kann am Königshof er wohnen.

Fern halte er von sich den Mann,
der abgesandt um zu besiegen;
auf seinen Herrn nur schaue er
und nicht auf einen andren König.

Asketen und Brahmanen auch,
die tugendhaften, hochgelehrten,
verehre er mit Sorgsamkeit;
dann kann am Königshof er wohnen.

Asketen und Brahmanen auch,
die tugendhaften, hochgelehrten,
besuche er mit Sorgsamkeit;
dann kann am Königshof er wohnen.

Asketen und Brahmanen auch,
die tugendhaften, wohlgelehrten,
befried'ge er mit Speis und Trank;
dann kann am Königshof er wohnen.

Asketen und Brahmanen auch,
die tugendhaften, hochgelehrten,
besuche und verehre er
um seiner eignen Fördrung willen.

Die sonst geschenkte Gabe nehme
er nicht Asketen und Brahmanen;
nicht halte er zurück die Bettler
zur Zeit, da man Almosen spendet.

Einsichtig, der Erkenntnis voll,
geschickt in allen Einrichtungen,
kundig der Zeit und Jahreszeiten,
so kann am Königshof er wohnen.

In allen Arbeitsarten tätig,
voll Eifer, hoher Einsicht voll
und wohl anordnend die Geschäfte,
so kann am Königshof er wohnen.

Die Tenne, Halle, Vieh und Feld
besuche er nur immer wieder;
das Korn heb' er gemessen auf,
gemessnes röste er im Hause.

Er zieh' nicht vor Sohn oder Bruder,
der in der Tugend nicht befestigt;
denn keine Glieder sind die Toren,
wie Abgeschiedene so sind sie;
doch Kleidung lasse er und Speise
denen, die bei ihm sitzen, geben.

Die Sklaven, Arbeiter und Diener,
die wohl befestigt in der Tugend,
die auch geschickt sind und voll Eifers,
die setz' er in die Herrschaft ein.

Der Tugend voll und frei von Gier
und anhänglich an seinen König,
nicht ferne, auf sein Wohl bedacht,
so kann am Königshof er wohnen.

Er kenn' des Königs Wohlgefallen
und tue nach des Königs Willen,
nicht arbeite er ihm entgegen;
dann kann am Königshof er wohnen.

Er reibe ihn und bade ihn,
den Kopf gesenkt wasch' er die Füße,
geschlagen auch sei er nicht zornig;
dann kann am Königshof er wohnen.

Vor einem Krug falt' er die Hände,
von rechts umwandle er die Krähe;
wie sollte da nicht alle Wünsche
in höchster Weisheit er erfüllen,

der Lager spendet und Gewand,
'nen Wagen, Wohnung und ein Haus,
der wie die Wolke alle Wesen
mit seinen Schätzen überschüttet?

So, Edle, ist der Aufenthalt
im Königshofe, wie ein Mann
verfahrend sich gewinnt den König
und Ehrung erntet bei den Herren.“

So erklärte der unvergleichliche Führer Vidhura mit Buddha-Anmut den Aufenthalt am Königshofe.

Ende des Kapitels vom Königshofe

Das Kapitel vom Kala-Berge

Während er so seine Frauen, Kinder, Freunde und die übrigen immer ermahnte, wurden es drei Tage. Als er aber merkte, dass die Zeit erfüllt war, nahm er am Morgen zuerst Speise von verschiedenartigem, höchstem Wohlgeschmack zu sich; und indem er dachte: „Ich will mich erst noch vom Könige verabschieden und dann mit dem Brahmanenjüngling fortgehen“, ging er umringt von der Schar seiner Verwandten nach dem Palast des Königs, bezeugte dem König seine Ehrfurcht und sagte ihm, an seiner Seite stehend, die Worte, die ihm zu sagen geziemten.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Nachdem der Weise so ermahnt
die ganze Schar seiner Verwandten,
begab er sich, von seinen Freunden
umgeben, zu dem König hin.

Sein Haupt neigt' er zu dessen Füßen
und er umwandelt' ihn von rechts;
dann sprach zum König Vidhura,
empor zu ihm die Hände faltend:

„Hier dieser Jüngling führt mich fort,
der an mir tun will nach Gefallen.
Für die Verwandten will ich reden;
höre darauf, Feindebesieger!

Behalt im Auge meine Kinder
und auch der andern Schatz im Hause,
damit, wenn ich gegangen bin,
nicht umkommen meine Verwandten.

So wie man auf der Erde fällt
und wieder aufsteht auf der Erde,
so seh ich auch, wie meine Sünde
mich eben hat zu Fall gebracht.“

Als dies der König hörte, sagte er: „Du Weiser, dein Fortgehen gefällt mir nicht. Gehe nicht fort! Ich werde den Brahmanenjüngling durch irgendeine List herbeirufen lassen; dann wollen wir ihn töten und verbergen. So gefällt es mir!“ Und um dies zu erläutern, sprach er folgende Strophe:

„Du kannst nicht gehen, so denk ich bei mir.
Wir wollen Katiyana hier erschlagen,
dann bleibst du hier; so nur gefällt es mir.
Gehe nicht fort, du Mann von höchster Weisheit.“

Als dies das große Wesen hörte, antwortete es „O Fürst, für Euch ist eine solche Absicht unziemlich“, und es sprach folgende Strophe:

„Richt nicht auf Ungerechtes deinen Sinn,
auf deinen wahren Nutzen sei bedacht.
Pfui über böse und unedle Tat,
durch deren Tun man später kommt zur Hölle.

Dies ist nicht Tugend, dies darf man nicht tun,
dass, Völkerfürst, der edle Herr den Sklaven
umbringen lässt und töten und erschlagen.
Ich bin auf ihn nicht zornig; ich will gehn.“

Nachdem es so gesprochen, bezeugte das große Wesen dem König seine Ehrfurcht, gab den Bewohnern des königlichen Harems und den Leuten des Königs noch eine Ermahnung und verließ sodann den Königspalast, während sie aus eigner Kraft nicht stehen bleiben konnten und ein lautes Geschrei erhoben. Die Bewohner der ganzen Stadt dachten: „Der Weise geht ja mit dem Brahmanenjüngling fort; kommt, wir wollen ihn noch sehen“, und sie sahen ihn noch im Hofe des Königspalastes. Auch diese ermahnte er noch mit den Worten: „Seid unbekümmert! Alle zusammengesetzten Dinge sind dem Verfall unterworfen. Strebet ohne Unterlass!“ Dann wandte er sich um und ging nach seinem eigenen Hause zu.

In diesem Augenblick verließ der Jüngling Dhammapala umgeben von der Schar seiner Brüder, um seinen Vater ehrend zu bewillkommnen, das Haus und wurde am Tore seines Vaters ansichtig. Als das große Wesen ihn sah, konnte es seinen Schmerz nicht zurückhalten, sondern es umarmte ihn, legte ihn an seine Brust und ging so in sein Haus hinein.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Den ältsten Sohn hielt er umarmt,
ins Herz versenkte er den Schmerz
und so mit tränenvollen Augen
betrat er jetzt sein großes Haus.

In seinen Häusern aber weilten seine tausend Söhne, tausend Töchter, tausend Gemahlinnen und siebenhundert Dirnen. Von diesen sowie von den übrigen Sklaven, Dienern, Verwandten und Freunden war das ganze Haus vollständig erfüllt wie ein Sala-Wald von gestürzten Sala-Bäumen, die von dem Weltzerstörungswind getroffen wurden.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Wie Sala-Bäume hingestreckt,
die von dem starken Wind getroffen,
lagen die Kinder und die Frauen
in dem Palast des Vidhura.

Von ihm die tausend Gattinnen,
dazu die siebenhundert Dirnen
streckten die Arme aus und weinten
in dem Palast des Vidhura.

Die Haremsleute und die Knaben,
die Vessas und auch die Brahmanen
streckten die Arme aus und weinten
in dem Palast des Vidhura.

Die Reiter und die Leibgardisten,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten
streckten die Arme aus und weinten
in dem Palast des Vidhura.

Die Landbewohner und die Städter,
die dort zusammengekommen waren,
streckten die Arme aus und weinten
in dem Palast des Vidhura.

Von ihm die tausend Gattinnen,
dazu die siebenhundert Dirnen,
streckten die Arme aus und weinten:
„Warum willst du uns jetzt verlassen?“

Die Haremsleute und die Knaben,
die Vessas und auch die Brahmanen
streckten die Arme aus und weinten:
„Warum willst du uns jetzt verlassen?“

Die Reiter und die Leibgardisten,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten
streckten die Arme aus und weinten:
„Warum willst du uns jetzt verlassen?“

Die Landbewohner und die Städter,
die dort zusammengekommen waren,
streckten die Arme aus und weinten:
„Warum willst du uns jetzt verlassen?“

Das große Wesen tröstete die große Menge. Nachdem es sodann seine noch übrigen Pflichten erledigt, das Volk drinnen ermahnt und ihm alles verkündet hatte, was sich ihm zu verkünden ziemte, ging es zu Punnaka hin und meldete ihm, dass seine Geschäfte erledigt seien.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Nachdem zu Haus er seine Pflichten
erledigt und belehrt die Leute,
Freunde, Hofleute und Vertraute,
Kinder und Weiber und Verwandte,

nachdem verteilt er die Geschäfte,
im Hause angezeigt die Schätze,
auch was vergraben und verliehen,
da sprach er so zu Punnaka:

„Drei Tage weiltest du in meinem Hause,
erledigt hab im Haus ich die Geschäfte,
belehrt auch wurden meine Frau'n und Kinder;
jetzt will ich tun nach deinem Wunsch, Kaccana.“

Punnaka antwortete:

„Wenn o, du Helfer, hast ermahnt die Deinen,
Frauen und Kinder und die mit dir leben,
wohlan so eile dich, jetzt fortzugehen,
denn weit ist noch der Weg, der vor uns liegt.

Ganz unerschrocken jetzt erfasse
den Schweif von diesem edlen Rosse:
es ist das letzte Mal, dass du
die Welt des Lebens vor dir siehst.“

Darauf entgegnete ihm das große Wesen:

„Wovor sollt' ich denn Furcht bekommen,
da ich ja doch nichts Böses übte
an Taten, Worten und Gedanken,
wodurch ich könnt' ins Unglück stürzen?“

Nachdem so das große Wesen den Löwenruf ausgestoßen, dachte es furchtlos wie ein unerschrockener Mähnenlöwe: „Dies Gewand soll sich nicht zu meinem Missfallen lösen.“ Indem es so den äußersten Entschluss sich vornahm, zog es sein Gewand fest an, zog den Schweif des Pferdes heraus, packte mit beiden Händen fest den Schweif und drückte dem Rosse die beiden Füße in die Brust; dann sprach es: „Jüngling, ich habe den Schweif gefasst; reite fort, wohin du willst.“ In demselben Augenblicke gab Punnaka dem Zauberrosse ein Zeichen und dieses flog mit dem Weisen in die Luft empor.

Um dies zu verkündigen, sprach der Meister:

Der Rosse König, der Vidhura trug,
sprengte nun fort im Äther durch die Luft;
ohne zu hasten, kam er rasch durch Zweige
und Felsen zu dem Berg Kalagiri.

Sobald aber so Punnaka mit dem großen Wesen fortgezogen war, gingen die Kinder und die anderen Angehörigen des Weisen nach Punnakas Wohnung; als sie dort das große Wesen nicht fanden, fielen sie zu Boden, als wären ihnen die Füße abgehauen, und indem sie sich immer wieder herumwälzten, jammerten sie laut.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Von ihm die tausend Gattinnen,
dazu die siebenhundert Dirnen
streckten die Arme aus und weinten:
„Ein Dämon mit Brahmanenaussehn
ist mit Vidhura fortgezogen.“

Die Haremsleute und die Knaben,
die Vessas und auch die Brahmanen
streckten die Arme aus und weinten:
„Ein Dämon mit Brahmanenaussehn
ist mit Vidhura fortgezogen.“

Die Reiter und die Leibgardisten,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten
streckten die Arme aus und weinten:
„Ein Dämon mit Brahmanenaussehn
ist mit Vidhura fortgezogen.“

Die Landbewohner und die Städter,
die dort zusammengekommen waren,
streckten die Arme aus und weinten:
„Ein Dämon mit Brahmanenaussehn
ist mit Vidhura fortgegangen.“

Und darauf seine tausend Frauen,
dazu die siebenhundert Dirnen
streckten die Arme aus und weinten:
„Wo ist der Weise hingegangen?“

Die Haremsleute und die Knaben,
die Vessas und auch die Brahmanen
streckten die Arme aus und weinten:
„Wo ist der Weise hingegangen?“

Die Reiter und die Leibgardisten,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten
streckten die Arme aus und weinten:
„Wo ist der Weise hingegangen?“

Die Landbewohner und die Städter,
die dort zusammengekommen waren,
streckten die Arme aus und weinten:
„Wo ist der Weise hingegangen?“

Als sie so das große Wesen schuldlos durch die Luft sich entfernen sahen und das Weinen hörten, da weinten alle mit den Stadtbewohnern zusammen und gingen vor das Tor des Königspalastes. Da der König das laute Klagegeschrei hörte, öffnete er das Fenster und fragte: „Warum klagt ihr?“ Da sagten sie zu ihm: „O Fürst, dieser Jüngling, kein Brahmane, sondern ein Dämon in Brahmanengestalt, ist gekommen und hat den Weisen mit sich fortgenommen. Ohne ihn können wir nicht leben. Wenn er am siebenten Tage nicht zurückgekehrt ist, so werden wir mit hundert Wagen und tausend Wagen Holz zusammenfahren und uns alle ins Feuer stürzen.“

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

„Wenn aber bis zur siebten Nacht
der Weise nicht zurückgekehrt,
werden wir all ins Feuer gehen,
denn uns verlangt nicht nach dem Leben.“

Als der König ihre Rede hörte, antwortete er: „Der mit süßer Rede begabte Weise wird den Jüngling durch seine Verkündigung des Rechtes verlocken, dass dieser ihm zu Füßen fällt, und wird bald zurückkehren, indem er die tränenvollen Augen wieder zum Lächeln bringt; seid nicht betrübt!“ Und er sprach folgende Strophe:

„Er ist ja weise und erfahren,
gewandt ist er und einsichtsvoll;
geschwind wird er sich selbst befreien.
Fürchtet euch nicht; er kehrt zurück!“—

Punnaka aber stellte das große Wesen auf den Gipfel des Kala-Berges und dachte: „Solange dieser am Leben ist, gibt es für mich kein Heil. Ich will ihn töten, mit seinem Herzfleisch in das Naga-Reich gehen, es Vimala geben und dann mit Irandati in die Götterwelt zurückkehren.“

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Als er dorthin gekommen, dacht' er nach;
da kamen ihm verschiedene Gedanken:
„Vom Leben dieses Mannes hab ich nichts;
ich will ihn töten und das Herz ihm nehmen.“

Darauf aber dachte er bei sich: „Wie wäre es, wenn ich jetzt diesen nicht mit eigener Hand tötete, sondern ihn durch einen Schrecken erregenden Anblick ums Leben brächte?“ Er ging fort, nahm eine Schreckdämonengestalt an, kam so zurück, warf jenen zu Boden, schob ihn in sein Maul und stellte sich, als wolle er ihn fressen. Dem großen Wesen aber sträubten sich dabei nicht einmal die Haare. Darauf kam er in der Gestalt eines Löwen und in der Gestalt eines brünstigen Elefanten auf ihn los und stellte sich, als wolle er ihn mit seinen Zähnen und mit seinen Hauern durchbohren. Als jener sich auch jetzt nicht fürchtete, erschuf er eine Schlangengestalt, so groß wie ein Lastschiff, kam schnaubend heran, umwand seinen ganzen Körper und entfaltete auf dessen Haupte seine Haube; jener aber wurde nicht einmal ängstlich. Dann dachte er: „Ich will bewirken, dass, während er auf dem Gipfel des Berges steht, er hinabfällt, und werde ihn so in Staub verwandeln“; und er ließ einen starken Wind entstehen. Dieser aber bewegte ihm nicht einmal ein Haar. Darauf stellte er ihn wieder auf den Gipfel des Berges und bewegte den Berg immer wieder, wie ein Elefant eine wilde Dattelpalme schüttelt; aber auch so konnte er ihn von seinem Standort nicht um Haaresbreite entfernen.

Dann dachte er: „Ich werde durch ein furchtbares Geräusch bewirken, dass ihm sein Herz bricht, und werde ihn so töten.“ Er ging in den Berg hinein und stieß einen so lauten Schrei aus, dass er Erde und Luft ganz mit dem Schall erfüllte. Aber auch jetzt befiel jenen gar keine Furcht; denn das große Wesen merkte: „Derjenige, der in der Gestalt eines Dämons, eines Löwen, eines Elefanten und eines Schlangenkönigs kam, der ferner das Wehen des Windes und die Erschütterung des Berges verursachte und der endlich in den Berg hineinging und dort den Schrei ausstieß, das ist nur der Brahmanenjüngling und kein andrer.“

Darauf dachte der Dämon: „Ich bin nicht im Stande, diesen durch Angriffe von außen zu töten; mit eigner Hand werde ich ihn jetzt töten.“ Er stellte das große Wesen auf den Gipfel des Berges, ging selbst an den Fuß des Berges und kam dann, als wenn er durch einen großen Edelstein einen gelben Faden zöge, schreiend aus dem Innern des Berges hervor; er packte fest das große Wesen, drehte es um und ließ es kopfüber in der keinen Stützpunkt bietenden Luft herabhängen. Darüber heißt es:

Er kam dorthin zum Inneren des Berges,
und ging hinein falsche Gedanken tragend;
im weiten, unbegrenzten Raum der Erde
hielt Katiyana ihn, den Kopf nach unten.

Während er da nun hing im Schlund der Hölle,
dem furchtbaren, haarsträubenden, elenden,
da sprach des Kuru-Königs bester Helfer
zu Punnaka, dem Dämon, ohne Furcht:

„Obwohl du ein edler Schüler bist,
bist du einer, dessen Natur böse ist.
Du siehst wie einer aus, der gezügelt ist,
aber du bist doch zügellos.
Du begehst eine äußerst brutale Tat.
Es gibt nichts Gutes in deiner Natur.

„Weil du mich in den Abgrund stürzen willst,
warum verlangst du denn nach meinem Tode?
Heut ist dein Aussehn nicht wie eines Menschen;
verkünde mir: Welch eine Gottheit bist du?“

Punnaka erwiderte:

„Wenn du gehört vom Dämon Punnaka,
er lebt zusammen mit König Kuvera.
Der Naga Varuna beherrscht die Erde,
groß ist er, rein, voll Schönheit und voll Kraft.

Und dessen jüngre Tochter liebe ich,
Irandati, so heißt das Naga-Mädchen;
um dieses schlanken, lieben Weibes willen
entschloss ich mich zu deiner Tötung, Weiser.“

Als dies das große Wesen hörte, dachte es bei sich: „Diese Welt geht zugrunde durch ein Missverständnis. Wenn er das Naga-Mädchen begehrt, welchen Vorteil hat er da von meinem Tode? Ich werde es der Wahrheit gemäß erfahren.“ Und es sprach folgende Strophe:

„Sei du doch jetzt nicht unverständig, Dämon;
viel' gingen schon zugrund durch Missverständnis.
Was strebst du um der schlanken Lieben willen
nach meinem Tode? Komm, lass es mich hören!“

Darauf sprach Punnaka, um es ihm zu verkünden:

„Aus Lieb' zur Tochter eines Schlangenfürsten,
des mächtigen, ging ich zu den Verwandten;
zum Bittenden sprach da der Schwiegervater,
als sie erkannten, dass mich Liebe trieb:

‚˜Wir geben dir die Holde, Schönäugige,
die Lächelnde, den Leib besprengt mit Sandel,
wenn du das Herz des Weisen hierher bringst,
nachdem du es auf rechte Art erlangt.
Nur so ist dieses Mädchen zu erhalten;
doch sonst begehren wir nicht andre Schätze.‘

Deshalb bin ich nicht töricht, höre, Helfer,
und auch nicht hab ich etwas missverstanden;
für dein rechtlich erlangtes Herz die Nagas
geben Irandati, das Naga-Mädchen.

Deswegen hab ich vor, dich zu ermorden,
deshalb verlangt es mich nach deinem Tod;
sogleich werd ich dich in den Abgrund werfen,
dich töten und dein Herz dann mit mir nehmen.“

Als das große Wesen diese seine Rede vernommen, dachte es bei sich: „Vimala verlangt nicht nach meinem Herzen; Varuna aber, der meine Predigt gehört und mich mit einem Kleinod dafür geehrt hat, wird bei seiner Rückkehr nach Hause meine Lehrverkündigung gepriesen haben. Daher wird Vimala ein Gelüste bekommen haben, mich predigen zu hören; Varuna wird dies missverständlich aufgefasst und Punnaka diesen Auftrag gegeben haben. So hat dieser infolge seines Missverständnisses, um mich zu töten, mir solches Leid zuteil werden lassen. Meine Weisheit aber hat die Fähigkeit, zu den Gründen zu gelangen und die Ursachen aufzufinden. Wenn er mich tötet, was wird er davon haben? Wohlan, ich will zu ihm sagen: ‚˜Du Brahmanenjüngling, ich kenne die Tugend der guten Männer. Solange ich noch nicht sterbe, setze mich auf den Gipfel des Berges und höre die Tugend der guten Männer; nachher kannst du mit mir tun, was du willst.‘ So könnte ich, indem ich ihm die Tugend der guten Männer preise, mein Leben retten.“ Und während er noch so kopfüber herabhing, sprach er folgende Strophe:

„Ziehe mich rasch empor, o Katiyana,
wenn du nun doch nach meinem Herz begehrst;
was immer sind die Tugenden des Edlen,
die alle werd ich heut dir offenbaren.“

Als dies Punnaka hörte, dachte er: „Dies wird eine Lehre sein, die von dem Weisen den Göttern und Menschen vorher noch nicht verkündigt wurde. Ich will ihn rasch emporziehen und die Tugend der guten Männer anhören.“ Er hob das große Wesen heraus und ließ es auf dem Gipfel des Berges sich niedersetzen.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Drauf Punnaka der Kurus besten Helfer
auf Berges Spitze stellte rasch hinauf;
als dieser nun erholt da saß und schaute,
fragt' er den Helfer unvergleichlich weise:

„Vom Abgrund hab ich dich herausgezogen;
doch um dein Herz ist es mir heut zu tun.
Was immer ist des braven Mannes Tugend,
das offenbare mir noch heute, Weiser.“

Das große Wesen antwortete:

„Vom Abgrund hast du mich herausgezogen;
doch wenn dich jetzt verlangt nach meinem Herzen,
was immer ist des braven Mannes Tugend,
das alles will ich heut dir offenbaren.“

Darauf fuhr das große Wesen fort: „Mein Körper ist beschmutzt; ich will mich zuerst waschen.“ Der Dämon versetzte: „Gut“, brachte Waschwasser herbei und gab dem großen Wesen, als es sich gewaschen hatte, göttliche Gewänder, göttliche Wohlgerüche, Kränze u. dgl. Als es sich dann geschmückt und hergerichtet hatte, gab es ihm göttliche Speise. Nachdem das große Wesen die Speise genossen, ließ es den Gipfel des Kala-Berges schmücken und seinen Sitz herrichten. Auf dem reich verzierten Sitze nahm es Platz und sprach, um mit Buddha-Anmut die Tugend des guten Mannes zu schildern, folgende Strophe:

„Folg dem betretnen Weg, Brahmanenjüngling,
fern halte von dir die benetzte Hand,
sei gegen Freunde nie verräterisch,
komm nie in die Gewalt von schlechten Weibern!“

Da der Dämon die in Kürze erwähnten vier Tugenden des guten Mannes nicht verstehen konnte, fragte er ausführlicher:

„Wie folgt man denn einem betretnen Weg
und wie verbrennt man eine nasse Hand,
wer ist ein böses Weib, wer übt Verrat?
Erkläre es mir, der ich danach frage!“

Das große Wesen aber erklärte es ihm folgendermaßen:

„Wer einen Unbekannten, den er nicht
vorher gesehn, zum Niedersitzen einlädt,
zu dessen Nutzen möge jener wirken;
folgen betretnem Weg nennen dies Weise.

In wessen Haus auch eine Nacht nur wohnte
ein Mann, dort wo er Speis und Trank erhielt,
nicht sinn' er gegen diesen Böses aus;
die Hand, die unverratbar ist, verbrennt Verrat.

Wenn man in eines Baumes Schatten
sich niederlegt oder sich setzt,
so darf man seinen Zweig nicht brechen;
denn schlecht ist, wer den Freund verrät.

Wenn auch die Erde angefüllt mit Schätzen
ein Mann dem Weibe gäbe, das er ehrt,
kaum dass sie 's hätte, würd sie ihn verschmähen;
drum geh' er nicht in schlechter Weiber Macht.

So ist der, der betretnem Wege folgt,
und so verbrennt einer die nasse Hand,
das ist das schlechte Weib, das der Verräter;
drum sei gerecht, gib auf das Unrecht Tun!“

So erklärte das große Wesen dem Dämon mit Buddha-Anmut die vier Tugenden eines guten Mannes. Als aber Punnaka sie hörte, merkte er: „Mit diesen vier Punkten bittet der Weise nur um sein eignes Leben. Er hat mir, den er vorher nicht kannte, Ehrung erwiesen; ich weilte drei Tage lang in seinem Hause und genoss dabei große Pracht. Wenn ich ferner dies Böse tue, so tue ich es um eines Weibes willen; überhaupt aber bin ich ein Freundverräter. Wenn ich mich an dem Weisen versündigen werde, so werde ich wahrlich nicht die Tugenden eines guten Mannes betätigen. Was soll mir das Naga-Mädchen? Ich will die tränenvollen Gesichter der Bewohner von Indapatta wieder zum Lächeln bringen, indem ich ihn rasch dorthin bringe und ihn in der Lehrhalle herabsteigen lasse.“ Und er sprach:

„Drei Tage wohnte ich in deinem Hause,
mit Trank und Speise ward mir aufgewartet;
du bist mein Freund, drum lasse ich dich frei.
Nach Wunsch geh in dein Haus, du höchster Weiser.

Vergehen mag des Naga-Stammes Nutzen,
genug sei es mir mit dem Naga-Mädchen;
infolge deiner gut gesprochnen Worte
bist heute du vom Mord mir frei, du Weiser.“

Das große Wesen aber versetzte: „Jüngling, schicke mich jetzt nicht in mein Haus, sondern verbringe mich nur in das Naga-Reich!“ Und es sprach folgende Strophe:

„Wohlan, o Dämon, führe du mich nur
zum Schwiegervater; tu zu meinem Nutzen!
Auch ich möcht' den Palast des Naga-Herrschers,
den ich noch nie vorher gesehn, betrachten.“

Punnaka erwiderte:

„Was einem Mann fürwahr zum Unheil dient,
das darf der Weise nicht betrachten wollen;
aus welchem Grunde also wünschest du
zur Stadt der Feinde, Weisester, zu gehen?“

Das große Wesen antwortete:

„Auch ich verstehe sicherlich dies wohl;
nicht darf ein Weiser dies betrachten wollen,
doch hab ich nirgends Böses je getan,
drum hab ich keine Angst zum Tod zu gehen.“

Es fuhr fort: „Ich habe ja auch, du Götterkönig, ein so grausames Wesen, wie du es bist, durch meine Verkündigung der Wahrheit bezaubert und sanft gemacht. Soeben hast du mir gesagt: ‚˜Genug für mich mit dem Naga-Mädchen; kehre in dein Haus zurück!‘ Den Naga-König mild zu machen ist nun meine Aufgabe; bringe mich nur dorthin.“ Als dies Punnaka hörte, stimmte er dessen Worten zu und sprach:

„Wohlan, den Ort, der unvergleichlich mächtig,
wirst du mit mir beschauen. Komm, du Helfer,
dorthin, wo bei Gesang und Tanz der Naga
ruht wie Vessavana in Nalini.

Durchwandelt von der Schar der Naga-Mädchen,
mit Lust erfüllt beständig Tag und Nacht,
bedeckt mit reichen Kränzen, vielen Blumen,
erglänzet er wie in der Luft der Blitz.

Mit Speise und mit Trank reich ausgestattet,
mit Tänzen, mit Gesängen und Musik,
erfüllt mit schön gezierten Göttermädchen,
erglänzet er von Kleidern und von Schmuck.“

Drauf Punnaka der Kurus besten Helfer
ließ niedersitzen hinter seinem Sattel;
mit diesem unvergleichlich weisen Helfer
er suchte auf das Haus des Naga-Königs.

Als er zum Ort der höchsten Pracht gekommen,
stellt' sich der Helfer hinter Punnaka.
Da aber sie einträchtig sah der Naga,
sprach er zuvor zu seinem Schwiegersohn:

„Weil du doch gingst zur Welt der Sterblichen,
um dieses Weisen Herz herbeizuholen,
gelang es dir vielleicht und kamst du hierher
mit diesem unvergleichlich weisen Helfer?“

Punnaka antwortete:

„Ich bin hierher gekommen, wie du wünschest,
rechtlich erlangte ich des Rechtes Wächter.
Seht ihn vor Augen, wie er zu Euch spricht;
glücklich sei die Zusammenkunft mit Weisen.“

Ende des Kapitels vom Kala-Berge

Letztes Kapitel

Als der Naga-König das große Wesen sah, sprach er folgende Strophe:

„Den nicht vorher Gesehnen sehend
spricht dieser Mensch, von Todesfurcht
gequält und ängstlich, mich nicht an;
dies ist sonst nicht der Weisen Art.“

Während aber dies der Naga-König erwartete, sagte das große Wesen nicht zu ihm: „Du bist mir verehrungswürdig“; sondern weil es infolge seiner tiefen Erkenntnis der richtigen Mittel kundig war, sagte es: „Weil ich von dir getötet werden soll, deshalb bezeige ich dir nicht meine Ehrfurcht“, und es sprach folgendes Strophenpaar:

„Ich bin nicht ängstlich, Naga-Fürst,
und nicht von Todesfurcht erfüllt;
doch nicht begrüßt der Todgeweihte
noch grüßt man auch den Todgeweihten.

Wie sollte einer wohl begrüßen
oder auch sich begrüßen lassen,
welchen ein Mann zu töten wünscht?
Solch ein Beginnen kommt nicht vor.“

Als dies der Naga-König hörte, sprach er, um das große Wesen dafür zu beloben, folgendes Strophenpaar:

„So ist es, wie du es gesagt;
die Wahrheit sprachest du, o Weiser.
Der Todgeweihte grüßet nicht
noch grüßt man auch den Todgeweihten.

Wie sollte einer wohl begrüßen
oder auch sich begrüßen lassen,
welchen ein Mann zu töten wünscht?
Solch ein Beginnen kommt nicht vor.“

Jetzt sprach das große Wesen, um mit dem Naga-König eine liebenswürdige Unterhaltung zu beginnen:

„Nicht immerwährend, wechselnd ist für dich
der Glanz, die Herrlichkeit, die Kraft und Stärke.
Ich frage dich danach, du Naga-König:
Wie bist gekommen du zu dem Palaste?

Erhieltst du dies grundlos oder als Lohn,
als selbst erworben oder Göttergabe?
Erkläre dieses mir, du Naga-König,
wie du zu diesem Schlosse hier gelangtest.“

Der Naga-König antwortete:

„Nicht ohne Grund erhielt ich 's noch als Lohn,
nicht selbst verdient noch als der Götter Gabe;
durch meine eignen Taten frei von Sünde,
durch meine guten Werke ward mir dies.“

Das große Wesen fuhr fort:

„Was war dein Vorsatz, was dein heil'ger Wandel,
von welchem guten Werk ist dies die Frucht,
der Glanz, die Herrlichkeit, die Kraft, die Macht
und dieses große Schloss, o Naga-König?“

Der Naga-König erwiderte:

„Ich und mein Weib, wir waren in der Welt
der Menschen beide gläubig, reiche Spender.
Dem offnen Laden glich damals mein Haus,
befriedigt waren Asketen und Brahmanen.

Kränze, Girlanden sowie feine Salben,
Lampen und Betten, schöne Wohnungen,
Kleider und Lagerstätten, Trank und Speise
wir spendeten da reichlich als Almosen.

Dies war mein Vorsatz, dies mein heil'ger Wandel,
von diesem guten Werk ist dies die Frucht,
der Glanz, die Herrlichkeit, die Kraft, die Macht
und dieses große Schloss, du weiser Mann.“

Das große Wesen versetzte:

„Wenn du zu diesem Schlosse so gelangtest,
so kennst du wohl die Frucht der guten Werke;
drum wandle unablässig in der Tugend,
damit du wieder wohnst in dem Palast.“

Der Naga-König erwiderte:

„Es gibt hier nicht Asketen und Brahmanen,
denen wir Trank und Speise geben könnten.
Sag mir, o Helfer, dies auf meine Frage,
damit wir wieder im Palaste wohnen.“

Das große Wesen antwortete:

„Schlangen sind dir doch hier zuteil geworden,
Kinder und Weiber und die von dir leben;
und gegen sie in Taten und in Worten
betätige dich immer ohne Falsch.

Wenn so, o Naga-König, du die Reinheit
beobachtest in Worten und in Taten,
wirst du zeitlebens hier im Schlosse bleiben
und dann hinaufgehn in die Götterwelt.“—

Als der Naga-König die Wahrheitsverkündigung des großen Wesens vernommen, dachte er bei sich: „Man darf den Weisen nicht lange draußen aufhalten. Ich will ihn zu Vimala bringen und sie seine schönen Worte hören lassen. Wenn ich damit ihr Gelüste beruhigt habe, ziemt es sich, um den König Dhananjaya zu erfreuen, den Weisen wieder zu ihm zu schicken.“ Und er sprach folgende Strophe:

„Gewisslich ist der beste König traurig
deiner beraubt, er, dessen Freund du bist.
Auch ein Unglücklicher wohl fände Glück,
wenn er mit dir vereinigt, auch ein Kranker.“

Als dies das große Wesen hörte, sprach es, um den Naga zu loben, folgende weitere Strophe:

„Gewiss der Weisen Wahrheit sagst du, Naga,
den Spruch unübertrefflich, wohlgetan;
bei derartigen Unglücksfällen nämlich
merkt man den Unterschied von meinesgleichen.“

Da dies der Naga-König vernahm, sprach er noch weit mehr erfreut folgende Strophe:

„Sag mir, hat dieser dich umsonst erhalten,
sag mir, hat dieser dich im Spiel gewonnen?
Rechtlich seist du erlangt, hat er gesagt;
wie bist du in die Hand von ihm gekommen?“

Das große Wesen antwortete:

„Den König, der dort mein Gebieter war,
besiegte dieser in dem Würfelspiel.
Besiegt hat mich der König ihm gegeben,
rechtlich erlangt bin ich, ohne Gewalt.“—

Als so entzückt und froh der Schlangenkönig
des Weisen schöne Worte hatt' vernommen,
fasst' er die Hand des unvergleichlich Weisen
und führte ihn zu seiner Gattin hin.

„Um den du gelb wardst, Vimala,
um den das Mahl dich nicht mehr freute,
es ist kein Ruhm, der seinem gleicht,
er ist es, der verscheucht das Dunkel.

Nach dessen Herzen du verlangtest,
der Lichtbringer ist jetzt gekommen;
hör aufmerksam auf seine Rede,
schwer ist es, nochmals ihn zu sehen.“

Als diesen Weisen Vimala erblickte,
sie faltete zehn Finger nach ihm hin;
freudeerfüllt und von Entzücken strahlend
sprach sie so zu der Kurus bestem Helfer:

„Die nicht vorher Gesehne sehend
spricht dieser Mann, von Todesfurcht
gequält und ängstlich, mich nicht an;
dies ist sonst nicht der Weisen Art.“

„Ich bin nicht ängstlich, Naga-Fürstin,
und nicht von Todesfurcht erfüllt;
doch nicht begrüßt der Todgeweihte
noch grüßt man auch den Todgeweihten.

Wie sollte einer wohl begrüßen
oder auch sich begrüßen lassen,
welchen ein Mann zu töten wünscht?
Solch ein Beginnen kommt nicht vor.“

„So ist es, wie du es gesagt;
die Wahrheit sprachest du, o Weiser.
Der Todgeweihte grüßet nicht
noch grüßt man auch den Todgeweihten.

Wie sollte einer auch begrüßen
oder auch sich begrüßen lassen,
welchen ein Mann zu töten wünscht?
Solch ein Beginnen kommt nicht vor.“

„Nicht immerwährend, wechselnd ist für dich
der Glanz, die Herrlichkeit, die Kraft und Stärke.
Ich frage dich danach, du Naga-Mädchen:
Wie bist gekommen du zu dem Palaste?

Erhieltst du dies grundlos oder als Lohn,
als selbsterworben oder Göttergabe?
Erkläre dieses mir, du Naga-Mädchen,
wie du zu diesem Schlosse hier gelangtest.“

„Nicht ohne Grund erhielt ich 's noch als Lohn,
nicht selbstverdient oder als Göttergabe;
durch meine eignen Taten frei von Sünde,
durch meine guten Werke ward mir dies.“

„Was war dein Vorsatz, was dein heil'ger Wandel,
von welchem guten Werk ist dies die Frucht,
der Glanz, die Herrlichkeit, die Kraft, die Macht
und dieses große Schloss, du Naga-Fürstin?“

„Ich und mein Gatte waren in der Welt
der Menschen beide gläubig, reiche Spender.
Dem offnen Laden glich damals mein Haus,
befriedigt waren Asketen und Brahmanen.

Kränze, Girlanden sowie feine Salben,
Lampen und Betten, schöne Wohnungen,
Kleider und Lagerstätten, Trank und Speise
wir spendeten da eifrig als Almosen.

Dies war mein Vorsatz, dies mein heil'ger Wandel,
von diesem guten Werk ist dies die Frucht,
der Glanz, die Herrlichkeit, die Kraft, die Macht,
und dieses große Schloss, du weiser Mann.“

„Wenn du zu diesem Schlosse so gelangtest,
so kennst du wohl die Frucht der guten Werke;
drum wandle unablässig in der Tugend,
damit du wieder wohnst in dem Palast.“

„Es gibt hier nicht Asketen und Brahmanen,
denen wir Trank und Speise geben könnten.
Sag mir, o Helfer, dies auf meine Frage,
damit wir wieder im Palaste wohnen.“

„Schlangen sind dir doch hier zuteil geworden,
Kinder und Weiber und die von dir leben;
und gegen sie in Taten und in Worten
betätige dich immer ohne Falsch.

Wenn so, o Naga-Fürstin, du die Reinheit
beobachtest in Worten und in Taten,
wirst du zeitlebens hier im Schlosse bleiben
und dann hinaufgehn in die Götterwelt.“

„Gewisslich ist der beste König traurig
deiner beraubt, er, dessen Freund du bist.
Auch ein Unglücklicher wohl fände Glück,
wenn er mit dir vereinigt, auch ein Kranker.“

„Gewiss der Weisen Wahrheit sagst du, Fürstin,
den Spruch unübertrefflich, wohlgetan;
bei derartigen Unglücksfällen nämlich
merkt man den Unterschied von meinesgleichen.“

„Sag mir, hat dieser dich umsonst erhalten,
sag mir, hat dieser dich im Spiel gewonnen?
Rechtlich seist du erlangt, hat er gesagt;
wie bist du in die Hand von ihm gekommen?“

„Den König, der dort mein Gebieter war,
besiegte dieser in dem Würfelspiel.
Besiegt hat mich der König ihm gegeben,
rechtlich erlangt bin ich ohne Gewalt.“

All das, was Varuna der Naga
als Fragen vorlegte dem Weisen,
dasselbe auch die Naga-Fürstin
als Fragen vorlegte dem Weisen.

Und wie auch Varuna, den Naga,
befriedigte gefragt der Weise,
gerade so die Naga-Fürstin
befriedigte gefragt der Weise.
So wurden beide sie befriedigt.

Doch als der Weise sah die beiden fröhlich,
die große Schlange und die Naga-Fürstin,
sprach er furchtlos und ohne Haarsträuben,
nicht zitternd zu dem Naga Varuna:

„Sei ohne Sorge, Naga, ich bin hier.
Wozu du diesen meinen Körper brauchst,
mit Herz und Fleisch er deinen Wunsch erfüllt:
ich werde selbst tun, wie es dir gefällt.“

Der Naga-König erwiderte:

„Weisheit ist ja das Herz der reinen Männer,
durch deine Weisheit sind wir hochbefriedigt.
Anunanama nehme heut sein Mädchen,
heut soll er dich geleiten zu den Kurus.“

Nach diesen Worten gab Varuna Irandati an Punnaka; dieser nahm sie in Empfang und unterredete sich hocherfreut mit dem großen Wesen.

Um dies zu verkündigen, sprach der Meister:

Drauf Punnaka entzückt und hocherfreut
empfing Irandati, das Naga-Mädchen;
und voller Jubel und vor Freude strahlend
sprach er jetzt zu der Kurus bestem Helfer:

„Mit meiner Gattin hast du mich vereint,
auch ich, Vidhura, tu nach deinem Nutzen.
Dies Edelsteinkleinod schenke ich dir;
noch heut geleit ich dich ins Kuru-Land!“

Darauf sprach das große Wesen, um ihn zu preisen, folgende weitere Strophe:

„Unüberwindlich sei dir diese Liebe
zu deiner lieben Gattin, o Kaccana!
Mit freud'gem Herzen, heiter und erfreut
den Stein gib und bring mich nach Indapatta.“

Drauf Punnaka der Kurus besten Helfer
ließ vorne sich auf seinen Sattel setzen;
den unvergleichlich weisen Helfer nahm er
mit sich und brachte ihn nach Indapatta.

Wie etwa eilt der menschliche Gedanke,
noch viel geschwinder war diese Bewegung;
so brachte Punnaka den besten Helfer
der Kurus nach der Stadt Indapatta.

Darauf sprach er zu ihm:

„Hier sieht man schon die Stadt Indapatta,
die schönen Mangowälder abgeteilt.
Ich bin mit meiner Gattin nun vereint
und du bist in dein eignes Haus gekommen.“—

An diesem Tage aber zur Zeit der Morgendämmerung hatte der König einen Traum; dieser Traum war folgendermaßen: Am Tore des königlichen Palastes stand ein großer Baum; sein Stamm war die Weisheit, die Tugenden bildeten seine Äste und Zweige, seine Früchte waren die fünf Kuh-Erzeugnisse, er war bedeckt mit reichgeschmückten Elefanten und Pferden. Eine große Volksmenge erwies diesem Baum große Ehrung und verehrte ihn, indem sie die Hände nach ihm faltete. Da kam ein schwarzer Mann, mit einem roten Gewande bekleidet und mit roten Blumen am Ohr, mit Waffen in der Hand herbei, riss trotz des Jammerns der Menge den Baum mit der Wurzel heraus und ging mit ihm fort, indem er ihn hinter sich her zog. Dann brachte er ihn wieder, setzte ihn an seine gewohnte Stelle und entfernte sich.

Als der König den Traum überdachte, merkte er: „Dem großen Baum vergleichbar ist kein anderer als der weise Vidhura; auch der Mann, der trotz der Klagen der Menge ihn bei der Wurzel herausriss und mit ihm fortging, ist kein anderer als der Brahmanenjüngling, der den Weisen mitnahm. Wie jener aber den Baum wiederbrachte, ihn wieder an seinen gewohnten Platz setzte und dann fortging, so wird auch dieser Brahmanenjüngling den Weisen wiederbringen, ihn an das Tor der Lehrhalle stellen und dann fortgehen. Sicherlich werden wir heute den Weisen sehen!“ Nachdem er diesen Schluss gezogen, ließ er voll Freude die ganze Stadt schmücken, die Lehrhalle herrichten und unter einem reich gezierten Edelsteinpavillon den Lehrsitz aufschlagen. Dann sagte er umgeben von den hunderteins Königen, von der Schar seiner Minister, den Städtern und den Landbewohnern: „Noch heute werdet ihr den Weisen sehen; seid ohne Furcht!“ Und indem er die Volksmenge tröstete, setzte er sich in der Lehrhalle nieder und wartete auf die Ankunft des Weisen. Punnaka aber ließ den Weisen herabsteigen, stellte ihn ans Tor der Lehrhalle in die Mitte der Versammlung und kehrte dann mit Irandati in seine eigene Götterstadt zurück.

Um dies zu verkünden, sprach der Meister:

Drauf Punnaka der Kurus besten Helfer
absteigen ließ in der Lehrhalle Mitte;
dann stieg aufs Ross der unvergleichlich Schöne
und nach dem Himmel ritt er durch die Luft.

Als jenes sah der König, voll Entzücken
erhob er sich, umfasst' ihn mit den Armen
und ohne Zittern mitten in dem Lehrsaal
setzt' er ihn auf den Sitz sich gegenüber.

Darauf bezeigte er ihm seine Freundschaft und sprach, um eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihm anzufangen, folgende Strophe:

„Du leitest uns wie den bespannten Wagen;
es freuen sich die Kurus dich zu sehen.
Erkläre dieses mir auf meine Frage:
Wie wurdest du vom Jüngling wieder frei?“

Das große Wesen antwortete:

„Welchen du Jüngling nanntest, Völkerfürst,
dies ist kein Mensch, du stärkster aller Männer;
wenn du gehört von Punnaka dem Dämon,
verwandt ist er dem Könige Kuvera.

Der Erdbeherrscher Naga Varuna
ist mächtig und mit Glanz und Kraft erfüllt;
von ihm die jüngre Tochter liebte jener,
Irandati, so hieß das Naga-Mädchen.

Um dieses schlanken, lieben Mädchens willen
ließ er sich überreden, mich zu töten;
doch jetzt ist er vereint mit seiner Gattin,
mich gab er frei und schenkte mir das Kleinod.“

Es fuhr fort: „O Großkönig, nachdem nämlich jener Naga-König, erfreut durch meine Lösung der Frage nach den vier Uposatha-Gelübden, mich mit einem Kleinod geehrt hatte und in das Naga-Reich zurückgekehrt war, wurde er von seiner Gattin, Vimala mit Namen, gefragt, wo sein Kleinod sei. Darauf pries er vor ihr meine Art, die Wahrheit zu verkünden. Da sie nun Lust bekam, meine Wahrheitsverkündigung zu hören, befiel sie ein Gelüste nach meinem Herzen. Infolge dieses Missverständnisses sagte der Naga-König zu seiner Tochter Irandati: ‚˜Deine Mutter hat ein Gelüste nach dem Herzfleisch des Vidhura; suche dir einen Gatten, der im Stande ist, dessen Herzfleisch herbeizubringen.‘ Als diese nun herumsuchte, sah sie den Neffen des Vessavana, den Dämon Punnaka. Da sie merkte, dass er sein Herz an sie gefesselt habe, führte sie ihn zu ihrem Vater hin. Darauf sagte ihm dieser: ‚˜Wenn du das Herzfleisch des weisen Vidhura herbeischaffen kannst, wirst du Irandati erhalten.‘ Jener holte nun vom Berge Vepulla ein Kleinod, das einem Weltbeherrscher zukommt, spielte mit Euch Würfel und erhielt mich so. Nachdem er drei Tage lang in meinem Hause geweilt, ließ er mich den Schweif seines Rosses packen, stieß mich an die Bäume und Berge im Himalaya, konnte mich aber nicht töten. Darauf sprang er in die siebente Abteilung der Winde hinauf, stellte mich auf den Gipfel des sechzig Meilen hohen Kala-Berges, nahm das Aussehen eines Löwen usw. an und tat dies und jenes. Als er mich aber nicht töten konnte, fragte ich ihn nach dem Grunde, warum er mich töten wolle, und er erzählte mir die ganze Begebenheit. Darauf verkündete ich ihm die Tugenden eines guten Mannes. Als er dies hörte, war er davon befriedigt und wollte mich hierher zurückbringen. Ich aber ging mit ihm in das Naga-Reich und verkündete dem Naga-König wie auch Vimala die Wahrheit. Die ganze Versammlung der Nagas war erfreut; nachdem ich aber dort sechs Tage verweilt hatte, gab der Naga-König Irandati an Punnaka. Dieser nahm sie hocherfreut in Besitz und ehrte mich mit einem Edelsteinkleinod; dann ließ er auf Befehl des Naga-Königs mich sein Zauberross besteigen, setzte sich selbst auf den mittleren Sitz und ließ Irandati auf dem Hintersitz Platz nehmen. So brachte er mich hierher, ließ mich inmitten der Versammlung herabsteigen und kehrte dann mit Irandati in seine eigene Stadt zurück. So, o Großkönig, vermaß sich Punnaka um dieser schlanken Lieben willen, mich zu töten; jetzt aber ist er durch mich seiner Gattin teilhaftig geworden und von dem Naga-König, der vom Anhören meiner Wahrheitsverkündigung hochbefriedigt war, wurde mir die Erlaubnis erteilt, zurückzukehren. Von diesem Punnaka erhielt ich auch dies Kleinod, das alle Wünsche erfüllt und das einem weltbeherrschenden Könige zukommt; nehmt dies Kleinod an!“ Mit diesen Worten gab er das Kleinod dem Könige.

Weil nun der König den Traum, den er zur Zeit der Morgendämmerung gehabt hatte, den Stadtbewohnern erzählen wollte, sagte er: „Holla, ihr Stadtbewohner, höret den Traum, den ich heute sah!“ Und er sprach:

„Ein Baum erwuchs mir an des Hauses Toren,
die Weisheit war sein Stamm, die Tugenden die Zweige;
in Recht und Wahrheit stand er fest und reif,
mit Kuh-Ertrag, bedeckt von Elefanten, Pferden, Rindern.

Ihn, der von Tanz, Gesang, Musik umtönt,
riss aus ein Mann und nahm ihn mit sich fort.
Doch er kam wieder her zu seinem Platze;
bezeiget diesem Baume eure Ehrung!

Sie alle, die durch mich je fröhlich wurden,
sie sollen alle heut es offenbaren;
bringet Geschenke her über die Maßen
und diesem Baum bezeiget eure Ehrung!

Wer nur in Banden liegt in meinem Reiche,
die alle soll man von den Banden lösen;
wie dieser auch befreit ward von der Fessel,
so seien sie gelöst von ihren Banden.

Man fei're diesen Monat ohne Pflug,
Brahmanen sollen essen Fleisch und Brei;
die Nichttrinker, sie sollen heimlich trinken
Branntwein aus Bechern voll und überlaufend.“

Sie sollen andere zur Straße rufen,
im Land eine starke Kontrolle einstellen,
damit keiner den anderen verletzt.—
Ihr solltet diesen Baum verehren!“

Nach diesen Strophen fügte er hinzu:

„Die Haremsleute und die Knaben,
die Vessas und auch die Brahmanen
sollen jetzt Speis und Trank in Menge
herbeibringen für unsern Weisen.

Die Reiter und die Leibgardisten,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten
sollen jetzt Speis und Trank in Menge
herbeibringen für unsern Weisen.

Vom Land die Leute, die versammelt,
die Städter, die zusammenkamen,
sollen jetzt Speis und Trank in Menge
herbeibringen für unsern Weisen!“

Die Volksmenge war hoch erfreut,
da sie den Weisen sah gekommen;
nachdem zurückgekehrt der Weise,
die Kleider warfen sie empor.

Nach einem Monat ging das Fest zu Ende. Das große Wesen lehrte, wie wenn es die Buddhapflicht erfüllen wollte, der Volksmenge die Wahrheit und ermahnte den König. Nachdem es zeitlebens dabei geblieben war, gelangte es in den Himmel. Auch alle Bewohner des Reiches Kuru, vom Könige angefangen, beharrten bei seiner Ermahnung, taten gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und erfüllten auch am Ende ihres Lebens den Pfad zum Himmel.

Ende des letzten Kapitels

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war der Vollendete mit Weisheit ausgerüstet und der richtigen Mittel kundig.“

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals waren die Eltern des Weisen Angehörige der Großkönigsfamilie, seine erste Gemahlin war die Mutter Rāhulas, der älteste Sohn war Rāhula, der Naga-König Varuna war Sāriputta, der Supanna-König war Mogallāna, Gott Sakka war Anuruddha, der König Dhananjaya war Ananda, der weise Vidhura aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem weisen Vidhura