Jātaka 61

Die Erzählung von dem Verlustspruch (Asatamanta-Jātaka)

„Wollüstig sind die Weiber stets“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana weilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch.

Dessen Geschichte wird im Ummadanti-Jātaka (527. Jātaka) berichtet werden.

Nachdem aber der Meister zu dem Mönche gesagt hatte: „O Mönch, die Weiber sind wollüstig, schlecht, gemein, niedrig; warum bist du um eines so gemeinen Weibes willen unzufrieden?“, erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, hatte der Bodhisattva im Reiche Gandhara zu Takkasilā in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt genommen; und als er zu Verstand gekommen war, gelangte er zur Vollkommenheit in den drei Veden und in allen Künsten und war ein weit und breit berühmter Lehrer.—Damals wurde zu Benares in einer Brahmanenfamilie ein Sohn geboren; und an dem Tage seiner Geburt nahm man Feuer und hob es auf, ohne es ausgehen zu lassen. Als nun der Brahmanenknabe sechzehn Jahre alt war, sprachen zu ihm seine Eltern: „Kind, wir nahmen am Tage deiner Geburt Feuer und hoben es auf. Wenn du in die Brahma-Welt gelangen willst, so nimm das Feuer, gehe in den Wald und suche, als Verehrer des erhabenen Agni dir die Brahma-Welt zu verdienen; wenn du aber ein häusliches Leben vorziehst, so gehe nach Takkasilā, erlerne bei dem weit und breit berühmten Lehrer die Künste und stärke deine Familie.“ Der junge Brahmane dachte: „Ich werde nicht im Stande sein, im Walde das Feuer zu besorgen; ich will lieber meine Familie stärken.“ Und er grüßte seine Eltern, nahm tausend (Geldstücke) als Lehrerlohn mit und zog nach Takkasilā; und als er die Künste erlernt hatte, kehrte er wieder zurück.—Seine Eltern aber wünschten nicht, dass er das häusliche Leben erwähle, sondern wollten ihn im Walde das Feuer besorgen lassen. Da ihm aber seine Mutter die Lasterhaftigkeit der Weiber zeigen und ihn in den Wald schicken wollte, dachte sie bei sich: „Dieser Lehrer ist weise und gescheit; er wird meinem Sohne die Lasterhaftigkeit der Weiber schildern können.“ Und sie sprach zu ihrem Sohn: „Lieber, hast du die Wissenschaften erlernt?“ Er antwortete: „Ja, Mutter.“ „Hast du auch die Verlustsprüche gelernt?“ „Nein, Mutter, ich habe sie nicht gelernt.“ Darauf sagte sie: „Lieber, wenn du den Verlustspruch nicht gelernt hast, was hast du denn für eine Kunst gelernt? Gehe hin, lerne ihn und komme dann wieder.“ Er sprach: „Gut“, und machte sich abermals auf nach Takkasilā.

Der Lehrer besaß eine hochbetagte Mutter, hundertzwanzig Jahre alt. Er erhielt sie am Leben, indem er sie mit eigener Hand wusch, speiste und tränkte. Als aber andere Leute ihn sahen, wie er es tat, wurden sie mit Widerwillen erfüllt. Da dachte er bei sich: „Wie, wenn ich nun in den Wald ginge und dort lebte, indem ich meine Mutter pflege?“ Und er machte in einem einsamen Walde an einer mit Wasser reich versehenen Stelle eine Hütte aus Blättern und Zweigen und ließ zerlassene Butter, Reiskörner u. dgl. dorthin bringen; dann hob er seine Mutter auf, ging dorthin und wohnte dort, indem er seine Mutter pflegte.—Als nun der junge Brahmane nach Takkasilā kam und seinen Lehrer nicht fand, fragte er: „Wo ist der Lehrer?“ Und nachdem er die Begebenheit vernommen, ging er dorthin, grüßte und blieb stehen. Der Lehrer fragte ihn: „Warum, Lieber, bist du so rasch wiedergekommen?“ Er antwortete: „Habe ich nicht bei Euch den Verlustspruch noch nicht erlernt?“ „Wer hat dir aber gesagt, dass du den Verlustspruch erlernen müsstest?“ „Meine Mutter, o Lehrer.“ Nun bedachte der Bodhisattva: „Verlustsprüche gibt es nämlich keine; seine Mutter wird aber wollen, dass er die Fehler der Weiber kennen lernt.“ Und er sprach zu ihm: „Gut, Lieber, ich werde dir die Verlustsprüche mitteilen. Tritt du von heute ab an meine Stelle und pflege meine Mutter, indem du sie mit eigener Hand wäschst, speisest und tränkst. Und wenn du ihre Hände, Füße, ihr Haupt, ihren Rücken reibst u. dgl., so sprich: ‚Edle, auch nachdem du alt geworden bist, ist dein Körper noch derartig; wie muss er gewesen sein, als du jung warst?‘ Wenn du ihre Hände reinigst u. ä., so schildere die Schönheit ihrer Hände, Füße usw.; und was dir meine Mutter sagt, das melde mir, ohne dich zu schämen und ohne etwas zu verhehlen. Wenn du so tust, wirst du den Verlustspruch erfassen; wenn du nicht so tust, wirst du ihn nicht erfassen.“ Jener stimmte mit den Worten: „Gut, Meister“, seinem Befehle bei und tat von da an alles, wie es ihm gesagt worden war.

Als aber der junge Brahmane immer wieder die alte Frau pries, dachte sie: „Er wird sich mit mir vergnügen wollen“; und in der blinden, vom Alter bedrückten Frau entstand eine sinnliche Begierde. Und als der junge Brahmane eines Tages die Schönheit ihres Körpers pries, sprach sie: „Willst du dich mit mir vergnügen?“ Er antwortete: „Edle, ich möchte es wohl, aber der Lehrer ist streng.“ „Wenn du mich wünschest, so töte meinen Sohn.“ „Nachdem ich bei meinem Lehrer so viel Künste gelernt, wie könnte ich da um einer sinnlichen Begierde willen meinen Lehrer töten?“ „Wenn du mich also nicht im Stiche lassen willst, so werde ich ihn töten.“—So wollüstig, gemein und niedrig sind die Weiber; eine in solchem Alter stehende Frau hat einen Lustgedanken bekommen und will, um ihrer sinnlichen Begier nachzugehen, ihren Sohn, der ihr so zur Seite stand, töten!—

Der junge Brahmane aber teilte dem Bodhisattva diese ganze Unterredung mit. Der Bodhisattva sagte: „Du hast gut daran getan, junger Brahmane, dass du es mir berichtet hast.“ Und er betrachtete den Alterszustand seiner Mutter; und da er erkannte, dass sie heute noch sterben werde, sprach er: „Gehe, junger Brahmane, ich werde sie auf die Probe stellen.“ Darauf hieb er einen Udumbara-Baum ab, machte eine Holzgestalt in seiner Größe, hüllte sie mitsamt dem Haupte in ein Gewand, legte sie auf sein Lager auf den Rücken, band einen Strick daran und sprach dann zu seinem Schüler: „Lieber, nimm ein Beil, gehe zu meiner Mutter und gib ihr einen Wink.“—

Der junge Brahmane ging hin und sprach: „Edle, der Edle hat sich in der Laubhütte auf seiner Lagerstätte niedergelegt; ein Verbindungsstrick ist von mir gebunden. Nimm dies Beil, gehe hin, und wenn du kannst, so töte ihn.“ „Wirst du mich nicht im Stiche lassen?“ „Warum sollte ich dich im Stiche lassen?“ Darauf nahm sie das Beil, erhob sich zitternd und ging an dem Verbindungsstrick hin. Sie fühlte mit der Hand und dachte sich: „Es ist mein Sohn.“ Dann nahm sie vom Antlitz der Holzgestalt die Tücher, fasste das Beil, und indem sie dachte: „Ich will ihn mit einem Schlage töten“, traf sie ihn am Halse. Da hörte sie den Laut „tam“ und merkte, dass es ein Holz war. Jetzt sprach der Bodhisattva: „Was tust du, Mutter?“; und sie sagte: „Ich bin betrogen“, fiel auf der Stelle um und starb.

Aber auch wenn sie in ihrer eigenen Laubhütte gelegen hätte, hätte sie in diesem Augenblicke sterben müssen.—

Als jener merkte, dass sie tot war, verbrannte er ihren Leichnam, löschte dann den Holzstoß aus und verehrte sie mit Wohlgerüchen des Waldes. Dann setzte er sich mit dem jungen Brahmanen an der Tür der Laubhütte nieder und sprach zu ihm: „Lieber, einen besonderen Verlustspruch gibt es nämlich nicht; die Weiber sind Verlust bringend. Als deine Mutter dich zu mir schickte, um die Verlustsprüche zu erlernen, schickte sie dich her, damit du die Lasterhaftigkeit der Weiber kennen lernen solltest. Jetzt hast du aber mit eigenen Augen die Fehler meiner Mutter gesehen; darum wirst du erkennen, dass die Weiber gemein und niedrig sind.“ Und nachdem er ihn so ermahnt hatte, schickte er ihn fort. Er aber grüßte seinen Lehrer und begab sich zu seinen Eltern.

Da fragte ihn seine Mutter: „Hast du die Verlustsprüche gelernt?“ Er erwiderte: „Ja, Mutter.“ Sie fragte weiter: „Was wirst du jetzt tun? Willst du die Welt verlassen und das Feuer besorgen oder willst du in deinem Hause bleiben?“ Der junge Brahmane antwortete: „Ich habe mit eigenen Augen die Fehler der Weiber gesehen. Das häusliche Leben wünsche ich nicht, ich möchte die Welt verlassen.“ Und indem er sein Vorhaben verkündete, sprach er folgende Strophe:

„Wollüstig sind die Weiber stets,
sie kennen darin keine Zeit;
voll Glut sind sie und schonungslos
dem Feuer gleich, das alles frisst.
Sie lassend will die Welt ich fliehn;
der Einsamkeit ergeb ich mich.“

Nachdem er so die Weiber getadelt, verabschiedete er sich von seinen Eltern und verließ die Welt. Wie er gesagt, ergab er sich der Einsamkeit und gelangte so in den Brahma-Himmel.

Nachdem auch der Meister mit den Worten: „So, o Mönch, sind die Weiber gemein und niedrig und bringen Unheil“, die Unehre der Weiber bekannt gemacht hatte, verkündete er die Wahrheiten. Am Ende der Verkündigung von den Wahrheiten gelangte der Mönch zur Frucht der Bekehrung.

Darauf stellte der Meister die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war die Mutter Kapilani, der Vater war der große Kassapa, der Schüler war Ananda, der Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Verlustspruch