Jātaka 62

Die Erzählung von dem Embryozustand (Andabhuta-Jātaka)

„Warum doch spielte der Brahmane“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch. Als diesen der Meister fragte: „Ist es wahr, o Mönch, dass du unzufrieden bist?“, und zur Antwort erhielt: „Es ist wahr“, sprach er: „O Mönch, die Weiber sind nicht zu bewachen. In früherer Zeit haben Weise vom Mutterleib an ein Weib bewacht und konnten es doch nicht behüten.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Schoße von dessen erster Gemahlin seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, erlangte er die Vollkommenheit in allen Künsten; und nach dem Tode seines Vaters bestieg er den Thron und führte seine Herrschaft in Gerechtigkeit. Mit seinem Hauspriester zusammen spielte er Würfel; beim Würfelspiel aber sang er:

„In Krümmungen läuft jeder Fluss,
aus Holz bestehn die Wälder all;
die Weiber alle Böses tun,
wenn sie Gelegenheit erlangt.“

Indem er dieses Würfellied sang, warf er die goldenen Würfel auf die silberne Platte. Während aber der König so spielte, gewann er beständig und der Hauspriester verlor.—Als nun allmählich in dessen Hause das Vermögen zugrunde ging, dachte er bei sich: „Wenn es so geht, wird alles Geld in diesem Haus verloren gehen; ich will ein weibliches Wesen suchen, das noch nicht unter Männer gegangen ist, und sie im Hause behalten.“ Da kam ihm folgender Gedanke: „Ein Weib, das schon irgendeinen Mann vorher gesehen hat, werde ich nicht bewachen können. Vom Mutterleibe an werde ich ein weibliches Wesen bewachen; wenn sie herangewachsen ist, werde ich sie in meiner Gewalt behalten, sie nur einen Mann kennen lassen, sie sorgfältig bewachen lassen und so von der Königsfamilie mein Geld wieder holen.“—Er war aber der Vorausbestimmung kundig. Als er nun eine schwangere Frau sah, erkannte er, dass sie eine Tochter gebären werde. Und er ließ sie zu sich kommen, bestritt ihre Ausgaben und ließ sie bei sich wohnen; als sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte, gab er ihr Geld und schickte sie fort. Das Mädchen aber ließ er keinen Mann sehen, sondern übergab es den Händen von Frauen und ließ es aufziehen. Und als es herangewachsen war, behielt er es unter seiner Gewalt.

Solange es heranwuchs, solange spielte er nicht mit dem Könige Würfel; als er es aber unter seine Gewalt gebracht hatte (d.h. als es herangewachsen war, hatte er es zu seiner Frau gemacht), sprach er: „O Großkönig, wollen wir Würfel spielen?“ Der König sagte: „Gut“, und spielte auf die frühere Art. Als aber der König gesungen hatte und die Würfel warf, sprach der Hauspriester: „Außer meinem Mädchen.“ Von da an gewann der Hauspriester und der König verlor. Da dachte der Bodhisattva: „In seinem Hause muss ein Weib sein, das nur einen Mann kennt“, und ließ nachforschen. Als er erfuhr, dass es sich so verhalte, dachte er: „Ich will sie ihre Tugend brechen lassen“; und er ließ einen Spitzbuben zu sich rufen und sprach: „Bist du im Stande, dem Weibe des Hauptpriesters die Tugend zu brechen?“ Er antwortete: „Ich bin dazu im Stande.“ Darauf gab ihm der König Geld und schickte ihn fort mit den Worten: „Erledige es also schnell.“—

Jener nahm von dem Könige das Geld, kaufte Parfüms, Räucherwerk, wohlriechendes Pulver, Kampfer u. dgl. und errichtete nicht weit von dessen Hause einen Laden für alle Arten von Wohlgerüchen. Das Haus des Hauspriesters aber besaß sieben Stockwerke und sieben Türerker und an allen Türerkern war eine Wache von Frauen; denn außer dem Brahmanen durfte kein anderer Mann das Haus betreten und selbst den Korb, in den der Schmutz geworfen wurde, ließen sie hinein erst, nachdem sie ihn untersucht hatten. Das Mädchen aber durfte nur der Brahmane sehen und eine Aufwartefrau.—Wenn nun diese Aufwartefrau mit Geld für Wohlgerüche und Blumen fort ging, kam sie in der Nähe des Ladens dieses Spitzbuben vorbei. Er erkannte wohl, dass es die Aufwärterin des Mädchens sei. Als er sie nun eines Tages daherkommen sah, ging er aus seinem Laden heraus, fiel ihr zu Füßen, fasste mit beiden Händen fest ihre Füße und jammerte: „Mutter, wo bist du diese ganze Zeit gewesen?“ Und die übrigen gedungenen Spitzbuben stellten sich daneben und sprachen: „An Händen und Füßen, an Aussehen und selbst in der Kleidungsart sind Mutter und Sohn ganz gleich.“ Als sie dies immer wieder sagten, glaubte sie sich selbst nicht mehr und dachte: „Dies wird mein Sohn sein“; und sie begann gleichfalls zu weinen. Schluchzend und weinend standen die beiden da, indem sie sich umarmten. Darauf sprach der Spitzbube: „Mutter, wo wohnst du?“ Sie antwortete: „Ich bin beschäftigt, der einer Nymphe an Anmut gleichenden, wunderschönen jungen Frau des Hauspriesters aufzuwarten.“ Er fragte nun weiter: „Wohin gehst du jetzt, Mutter?“ Sie sprach: „Um für sie Wohlgerüche, Kränze u. dgl. zu holen.“ Darauf sagte er: „Mutter, warum willst du anderswohin gehen? Hole dies von jetzt an bei mir“; und ohne Geld dafür anzunehmen, gab er ihr Betel, Bdellium u. dgl., sowie verschiedenartige Blumen.—Als das Mädchen die vielen Parfüms, Blumen u. dgl. sah, sprach es: „Warum, Mutter, ist heute unser Brahmane so freundlich?“ „Warum sprichst du so?“ „Weil ich die vielen Dinge sehe.“ Darauf sprach die Frau: „Nicht der Brahmane hat mir viel Geld gegeben, sondern ich habe dies von meinem Sohn bekommen.“ Von da an nahm sie das ihr von dem Brahmanen gegebene Geld für sich und holte bei jenem die Wohlgerüche, Blumen u. dgl.

Nach wenigen Tagen stellte sich der Spitzbube krank und legte sich nieder. Als die Frau an die Türe seines Ladens kam und ihn nicht sah, fragte sie: „Wo ist mein Sohn?“ Sie erhielt die Antwort: „Deinen Sohn hat eine Krankheit befallen.“ Darauf begab sie sich an den Ort, wo er lag, setzte sich nieder, rieb seinen Rücken und fragte: „Was fehlt dir, Lieber?“ Er aber blieb stille. „Warum redest du nicht, mein Sohn?“ „Mutter, auch wenn ich sterbe, kann ich es dir nicht sagen.“ „Wenn du es mir nicht sagst, wem willst du es denn sagen, Lieber?“ Darauf sprach er: „Mutter, ich habe keine andere Krankheit; da ich aber von der Schönheit dieses Mädchens hörte, habe ich mein Herz an sie gefesselt. Wenn ich sie erhalte, werde ich leben; wenn ich sie aber nicht erhalte, werde ich jetzt hier sterben.“ Sie tröstete ihn mit den Worten: „Lieber, das ist mein Geschäft; denke nicht mehr darüber nach.“ Und sie nahm viele Parfüms, Blumen u. dgl. mit sich, ging zu dem Mädchen hin und sagte: „Tochter, mein Sohn hat sein Herz an dich verloren, weil er von mir deine Schönheit hat rühmen hören; was ist da zu tun?“ Das Mädchen antwortete: „Wenn Ihr ihn herbeibringen könnt, wir geben die Erlaubnis dazu.“—

Als sie deren Worte gehört hatte, holte sie von da an aus den Winkeln und Ecken des Hauses viel Schmutz zusammen, tat ihn immer in Blumenkörbe und ging damit weg; und wenn untersucht wurde, schüttete sie die Körbe über der Wächterin aus. Darüber geärgert ging diese weg und eine zweite auf dieselbe Weise; und wer nur immer etwas sagte, über den schüttete sie den Schmutz aus. Von da an getraute sich keine mehr zu untersuchen, was immer sie holte oder forttrug.—Darauf ließ sie den Spitzbuben in dem Blumenkorbe sich niederlegen und brachte ihn so zu dem Mädchen. Der Spitzbube brach die Tugend des Mädchens und blieb einen oder zwei Tage in dem Palaste. Wenn der Brahmane ausgegangen war, vergnügten sich die beiden; wenn er zurückkehrte, versteckte sich der Spitzbube.—

Nach einem oder zwei Tagen aber sprach das Mädchen: „Herr, jetzt musst du gehen.“ Er versetzte: „Ich möchte gehen, nachdem ich den Brahmanen geschlagen.“ Sie sprach: „So soll es sein.“—Und sie versteckte den Spitzbuben; und als der Brahmane zurückkam, sagte sie: „Edler, ich möchte zu Eurem Lautenspiel tanzen.“ „Gut, Teure, tanze nur“, erwiderte er und spielte die Laute. Da sprach sie: „Wenn Ihr zuschaut, schäme ich mich; ich werde Euch aber das Gesicht mit einem Tuche zubinden und dann tanzen.“ „Wenn du dich schämst, tue so“, antwortete er. Darauf holte das Mädchen ein dichtes Tuch, bedeckte seine Augen damit und band ihm das Gesicht zu. Und als dem Brahmanen das Gesicht zugebunden war, spielte er die Laute.—Nachdem sie aber einen Augenblick getanzt hatte, sagte sie: „Edler, ich möchte dir gerne einmal auf den Kopf schlagen.“ Der weibertolle Brahmane, der nichts merkte, erwiderte: „Schlag nur zu.“ Da gab das Mädchen dem Spitzbuben einen Wink; und dieser kam leise herbei, stellte sich hinter den Brahmanen und stieß mit dem Ellenbogen auf dessen Kopf. Da wurden dessen Augen, als wollten sie herausfallen, und auf dem Kopfe entstand eine Beule. Von Schmerz gepeinigt sprach er: „Gib mir deine Hand!“ Das Mädchen hob seine Hand auf und legte sie in die des Brahmanen. Dieser sagte: „Diese Hand ist zart, der Schlag aber war hart.“—Nachdem aber der Spitzbube den Brahmanen geschlagen hatte, versteckte er sich wieder. Als er sich versteckt hatte, entfernte das Mädchen das Tuch vom Gesichte des Brahmanen und rieb mit Sesamöl die getroffene Stelle auf seinem Kopfe. Als dann der Brahmane hinausgegangen war, ließ die Frau den Spitzbuben sich wieder in den Korb legen und trug ihn fort.

Er begab sich hierauf zum Könige und erzählte ihm die ganze Begebenheit. Da sprach der König zu dem Brahmanen, als dieser ihm seine Aufwartung machte: „Wollen wir Würfel spielen, Brahmane?“ „Gut, o Großkönig“, erwiderte dieser. Darauf ließ der König den Würfeltisch herrichten; und nachdem er in der früheren Art sein Würfellied gesungen hatte, warf er die Würfel. Da aber der Brahmane nicht wusste, dass das Mädchen sein Gelübde gebrochen hatte, sagte er: „Außer meinem Mädchen“; und obwohl er so sagte, verlor er doch. Der König aber wusste es und sprach: „Was nimmst du aus, Brahmane? Dein Mädchen hat das Gelübde gebrochen. Du hast ein weibliches Wesen vom Mutterleibe an bewacht, an sichern Stellen eine Wache aufgestellt und gemeint, du werdest es behüten können. Ein weibliches Wesen aber kann man nicht bewachen, auch wenn man es in sein Inneres legt und darum herumgeht. Ein nur einem Manne gehöriges Weib gibt es nicht. Als dein Mädchen sagte, sie wolle tanzen, und dir, als du Laute spieltest, das Gesicht verband, hat es seinen Buhlen mit dem Ellenbogen auf dein Haupt schlagen lassen und ihn dann fortgeschickt. Was nimmst du jetzt aus, Brahmane?“ Und nach diesen Worten sprach er folgende Strophe:

„Warum doch spielte der Brahmane
die Laute, das Gesicht verhüllt!
Als sie ein Embryo noch war,
zog er sie sich zur Gattin auf;
wer könnte ihnen fest vertraun?“

So sagte der König dem Brahmanen die Wahrheit. Als der Brahmane die Unterweisung des Königs vernommen hatte, ging er nach Hause und fragte das Mädchen: „Eine so böse Tat hast du getan?“ Sie antwortete: „Edler, wer hat das gesagt? Ich habe es nicht getan. Ich nur schlug dich, niemand anderer. Wenn Ihr mir nicht glaubt, will ich zur Bekräftigung, dass ich außer Euch von keinem andern Manne eine Berührung mit der Hand kenne, durch das Feuer gehen und Euch so dazu bringen, dass Ihr mir glaubt.“ Der Brahmane sprach: „So soll es sein“; und er hieß einen großen Holzstoß errichten und ihn in Feuer setzen. Darauf ließ er sie rufen und sprach: „Wenn du dich getraust, so gehe in das Feuer hinein.“—Das Mädchen hatte aber zuvor seine Aufwärterin beauftragt: „Mutter, lass deinen Sohn hierher kommen und ihn, wenn ich ins Feuer hineingehe, meine Hand ergreifen.“ Sie ging hin und sagte es. Darauf kam der Spitzbube und stellte sich mitten in die Versammlung.—Das Mädchen aber, das den Brahmanen betrügen wollte, trat in die Mitte der großen Volksmenge und sprach: „O Brahmane, außer von dir kenne ich von keinem anderen Mann eine Berührung mit der Hand; wenn dies wahr ist, soll mich das Feuer nicht verbrennen.“ Und sie schickte sich an, in das Feuer hineinzugehen. In diesem Augenblicke rief der Spitzbube: „Seht, was der Hauspriester-Brahmane tut; eine solche Frau lässt er ins Feuer gehen!“ Und er ging hin und fasste das Mädchen bei der Hand. Sie schüttelte die Hand ab und sprach zu dem Hauspriester: „Edler, meine Bekräftigung ist vereitelt; ich kann nicht in das Feuer hineingehen.“ „Warum nicht?“ „Heute habe ich die Bekräftigung gemacht, dass außer von meinem Gatten ich von einem anderen Manne eine Berührung mit der Hand nicht kenne; jetzt aber bin ich von diesem Manne an der Hand gefasst worden.“ Da merkte der Brahmane: „Ich bin von ihr betrogen“; und er schlug sie und jagte sie fort.—

Mit solcher Untugend sind die Weiber ausgestattet. Wenn sie ein noch so großes Übel getan haben, sind sie falschen Sinnes und nehmen, um ihren Mann zu betrügen, selbst den Tag zum Zeugen, dass sie so etwas nicht getan haben. Darum heißt es:

„Der trügerischen, listenreichen,
die Wahres gar so schwer verstehn,
der Weiber Art ist schwer zu kennen,
der Fische Spur im Wasser gleich.

Trug ihnen gilt der Wahrheit gleich
und Wahrheit ihnen gilt als Trug.
Wie Kühe, die viel Gras begehren,
sie haben Wünsche ohne Zahl.

Voll Trug und hart die Schlangen sind
und unbeständig wie der Sand;
nicht bleibt bei ihnen unbekannt,
was unter Menschen wird gesagt.“

Nachdem der Meister mit den Worten: „So unbehütbar ist das weibliche Geschlecht“, diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verkündete er die Wahrheiten. Am Ende der Verkündigung von den Wahrheiten gelangte der unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung.

Dann stellte der Meister die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war ich der König von Benares.“

Ende der Erzählung von dem Embryozustand