Jātaka 67

Die Erzählung von dem Schoß (Ucchanga-Jātaka)

„Im Schoße hab ich, Herr, den Sohn“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf eine Frau vom Lande. Zu einer Zeit nämlich pflügten im Reiche Kosala drei Leute am Rande eines Waldes. Zu dieser Zeit hatten im Walde Räuber Leute ausgeplündert und waren dann davongelaufen. Als man nun nach den Räubern suchte und sie nicht fand, kam man an diesen Ort und sagte: „Ihr habt im Walde geplündert und stellt euch jetzt, als wäret ihr Landleute“; und man fesselte sie in der Meinung, es seien die Räuber, führte sie fort und brachte sie dem Könige von Kosala.—

Darauf kam eine Frau und ging immer wieder um den Palast des Königs herum, indem sie klagte: „Gebt mir eine Bedeckung.“ Als der König ihre Stimme hörte, sprach er: „Gebt ihr eine Bedeckung“; und sie nahmen ein Gewand und gingen zu ihr hin. Als sie dies erblickte, sagte sie: „Ich will nicht eine solche Bedeckung.“ Da gingen die Leute zum Könige hin und teilten ihm mit: „Sie spricht ja nicht von einer solchen Bedeckung, sondern von der Bedeckung durch den Gatten.“ Hierauf ließ sie der König rufen und fragte sie: „Wünschest du die Bedeckung durch einen Gatten?“ Sie antwortete: „Ja, o Fürst. Für eine Frau ist nämlich der Gatte die Bedeckung; wenn kein Gatte vorhanden ist, ist eine Frau nackt, auch wenn sie mit einem Gewand bekleidet ist, das tausend wert ist.—

(Für die Erklärung dieses Satzes aber ist folgender Lehrspruch anzuführen:)

„Nackt ist ein wasserloser Fluss,
nackt ist ein königloses Land;
nackt ist das Weib, das Witwe ist,
auch wenn zehn Brüder sie besitzt.“

Der König, von ihr befriedigt, fragte jetzt: „Wer sind diese drei Männer?“ Sie antwortete: „Einer ist mein Gatte, einer mein Bruder und einer mein Sohn.“ Der König fragte weiter: „Da ich mit dir zufrieden bin, schenke ich dir einen von den dreien; welchen willst du?“ Sie erwiderte: „Da ich, o Fürst, noch am Leben bin, kann ich noch einen Gatten bekommen und auch noch einen Sohn; da meine Eltern aber gestorben sind, kann ich einen Bruder schwer bekommen. Schenke mir darum meinen Bruder, o Fürst.“ Der König war darüber befriedigt und ließ alle drei los. So wurden durch sie allein die drei Männer von ihrem Unglück befreit.

Diese Sache wurde unter der Gemeinde der Mönche bekannt. Eines Tages hatten sich die Mönche in der Lehrhalle versammelt und sich niedergesetzt, indem sie die Tugenden jener Frau priesen mit folgenden Worten: „Freund, durch ein Weib wurden die drei Männer aus ihrem Unglück befreit.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, hat diese Frau die drei Männer von ihrem Unglück befreit, sondern schon in früherer Zeit hat sie dieselben befreit“; und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, pflügten drei Leute am Rande eines Waldes und so weiter, gerade wie oben erzählt. Als aber der König gefragt hatte: „Welchen von den drei Leuten wünschest du?“, sagte sie: „Könnt Ihr mir nicht die drei schenken, o Fürst?“ Er erwiderte: „Nein, das kann ich nicht.“ Darauf versetzte sie: „Wenn Ihr mir nicht die drei schenken könnt, dann schenkt mir meinen Bruder.“ Jetzt sprach der König: „Nimm doch deinen Sohn oder deinen Gatten; was tust du mit deinem Bruder?“ Doch sie erwiderte: „Jene sind leicht zu erhalten, o Fürst; ein Bruder aber ist schwer zu erhalten.“ Und darauf sprach sie folgende Strophe:

„Im Schoße hab ich, Herr, den Sohn,
den Mann, wenn auf der Straß ich geh;
doch kenn ich nicht das Land,
woher den Bruder ich mir holen könnt'.“

Der König dachte befriedigten Herzens: „Sie spricht die Wahrheit“; und er ließ die drei Männer aus dem Gefängnis holen und schenkte sie ihr. Sie aber nahm die drei Männer mit sich und ging fort.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern schon in früherer Zeit hat diese Frau die drei Männer aus ihrem Unglück befreit“, diese Lehrunterweisung beendigt hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen fest und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Die ehedem die vier waren, sind auch jetzt die vier; der König aber war ich zu der Zeit.“

Ende der Erzählung vom Schoße