Jātaka 71

Die Erzählung von dem Varana-Baume (Varana-Jātaka)

„Wer das, was früher war zu tun“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Thera Kutumbiyaputta-Tissa. Eines Tages nämlich nahmen Söhne aus guten Familien, die zu Savatthi wohnten und gegenseitig befreundet waren, dreißig an Zahl, wohlriechende Substanzen sowie Blumen und Gewänder und gingen in der Absicht, die Lehrunterweisung des Meisters zu hören, von einer großen Menge begleitet, nach dem Jetavana. Hier setzten sie sich ein wenig in der Eisenholzbaum-Umzäunung, der Sala-Baum-Umzäunung und dgl. nieder. Als dann zur Abendzeit der Meister sein von Wohlgerüchen duftendes Gemach verließ, sich nach der Lehrhalle begab und auf seinem verzierten Buddhasitze Platz genommen hatte, gingen sie mit ihrer Umgebung nach der Lehrhalle, verehrten den Meister mit wohlriechenden Substanzen und Blumen und begrüßten ihn, zu seinen an der Sohle mit dem Rade versehenen, einer aufgeblühten Lotosblume an Herrlichkeit gleichenden Füßen niedergebeugt. Darauf setzten sie sich ihm zur Seite und hörten die Lehre.—Da kam ihnen folgender Gedanke: „So wie wir die vom Erhabenen verkündigte Lehre verstehen, wollen wir Mönche werden.“ Und als der Vollendete die Lehrhalle verließ, begaben sie sich zu ihm, begrüßten ihn und baten um Aufnahme in den Mönchsstand. Der Meister nahm sie in den Mönchsstand auf.

Nachdem sie nun ihre Lehrer und Unterweiser befriedigt hatten, empfingen sie die Weihe. Fünf Jahre verweilten sie bei ihren Lehrern und Unterweisern; und als sie die beiden Hauptstücke sich ganz zu eigen gemacht, als sie gelernt hatten, was schicklich und was unschicklich sei, die drei Arten der Danksagung kannten und ihre Gewänder genäht und gefärbt hatten, dachten sie: „Wir wollen das Asketenleben betätigen.“ Sie fragten darauf ihre Lehrer und Unterweiser um Erlaubnis und gingen zum Meister hin. Nachdem sie ihn begrüßt hatten und ihm zur Seite saßen, brachten sie ihre Bitte vor: „Herr, wir sind unzufrieden mit den Existenzen, wir sind von Furcht vor Geburt, Alter, Krankheit und Tod gequält; um uns darum von der Wiedergeburt zu erlösen, gebt uns einen Betrachtungsstoff!“ Der Meister suchte unter den achtunddreißig Betrachtungsstoffen einen passenden heraus und erklärte ihnen denselben. Als sie nun vom Meister ihren Betrachtungsstoff erhalten hatten, grüßten sie den Meister, umwandelten ihn von rechts und begaben sich auf ihre Zellen. Hier verabschiedeten sie sich von ihren Lehrern und Unterweisern, nahmen Almosenschale und Gewand und gingen fort, um das Asketenleben zu betätigen.

Unter ihnen war aber ein Mönch namens Kutumbikaputta-Tissa; der war träge, ohne Energie und begierig nach Wohlgeschmack. Dieser dachte folgendermaßen bei sich: „Ich werde nicht im Stande sein, im Walde zu wohnen, das Streben zu betätigen und mich durch Almosen Sammeln zu ernähren. Warum soll ich fortgehen? Ich will umkehren.“ Und er gab sein Streben auf und kehrte um, nachdem er noch die Mönche begleitet hatte.—Die anderen Mönche aber wanderten im Reiche Kosala umher und kamen an ein Grenzdorf; in dessen Nähe verbrachten sie in einer Waldgegend die Regenzeit. Während drei Monaten bemühten sie sich voll Eifer; und so erfassten sie den Keim der übernatürlichen Einsicht und erlangten die Heiligkeit, wobei sie die Erde aufjauchzen machten. Als die Regenzeit vorüber war, feierten sie die Pavarana. Darauf dachten sie: „Wir wollen dem Meister den von uns erlangten Vorzug mitteilen“; und sie verließen diesen Ort und kamen allmählich nach dem Jetavana zurück. Nachdem sie hier Almosenschale und Obergewand beiseite gelegt, begrüßten sie ihre Lehrer und Unterweiser; darauf gingen sie, um den Vollendeten zu sehen, zum Meister hin, begrüßten ihn und setzten sich nieder. Der Meister begann jetzt mit ihnen ein liebevolles Gespräch. Nachdem sie ihm hierauf erwidert hatten, erzählten sie dem Vollendeten, welchen Vorzug sie erlangt hätten. Der Meister aber pries die Mönche.

Als aber der Thera Kutumbikaputta-Tissa sah, wie der Meister ihre Vorzüge erzählte, bekam er selbst Lust, das Asketenleben zu betätigen. Auch die Mönche sagten: „Herr, wir wollen zu demselben Waldaufenthalt gehen und dort verweilen“, und baten ihn um Erlaubnis. Der Meister gab die Erlaubnis mit dem Worte: „Es ist gut.“ Und nachdem sie ihn gegrüßt, gingen sie in ihre Zelle.—Der Thera Kutumbikaputta-Tissa aber wurde noch in derselben Nacht von übermäßigem Streben erfüllt; und als er zu stark das Asketenleben betätigte und während der mittleren Nachtwache neben seiner Bank stehend einschlief, fiel er um und stürzte zu Boden. Dabei brach er seinen Oberschenkelknochen und es befielen ihn große Schmerzen. Jene Mönche aber pflegten ihn und konnten daher nicht fortziehen.

Als sie nun zur Zeit der Aufwartung herbeikamen, fragte sie der Meister: „Habt ihr euch nicht gestern verabschiedet, ihr Mönche, da ihr am nächsten Tage gehen wolltet?“ Sie erwiderten: „Ja, Herr; aber unser Freund, der Thera Kutumbikaputta-Tissa ist, als er zur Unzeit und zu stark das Asketenleben betätigte, eingeschlafen, umgefallen und zu Boden gestürzt. Dabei brach ihm der Oberschenkelknochen und deswegen konnten wir nicht fortgehen.“ Da sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, hat dieser, nachdem er zuerst sein Streben aufgegeben hatte, zur Unzeit und zu stark das Streben betätigen wollen und euch dadurch ein Hindernis verursacht, sondern auch schon in früherer Zeit hinderte er euch am Fortgehen.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem war im Reiche Gandhara zu Takkasilā der Bodhisattva ein weit und breit berühmter Lehrer und unterwies fünfhundert junge Brahmanen in den Wissenschaften. Eines Tages nun gingen die Jünglinge in den Wald, um Holz zu sammeln, und hackten dort Holz ab. Unter ihnen befand sich ein träger Jüngling. Als dieser einen großen Varana-Baum sah, meinte er, es sei ein trockner Baum, und dachte: „Ich will mich einen Augenblick niederlegen und dann auf den Baum hinaufsteigen, Holz herunterwerfen und damit fortgehen.“ Und er breitete sein Obergewand aus und legte sich darauf; und schnarchend fiel er in Schlaf.—Die anderen jungen Brahmanen hatten inzwischen ihr Holz in Bündel zusammengebunden und kamen mit dem Holz dorthin; und sie weckten ihn auf, indem sie ihn mit dem Fuße an den Rücken stießen, und gingen dann fort. Der träge Jüngling stand auf; und indem er sich beständig die Augen rieb, da der Schlaf noch nicht vergangen war, stieg er auf den Baum, packte einen Zweig, bog ihn zu sich hin und brach ihn ab. Dabei zerbrach aber dieser Zweig und die abgesprungene Spitze verletzte ihn am Auge. Er hielt nun mit der einen Hand das Auge zu und brach mit der andern das feuchte Holz ab; dann stieg er vom Baume herunter, band es in ein Bündel zusammen, hob es auf und entfernte sich rasch. Hierauf legte er sein Bündel auf das von den anderen gesammelte Holz.

An diesem Tage hatte eine Familie von einem Landdorfe den Lehrer eingeladen mit den Worten: „Morgen werden wir Brahmanenbackwerk bereiten.“ Der Lehrer sprach daher zu den jungen Brahmanen: „Ihr Lieben, morgen müsst ihr in ein Dorf gehen. Ohne dass ihr aber etwas gegessen habt, könnt ihr nicht gehen. Deshalb lasst in der Frühe Reisschleim kochen; dann geht hin, nehmt dort die Portion, die ihr bekommt, sowie den Teil, der auf uns trifft, alles mit und kommt wieder hierher.“ Am frühen Morgen nun weckten sie eine Sklavin auf zum Bereiten des Reisschleims, indem sie sagten: „Koche uns rasch Reisschleim.“ Als diese aber Holz holte, nahm sie das oben liegende feuchte Varana-Holz; und obwohl sie immer wieder mit dem Munde hineinblies, konnte sie das Feuer nicht anzünden und ließ dabei die Sonne aufgehen. Da sagten die jungen Brahmanen: „Es ist schon zu spät am Tage geworden; jetzt können wir nicht mehr fortgehen“; und sie gingen zu ihrem Lehrer hin. Der Lehrer fragte: „Wie, ihr Lieben, ihr seid nicht fortgegangen?“ Sie antworteten: „Ja, Meister, wir sind nicht gegangen.“ Er fragte weiter: „Warum?“ Darauf sprachen sie: „Der und der träge junge Brahmane hat, als er mit uns zum Holze ging, am Fuße eines Varana-Baumes geschlafen; dann stieg er rasch hinauf und verletzte sich das Auge. Er nahm daher feuchtes Varana-Holz und legte es oben auf das von uns geholte Holz. Nun meinte die Reisschleimköchin, es sei trocknes Holz, und nahm es, konnte aber bis Sonnenaufgang kein Feuer damit anzünden. Aus diesem Grunde entstand für uns ein Hindernis zum Fortgehen.“ Als der Lehrer gehört hatte, was der junge Brahmane getan, sprach er: „Wegen der Tat blinder Toren entsteht eine solche Benachteiligung“; und darauf sagte er folgende Strophe her:

„Wer das, was früher war zu tun,
erst hinterdrein zu tun begehrt,
der büßt es hinterdrein, wie der,
der Holz abbrach vom Varana.“

Nachdem der Bodhisattva seinen Schülern diese Ursache auseinandergesetzt und Almosen gespendet und andere gute Werke getan hatte, gelangte er am Ende seines Lebens an den Ort seiner Bestimmung.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, verursacht dieser euch ein Hindernis, sondern auch schon früher machte er es so“, diese Lehrunterweisung beendigt hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der junge Brahmane mit dem verletzten Auge der Mönch mit dem gebrochenen Schenkel, die übrigen jungen Brahmanen waren die Buddhaschar, der Brahmanenlehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Varana-Baum