Jātaka 73

Die Erzählung von dem wahr Sprechen (Saccamkira-Jātaka)

„Fürwahr, die Wahrheit sprachen wohl“

Dies erzählte der Meister, da er im Vejuvana verweilte, mit Beziehung auf den Mordplan (des Devadatta). Als nämlich die Mönchsgemeinde sich in der Lehrhalle versammelt hatte, erzählten sie von Devadattas Untugend, indem sie sagten: „Freund, Devadatta kennt nicht die Tugend des Meisters, sondern plant immer seine Ermordung.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, plant Devadatta meine Ermordung, sondern auch schon früher plante er dieselbe.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem regierte zu Benares Brahmadatta. Dieser hatte einen Sohn, „Prinz Bösewicht“ (Dutthakumara) mit Namen; der war hart und grausam gleich einer verwundeten Schlange. Ohne zu schelten oder ohne zu schlagen, sprach er mit niemandem. Den Leuten drinnen und draußen war er wie Schmutz, der ins Auge gefallen ist, wie ein Kobold, der zum Fressen kommt, unangenehm und aufregend.—Eines Tages wollte er am Flusse spielen und begab sich mit großem Gefolge nach dem Flussufer. In diesem Augenblick erschien eine große Wolke. Die einzelnen Himmelsgegenden wurden unsichtbar. Da sprach er zu der Schar seiner Sklaven und Diener: „Geht, sag ich, nehmt mich und bringt mich in die Mitte des Flusses; lasst mich dort baden und bringt mich dann wieder zurück.“ Als sie ihn dorthin gebracht hatten, überlegten sie: „Was wird uns der König tun? Lasst uns diesen Bösewicht gerade hier töten.“ Und sie sagten: „Gehe her, du Unglücksvogel“, und drückten ihn unter das Wasser; darauf stiegen sie heraus und traten ans Ufer. Als man sie fragte: „Wo ist der Prinz?“ sagten sie: „Wir haben den Prinzen nicht gesehen; wie er die aufsteigende Wolke sah, wird er ins Wasser getaucht und weiter gegangen sein.“ So kamen die Hofleute zu dem König. Der König fragte: „Wo ist mein Sohn?“ Sie antworteten: „Wir wissen es nicht, Herr. Eine Wolke stieg auf; da dachten wir, er sei voraus gegangen, und sind hergekommen.“ Der König ließ das Tor öffnen und ließ da und dort nachsuchen, indem er selbst an das Flussufer ging und sagte: „Suchet nach!“ Aber niemand fand den Prinzen.

Dieser wurde, während es finster war durch die Wolke und es regnete, auf dem Flusse dahingetrieben; da sah er einen Baumstamm, setzte sich darauf und trieb weiter, von Todesfurcht erfüllt und laut jammernd.—Zu der Zeit aber hatte ein zu Benares wohnender Großkaufmann am Flussufer vierhundert Millionen vergraben und war infolge seiner Geldgier als eine auf dem Schatze wohnende Schlange wiedergeboren worden. Ein anderer hatte an demselben Orte dreihundert Millionen vergraben und war infolge seiner Geldgier als eine auf dem Schatze wohnende Ratte wiedergeboren worden. Auch an den Wohnort dieser beiden drang das Wasser. Da entfernten sie sich auf dem Wege, auf dem das Wasser eingedrungen war, und flüchteten, indem sie den Fluss durchquerten. Dabei kamen sie an den Baumstamm, der von dem königlichen Prinzen besetzt war; jedes von ihnen stieg auf eine Spitze desselben und sie legten sich auch auf den Baumstamm.—Am Ufer dieses Flusses aber war ein Simbali-Baum, auf dem ein junger Papagei wohnte. Da aber die Wurzel des Baumes vom Wasser unterwaschen wurde, stürzte der Baum in den Fluss. Der junge Papagei flog auf; da er aber beim Regen nicht vorwärts kommen konnte, setzte er sich auf die eine Seite jenes Baumstammes. So trieben die vier Leute zusammen dahin.

Zu der Zeit war der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie des Nordens wiedergeboren worden. Als er herangewachsen war, betätigte er die Weltflucht der Weisen und erbaute sich an einer Krümmung des Flusses eine Laubhütte, in der er wohnte. Als er um die Mitternachtszeit herumwandelte, hörte er den Schall vom lauten Jammern des Königssohnes und dachte bei sich: „Wenn ein Büßer wie ich, der voll Liebe und Mitleid ist, zuschaut, darf dieser Mann nicht sterben; ich will ihn aus dem Wasser herausziehen und ihm das Leben wieder schenken.“ Und er tröstete ihn mit den Worten: „Hab keine Furcht, hab keine Furcht“; dann schritt er quer durch das Wasser, fasste den Baumstamm am einen Ende und zog ihn zu sich heran. Mit Elefantenstärke, mit Kraft begabt gelangte er mit einer Bemühung ans Ufer, hob den Prinzen auf und setzte ihn ans Land. Als er die Schlange und die übrigen Tiere sah, hob er sie auch auf und brachte sie in seine Einsiedelei. Hier zündete er ein Feuer an; und da er dachte: „Diese sind die unglücklicheren“, erwärmte er zuerst den Körper der Schlange und der übrigen Tiere und dann erst den Körper des königlichen Prinzen. Als er auch diesen wieder gesund gemacht hatte und ihnen zu essen gab, gab er wieder zuerst der Schlange und den übrigen Tieren zu fressen; dann erst wartete er jenem mit Waldbeeren auf. Da dachte der Königssohn: „Dieser falsche Asket beachtet nicht mich, den königlichen Prinzen, und ehrt mehr die Tiere“; und er fasste einen Hass gegen ihn.

Als sie nun nach Verlauf einiger Tage alle wieder zu Kraft gelangt waren und die Wogen des Flusses sich verlaufen hatten, grüßte die Schlange den Asketen und sprach: „Herr, Ihr habt mir eine große Wohltat erwiesen. Ich bin aber nicht arm, sondern ich habe an der und der Stelle vierhundert Millionen vergraben. Wenn Ihr Geld braucht, so kann ich Euch dies ganze Geld geben; dann kommt an diesen Ort und ruft mich herbei, indem Ihr ruft: ‚Schlange!‘“ Nach diesen Worten entfernte sie sich. Die Ratte teilte dasselbe dem Asketen mit und sprach: „Stellet Euch an den und den Ort und ruft mich herbei mit dem Worte: ‚Ratte!‘“ Darauf ging sie fort. Der Papagei grüßte aber den Asketen und sagte: „Herr, ich habe kein Geld. Wenn Ihr aber roten Reis braucht, da und da wohne ich; da geht hin und ruft mich mit dem Worte: ‚Papagei!‘ Ich werde es dann meinen Verwandten mitteilen, sie roten Reis herbeiholen lassen so viel, dass man viele Wagen damit anfüllen kann, und diesen Euch geben können.“ Nach diesen Worten flog er davon. Der letzte aber sagte nichts, da er zu Verräterei geneigt war; sondern er dachte bei sich: „Wenn er zu mir kommt, werde ich ihn töten“, und sprach dann: „Herr, wenn ich zur Regierung gelangt bin, so kommt; ich werde Euch mit den vier Hilfsmitteln aufwarten.“ Nach diesen Worten ging er fort.

Nicht lange nach seinem Fortgehen aber gelangte er zur Regierung. Da dachte der Bodhisattva: „Ich will sie auf die Probe stellen.“ Und er ging zuerst zur Schlange, stellte sich nicht weit davon hin und rief: „Schlange!“ Auf das eine Wort hin kam sie heraus, grüßte den Bodhisattva und sprach: „Herr, an diesem Orte sind vierhundert Millionen Gold; hebt sie alle auf und nehmt sie mit.“ Der Bodhisattva ließ sie gehen mit den Worten: „So soll es sein; wenn ich es brauche, werde ich daran denken.“ Darauf begab er sich zur Ratte und rief sie. Auch sie erschien sogleich. Der Bodhisattva ließ auch sie wieder gehen, begab sich zum Papagei und rief „Papagei!“ Auch dieser kam auf das eine Wort hin von der Spitze des Baumes herunter, begrüßte den Bodhisattva und fragte: „Herr, soll ich es meinen Verwandten sagen und sie vom Himalaya-Lande von selbst gewachsenen Reis holen lassen?“ Auch diesen ließ der Bodhisattva wieder sich entfernen, indem er sagte: „Wenn ich es brauche, werde ich daran denken.“

Dann ging er fort um, den König auf die Probe zu stellen, und verweilte die Nacht im Parke des Königs; am nächsten Tage brachte er seinen Anzug in Ordnung und ging in die Stadt, nach seiner Gewohnheit Almosen sammelnd. In diesem Augenblicke umzog jener verräterische König, auf der Schulter eines reich geschmückten Elefanten sitzend, mit großem Gefolge die Stadt von rechts her. Als er den Bodhisattva von ferne sah, dachte er: „Dieser falsche Asket ist hierher gekommen, um immer in meiner Nähe wohnen zu bleiben. Damit er nicht inmitten der Versammlung verkünde, was er mir Gutes getan, werde ich sogleich sein Haupt spalten lassen.“ Und er blickte seine Leute an. Als sie fragten: „Was sollen wir tun, Herr?“, sprach er zu ihnen: „Dieser falsche Asket kommt, glaub ich, um mich um etwas zu bitten. Lasst mich von diesem Unglücksvogel von Asketen nicht gesehen werden, sondern ergreift ihn, bindet ihm die Hände auf den Rücken und schlagt ihn bei jeder Straßenkreuzung. Führt ihn so zur Stadt hinaus, spaltet ihm auf der Richtstätte das Haupt und steckt seinen Körper an den Pfahl!“ Sie stimmten zu mit dem Worte: „Gut“, gingen hin, banden das große Wesen, schlugen ihn bei jeder Straßenkreuzung und begannen ihn nach der Richtstätte zu führen. Wo immer aber der Bodhisattva geschlagen wurde, da schrie er nicht: „Mutter, Vater!“, sondern sprach unermüdlich folgende Strophe:

„Fürwahr, die Wahrheit sprachen wohl
so manche Männer mit dem Wort:
Wohl besser ist 's herauszuziehn
ein Holzstück als so manchen Mann.“

So sprach er diese Strophe, an welchem Orte immer er geschlagen wurde. Die weisen Männer aber, die ihn da hörten, sagten: „He, du Weltflüchtling, hast du unserm König etwas Gutes getan?“ Darauf erzählte der Bodhisattva die Begebenheit und fügte hinzu: „So habe ich, als ich jenen aus der großen Flut herauszog, mir selbst Unheil zugefügt. So spreche ich, weil ich daran gedenke, dass ich wahrlich nicht nach dem Worte der alten Weisen gehandelt.“ Als dies aber die Krieger, Brahmanen und die anderen Bewohner von Benares hörten, sprachen sie zueinander: „Dieser verräterische König erkennt nicht einmal die Tugend dieses Mannes an, der so voll Tugend ist und ihm selbst das Leben wieder schenkte. Was haben wir durch ihn für einen Vorteil? Ergreifet ihn!“ Und voll Zorn erhoben sie sich von allen Seiten; und sie töteten, mit Spießen, Steinen, Keulen und anderen Werkzeugen losschlagend, den König, der sich auf den Schultern seines Elefanten befand, fassten ihn an den Füßen, zogen ihn herunter und warfen ihn in einen Graben. Darauf weihten sie den Bodhisattva zum König und übertrugen ihm die Regierung.

Während nun dieser in Gerechtigkeit die Herrschaft führte, wollte er eines Tages wieder einmal die Schlange und die anderen Tiere erproben; und er ging mit großem Gefolge zu dem Aufenthaltsort der Schlange hin und rief: „Schlange!“ Die Schlange kam, begrüßte ihn und sprach: „Hier ist dein Geld, Herr; nimm es.“ Da ließ der König den Schatz von vierhundert Millionen Goldes von den Ministern aufheben, ging zur Ratte hin und rief: „Ratte!“ Auch sie kam, begrüßte ihn und übergab ihm die dreihundert Millionen. Der König ließ auch diese Summe von den Ministern nehmen; dann begab er sich nach dem Aufenthaltsort des Papageien und rief: „Papagei!“ Auch dieser kam, verehrte seine Füße und sagte: „Wie, Herr, soll ich den Reis holen?“ Der König erwiderte: „Wenn ich die Reiskörner brauche, wirst du sie holen; komm, lass uns gehen!“ Und er ließ neben den siebenhundert Millionen Goldes auch die drei Tiere mitnehmen und kehrte in die Stadt zurück. Hier stieg er auf den Söller seines Palastes und ließ den Schatz aufheben. Der Schlange ließ er zur Wohnung eine goldene Röhre, der Ratte eine kristallene Höhle und dem Papagei einen goldenen Käfig machen; und der Schlange und dem Papagei ließ er als tägliche Nahrung auf einer goldenen Platte geröstete Honigkörner, der Ratte duftende Reiskörner geben.—Und er gab Almosen und tat andere gute Werke. So blieben die vier Leute zeitlebens einig und einträchtig und gelangten am Ende ihres Lebens an den Ort ihrer Bestimmung.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, geht Devadatta auf meine Tötung aus, sondern auch schon früher ging er darauf aus“, diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Devadatta der König Bösewicht, die Schlange war Sariputta, die Ratte Mogallana, der Papagei Ananda; der später zur Regierung gelangte gerechte König aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem wahr Sprechen