Jātaka 78

Die Erzählung von Illisa (Illisa-Jātaka)

„Lahm sind sie beide“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen geizigen Großkaufmann. Nicht weit von der Stadt Rājagaha nämlich war ein Flecken mit Namen „Zucker“. Dort wohnte ein Großkaufmann, Maccharikosiya mit Namen, der ein Vermögen von achthundert Millionen besaß. Dieser gab anderen nicht einmal mit einer Grasspitze einen Tropfen Öl, noch verbrauchte er dies für sich selbst. So gereichte das von ihm erworbene Vermögen weder seinen Kindern oder seinem Weibe, noch auch Asketen und Brahmanen zum Vorteil, sondern es stand unbenutzt wie ein von Dämonen in Besitz genommener Lotosteich.

Eines Tages erhob sich der Meister zur Zeit der Morgendämmerung infolge der Fülle großen Mitleids; und als er im ganzen Weltsystem nach Verwandten Ausschau hielt, die der Bekehrung fähig wären, bemerkte er, dass der fünfundvierzig Yojanas entfernt wohnende Großkaufmann samt seiner Familie zur Erreichung der Bekehrung geeignet waren.—Dieser aber war am vorhergehenden Tage nach dem Palast des Königs gegangen, um dem Könige seine Aufwartung zu machen; und als er von seiner Aufwartung zurückkehrte, sah er, wie ein ausgehungerter Mann vom Lande einen mit saurem Schleim gefüllten Pfannkuchen verzehrte. Da bekam er Verlangen danach. Als er aber nach Hause ging, dachte er bei sich: „Wenn ich sage, ich wolle Pfannkuchen essen, so werden viele mit mir essen wollen und so würden viele Reiskörner, zerlassene Butter, Zucker u. dgl. verbraucht werden. Ich werde es niemandem sagen.“ Und er hielt beständig seine Begierde zurück. Als aber die Zeit verging, wurde er ganz gelb und die Adern traten an seinem Körper hervor. Da er seine Begierde nicht mehr zurückhalten konnte, ging er in sein Schlafgemach und legte sich nieder, sein Bett umfassend; aber auch jetzt sagte er niemand etwas aus Furcht, sein Hab und Gut zu vermindern.—Da kam seine Gattin zu ihm, rieb ihm den Rücken und fragte: „Bist du unwohl, Herr?“ Er erwiderte: „Ich bin durchaus nicht unwohl.“ „Ist vielleicht der König zornig auf dich gewesen?“ „Auch der König zürnt mir nicht.“ „Ist vielleicht dann von deinen Söhnen und Töchtern oder von deinen Sklaven und Dienern etwas Unangenehmes getan worden?“ „Auch dies ist nicht der Fall.“ „Hast du aber nach irgend etwas Verlangen?“ Auf diese Worte antwortete er nichts aus Furcht, von seinem Hab und Gut zu verlieren, sondern blieb lautlos liegen. Seine Frau aber sprach: „Erzähle, Herr, wonach hast du Verlangen?“ Da erwiderte er, das Wort gewissermaßen verschluckend: „Ja, ich habe ein Verlangen.“ „Was für ein Verlangen, Herr?“ „Ich möchte Pfannkuchen essen.“ „Aber warum sagst du dies nicht? Bist du etwa arm? Jetzt werde ich Pfannkuchen backen, die für sämtliche Bewohner des Fleckens ‚Zucker‘ ausreichen.“ „Was soll ich mit diesen? Wenn sie ihre Arbeit getan haben, werden sie essen.“ „Dann backe ich, dass es für die Bewohner einer Straße reicht.“ „Ich weiß ja, wie reich du bist.“ „Dann backe ich nur soviel, dass es für alle in diesem Hause reicht.“ „Ich weiß ja, was du für große Wünsche hast.“ „Dann backe ich nur soviel, dass es für deine Frau und Kinder reicht.“ „Was gehen dich diese an?“ „Dann backe ich nur soviel, dass es für dich und mich ausreicht.“ „Was willst du dabei tun?“ „Dann backe ich nur soviel, dass es für dich allein reicht.“ „Wenn es an diesem Orte gebacken wird, verlangen viele danach; lasse die ganzen Reiskörner beiseite und nimm nur die zerbrochenen Reiskörner. Dann nimm einen Ofen und Pfannen und ein wenig Milch, zerlassene Butter, Honig und Zucker, gehe auf den Söller des siebenten Stockwerkes und backe; dann werde ich mich allein dort niedersetzen und essen.“ Sie stimmte zu mit dem Worte: „Gut“, ließ das nehmen, was mitzunehmen war, und stieg auf den Söller hinauf; dann schickte sie die Sklavinnen fort und ließ den Großkaufmann rufen. Dieser schloss von unten an alle Türen, befestigte an allen Türen Nadeln und andere Verschlüsse, stieg so bis zum siebenten Stockwerk hinauf, schloss auch dort die Türe und setzte sich nieder. Seine Gattin entfachte Feuer im Ofen, stellte die Pfanne darauf und begann Kuchen zu backen.

Der Meister aber sprach in der Frühe zum großen Thera Mogallana: „Da wünscht, Mogallana, im Flecken Zucker unweit von Rājagaha ein geiziger Großkaufmann, Pfannkuchen zu essen, und lässt aus Furcht, es möchten andere es sehen, auf dem Söller des siebenten Stockwerkes Pfannkuchen backen. Gehe du dorthin, bezwinge den Großkaufmann und bringe ihn zur Selbstverleugnung. Lass dann die beiden Eheleute die Kuchen und Milch, zerlassene Butter, Honig, Zucker u. dgl. nehmen und bringe sie durch deine Gewalt nach dem Jetavana. Ich werde heute mit fünfhundert Mönchen im Kloster bleiben und mit Kuchen das Mahl halten.“ Der Thera stimmte den Worten des Meisters zu mit den Worten: „Es ist gut, Herr“; und sogleich begab er sich durch seine Wunderkraft nach dem Flecken und stand an der Öffnung des Söllerfensters, oben und unten wohl bekleidet, in der Luft wie ein Edelsteinbild.—

Als der Großkaufmann den Thera sah, zitterte ihm sein Herzfleisch. Er dachte: „Aus Furcht vor diesen Leuten bin ich an diesen Ort gegangen und jetzt ist dieser gekommen und steht in der Fensteröffnung.“ Und da er nicht sah, wie er das zu Nehmende erlangen könnte, sprach er, vor Zorn polternd wie Salz und Zucker, das ins Feuer geworfen wird: „O Asket, wie willst du etwas bekommen, wenn du in der Luft stehst? Du wirst nichts erhalten, auch wenn du in der pfadlosen Luft einen Pfad zeigst und darauf wandelst.“ Darauf wandelte der Thera an diesem Orte auf und ab. Der Großkaufmann fuhr fort: „Wie willst du etwas bekommen, wenn du auf und ab wandelst? Du wirst nichts erhalten, auch wenn du dich in der Luft mit gekreuzten Beinen niedersetzest.“ Der Thera setzte sich mit gekreuzten Beinen nieder. Hierauf sprach jener zu ihm: „Wenn du sitzest, was wirst du da bekommen? Du wirst nichts erhalten, auch wenn du herbeikommst und dich auf die Fensterschwelle stellst.“ Der Thera stellte sich auf die Fensterschwelle. Jener sprach weiter zu ihm: „Wenn du auf der Schwelle stehst, was wirst du da erhalten? Du wirst nichts bekommen, auch wenn du Rauch von dir gibst.“ Darauf gab der Thera Rauch von sich und der ganze Söller war ein Rauch.—Dem Großkaufmann wurde es, als seien seine Augen mit einer Nadel durchbohrt. Aus Furcht aber, sein Haus möchte in Brand geraten, sagte er nicht: „Du wirst nichts bekommen, auch wenn du in Flammen leuchtest“, sondern er dachte: „Dieser Asket ist außerordentlich hartnäckig; er wird nicht weggehen, ohne etwas erhalten zu haben. Ich werde ihm einen Kuchen geben lassen.“ Und er sprach zu seiner Frau: „Liebe, backe einen kleinen Kuchen, gib ihn dem Asketen und lasse ihn gehen.“ Sie legte ein ganz kleines Stück auf die Pfanne. Doch es wurde zu einem großen Kuchen; und es erfüllte die ganze Pfanne und schwoll mächtig an. Als der Großkaufmann dies sah, dachte er: „Sie wird ein großes Stück genommen haben“; und er nahm selbst mit dem Stile des Löffels ein kleines Stück und legte es auf die Pfanne. Aber der Kuchen wurde noch größer als der erste. So wurde, was er auch backte, groß und immer größer. Da verlor er die Lust und sprach zu seiner Frau: „Liebe, gib ihm einen Kuchen.“ Als sie aber von der Schüssel einen Kuchen nahm, blieben alle wie zusammengebunden daran hängen. Sie sprach zu dem Großkaufmann: „Herr, alle Kuchen hängen zusammen; ich kann sie nicht losmachen.“ Er erwiderte: „Ich werde es tun“, konnte es aber auch nicht. Darauf fassten die beiden Leute die Kuchen am Ende, konnten sie aber trotz ihres Ziehens nicht losmachen.

Während er sich aber mit den Kuchen abmühte, rann ihm der Schweiß vom Körper und seine Esslust hörte auf. Da sprach er zu seiner Frau: „Liebe, ich brauche keine Kuchen mehr; gib sie dem Mönche samt der Schüssel!“ Und sie nahm die Schüssel und ging damit zu dem Mönche hin. Darauf erklärte der Thera den beiden die Lehre, setzte ihnen die Vorzüge der drei Kleinodien auseinander und zeigte ihnen mit den Worten: „Es gibt eine Gabe, es gibt ein Opfer“, die Frucht des Almosen Gebens u. dgl. wie den Mond am Himmel. Als der Großkaufmann dies hörte, sprach er befriedigten Herzens: „Herr, kommt her, setzt Euch auf dieses Polster und verzehrt die Kuchen!“ Der Thera erwiderte: „O großer Großkaufmann, der völlig Erleuchtete hat sich im Kloster mit fünfhundert Mönchen niedergesetzt, um die Kuchen zu essen. Wenn es Euch gefällt, o Großkaufmann, so lasst Eure Gattin die Kuchen und Milch u. dgl. mitnehmen und lasst uns zum Meister hingehen.“ „Wo ist aber, Herr, jetzt der Meister?“ fragte jener. Der Thera antwortete: „In dem Jetavana-Kloster, o Großkaufmann, das fünfundvierzig Yojanas von hier entfernt ist.“ „Herr, wie werden wir aber einen so großen Weg zurücklegen, ohne die Zeit zu überschreiten?“ „O Großkaufmann, wenn es Euch gefällt, werde ich Euch durch meine Wunderkraft dorthin bringen. Wie wenn in Eurem Palast das obere Ende der Treppe hier, das untere Ende aber im Torerker vom Jetavana wäre, so will ich Euch nach dem Jetavana bringen in der Zeit, die man braucht, um vom obersten Söller zum untersten hinabzusteigen.“ Jener stimmte zu mit dem Worte: „Es ist gut.“ Darauf stellte sich der Thera an das obere Ende der Treppe und befahl: „Das untere Ende der Treppe soll am Torerker des Jetavana sein.“ Und so war es auch. So ließ der Thera den Großkaufmann und dessen Gattin schneller nach dem Jetavana gelangen, als man vom obern Söller nach unten hinabsteigt.

Darauf gingen die beiden zum Meister und sagten ihm, es sei Zeit zum Mahle. Der Meister ging in das Speisehaus und ließ sich auf dem hergerichteten Buddhasitze nieder samt der Mönchsgemeinde. Der Großkaufmann reichte nun der Gemeinde, die Buddha zum Haupte hatte, das Schenkungswasser und seine Gattin legte in die Almosenschale des Vollendeten einen Kuchen. Der Meister nahm davon, was er für sich brauchte, und auch die fünfhundert Mönche nahmen davon. Der Großkaufmann aber ging umher, indem er Milch, zerlassene Butter, Honig und Zucker verteilte.—Darauf beendigte der Meister samt den fünfhundert Mönchen sein Mahl und der Großkaufmann aß auch mit seiner Gattin, soviel es ihnen beliebte. Die Kuchen aber nahmen kein Ende; und auch nachdem allen Bewohnern des Klosters und allen Verzehrern der Überbleibsel davon gegeben war, nahmen sie noch kein Ende. Da teilten sie dem Erhabenen mit: „Herr, der Kuchen wird nicht alle.“ „Werft ihn darum an den Torerker des Jetavana!“ Und sie warfen die Kuchen in eine Höhle unweit vom Torerker. Noch heute nennt man den Ort am Ende der Höhle den „Pfannkuchen“.

Darauf ging der Großkaufmann mit seiner Gattin zu dem Erhabenen hin und stellte sich ihm zur Seite. Der Erhabene verrichtete die Danksagung; am Ende der Danksagung aber gelangten die beiden zur Frucht der Bekehrung. Und sie grüßten den Meister; und indem sie am Torerker die Treppe hinaufstiegen, gelangten sie wieder in ihren Palast. Von da an gab der Großkaufmann sein Geld im Betrage von achthundert Millionen für die Buddhalehre aus.—

Als am folgenden Tage der völlig Erleuchtete nach Savatthi seinen Almosengang gemacht und nach dem Jetavana zurückgekehrt war, gab er den Mönchen die Heiligen-Ermahnung und zog sich in die Einsamkeit seines duftenden Gemaches zurück. Zur Abendzeit versammelten sich die Mönche in der Lehrhalle und setzten sich nieder, indem sie mit folgenden Worten von den Vorzügen des Thera sprachen: „Seht, Freunde, die Macht des großen Thera Mogallana! In einem Augenblick hat er den geizigen Großkaufmann gebändigt und zur Selbstverleugnung gebracht; dann ließ er ihn die Kuchen mitnehmen, brachte ihn nach dem Jetavana, führte ihn vor den Meister und ließ ihn dadurch zur Frucht der Bekehrung gelangen. Ja, von großer Macht ist der Thera!“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie erwiderten: „Zu der und der“, sprach Buddha: „Ihr Mönche, ein eine Familie bekehrender Mönch muss, ohne die Familie zu verletzen oder zu belästigen, gleich einer Biene, die von der Blume den Blutenstaub wegnimmt, zu ihr kommen und sie die Buddhatugenden erkennen lassen.“ Und nach diesen Worten sprach er zum Lobe des Thera folgende Strophe aus dem Dhammapadam:

„So wie die Biene einer Blume
voll Pracht und Duft das Süße wegnimmt
und sich entfernt, sie nicht verletzend,
so wandle du im Dorfe, Mönch.“

Um aber noch mehr den Vorzug des Thera zu verkünden, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, wurde der geizige Kaufmann von Mogallana bekehrt, sondern auch schon früher bekehrte ihn dieser und brachte ihn zur Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen der Tat und ihrem Lohn.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war zu Benares ein Großkaufmann namens Illisa, achthundert Millionen besitzend. Dieser besaß alle menschlichen Fehler. Er war lahm, krumm, schielend, ungläubig, unbekehrt und geizig. Er gab weder anderen, noch genoss er selbst etwas; sein Haus war wie ein von Dämonen in Besitz genommener Lotosteich. Seine Vorfahren waren seit sieben Generationen freigebige Almosenspender. Als er aber die Großkaufmannsstelle in Besitz genommen hatte, zerstörte er die Tradition seiner Familie; er ließ die Almosenhalle verbrennen, stieß die Bittenden mit Schlägen fort und häufte nur immer Geld an.

Als er eines Tages dem Könige seine Aufwartung gemacht hatte und nach Hause zurückkehrte, sah er, wie ein vom Wege müder Landmann sich mit einem Branntweinkrug auf eine Bank setzte, eine Schale mit saurem Branntwein füllte und diesen zu einem guten Stück von einem faulen Fische trank. Dabei bekam er Lust, Branntwein zu trinken; aber er dachte: „Wenn ich Branntwein trinken werde, so werden bei meinem Trinken viele Lust zum Trinken bekommen; dies würde eine Verminderung meines Geldes bewirken.“ Und er bezwang beständig seinen Durst. Als aber die Zeit verging, konnte er seinen Durst nicht mehr bezwingen und sein Leib wurde gelb wie beschädigte Baumwolle und an seinem Körper traten die Adern hervor.—Eines Tages ging er in sein Schlafgemach und legte sich nieder, sein Lager umfassend. Da kam seine Gattin zu ihm, rieb ihm den Rücken und fragte: „Was fehlt dir, Herr?“

( Alles ist hier auszuführen wie oben.)

Als sie aber gesagt hatte: „Darum will ich Branntwein machen, der für dich allein ausreicht“, erwiderte er: „Wenn im Hause Branntwein gemacht wird, bekommen viele Lust danach; und auch wenn er aus dem Wirtshause geholt wird, kann ich nicht hier bleiben und ihn trinken.“ Er gab ihr darauf einen Masaka und ließ aus dem Wirtshause einen Krug Branntwein holen; diesen gab er einem Sklaven zu tragen, ging aus der Stadt hinaus nach dem Flussufer zu und suchte ein Gebüsch in der Nähe der Heerstraße auf. Hier ließ er den Branntweinkrug hinstellen und ließ den Sklaven mit den Worten: „Gehe du!“ in der Ferne warten; dann füllte er seine Schale und begann, Branntwein zu trinken.

Sein Vater aber war, weil er Almosen gegeben und andere gute Werke verrichtet hatte, in der Götterwelt als der Gott Sakka wiedergeboren worden. In diesem Augenblick überlegte er: „Dauert mein Almosen noch fort oder nicht?“ Als er aber sah, dass es nicht fortdauere, sondern dass sein Sohn die Tradition der Familie zerstört, die Almosenhalle verbrannt, die Bittenden fortgetrieben und sich zum Geize hingewandt habe und wie er aus Furcht, anderen davon geben zu müssen, sich in das Gebüsch zurückgezogen habe und dort allein seinen Branntwein trinke, dachte er: „Ich will gehen; ich will ihn beeinflussen, bekehren, ihn den Zusammenhang zwischen der Tat und ihrem Lohn erkennen und Almosen geben lassen und so bewirken, dass er der Wiedergeburt in der Götterwelt würdig wird.“ Und er betrat den Bereich der Menschen und machte sein Äußeres dem Großkaufmann Illisa ganz gleich, lahm, krumm und schielend. Darauf ging er in die Stadt Rājagaha, stellte sich an das Tor des Königspalastes und ließ dem König seine Ankunft melden. Als er den Bescheid erhielt, er solle eintreten, ging er hinein, begrüßte den König und blieb stehen. Der König sprach: „Warum, o Großkaufmann, bist du außerhalb der gewöhnlichen Zeit gekommen?“ „Aus folgenden Gründen bin ich gekommen, Herr: In meinem Hause ist Geld im Betrage von achthundert Millionen; dies möge der König holen und seine Schatzhäuser damit füllen lassen.“ Der König erwiderte: „Es ist genug, Großkaufmann, in unserm Hause ist mehr Geld als das deinige beträgt.“ „Wenn, o Fürst, Ihr kein Bedürfnis danach habt, so nehme ich es und gebe nach Belieben Almosen.“ „Gib sie, Großkaufmann.“ Jener sprach: „Gut, o Fürst“; und er grüßte ihn, verließ den Palast und ging zum Hause des Großkaufmanns Illisa hin. Alle seine Diener umringten ihn, aber auch nicht einer war im Stande zu bemerken, dass es nicht Illisa war. Er betrat nun das Haus; und auf der Schwelle stehend ließ er den Torwächter rufen und sagte: „Wenn ein andrer, der gleiches Aussehen hat wie ich, kommt und hineingehen will, indem er sagt: ‚Dies Haus gehört mir‘, so schlage ihn auf den Rücken und jage ihn fort.“ Nach diesen Worten stieg er zum Söller hinauf, ließ sich auf einem wertvollen Sitze nieder, ließ die Gattin des Großkaufmanns rufen und sprach lächelnd: „Liebe, wir wollen Almosen geben.“ Als sie seine Worte vernahmen, sagten die Gattin des Großkaufmanns, seine Söhne und Töchter, die Sklaven und Diener: „Diese ganze Zeit hat er nicht daran gedacht, Almosen zu geben; heute aber, wo er Branntwein getrunken hat, wird er dadurch mild gestimmt worden sein und Gebelust bekommen haben.“ Und die Gattin des Großkaufmanns sagte zu ihm: „Herr, gebet nach Belieben.“ „Lasst also einen Trommelschläger herbeirufen und in der ganzen Stadt durch Trommelschlag bekannt machen, wer Gold, Silber, Edelsteine, Perlen u. dgl. brauche, solle zum Hause des Großkaufmanns Illisa kommen.“ Sie tat also. Viel Volks nahm Körbe, Säcke u. dgl. und versammelte sich an dem Tore des Hauses. Darauf ließ Sakka die mit den sieben Kleinodien gefüllten Kammern öffnen und sprach: „Ich schenke es euch; nehmt, so viel ihr wollt, und geht.“ Eine große Volksmenge holte die Schätze heraus, machte im Saale einen Haufen davon, füllte die mitgebrachten Gefäße damit und ging dann fort.

Ein Mann vom Lande aber hatte die Rinder des Großkaufmanns Illisa an dessen eigenen Wagen geschirrt und diesen mit den sieben Arten der Kleinodien angefüllt. So verließ er die Stadt und kam auf die Heerstraße. Als er nun nicht weit von jenem Gebüsch seinen Wagen vorwärts trieb, sagte er: „Hundert Jahre sollst du leben, Herr Großkaufmann Illisa. Durch dich habe ich jetzt so viel erhalten, dass ich, ohne zu arbeiten, zeitlebens davon leben kann. Von dir nur ist der Wagen, von dir die Rinder, aus deinem Hause die sieben Arten der Kleinodien; nicht von meiner Mutter oder meinem Vater sind sie mir geschenkt worden, sondern nur durch dich habe ich sie erhalten, Herr!“ So ging er vorwärts, die Tugenden des Großkaufmanns rühmend. Als dieser diese Worte hörte, dachte er, zitternd vor Furcht: „Dieser nennt meinen Namen und sagt dies und das; hat denn vielleicht der König meine Schätze der Welt geschenkt?“ Und er kam aus dem Gebüsche hervor; und da er seine Ochsen und seinen Wagen erkannte, sprach er: „He, Sklave, mein sind die Ochsen, mein ist der Wagen“, und ging hin und fasste die Ochsen an dem Nasenriemen. Der Hausvater stieg vom Wagen herab; und indem er rief: „He, du Spitzbubensklave, der Großkaufmann Illisa spendet der ganzen Stadt Almosen; was bist denn du?“, sprang er auf ihn los, schlug ihn auf die Schultern, wie wenn er einen Donnerkeil darauf fallen ließe, und fuhr mit dem Wagen fort. Der andre stand zitternd wieder auf, wischte den Schmutz ab, lief rasch nach und erfasste den Wagen. Da stieg der Hausvater herab, packte ihn bei den Haaren, beugte ihn hernieder und schlug ihn mit Stößen auf die Hirnschale; dann packte er ihn am Halse, warf ihn mit dem Gesicht auf den Weg, den er gekommen, und entfernte sich. Dadurch hörte bei Illisa der Branntweinrausch auf. Zitternd begab er sich rasch nach dem Tore seines Hauses; und als die Leute mit Schätzen daherkamen, rief er: „He, was ist denn das? Lässt der König meinen Schatz ausplündern?“ Und er ging zu dem und dem hin und hielt ihn fest; die Festgehaltenen aber schlugen ihn und warfen ihn zu ihren Füßen nieder. Rasend vor Schmerzen begann er, in sein Haus hineinzugehen; die Torwächter aber riefen: „He, du Spitzbubenhausvater, wo gehst du hin?“, und schlugen ihn mit Bambusrinde, packten ihn am Halse und stießen ihn fort.

Jetzt dachte Illisa: „Außer dem Könige habe ich jetzt keine Zuflucht mehr“; und er ging zum Könige hin und fragte: „Herr, lasst Ihr mein Haus ausplündern?“ Der König erwiderte: „Ich lasse es nicht ausplündern, Großkaufmann. Bist du nicht eben gekommen und hast gesagt: ‚Wenn Ihr sie nicht nehmt, so werde ich meine Schätze als Almosen spenden‘, und hast dann die Trommel herumgehen lassen und Almosen gegeben?“ Illisa antwortete: „Ich, Herr, bin nicht zu Euch gekommen. Wisst Ihr nicht, dass ich geizig bin? Ich gebe nicht einmal jemand einen Tropfen Öl mit der Spitze eines Halmes. Lasst den herbeirufen, der die Almosen spendet, und untersucht die Sache, Herr!“ Der König ließ Sakka rufen. Einen Unterschied zwischen den zwei Leuten erkannte aber der König nicht, noch seine Minister. Da sprach der geizige Großkaufmann: „Wie, Herr, ist dieser der Großkaufmann oder bin ich es?“ Der König antwortete: „Wir wissen es nicht; ist jemand da, der sie kennt?“ „Meine Gattin, Herr“, versetzte Illisa. Darauf ließ man seine Gattin herbeirufen und fragte: „Wer von beiden ist dein Gatte?“ Sie erwiderte: „Dieser“, und trat zu Sakka hin. Dann ließ man die Söhne und Töchter, die Sklaven und Diener rufen und fragte sie; alle aber traten zu Sakka hin. Wiederum dachte der Großkaufmann bei sich: „Auf meinem Haupte ist eine Beule, die durch die Haare verdeckt ist; diese kennt aber mein Barbier. Ich werde ihn rufen lassen.“ Und er sprach: „Mein Barbier kennt mich, Herr; diesen lasse rufen.“—Zu dieser Zeit aber war der Bodhisattva dessen Barbier. Der König ließ ihn rufen und fragte: „Kennst du den Großkaufmann Illisa?“ Er erwiderte: „Wenn ich seinen Kopf betrachte, werde ich ihn erkennen, Herr.“ „Betrachte also die Köpfe der beiden!“ In diesem Augenblicke schuf Sakka auf seinem Kopfe eine Beule. Als nun der Bodhisattva den Kopf der beiden betrachtete und die Beule gewahrte, sagte er: „O Großkönig, auf dem Kopfe von beiden ist eine Beule; ich kann nicht unterscheiden, wer von beiden Illisa ist.“ Und nach diesen Worten sprach er folgende Strophe:

„Lahm sind sie beide, beide krumm,
sie beide schielen mit dem Aug,
auch Beulen haben alle zwei.
Ich weiß nicht, wer Illisa ist.“

Als der Großkaufmann die Worte des Bodhisattva vernahm, erzitterte er; und da er aus Schmerz um sein Vermögen sein klares Bewusstsein nicht festhalten konnte, fiel er dortselbst nieder. In diesem Augenblicke sagte Sakka: „Ich, o Großkönig, bin nicht Illisa, ich bin Sakka“; und mit großer Anmut stand er in der Luft. Darauf wischte man dem Illisa das Antlitz ab und besprengte ihn mit Wasser. Dann sprach Sakka zu ihm: „Illisa, dies Geld gehört mir, nicht dir; ich bin dein Vater, du bist mein Sohn. Ich habe durch Almosen Geben und andere gute Werke die Sakkaschaft erlangt; du aber hast meine Tradition zerstört, hast keine Almosen gespendet, sondern dich dem Geiz zugewandt. Die Almosenhallen hast du verbrannt, die Bittenden zurückgestoßen und nur immer Geld angehäuft. Davon hast aber weder du Genuss, noch ein anderer; wie ein von Dämonen in Besitz genommener Lotosteich steht es unbenutzt da. Wenn du meine Almosenhallen wiederherstellst und Almosen spenden wirst, so ist dir dies zum Heil; wenn du aber keine Almosen spenden wirst, so werden wir deinen Reichtum zum Verschwinden bringen, mit diesem Blitze Indras dein Haupt spalten und dich ums Leben bringen.“ Von Todesfurcht erfüllt gab der Großkaufmann Illisa seine Einwilligung mit den Worten: „Von jetzt an werde ich Almosen geben.“ Nachdem Sakka seine Einwilligung erhalten hatte, erklärte er ihm in der Luft sitzend die Lehre und befestigte ihn in den Geboten; dann begab er sich wieder an seinen Ort. Illisa aber gelangte, nachdem er Almosen gegeben und andere gute Werke verrichtet hatte, ebenfalls in den Himmel.

Nachdem der Meister mit den Worten; „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, hat Mogallana den geizigen Großkaufmann bekehrt, sondern schon früher bekehrte er ihn“, diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Illisa der geizige Großkaufmann, der Götterkönig Sakka war Mogallana, der König war Ananda, der Barbier aber war ich.“

Ende der Erzählung von Illisa