Jātaka 89

Die Erzählung von dem Betrüger (Kuhaka-Jātaka)

„Wohl waren deine Worte glatt“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Betrüger.

Die Erzählung von dem Betrüger wird im Uddala-Jātaka bekannt gemacht werden.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wohnte bei einem Dorfe ein falscher Jatila, ein betrügerischer Asket. Ein Gutsbesitzer hatte in dessen Walde eine Laubhütte errichten lassen; dort ließ er ihn wohnen und versorgte ihn in seinem Hause mit ausgezeichneter Speise. Da er glaubte, der falsche Jatila sei tugendhaft, so brachte er aus Furcht vor Dieben hundert goldene Schmucksachen in dessen Laubhütte, legte sie auf den Boden und sprach: „Möchtest du auf dies Acht geben, Herr?“ Der Asket aber versetzte ihm: „Freund, bei solchen, die der Welt entsagt, ziemt es sich nicht, solches zu reden; bei uns nämlich gibt es keine Begierde nach dem Besitze anderer.“ Da jener seinen Worten glaubte, sagte er: „Gut, Herr“, und ging fort.—Der spitzbübische Asket aber dachte: „Davon könnte ich leben“; und nach Verlauf von wenigen Tagen nahm er das Gold und vergrub es an einer Stelle am Wege. Dann kehrte er zurück, blieb die Nacht in seiner Laubhütte, und als er am nächsten Tage in dem Hause jenes Mannes sein Mahl beendigt, sprach er: „Lieber, wir wohnen schon lange bei dir. Wenn man zulange an einem Orte wohnt, entsteht eine Vertrautheit mit den Menschen. Vertrautheit aber ist eine Sünde für die, welche die Welt verlassen haben; darum will ich gehen.“ Und obwohl er nach diesen Worten von jenem zurückgehalten wurde, konnte er nicht zur Umkehr bewogen werden. Darauf sprach jener: „Wenn es sich so verhält, Herr, so geht“; und er begleitete ihn bis zum Ende des Dorfes und kehrte dann um.

Als der Asket ein wenig gegangen war, dachte er:“Es kommt mir zu, diesen Gutsbesitzer zu betrügen“; und er steckte einen Grashalm in seine Haarflechten und machte sich auf den Rückweg. Der Gutsbesitzer fragte: „Herr, warum seid Ihr zurückgekehrt?“ Jener antwortete: „Freund, von dem Dache Eures Hauses ist in meinen Flechten ein Grashalm hängen geblieben. Eine nicht gegebene Gabe aber schickt sich nicht für solche, die die Welt verlassen haben; darum bin ich damit zurückgekehrt.“ Der Gutsbesitzer sprach: „Werfet ihn weg und gehet dann, Herr“; bei sich aber dachte er: „Er nimmt nicht einmal einen Grashalm, der anderen gehört; ach, wie empfindlich ist der Edle.“ Und befriedigt grüßte er ihn und ließ ihn gehen.

Damals aber war der Bodhisattva auf der Reise nach der Grenze, um Handel zu treiben, und hatte in diesem Hause Wohnung genommen. Als er die Worte des Asketen vernahm, dachte er: „Sicherlich wird von diesem spitzbübischen Asketen diesem Manne etwas weggetragen sein“; und er fragte den Gutsbesitzer: „Lieber, hast du etwas bei diesem Asketen niedergelegt?“ Jener erwiderte: „Jawohl, Lieber, hundert goldene Schmucksachen.“ „Gehe darum und siehe nach!“ Jener ging zur Laubhütte hin, und als er den Schatz nicht sah, kehrte er rasch zurück und sprach: „Er ist nicht mehr da, Lieber.“ Darauf versetzte der Bodhisattva: „Dein Gold ist von keinem anderen genommen worden als von diesem betrügerischen Asketen. Komm, wir wollen ihn verfolgen und es ihm abnehmen.“ Und sie eilten dem falschen Asketen nach, holten ihn ein, schlugen ihn mit Händen und Füssen, bis er das Gold herbeiholte, und nahmen es ihm ab. Als der Bodhisattva das Gold sah, sagte er: „Als er die hundert Schmucksachen wegnahm, war er nicht beunruhigt; bei einem Grashalm aber beunruhigte er sich“; und um ihn zu tadeln, sprach er folgende Strophe:

„Wohl waren deine Worte glatt
und immer freundlich sprachest du;
beim Grashalm hast du dich erregt,
doch nicht, als hundert Stück du stahlst.“

Nachdem ihn der Bodhisattva so getadelt hatte, ermahnte er ihn: „Tue nichts Solches mehr, du falscher Asket“, und gelangte hierauf an den Ort seiner Verdienste.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, war dieser Mönch ein Betrüger, sondern auch schon früher war er ein Betrüger“, diese Lehrunterweisung beendet hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der falsche Asket der betrügerische Mönch, der weise Mann aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Betrüger