Jātaka 95

Die Erzählung von Mahasudassana (Mahasudassana-Jātaka)

„Vergänglich, ach, sind die Gestaltungen“

Dies erzählte der Meister, da er auf dem Sterbebette lag, mit Beziehung auf das Wort des Thera Ananda: „Gehe nicht, Erhabener, in diesem kleinen Städtchen in das Nirvana ein.“ Buddha hatte vorher gesagt: „Während der Vollendete im Jetavana weilte, ging der Thera Sariputta zum völligen Nirvana ein zur Vollmondszeit des Monats Kattika zu Varaka, er, der im Dorfe Nala geboren war; der große Mogallana auch im Monat Kattika in der Monatshälfte, da der Mond abnahm. Nachdem so das hervorragendste Schülerpaar zum vollständigen Nirvana eingegangen, will auch ich zu Kusinara zum vollständigen Nirvana eingehen.“ Und indem er von Ort zu Ort weiter zog, kam er dorthin und legte sich zwischen einem Paar von Sala-Bäumen auf ein Bett, dessen Kopfende nach Norden gerichtet war, um nicht mehr vom Lager aufzustehen.

Da bat ihn der ehrwürdige Ananda: „Nicht möge, Herr, der Erhabene in diesem unbedeutenden Städtchen, diesem schwer zugänglichen, im Dickicht gelegenen Städtchen, diesem Vorstädtchen zum vollständigen Nirvana eingehen; in einer andern großen Stadt wie Rājagaha u. dgl. möge der Erhabene zum vollkommenen Nirvana eingehen.“ Der Meister erwiderte: „Sage nicht, Ananda, ‚dies unbedeutende im Dickicht gelegene Städtchen, dies Vorstädtchen.‘ Ich wohnte früher, zur Zeit als ich der Weltherrscher Sudassana war, in dieser Stadt; damals war es eine von einer zwölf Yojanas langen Edelsteinmauer umgebene große Stadt.“ Und auf die Bitten des Thera berichtete er die Begebenheit aus der Vergangenheit und erzählte das Sutta von dem großen Sudassana (D.17).

Als aber damals die Königin Subhadda den großen Sudassana (Mahasudassana) sah, wie er vom Lehrpalast herabgestiegen sich nicht weit von dem mit den sieben Arten der Kleinodien geschmückten Palmenwalde auf ein dafür hergerichtetes Bett mit der rechten Seite legte, um nicht wieder aufzustehen, sprach sie: „Da sind, o Fürst, deine vierundachtzigtausend Städte mit Kusāvati (der alte Name für Kusinara), ihrem Haupte; empfinde Wohlgefallen daran.“ Der große Sudassana aber antwortete: „Sprich nicht so, Fürstin, sondern ermahne mich, ich solle mein Wohlgefallen daran bezähmen und kein Verlangen danach empfinden.“

Und als sie fragte: „Aus welchem Grunde, Herr?“, sagte er: „Heute werde ich das Zeitliche segnen.“ Da klagte und jammerte die Königin, nachdem sie weinend und ihre Augen abwischend schwer und mit Mühe so gesprochen hatte; auch die übrigen vierundachtzigtausend Frauen weinten und klagten und auch von den Ministern usw. konnte es nicht einer ertragen, sondern alle weinten. Der Bodhisattva aber suchte alle davon zurückzuhalten, indem er sagte: „Es ist genug, sag ich, seid stille.“ Darauf sprach er zur Königin: „Weine nicht, Fürstin, und klage nicht. Es gibt kein zusammengesetztes Ding auch nur so groß als ein Samenkorn, das unvergänglich wäre; alles ist vergänglich und dem Vergehen unterworfen.“ Und nach diesen Worten sprach er, die Königin ermahnend, folgende Strophe:

„Vergänglich, ach, sind die Gestaltungen,
dem Werden und Vergehen ausgesetzt.
Wenn sie entstanden sind, vergehen sie;
dass sie zur Ruhe kommen, ist das Glück.“

Nachdem der große Sudassana so seine Unterweisung zum Gipfelpunkt des unsterblichen, großen Nirvana fortgeführt und auch die übrige große Menschenmenge ermahnt hatte, sie sollten Almosen geben, die Gebote beobachten und die Uposatha-Gebräuche halten, ging er in die Götterwelt ein.

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten; „Damals war die Königin Subhadda die Rāhula-Mutter, der Kronprinz, das Juwel des Staates, war Rāhula, die übrige Schar war die Buddhaschar, der große Sudassana aber war ich.“

Ende der Erzählung von Mahasudassana