Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 1

5.1.8. Krankheitsursachen

„Hatte wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete schon alles Böse in sich getilgt, als er die Allweisheit erlangte oder war noch ein Rest des Bösen in ihm?“

„Alles Böse, o König, war bereits in dem Erhabenen getilgt, als er die Allweisheit erlangte, und nichts mehr Böses war in ihm zurückgeblieben.“

„Wieso denn, o Herr? Sind denn nicht dem Vollendeten ehemals körperliche Schmerzgefühle aufgestiegen?“

„Gewiß, o König. Zum Beispiel wurde ihm einmal zu Rājagaha von einem Felssplitter der Fuß aufgerissen; ein anderes Mal hatte er Ruhr; und es war damals, als er Verstopfung hatte, daß ihm Jīvaka ein Abführmittel bereitete; und einmal, als er Blähungen hatte, besorgte ihm sein Aufwärter, ein Ordensälterer, heißes Wasser.“

„Falls der Vollendete bei Erlangung der Allweisheit bereits alles Böse in sich getilgt hatte, so muß eben die Behauptung, daß er noch krank wurde, falsch sein („denn ohne böse Taten gibt es keine Leiden“—ist offenbar die stillschweigende Annahme des Königs). Ist letztere Behauptung aber dennoch wahr, so muß jene Behauptung, daß der Vollendete bei seiner Erlangung der Allweisheit bereits alles Böse in sich getilgt hatte, eben falsch sein. Denn ohne böse Tat, o Herr, gibt es keine Schmerzen; alle Schmerzen wurzeln im Wirken; zufolge des Wirkens (kamma) entstehen die Schmerzen. Dies ist ebenfalls ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du nun zu lösen hast.“

„Nein, o König. Nicht alle Schmerzen wurzeln im (früheren) Wirken (kamma). Aus acht Gründen nämlich mögen Schmerzen entstehen, und zufolge dieser haben viele Menschen Schmerzen zu leiden. Und welche sind diese acht? Einige Krankheiten, o König, entstehen zufolge der körperlichen Gase, einige zufolge der Galle, einige zufolge des Schleimes, einige zufolge der Zusammenwirkung der drei letzteren, einige zufolge des Temperaturwechsels, einige zufolge ungeregelter Lebensweise, einige zufolge von Verletzungen, einige als Ergebnis (früheren) Wirkens. Aus diesen acht Gründen, o König, haben so viele Menschen Schmerzen zu erleiden. Diejenigen Leute, die da sagen möchten, es sei (nur das frühere) Wirken, das die Wesen bedrückt, diese verwerfen die anderen sieben Gründe, und deren Aussage ist falsch.“

„Doch auch die anderen sieben Gründe, ehrwürdiger Nāgasena, sie alle haben ihren Ursprung eben bloß im (früheren) Wirken; eben durch (früheres) Wirken kommen sie alle zum Entstehen.“

„Wenn, o König, alle Krankheiten bloß durch (früheres) Wirken verursacht wären, so hätten sie ja gar keine unterscheidenden Merkmale.

Die Erregung der körperlichen Gase nämlich mag aus folgenden zehn Gründen eintreten:

  • durch Kälte, Hitze, Hunger, Durst, Überessen, Stehen, Überanstrengung, Laufen, Verletzung oder als Ergebnis (früheren) Wirkens.

Von diesen treten die neun ersten Gründe weder im vergangenen noch im zukünftigen Dasein auf, sondern bloß in diesem gegenwärtigen Dasein. Deshalb darf man nicht sagen, daß sämtliche Schmerzen durch (früheres) Wirken verursacht sind.

Die Erregung der Galle mag eintreten aus drei Gründen:

  • infolge der Kälte
  • oder der Hitze
  • oder ungeeigneter Speise.

Die Erregung des Schleimes mag eintreten aus diesen drei Gründen infolge der Kälte oder infolge der Hitze oder infolge des Essens und Trinkens. Wenn die körperlichen Gase, die Galle und der Schleim erregt werden und zusammenwirken, so ziehen sie jedesmal das ihnen eigentümliche Schmerzgefühl nach sich.

Die übrigen Schmerzen entstehen

  • durch Temperaturwechsel und
  • ungeregelte Lebensweise.

Und die durch Verletzungen bedingten körperlichen Schmerzen entstehen entweder

  • durch bloße physische Vorgänge
  • oder aber als Ergebnisse früheren Wirkens.

Also bloß diese letzteren entstehen durch früher begangene Werke. Somit, o König, sind die durch früheres Wirken verursachten Schmerzen seltener, bei weitem häufiger aber alle übrigen. Es gehen eben darin die Toren zu weit, wenn sie behaupten, daß alles bloß das Ergebnis früheren Wirkens sei. Jenes frühere Wirken kann man doch, ohne das Wissen eines Erleuchteten zu besitzen, gar nicht feststellen.

Die Schmerzen des Erhabenen, o König, die damals entstanden, als sein Fuß durch einen Felsensplitter verletzt wurde, sind weder durch körperliche Gase hervorgerufen, noch durch Galle oder Schleim, auch nicht durch das Zusammenwirken dieser drei, noch durch Temperaturwechsel oder ungeregelte Lebensweise, noch auch sind sie eine Wirkung früherer Werke. Bloß infolge einer Verletzung sind sie entstanden. Devadatta nämlich hegte viele hunderttausende Geburten hindurch Haß gegen den Vollendeten. Und von jenem Hasse erfüllt, nahm er einen mächtigen, schweren Steinblock und ließ ihn (einen Berg) hinabrollen, damit er auf das Haupt des Vollendeten falle. Zwei andere Felsen jedoch die im Wege waren, fingen jenen Stein auf, bevor er den Vollendeten erreicht hatte. Und infolge dieses Zusammenpralles sprang ein Felsstück los und traf gerade auf den Fuß des Erhabenen, so daß derselbe zu bluten begann. Diese Schmerzen müssen also entweder ein Ergebnis früheren Wirkens (kamma-vipāka) sein oder aber die Folge eines bloßen physischen Vorganges, denn darüber hinaus gibt es keine weiteren Schmerzen. Gerade so nämlich, wie es bloß eine Folge des schlechten Bodens oder des schlechten Samens sein kann, wenn letzterer nicht aufgeht, oder gerade, wie es bloß eine Folge entweder des schlechten Wassers oder der verdorbenen Speise sein kann, wenn dieselbe nicht verdaut wird:—ebenso auch müssen diese Schmerzen des Erhabenen entweder ein Ergebnis früheren Wirkens sein oder aber die Folge eines bloßen physischen Vorganges. Trotzdem, o König, der Erhabene keine durch früheres Wirken verursachte Schmerzen mehr zu empfinden hatte oder solche, die eine Folge ungeregelter Lebensweise sind, so stiegen ihm immerhin noch aus den sechs übrigen Gründen Schmerzen auf. Solcherart Schmerzen aber hätten den Erhabenen nie das Leben kosten können. Es befallen eben, o König, diesen aus den vier Elementen entstandenen Körper erwünschte und unerwünschte Gefühle, angenehme und unangenehme. Wenn da zum Beispiel ein Klumpen Erde, den man in die Luft geworfen hat, die Erde trifft, ist das wohl das Ergebnis früheren (üblen) Wirkens der Erde?“

„Nein, o Herr. Es gibt für die Erde keine Ursache, daß sie das Ergebnis guten oder bösen Wirkens erfahren sollte. Es ist eben infolge eines gegenwärtigen, von früherem Wirken ganz unabhängigen Grundes, daß jener Klumpen die Erde trifft.“

„Wie die große Erde aber, o König, hat man den Vollendeten anzusehen. Und gleichwie jener Erdklumpen unabhängig von früherem Wirken die Erde trifft, ebenso auch, o König, hat unabhängig von früherem Wirken jener Stein den Fuß des Vollendeten getroffen. Oder wenn da, o König, die Menschen die Erde hacken und aufwühlen, ist das wohl ein Ergebnis früheren Wirkens (der Erde)?“

„Nein, o Herr.“

„Genau so aber auch, o König, verhält es sich mit dem Abspringen des Felssplitters. Auch die Ruhr, die den Erhabenen befiel, ist nicht zufolge früheren Wirkens entstanden, sondern eben nur durch das Zusammenwirken von körperlichen Gasen, Galle und Schleim. Und was auch immer für körperliche Leiden den Erhabenen befielen, so waren diese niemals ein Ergebnis früheren Wirkens, sondern entstanden lediglich aus den sechs erwähnten Gründen. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat in der herrlichen Gabe der Gruppierten Sammlung (Samyutta-Nikaya) in der Antwort auf Moliyasīvakas Frage gesagt:

‚Einige Schmerzen, Sīvaka, entstehen infolge der Galle, einige infolge des Schleimes, einige infolge der körperlichen Gase, einige infolge des Zusammenwirkens dieser drei, einige infolge des Temperaturwechsels, einige infolge ungeregelter Lebensweise, einige infolge von Verletzungen, einige infolge früherer Werke. Und man kann es selber erkennen, daß es so ist. Auch in der Welt ist es anerkannt, daß die Schmerzen auf solche Art entstehen. Wenn da nun Sīvaka, gewisse Asketen und Brahmanen behaupten und der Ansicht sind, daß die sämtlichen Gefühle, die ein Mensch empfindet—angenehme, unangenehme oder indifferente durch früheres Wirken bedingt seien (dies ist eine der Lehren der Jainas), so gehen eben diese über die Erfahrung hinaus, und über das in der Welt als wahr Anerkannte setzen sie sich hinweg. Darum, sage ich, sind jene im Unrecht.‘.

Somit also, o König, sind nicht alle Schmerzen das Ergebnis früheren Wirkens. Und erst nach Tilgung alles Unheilsamen, o König, hat der Erhabene die Allweisheit erlangt. Das merke dir.“

„Gut, ehrwürdiger Nāgasena. Das ist so, und so nehme ich es an.“