Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 1

5.1.9. Abgeschiedenheit

„Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß, was der Vollendete zu erreichen hatte, er dies alles bereits am Fuße des Bodhibaumes völlig erreicht hat, und daß er weder etwas weiteres zu erreichen, noch das Erreichte zu vervollständigen hatte. Andererseits aber wieder heißt es, daß der Vollendete drei Monate lang in der Abgeschiedenheit verweilte (an vielen Stellen des Kanons wird berichtet, daß der Erhabene von Zeit zu Zeit kürzer oder länger, bis auf drei Monate, in der Abgeschiedenheit verweilte). Wenn das erstere wahr ist, so ist die Behauptung, daß er drei Monate lang in der Abgeschiedenheit verweilte, falsch. Ist aber diese Behauptung richtig, dann muß die erstere Behauptung falsch sein. Denn einer, der seine Aufgabe erfüllt hat, braucht sich nicht mehr in die Abgeschiedenheit zurückziehen, sondern nur einer, der noch zu kämpfen hat. Es braucht doch nur ein Kranker Arznei, nicht aber etwa ein Gesunder; und nur der Hungrige braucht Essen, nicht der Gesättigte. Dieses ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle. So löse es denn!“

„Beide Aussagen, o König, sind richtig. Abgeschiedenheit aber, o König, hat mancherlei gute Eigenschaften. Alle Vollendeten haben in der Abgeschiedenheit die Allwissenheit errungen, und eingedenk der guten Eigenschaften der Abgeschiedenheit suchen sie dieselbe immer wieder auf. Sie gleichen darin einem Manne, der im Dienste des Königs zu hohem Rang und Reichtum gelangt ist, und der nun, eingedenk der guten Eigenschaften des Königs, immer wieder zu ihm geht und ihm aufwartet. Oder auch gleichwie ein siecher, elender, schwer kranker Mann einen Arzt aufsucht, Heilung erlangt und, eingedenk der guten Eigenschaften jenes Arztes, ihn auch nachher häufig besucht: so auch haben alle die Vollendeten in der Abgeschiedenheit die Allweisheit errungen, und eingedenk der guten Eigenschaften der Abgeschiedenheit suchen sie dieselbe immer wieder auf.

Achtundzwanzig gute Eigenschaften, o König, besitzt die Abgeschiedenheit. Und eingedenk dieser Eigenschaften, suchen die Vollendeten die Abgeschiedenheit auf. Welche aber sind diese?

  • Abgeschiedenheit, o König, beschützt den darin Verweilenden,
  • verlängert das Leben,
  • gibt Kraft,
  • hält das Verwerfliche ab,
  • beseitigt den üblen Ruf und
  • verschafft einem Ehre.
  • Sie verscheucht die Unlust und
  • weckt Eifer,
  • nimmt die Furcht und
  • weckt das Selbstvertrauen,
  • vertreibt die Trägheit und
  • weckt die Willenskraft,
  • läßt Gier, Haß und Verblendung schwinden,
  • macht den Dünkel zunichte,
  • hemmt die vielen Gedanken und
  • läßt den Geist sich sammeln,
  • macht ihn geschmeidig,
  • weckt die Heiterkeit,
  • macht ihn gesetzt, schafft Gewinn,
  • macht verehrungswürdig,
  • erzeugt Begeisterung,
  • verschafft Freude und
  • läßt einen die wahre Natur aller Gebilde erkennen,
  • führt zur Aufhebung der Wiedergeburt und
  • gewährt einem die vollen Früchte des Asketentums.

Diese achtundzwanzig guten Eigenschaften, o König, besitzt die Abgeschiedenheit. Und dieser Eigenschaften eingedenk suchen die Vollendeten die Abgeschiedenheit auf.

Auch wenn sie das stille, selige Glück der Vertiefungen zu genießen wünschen, pflegen sie die Abgeschiedenheit, mit einer darauf gerichteten Absicht. Auch noch aus folgenden vier Gründen suchen die Vollendeten die Abgeschiedenheit auf: weil sie ein Zustand des Wohlbefindens ist; wegen ihrer vielen untadelhaft-guten Eigenschaften; als ein Weg aller Heiligen; als von allen Buddhas gelobt, gepriesen und geschätzt. Auch aus diesen vier Gründen suchen sie die Abgeschiedenheit auf.

Somit, o König, suchen sie die Abgeschiedenheit nicht etwa deshalb auf, weil sie noch etwas zu erringen hätten oder das Errungene erweitern wollten, nein, weil sie die hervorragenden Eigenschaften der Abgeschiedenheit erkannt haben, nur deshalb suchen sie dieselbe immer wieder auf.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.“