Die Fragen des Königs Milinda

Teil 4

Kapitel 2

5.2.3. Die Furchtlosigkeit des Heiligen

„An einer Stelle, ehrwürdiger Nāgasena, sagte der Erhabene: ‚Alle fürchten sich vor Strafe, alle fürchten sich vor dem Tod.‘ Doch sagt er an anderer Stelle wieder: ‚Der Vollkommen-Heilige ist aller Furcht entgangen.‘ Somit zittert wohl doch noch der Vollkommen-Heilige aus Furcht vor Strafe? Und die in der Hölle brennenden, kochenden, gequälten Wesen sollten sich wirklich bei ihrem Abscheiden aus jenem flammenden Feuermeere noch vor dem Tode fürchten? Wenn der Erhabene sagt, daß sich alle vor Strafe und Tod fürchten, so muß die Behauptung, daß der Vollkommen-Heilige aller Furcht entgangen sei, falsch sein. Wenn der Erhabene aber sagt, daß der Vollkommen-Heilige aller Furcht entgangen ist, so muß eben die Behauptung, daß alle sich vor Strafe und Tod fürchten, falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun zu lösen hast.“

„Nicht hat, o König, der Erhabene mit Beziehung auf den Vollkommen-Heiligen diesen Ausspruch getan: ‚Alles fürchtet sich vor Strafe, alles fürchtet sich vorm Tod.‘ Der Vollkommen-Heilige ist wahrlich ausgenommen in dieser Sache, denn in dem Vollkommen-Heiligen ist jeder Grund zur Furcht zerstört. Nur mit Beziehung auf die mit Trübungen befleckten Wesen, in denen starke Selbstverblendung lebt, die von Freude und Leid hin und her gerissen werden, nur mit Beziehung auf diese hat der Erhabene diesen Ausspruch getan. Für einen Vollkommen-Heiligen, o König, ist aller Fortgang nach dem Tode abgeschnitten, jedes Aufkeimen gehemmt, die Wiedergeburt zunichte gemacht, das Gerüst zerbrochen, das ganze Daseinsgebäude von Grund aus eingestürzt, jedwedes Gebilde aufgelöst, Gutes wie Böses zerstört, die Verblendung zerteilt, das Bewußtsein keimfähig gemacht, jedweder Flecken der Leidenschaft ausgebrannt und alle weltlichen Bedingungen sind überwunden (Die acht weltlichen Bedingungen sind: Gewinn, Verlust, Ehre, Unehre, Lob, Tadel, Glück und Unglück). Darum kann der Vollkommen-Heilige nicht mehr aus irgend welcher Furcht erbeben.

Nimm an, o König, ein Fürst habe vier ergebene, geehrte vertraute Räte in hoher, einflussreicher Stellung. Und bei irgendeinem aufgetretenen Umstand erlasse er für alle Untertanen seines ganzen Reiches den Befehl: ‚Alle sollen mir Abgaben entrichten. Möget ihr daher, meine vier Räte, jene Angelegenheit in Ordnung bringen.‘—Würde sich wohl da, o König, aus Furcht vor der Steuer bei jenen vier Räten Angst einstellen?“

„Das nicht, o Herr.“

„Und warum nicht?“

„Jene bekleiden ja die höchsten Ämter, haben mit Steuer gar nichts zu schaffen, sind der Steuerpflicht enthoben. Nur für die übrigen hat der Fürst den Befehl erlassen.“

„Ebenso auch, o König, hat der Erhabene nicht etwa angesichts der Vollkommen-Heiligen diesen Ausspruch getan. Der Vollkommen-Heilige ist ausgenommen in dieser Sache, denn in dem Vollkommen-Heiligen ist jeder Grund zur Furcht zerstört. Nur mit Beziehung auf die mit Leidenschaften behafteten Wesen, in denen starke Selbstverblendung lebt, die von Freude und Leid hin und her gezerrt werden, nur mit Beziehung auf diese hat der Erhabene den Ausspruch getan: ‚Alles fürchtet sich vor Strafe, alles fürchtet sich vor dem Tod.‘ Somit kann der Vollkommen-Heilige nimmermehr in Furcht erbeben.“

„Dieser Ausdruck ‚alle‘, ehrwürdiger Nāgasena, läßt aber doch keine weitere Möglichkeit offen und ist ein allumfassender Begriff. Gib mir eine weitere Begründung, um diesen Begriff festzulegen!“

„Nimm an, o König, der Dorfherr in einem Dorfe befehle dem Ausrufer: ‚Geh, lieber Ausrufer, und versammle sofort alle Dorfbewohner um mich!‘ Und gehorsamst stelle sich jener mitten ins Dorf und rufe dreimal aus: ‚Mögen alle Einwohner des Dorfes sich schleunigst beim Herrn einfinden!‘ Und die Dorfbewohner eilen auf das Wort des Ausrufers in aller Hast herbei und sprechen zum Dorfherrn: ‚Alle Dorfbewohner sind versammelt, o Herr. Möge nun der Herr das Nötige tun.‘—Trotzdem also der Dorfherr bloß die Hausbesitzer um sich versammeln wollte, so lautete dennoch der Befehl für alle Dorfbewohner; und trotzdem der Befehl für alle lautete, so waren dennoch nicht alle eingetroffen, sondern bloß die Hausbesitzer. Und auch der Dorfherr nahm an, daß die Zahl seiner Dorfbewohner soviel betrage, obzwar die anderen, die nicht gekommen waren, bei weitem zahlreicher sind, darunter Männer, Weiber, Knechte, Mägde, Söldner, Arbeitsleute, Kranke, sowie Ochsen, Büffel, Schafe, Ziegen und Hunde. Alle die Nichteingetroffenen werden nämlich nicht mit gerechnet, weil der Befehl sich zu versammeln bloß mit Hinsicht auf die Hausbesitzer erlassen wurde. Eben auch, o König, hat der Erhabene diesen Ausspruch keineswegs mit Hinsicht auf die Vollkommen-Heiligen getan. Die Vollkommen-Heiligen sind in dieser Sache ausgenommen, denn in den Vollkommen-Heiligen ist jeder Grund zur Furcht zerstört. Bloß mit Beziehung auf die mit Leidenschaften behafteten Wesen, in denen die Selbstverblendung stark entwickelt ist, die von Freude und Leid hin und her gezerrt werden, nur mit Beziehung auf diese hat der Erhabene den Ausspruch getan: ‚Alles fürchtet sich vor Strafe, alles fürchtet sich vor dem Tod.‘ Somit kann der Vollkommen-Heilige nimmermehr in Furcht erbeben.

Es gibt eben, o König, begrenzte Begriffe, mit begrenztem Sinn; es gibt begrenzte Begriffe mit unbegrenztem Sinn; es gibt unbegrenzte Begriffe mit begrenztem Sinn; und es gibt unbegrenzte Begriffe mit unbegrenztem Sinn („Alles“ wäre also in unserem speziellen Falle ein unbegrenzter Begriff mit begrenztem Sinn). Und durch den einen oder den anderen dieser Begriffe hat man jedesmal die Sache festzustellen. Und dies mag auf fünffache Weise geschehen: gemäß des Zusammenhanges, gemäß des inneren Gehaltes, gemäß der Überlieferung der Meister, gemäß der eigenen Auffassung und gemäß der Gewichtigkeit des Grundes. Dabei hat man unter dem Zusammenhang die Worte der Lehrreden zu verstehen, unter dem inneren Gehalte die innere Übereinstimmung mit den Lehrreden, unter der Überlieferung der Meister die Lehre der Meister, unter der eigenen Auffassung die eigene Meinung, und unter der Gewichtigkeit des Grundes die Übereinstimmung eben dieser Dinge miteinander. Auf diese fünffache Weise läßt sich der Sinn feststellen. Somit ist denn dieses Problem völlig gelöst.“

„Mag sein, ehrwürdiger Nāgasena; ich will es zugeben. So möge also der Vollkommen-Heilige in dieser Sache ausgenommen sein, alle übrigen Wesen aber noch Furcht empfinden. Doch wie steht es mit den Wesen in der Hölle, die da scharfe, bittere Schmerzen zu erleiden haben, am ganzen Körper und allen Gliedern von den Flammen verzehrt werden, das Antlitz erfüllt von Klagen, Erbarmungsschreien, Jammer und Wehe, von unerträglich heftigen Schmerzen übermannt, ohne Zuflucht, Schutz und Hilfe, von gewaltigem Kummer gepeinigt, auf unterster, niederster Daseinsstufe stehend und dazu noch zu lauter Qualen verdammt, in glühenden, heftigen, wilden, grausamen Feuersgluten brennend, Furcht und grauenerregenden Lärm und mächtiges Getöse erzeugend und in die verschlungenen sechsfachen Flammenkränze eingehüllt. Sollten denn diese Wesen, wenn sie aus der nach allen Seiten hundert Meilen weit dringende Flammenwogen aussendenden, elenden, feurigen Erzhölle endlich einmal abscheiden, sich noch vor dem Abscheiden fürchten?“

„Ja, o König.“

„Ist denn, o Herr, die Hölle nicht ganz und gar bloß eine Leidenserfahrung? Wie sollten da diese Wesen sich vor dem Sterben fürchten? Wie? Dann gefällt ihnen wohl die Hölle?“

„Nein, o König. Befreit möchten sie von ihr sein. Aber die Macht des Todes ist es, o König, vor der sie sich fürchten.“

„Das kann ich nicht glauben, ehrwürdiger Nāgasena, daß sie, die doch nach Befreiung lechzen, sich vor dem Tode noch fürchten sollten. Daß sie das Ersehnte endlich erlangen, müßte ihnen doch ein Grund zur Freude sein. So lege mir denn die Sache klar!“

„Der Tod, o König, ist für einen, der die Wahrheit noch nicht durchschaut hat, ein Grund zur Furcht; vor ihm ist alle Welt in Angst und Aufregung. Wer zum Beispiel Furcht hat vor schwarzen Schlangen, Elefanten, Löwen, Tigern, Leoparden, Bären, Hyänen, Büffeln, Rindern, Feuer, Wasser, Stacheln, Dornen oder Pfeilen, der fürchtet sich eben bloß deshalb davor, weil er Furcht hat vor dem Tode. Das, o König, ist die Macht der wahren Natur des Todes, und ihr zufolge haben die mit Leidenschaften befleckten Wesen Furcht und Angst vor ihm. Und daher kommt es auch, daß selbst die Wesen in der Hölle, trotzdem sie nach Befreiung lechzen, dennoch vor dem Tode in Furcht und Angst geraten.

Nimm an, o König, es habe einer an seinem Körper eine Fettgeschwulst. Und von jener Krankheit belästigt, bestelle er einen Wundarzt, um dieses Übel loszuwerden. Und der Wundarzt willige ein und mache sein Instrument zurecht, um das Übel zu beseitigen, sei es, daß er eine Lanzette scharf macht oder Ätzstifte im Feuer ausglüht oder Kalisalz auf einem Reibsteine zerreibt. Möchte da jener Kranke sich nicht wohl fürchten vor dem Schneiden mit der scharfen Lanzette oder dem Ausbeizen mit den zwei Stiften oder der Anwendung von Kalisalz?“

„Gewiß, o Herr.“

„So also, o König, steigt in jenem Kranken, trotzdem er der Krankheit entrinnen möchte, dennoch aus Furcht vor den Schmerzen die Angst auf. In derselben Weise aber auch, o König, geraten die Wesen in der Hölle, trotzdem sie ihr entrinnen möchten, dennoch aus Furcht vor dem Tode in Angst. Oder nimm an, o König, einen Staatsverbrecher, der mit Ketten im Kerker daliege, möchte es danach verlangen, frei gelassen zu werden. Der König aber, mit der Absicht ihm seine Freiheit zu schenken, lasse ihn zu sich rufen. Möchte da jener Verbrecher, im Bewußtsein seiner begangenen Schuld, beim Anblick des Herrschers nicht etwa doch in Angst geraten?“

„Gewiß, o Herr.“

„Somit also gerät der Verbrecher, trotzdem er nach seiner Befreiung verlangt, dennoch vor dem Könige in Angst.“

„Gib mir noch ein weiteres Beispiel, o Herr, um mich zu überzeugen!“

„Gesetzt, o König, ein Mann sei von einer giftigen Schlange gebissen worden; und unter der Einwirkung des Giftes stürze er zu Boden, springe alsbald empor um sich von neuem wieder auf dem Boden hin und her zu wälzen. Ein anderer aber zwinge durch das Hersagen einer mächtigen Zauberformel jene giftige Schlange zurückzukommen und das Gift wieder aus der Wunde auszusaugen (Auch noch heutzutage soll dies vielfach vorkommen, wie mir in Sri Lanka versichert wurde). Möchte da nicht wohl der Gebissene vor jener Schlange, die doch bloß seines eigenen Wohlseins wegen herankommt, dennoch in Angst geraten?“ „Gewiß, o König.“

„Wie also jener Mensch, o König, vor einer Schlange, trotzdem sie bloß seines eigenen Wohlseins wegen kommt, in Angst geraten kann, ebenso auch sind die Wesen in der Hölle, trotzdem sie ihr entrinnen möchten, dennoch vor dem Tode in Furcht und Angst. Der Tod, o König, ist eben allen Wesen unerwünscht. Daher kommt es auch, daß selbst die Wesen in der Hölle, trotzdem sie nach ihrer Befreiung lechzen, sich dennoch vor dem Tode fürchten.“

„Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Es ist so. Das gebe ich zu.“