Cūḷavagga

Khuddakavatthukkhandhakaṃ

(Auszugsweise Übersetzung)

1. Khuddakavatthu

Kein singender Vortrag der Lehre

Damals rezitierte die Gruppe der Sechsermönche die Lehre in gedehntem Singsang. Die Leute nahmen daran Anstoß, regten sich auf, wurden ungehalten: „Wie wir singen, so singen auch diese Mönche, die Sakyersöhne, die Lehre in gedehntem Singsang.“ Die bescheidenen Mönche nahmen daran Anstoß... „Wie können die Sechsermönche die Lehre in gedehntem Singsang vortragen!“

Mönche meldeten das dem Erhabenen... Der Erhabene hielt einen Lehrvortrag und sprach: „Fünferlei Elend erfährt, wer die Lehre in gedehntem Singsang vorträgt:

  1. Der eigene Wohlklang reizt ihn, und
  2. auch andere reizt dieser Klang,
  3. häuslich lebende Anhänger nehmen Anstoß,
  4. das Streben nach genauer Stimmführung unterbricht die Herzenseinigung,
  5. Leute, die es ihnen nachmachen, verfallen in entsprechende Ansichten

Die Lehre ist daher nicht in gedehntem Singsang vorzutragen. Wer sie im Singsang vorträgt, begeht eine Verfehlung...“

Die Schüssel umkehren

Damals war der Licchavier Vaddho mit jenen Mönchen befreundet, die Anhänger von Mettiyo und Bhummajako waren. Der ging zu jenen Mönchen ...und sprach zu ihnen: „Meine Verehrung, ihr Herren.“ Die gaben keine Antwort. Ein zweites und ein drittes Mal grüßte der Licchavier Vaddho, und wieder antworteten sie nicht. Er fragte: „Habe ich die Herren verletzt, daß sie nicht antworten?“—„Das ist, weil du nicht Partei ergriffen hast, Freund, als wir von dem Maller Dabbo verletzt worden sind“—„Was kann ich da tun?“—„Wenn du willst, dann geh zum Erhabenen und sorge dafür, daß der Maller Dabbo noch heute verbannt wird.“—„Wie soll ich das anfangen? Wie kann ich das?“—„Geh zum Erhabenen und sage ihm: ‚Herr, das ist nicht recht, das gehört sich nicht, daß diese Gegend, die angstfrei, sicher, unbedrängt sein sollte, voller Schrecken, Unsicherheit und Bedrängnis ist. Wo die Luft ruhig war, da ist jetzt Sturm; es ist, wie wenn das Wasser kocht: Meine Frau ist von dem Maller Dabbo verführt worden!“—„Ist recht, ihr Herren“, sprach der Licchavier Vaddho zu den Mönchen, die Anhänger von Mettiyo und Bhummajako waren, ...ging zum Erhabenen, grüßte ihn und sprach, ...wie ihm die Mönche aufgetragen hatten.

Da ließ der Erhabene den Orden zusammenkommen und befragte den ehrwürdigen Dabbo, den Maller: „Dabbo, erinnerst du dich, getan zu haben, was dieser Vaddho sagt?“—„Der erhabene Herr kennt mich doch!“ Ein zweites und ein drittes Mal stellte der Erhabene seine Frage, und ein zweites und ein drittes Mal antwortete der ehrwürdige Dabbo: „Der erhabene Herr kennt mich doch!“—„Dabbo, Wesen wie ein Dabbo weichen nicht aus: Wenn du es getan hast, dann sag, daß du es getan hast; wenn du es nicht getan hast, dann sag, daß du es nicht getan hast.“—„Seit meiner Geburt habe ich nicht einmal im Traum mit geschlechtlichen Dingen zu tun gehabt, wie erst im Wachen!“

Da wandte sich der Erhabene an die Mönche: „Mönche, wegen dieses Vorfalls hat der Orden vor dem Licchavier Vaddho die Almosenschale umzudrehen und keine Almosenspeise mehr von ihm anzunehmen. Vor einem Anhänger, der acht Eigenschaften hat, ist die Almosenschale umzudrehen:

Wenn er darauf hinarbeitet,

  1. daß ein Mönch nichts bekommt,
  2. Nachteil erleidet,
  3. keine Unterkunft erhält,
  4. daß er einen Mönch verleumdet und beschimpft,
  5. daß er Mönche mit anderen Mönchen entzweit,
  6. wenn er vom Vollendeten oder
  7. von der Lehre oder
  8. vom Orden schlecht redet.

Ich erlaube euch, Mönche, vor einem Anhänger, der diese acht Eigenschaften hat, die Almosenschale umzudrehen. Und so ist sie umzudrehen: Der Orden soll durch einen erfahrenen, tüchtigen Mönch benachrichtigt werden: ‚Ihr Herren, hört mir zu: Der Licchavier Vaddho hat den ehrwürdigen Dabbo, den Maller, grundlos eines Tugendverstoßes beschuldigt; wenn der Orden einverstanden ist, dann soll der Orden vor dem Licchavier Vaddho die Almosenschale umdrehen und keine Almosenspeise mehr von ihm annehmen. Das ist mein Antrag... Wenn der Orden einverstanden ist, so möge er schweigen; wer dagegen ist, sage es.“—Der Orden schwieg...

Am anderen Morgen erhob sich der ehrwürdige Ānando in der Morgenfrühe, nahm Obergewand und Almosenschale, ging zu Vaddhos Wohnung und sprach: „Der Orden hat vor dir die Almosenschale umgedreht und nimmt keine Almosenspeise mehr von dir an, Freund Vaddho.“ Als der Licchavier Vaddho begriffen hatte: „Der Orden hat vor mir die Almosenschale umgedreht und nimmt keine Almosenspeise mehr von mir an,…“ fiel er in Ohnmacht. Seine Freunde, Vertrauten und Verwandten sprachen zu ihm: „Weine nicht, Vaddho, klage nicht. Wir wollen vom Erhabenen und dem Orden Verzeihung erbitten.“—Da begab sich der Licchavier Vaddho mit Frau und Kind, Freunden, Vertrauten und Verwandten zum Erhabenen mit nassen Haaren und nassen Gewändern, fiel dem Erhabenen zu Füßen und sprach: „Ein Vergehen hat mich überkommen wie einen Toren, wie einen Irren, wie einen Taugenichts, daß ich den ehrwürdigen Dabbo, den Maller, ohne jeden Grund eines Tugendverstoßes bezichtigt habe. Der Erhabene wolle meine Beichte dieser Verfehlung als Verfehlung annehmen und das Versprechen, mich künftig zu hüten.“—„Da hat dich allerdings ein Vergehen überkommen, Freund Vaddho, wie einen Toren, wie einen Irren, wie einen Taugenichts, daß du den ehrwürdigen Dabbo, den Maller, ohne jeden Grund eines Tugendverstoßes bezichtigt hast. Weil du aber diese Verfehlung als Verfehlung eingesehen hast und nach der Regel offengelegt hast, so nehmen wir das von dir an. Denn, Freund Vaddho, in der Heilswegweisung des Vollendeten gilt es als Fortschritt, eine Verfehlung als Verfehlung einzusehen, sie offenzulegen und sich künftig zu hüten.“

Dann sprach der Erhabene zu den Mönchen: „Nun, Mönche, laßt den Orden vor dem Licchavier Vaddho die Almosenschale wieder aufrichten und wieder Almosenspeise von ihm annehmen. Vor einem Anhänger, der acht Eigenschaften hat, kann die Almosenschale wieder aufgerichtet werden:

Wenn er nicht darauf hinarbeitet, daß ein Mönch nichts bekommt, Nachteil erleidet, keine Unterkunft erhält, wenn er keinen Mönch verleumdet und beschimpft, wenn er Mönche nicht mit anderen Mönchen entzweit, wenn er nicht vom Vollendeten oder von der Lehre oder vom Orden schlecht redet.

Ich erlaube euch, Mönche, die Almosenschale vor einem Anhänger, der diese acht Eigenschaften hat, wieder aufzurichten...“

Keine Übersetzung der Lehre in Sanskrit

Zu jener Zeit waren zwei Brüder Mönche, sie hießen Yamelu und Tekula, sie stammten aus einer Brahmanenfamilie und sie hatten eine ausgezeichnete Stimme mit feinem Ausdruck. Die begaben sich zum Erhabenen, grüßten den Erhabenen ehrerbietig, setzten sich seitwärts und sprachen: „Herr, heutzutage sind Mönche verschiedenen Namens aus verschiedenen Stämmen, von verschiedenem Stand, aus verschiedenen Familien aus dem Haus in den Orden gegangen. Die verderben mit ihren eigenen Dialekten die Sprache des Erwachten. Wohlan, Herr, laß uns die Aussagen des Erwachten in der metrischen Sprache (der Veden) wiedergeben.“ — Der Erwachte wies sie zurück: „Wie könnt ihr so etwas sagen, ihr unvernünftigen Männer. Das führt nicht zur Befriedung solcher, die noch keinen Frieden gefunden haben.“

Nachdem der Erhabene diese Vorhaltungen gemacht und eine Lehrrede gehalten hatte, sprach er: „Mönche, die Aussagen des Erwachten sollen nicht in der metrischen Sprache (der Veden) wiedergegeben werden; wer das tut; begeht eine Verfehlung.

Ich erlaube, daß die Aussagen des Erwachten in der jeweils eigenen Heimatsprache gelernt werden.“

Kein Studium von Materialismus und Weltwissenschaften

Zu jener Zeit befaßte sich die Gruppe der Sechsermönche mit der „Lokayata“-Lehre.

Die Leute nahmen daran Anstoß:... „wie Hausleute, die Sinnendinge genießen.“

Das wurde dem Erhabenen mitgeteilt.

—„Wie ist es, Mönche: Könnte denn mit der ‚Lokayata-Lehre‘ einer, der den Kern sieht, in Lehre und Ordensregeln zu Wachstum, Gedeihen und Fülle kommen?“

—„Keineswegs, Herr.“

—„Oder kann einer, der den Kern sieht, in dieser Lehre und Heilsführung noch die Lokayata-Lehre lernen?“

—„Keineswegs, Herr.“

—„Die Lokayata Lehre ist nicht zu lernen, Mönche; wer sie lernt, begeht eine Übertretung.“

Nun befaßte sich die Gruppe der Sechsermönche mit weltlichen Wissenschaften.

Die Leute nahmen daran Anstoß,...—„Weltwissenschaften sind nicht zu lernen; wer sie lernt, begeht einen Verstoß.“

„Gesundheit“ wünschen bein Niesen

Damals nieste der Erhabene, während er inmitten einer großen Mönchsgemeinde die Lehre darlegte. Die Mönche sagten: „Gesundheit, Herr, Gesundheit, Wohlfinder!“ Dadurch entstand lautes Stimmengewirr; dadurch wurde der Lehrvortrag unterbrochen.

Da wandte sich der Erhabene an die Mönche: „Mönche, wenn zu einem, der niest, ‚Gesundheit‘ gesagt wird: kann der dadurch leben oder sterben?“

—„Das nicht, Herr.“

—„Mönche, sagt zu einem, der niest, nicht ‚Gesundheit.‘ Wer Gesundheit sagt, begeht eine Übertretung.“

Damals sagten aber die Leute, wenn sie niesten: „Gesundheit.“ Die Mönche hatten Bedenken und sagten nichts. Die Leute beanstandeten das...: „Wie können diese Asketen, die Sakyersöhne, wenn sie niesen und man sagt: ‚Gesundheit, Herr‘ stumm bleiben!“

Das wurde dem Erhabenen berichtet.—„Hausleute legen Wert auf glückbringende Anzeichen.

Ich erlaube, Mönche, daß ihr Hausleuten, die ‚Gesundheit‘ zu euch sagen, antwortet: ‚Lebe lang!‘“

Latrinebau

Zur damaligen Zeit ließen in einem Kloster die Mönche ihr Wasser hier und dort und überall auf dem Klostergelände. Das Klostergelände wurde verschmutzt. Das meldeten sie dem Erha­benen. „Ich erlaube, Mönche, nur auf einer Seite (des Klosters) Wasser zu lassen.“ Das Kloster stank. Das meldeten sie dem Erhabenen. „Ich erlaube einen Kübel.“ Darauf Sitzen tat weh.... „Ich erlaube eine Rinne.“ Die Rinne war von außen einzuse­hen, manche Mönche schämten sich, sie zu benutzen... „Ich erlaube drei Arten von Einzäunungen: aus Ziegeln, aus Steinen, aus Holz.“ Der offene Kübel begann zu stinken... „Ich erlaube einen Deckel.“

In einem (anderen) Kloster schieden zur damaligen Zeit die Mönche ihren Kot hier und dort und überall auf dem Kloster­gelände aus. Das Klostergelände wurde verschmiert. Das melde­ten sie dem Erhabenen. „Ich erlaube, auf einer Seite eine Kot­grube auszuheben, Mönche.“ Das Kloster stank... „Ich erlaube einen Erdwall um die Grube, Mönche.“ Der Erdwall rutschte ein... „Ich erlaube zum Abstützen drei Arten von Stützen: aus Ziegelsteinen, aus Steinen, aus Holz.“ Die Umwallung war zu nahe am Boden; sie wurde überschwemmt... „Ich erlaube, sie höher aufzuschütten. „Die Aufschüttung fiel zusammen... „Ich erlaube als Umwallung drei Arten von Wällen: einen Ziegelstein-wall, einen Steinwall, einen Holzwall.“ Das Hinaufklettern war beschwerlich... „Ich erlaube drei Stufen aus Ziegelsteinen oder aus Stein oder aus Holz, Mönche. „Beim Treppensteigen stürz­ten manche... „Ich erlaube ein Geländer, Mönche. „Beim Sitzen auf der Kante fielen manche hinunter... „Ich erlaube, zum Kot­ausscheiden etwas (über die Grube) zu breiten mit einem Loch in der Mitte.“ Das Kotauscheiden im Kauern tat weh... „Ich erlaube einen Stuhl mit Lochauflage, Mönche.“ Der Abortsitz war offen und es stank... „Ich erlaube einen Abortdeckel“ Beim Kotausscheiden unter freiem Himmel wurden sie von Hitze und Kälte belästigt... „Ich erlaube ein Abort-Häuschen.“ Das hatte keine Tür... „Ich erlaube eine Tür, Mönche.“