Saṃyutta Nikaya 35

Salāyatana

132. Lohicco

Zu einer Zeit weilte der Ehrwürdige Mahākaccāno bei den Avantiern in Makkarakata in einer Waldhütte. Da kamen viele Schüler des Brahmanen Lohicco, junge Burschen, Holz sammelnd zur Waldhütte des Ehrwürdigen Mahākaccāno. Als sie sie erreicht hatten, streiften sie um die Hütte herum, schlenderten herum, machten lauten Lärm, machten großen Lärm und allerlei Possen und riefen: „Diese kahlköpfigen Asketen, dies Gesindel, diese Finsterlinge, einer dem anderen auf den Fersen, werden vom arbeitenden Volk geachtet, geehrt, verehrt, gefeiert und geschätzt.“

Als nun der Ehrwürdige Mahākaccāno aus der Hütte herausgekommen war, sagte er zu den jungen Burschen: „Macht keinen Lärm, ihr jungen Burschen, ich werde euch die Lehre zeigen.“ Auf diese Worte schwiegen die jungen Burschen. Da nun wandte sich der Ehrwürdige Mahākaccāna in Versen an die jungen Burschen:

„Von höchster Tugend war.‘ die alten Meister,
die als Brahmanen früh‘re Kunde wahrten,
die ihre Sinnestore hielten gut bewacht,
die überstanden hatten gänzlich Zorn.

An dem Gesetze und der Schauung waren sie erfreut,
die als Brahmanen h‘re Kunde wahrten.
Doch jetzt, im Niedergang, auf Rezitieren aus,
geburtberauscht gehn sie den falschen Weg.

Von Zorn verzehrt zum Stocke greifend
versagen sie bei Schwachen und bei Starken.
Wes Sinnestore ungezügelt, dessen Üben
ist sinnlos wie ein Schatz, den man im Traum erlangt.

Das Fasten, auf dem harten Boden liegen,
beim Morgenbad Dreiveden rezitierend,
das rauhe Fellkleid, Haargeflecht und Dreck,
die Mantras, die Gelübde, die Kasteiung,

Betrug und krumme Dinge und Gewalt,
das Wasser und die rituelle Waschung:
das ist’s was heute die Brahmanen ausmacht,
vollbracht für niederen Gewinn allein.

Doch wenn das Herz geeinigt ist,
ganz lauter und ganz ungetrübt,
verhärtet zu den Wesen nicht:
d a s ist der Weg zu Brahma hin.“

Da waren die Burschen zornig und verstimmt, begaben sich zum Brahmanen Lohicco und sprachen: „Der Ehrwürdige möge wissen, daß der Asket Mahākoccāno die Sprüche der Brahmanen ganz und gar verachtet und heruntermacht.“

Auf diese Nachricht war der Brahmane Lohicco zornig und verstimmt. Da aber fiel ihm ein: „Es wäre meiner nicht würdig, auf die bloße Behauptung junger Burschen hin den Asketen Mahākaccāno zu tadeln und zu beschuldigen. Ich will zu ihm gehen und ihn befragen.“

Da nun begab sich der Brahmane Lohicco mit den jungen Burschen zum Ehrwürdigen Mahākaccāno, wechselte mit ihm höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend, sprach nun der Ehrwürdige Lohicco zum Ehrwürdigen Mahākaccāno:

„Kamen wohl viele meiner Schüler, junge Burschen, Holz sammelnd, beim Ehrwürdigen Herrn Kaccāno vorbei?“—„Gewiß, Brahmane.“

„Fand dann wohl irgendein Gespräch zwischen Herrn Kaccāno und den jungen Burschen statt?“

„Ja, Brahmane, es hat ein Gespräch zwischen mir und den jungen Burschen stattgefunden.“

„Was war das denn für ein Gespräch zwischen Herrn Kaccāno und den jungen Burschen?“

Darauf berichtete der Ehrwürdige Mahākaccāno Wort für Wort das ganze Gespräch.

„‚Wes Sinne ungezügelt.‘ hat Herr Kaccāno gesagt. Inwiefern aber ist einer bei den Sinnen ungezügelt?“

„Hat da einer mit dem Auge eine Form gesehen, mit dem Ohr einen Ton gehört, mit der Nase einen Duft gerochen, mit der Zunge einen Saft geschmeckt, mit dem Körper einen Gegenstand getastet, mit dem Geiste ein Ding gedacht, dann steht es ihn zu Liebem, und Unliebes weist er von sich. Mangels Achtsamkeit verweilt er beschränkten Gemütes, und nicht erkennt er der Wirklichkeit gemäß jene Gemüterlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen, unheilsamen Eigenschaften sich restlos auflösen. So ist einer bei den Sinnen ungezügelt.“

„Erstaunlich fürwahr, Herr Kaccāno, außerordentlich fürwahr, Herr Kaccāno, wie von Herrn Kaccāno der Ungezügelte als ungezügelt erklärt worden ist. ‚Die Sinnestore bewacht, die Sinnestore bewacht.‘ hat Herr Kaccāno gesagt. Inwiefern aber ist einer an den Sinnestoren bewacht, Herr Kaccāno?“

„Hat da ein Mönch mit dem Auge eine Form gesehen, mit dem Ohr einen Ton gehört, mit der Nase einen Duft gerochen, mit der Zunge einen Saft geschmeckt, mit dem Körper einen Gegenstand getastet, mit dem Geiste ein Ding gedacht, dann zieht es ihn nicht zu Liebem, und Unliebes weist er nicht ab. Weil er die Achtsamkeit gegenwärtig hat, verweilt er unermeßlichen Gemütes. Und er erkennt der Wirklichkeit gemäß jene Gemüterlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen, unheilsamen Eigenschaften sich restlos auflösen. So ist einer bei den Sinnestoren bewacht.“

„Erstaunlich fürwahr, Herr Kaccāno, außerordentlich fürwahr, Herr Kaccāno, wie von Herrn Kaccāno der an den Sinnestoren Bewachte als an den Sinnestoren bewacht erklärt worden ist.

Vortrefflich, Herr Kaccāno, vortrefflich, Herr Kaccāno: Gleichwie etwa, Herr Kaccāno, als ob einer Umgestürztes aufstellte oder Verdecktes enthüllte oder Verirrten den Weg wiese oder in die Finsternis ein Licht hielte: ‚Wer Augen hat, wird die Dinge sehen.‘ ebenso nun auch hat Herr Kaccāna die Lehre auf mannigfaltige Weise dargelegt. Und da nehme ich beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: Als Anhänger möge mich Herr Kaccāno betrachten, von heute an zeitlebens getreu.

So wie Herr Kaccāno in Makkarakata die Familien der Anhänger aufsucht, so möge er auch die Familie Lohiccos aufsuchen. Dort werden ihn die jungen Burschen und jungen Mädchen willkommen heißen, einen Sitz bereitstellen und Wasser reichen. Und das wird ihnen lange zum Wohle und Heile gereichen.“