Sutta Nipāta 1.9

Hemavata (Hemavata-Sutta)

SATAGIRA, der Geist

Heut am Fest der Mondesmitte
Göttlich ist die Nacht erstanden!
Ihn, den Meister ohnegleichen,
Lasset sehn uns Gotama!

HEMAVATA, der Geist

Ist denn auch wohlgesinnt das Herz
Zu allen Lebewesen einem solchen?
Ist bei Erwünschtem, Unerwünschtem
Bemeistert wohl sein Denken ihm?

SATAGIRA

Sein Herz, ja, es ist wohlgesinnt
Zu allen Lebewesen einem solchen.
Und bei Erwünschtem, Unerwünschtem
Sein Denken ist bemeistert ihm.

HEMAVATA

Nimmt er auch nicht, was nicht gegeben?
Ist zu den Wesen er auch rücksichtsvoll?
Hält er von Lässigkeit sich fern?
Versäumt er auch die Schauung nicht?

SATAGIRA

Er nimmt nicht, was ihm nicht gegeben,
Und zu den Wesen ist er rücksichtsvoll.
Von Lässigkeit hält er sich fern,
Versäumt als ein Erwachter Schauung nicht.

HEMAVATA

Er spricht doch wohl kein Lügenwort?
Und ist von Barschheit seine Rede frei?
Wird er auch nicht Verleumdung sprechen?
Wird er auch müßig reden nicht?

SATAGIRA

Er spricht gewiß kein Lügenwort,
Und seine Rede ist von Barschheit frei.
Er wird auch nicht Verleumdung sprechen;
Als Weiser spricht er sinnvoll nur.

HEMAVATA

Ergötzt er sich auch nicht an Lüsten?
Bleibt wohl sein Geist ihm unerregt?
Ist er dem Wähnen wohl entgangen?
Hat er für alle Dinge klaren Blick?

SATAGIRA

An Lüsten ist er nicht ergötzt,
Und unerregt ist ihm der Geist.
Entgangen ist er allem Wahn,
Erwacht, hat klaren Blick er für die Dinge.

HEMAVATA

Ist hohes Wissen ihm zu eigen?
Sein Lebenswandel, ist er lauter wohl?
Sind seine Triebe ganz versiegt?
Gibt es für ihn kein Wiedersein?

SATAGIRA

Hohes Wissen ist ihm wohl zu eigen,
Und lauter ist sein Lebenswandel,
All seine Triebe sind versiegt,
Kein Wiedersein gibt es für ihn.

HEMAVATA

Vollendet wie sein Geist ist Tat und Wort des Muni!
Ihn, der vollkommen ist im Wissen und im Wandel,
mit Recht ja hast du ihn gelobt!

SATAGIRA

Vollendet wie sein Geist ist Tat und Wort des Muni!
Ihn, der vollkommen ist im Wissen und im Wandel,
mit Recht ja stimmst du freudig zu!

SATAGIRA und HEMAVATA

Vollendet wie sein Geist ist Tat und Wort des Muni!
Ihm, der vollkommen ist im Wissen und im Wandel,
laßt sehen uns Herrn Gotama!

HEMAVATA

Den Helden hager, mit gazellenschlanken Schenkeln,
karg sich ernährend, ungelüstig,
Den Muni, der im Walde sinnt,—komm, laßt uns sehen Gotama!

Der einsam wandert wie der Löwe,
der Hehre, der nach Lüsten nicht mehr trachtet,—
Zu ihm gekommen, wollen wir erfragen,
wie man des Todes Schlinge löst!

SATAGIRA UND HEMAVATA

Ihn, der da Künder ist und Deuter, ein Meisterkenner aller Dinge,
Erwachter, lauteren Gewissens,—wir möchten fragen Gotama

HEMAVATA

Wo ist entstanden diese Welt?
Was schafft Vertraulichkeit mit ihr?
Woran gehangen ist die Welt,
Und wodurch ist gepeinigt sie?

DER ERHABENE

In sechsen ist entstanden diese Welt.
Durch sechs schafft man Vertraulichkeit.
An sechsen eben angehangen,
Durch sechs gepeinigt ist die Welt.

HEMAVATA

Was ist dies für ein Hangen denn, wobei die Welt gepeinigt ist?
Befragt nach einem Ausweg, sage uns:
Wie wird vom Leiden man befreit?

DER ERHABENE

Fünf Sinnendinge in der Welt,
der Geist als sechstes sind verkündet worden.
Wenn hiervon man den Willen löst,
dann wird vom Leiden man befreit.

Solch' Ausweg aus der Welt hab', wie er wirklich ist, euch gewiesen.
Vom Leiden macht man so sich frei,
und dies ist's was ich euch verkünde.

HEMAVATA

Wer ist es, der die Flut hier kreuzt? Wer kreuzt hier diesen Ozean?
Wer sinkt nicht unter in der Tiefe, die oben ohne Halt?

DER ERHABENE

Wer stets in Tugend fest, wer weise und gesammelt ist,
Verinnerlicht und achtsam lebt, der kreuzt die Flut,
Die wahrlich schwer ist zu durchkreuzen.

Wer abgewandt von Sinnlichkeits-Gedanken,
entgangen allen Fesseln ist,
Wer abgetan hat weltliches Ergötzen,
der sinkt nicht unter in der Tiefe.

HEMAVATA

Dem Weisheitstiefen, der verborgenen Sinn erschaut,
Entledigt, nicht am Sinnen-Dasein hängend,
Erblicket ihn, der gänzlich ist befreit,
Den großen Seher, der auf Götter-Pfaden schreitet!

Ihn, ohnegleichen, der verborgenen Sinn erschaut,
Geber der Weisheit, nicht am Sinnen-Reize hängend,
Erblicket ihn, der alles kennt, den Weisen,
Den großen Seher, der auf Heiligem Pfade schreitet!

Herrlicher Anblick wahrlich ward uns heut zuteil!
Ein Morgen köstlich stieg herauf,—
Daß wir den Voll-Erwachten schauten,
den trieberlösten Fluten-Überwinder!

Sieh diese tausend Geister hier, so machtgewaltig, reich an Ruhm!
Dich nehmen sie als ihre Zuflucht! Der höchste Meister bist du uns!

Von Dorf zu Dorfe wollen wir nun wandern,
vom einen Berg zum andern hin,
Verehrung bringen dem Erwachten
und dem vorzüglichsten Gesetz, der Lehre!