Sutta Nipāta 4.13

Die große Entgegnung (Mahā-Viyūha-Sutta)

DER FRAGENDE

Die Menschen, welche eingewöhnt in Ansicht,
Behauptend: ‚Dieses nur ist Wahrheit‘,
Ziehen bloßen Tadel sich all diese zu?
Ist es nicht Lob auch, das sie dabei ernten?

DER ERHABENE

Wertlos ist dieses! Nicht dient es dem Frieden.
Stets zweifach, künd' ich, sind des Streites Früchte.
Dieses erkennend, möge man nicht streiten,
Die Ruhe schauend, jene Stätte ohne Streit.

Was da an Meinung von der Menge ausgeht,
Nicht nähert sich all dem, wer wissend.
Wer nimmer nahe geht, woran auch sollte er sich nähern,
Der an Gesehenem und Gehörtem kein Genüge findet?

Die da im Regeltum das Höchste sehen,
Sie sagen, daß durch Zügelung ‚Reinheit‘ komme.
Gelübden, die sie aufgenommen, dienen sie:
‚Dies laßt uns üben, daß uns Reinheit werde!‘
Daseinssverdungen nennen sie sich ‚Kenner‘.

Wenn einer abfällt von den Regeln und Gelübden,
In Angst gerät er, wenn sein Werk mißlungen.
Er sehnt sich, schmachtet nach der ‚Reinheit‘,
Dem Pilger gleich, verlassen von der Karawane.

Von Regeln und Gelübden gänzlich lassend,
Und auch vom Wirken, schlechtem oder gutem.
Nach ‚rein‘ und ‚unrein‘ kein Verlangen tragend,
Entziehe man sich dem und suche nicht darin den Frieden.

Sich stützend auf Kasteiung oder eklen Brauch,
Auch auf Gesehenes, Gehörtes, anderswie Erfahrenes,
Den Weg verfehlend, jammern sie um ‚Reinheit‘,
Die unbefreit vom Durst nach immer neuem Dasein.

Dem, der verlangt, kommt immer neu Begehren;
Besorgnis stellt sich ein bei Wunschgedanken.
Für den es aber Sterben und Entstehen nicht gibt,
Worum sollt' er sich sorgen und wonach begehren?

DER FRAGENDE

Die Lehre, die die einen für die höchste halten,
Die eben halten andere für geringer,
Welch' Rede wohl ist Wahrheit unter diesen?
Denn alle die bezeichnen sich als ‚Kenner‘!

DER ERHABENE

Die eigene Lehre nennen sie vollendet,
Des anderen Lehre aber sei geringer.
Derart befangen kommen sie ins Streiten,
Und jeder nennt die eigene Meinung ‚Wahrheit‘.

Wenn durch den Tadel anderer sie geringer würde,
Dann gäb' es keine Lehre, die vorzüglich wäre.
Denn jede andere Lehre hält die Menge für gering,
Doch von der eig'nen redet sie mit Nachdruck.

So eben ist ihr Kult der eigenen Lehre!
Gemäß dem Lob, das sie den eigenen Wegen zollen,
All' diese Lehren müßten Wahrheit sein,
Denn jede für sich selbst beansprucht ‚Reinheit‘.

Lenkung durch andere kennt kein wahrer Priester
Und auch kein Dogma, unter Lehren ausgesucht.
Daher hat Meinungsstreit er gänzlich überwunden,
Denn keine andere Lehre hält er für die beste.

‚Ich sehe es und weiß: So eben ist es!‘
In falscher Ansicht sehen einige ‚Reinheit‘.
Wenn so er sieht, was nützt es einem solchen?
Den Weg verfehlend, halten anderes sie für ‚Reinheit‘.

Ein Mensch, der sehend, sieht wohl Geist und Körper,
Doch durch sein Sehen wird er nichts als diese kennen.
Mag nach Belieben viel er sehen oder wenig,
Nicht dadurch wird ihm ‚Reinheit‘, sagen Kenner.

Ein Dogmenkünder, wahrlich, ist nicht leicht belehrbar;
Erdachte Ansicht ist es, der er nachfolgt.
Woran er hängt, das, sagt er, sei das Gute,
Das ‚Reine‘ kündend, wie er's eben ansieht.

Der Heilige fügt sich nicht ein ins Maß
Von etwas, das begreifbar ist, benennbar.
Nicht mehr ergeht er sich in Theorien
Und hat sich auch dem Wissen nicht verschrieben.
Erkennend all die Meinungen der Menge,
Bleibt er betrachtend, wo die anderen greifen.

Der Muni, der die Bande dieser Welt gelöst,
Wenn Streitgespräch entstanden, nimmt er nicht Partei.
Inmitten Friedloser befriedet, bleibt er ein Betrachter.
Er greift nicht mehr, wo noch die anderen greifen.

Alte Triebe lassend, neue nicht erzeugend,
Folgt nicht der Willkür er und ist kein Dogmenkünder.
Von Theorien ganz befreit, ein Weiser,
Von Selbst-Vorwürfen frei, lebt unbefleckt er in der Welt.

Von all den Dingen keinem sich verbindend,
Was auch gesehen ward, gehört und anderswie erfahren.
Der Muni, der die Bürde abwarf, ganz entbunden,
Der unbegreifbar: er entsagt nicht und ersehnt nicht.