Udāna 5.3

Der Ordensältere Sona

Der Aussätzige

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Rājagaha im Bambus-Haine beim Kalandakanivāpa. Damals aber war in Rājagaha ein Aussätziger mit Namen Suppabuddha, ein armer, elender, unglücklicher Mensch. Der Erhabene aber saß zu der Zeit, von einer großen Versammlung umgeben, und trug die Lehre vor. Es sah nun der Aussätzige Suppabuddha von fern jene große Menschenmenge, die sich da versammelt hatte, und bei ihrem Anblick kam ihm folgender Gedanke: „Hier wird sicher etwas feste oder weiche Speise verteilt. Wie wäre es, wenn ich mich zu jener großen Menschenmenge hinbegeben würde, vielleicht könnte ich in der Tat hier etwas feste oder weiche Speise bekommen.“ Und der Aussätzige Suppabuddha begab sich zu jener großen Menschenmenge. Es sah nun der Aussätzige Suppabuddha den Erhabenen von einer großen Versammlung umgeben (dort) sitzen und die Lehre vortragen, und als er das sah, dachte er bei sich: „Hier wird freilich keine feste oder weiche Speise verteilt; der Asket Gotama trägt in einer Versammlung die Lehre vor; wie wäre es, wenn auch ich die Lehre hören würde?“ Und mit dem Entschluß: „Auch ich will die Lehre hören“ setzte er sich dort an einem Ende nieder.

Und der Erhabene durchdrang nun von Geist zu Geist die ganze Versammlung und vergegenwärtigte sich, wer hier wohl fähig wäre, die Lehre zu verstehen. Es sah nun der Erhabene den Aussätzigen Suppabuddha in jener Versammlung sitzen, und als er ihn erblickte, wurde es ihm klar: „Dieser hier ist fähig, die Lehre zu verstehen.“ Und der Erhabene legte im Hinblick auf den Aussätzigen Suppabuddha der Reihe nach folgende Gegenstände dar: Er erklärte das Geben, die sittliche Zucht, die Himmel, das Elend, die Eitel­keit und Unreinheit der Sinnengenüsse und den Segen, den das Aufgeben der Sinnengenüsse in sich birgt.

Als der Erhabene erkannte, daß der Aussätzige Suppabuddha in seinem Geiste vorbereitet, empfänglich, frei von Hemmungen, freudig gestimmt und voll heiterer Ruhe war, da verkündigte er die Lehre, wie sie in ihrer Reinheit von den Buddhas entdeckt worden ist: Das Leiden, seine Entstehung, seine Aufhebung und den Weg. Wie da ein reines, fleckenloses Gewand ganz und gar die Farbe in sich aufnimmt, so auch ging dem Aussätzigen Suppabuddha an eben der Stätte, wo er saß, das leidenschaftslose, makellose Auge der Wahrheit auf: „Was immer dem Entstehen unterworfen ist, das alles ist der Aufhebung unterworfen.“

Und der Aussätzige Suppabuddha schaute die Lehre, erreichte die Lehre, erkannte die Lehre, durchdrang die Lehre, überwand den Zweifel, wurde frei, von aller Ungewißheit, bekam Zuversicht und wurde in der Lehre des Meisters unabhängig von anderen. Er erhob sich von seinem Sitz, begab sich zum Erhabenen, begrüßte den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der Aussätzige Suppabuddha zum Erhabenen also: „Wahrhaft erhaben Herr, ganz vortrefflich! Gleichwie da, Herr, jemand das Umgestürzte aufrichtet oder das Bedeckte enthüllt, oder wie jemand einem Verirrten den Weg weist oder in der Finsternis eine Leuchte hält, auf daß, die Augen haben, die Dinge sehen können,—so auch ist mir vom Erhabenen die Lehre auf mancherlei Weise klar gemacht worden. Ich nehme, Herr, meine Zuflucht zum Erhabenen, zur Lehre und zur Brüderschaft der Mönche. Möge der Erhabene mich, der ich Zuflucht genommen habe, als Laienanhänger annehmen vom heutigen Tage an bis zum Ende meines Lebens.“

Und von dem Erhabenen durch das Gespräch über die Lehre belehrt, ermahnt, ermuntert und erfreut, gab der Aussätzige Suppabuddha seinem Beifall und seiner Freude über die Worte des Erhabenen Ausdruck, erhob sich von seinem Sitz, grüßte den Erhabenen ehrfurchtsvoll, umwandelte ihn rechter Hand und ging fort.

(Nicht lange aber nachdem er fortgegangen war), fiel eine Kuh, die ein junges Kalb hatte, den Aussätzigen Suppabuddha an und beraubte ihn des Lebens. Da begaben sich viele Mönche hin zum Erhabenen, begrüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzten sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun diese Mönche zum Erhabenen also: „Herr, jener Aussätzige mit Namen Suppabuddha, der von dem Erhabenen durch ein Gespräch über die Lehre belehrt, ermahnt, ermuntert und erfreut wurde, ist gestorben. Welches ist sein Weg, welches sein künftiger Zustand?“ „Ihr Mönche, als ein Wissender wandelte der Aussätzige Suppabuddha den Vorschriften der Lehre gemäß, und er behelligte mich nicht in Sachen der Lehre. Infolge der Vernichtung der drei Fesseln, ihr Mönche, ist der Aussätzige Suppabuddha als ein in den Strom Eingetretener dem Verderben nicht mehr unterworfen und der künftigen erlösenden Erkenntnis gewiß.“

Nach diesen Worten sprach ein Mönch zum Erhabenen: „Herr, was ist die Ursache, was der Grund, daß Suppabuddha ein Aussätziger, ein armer, elender, unglücklicher Mensch gewesen ist?“

;‚Früher einmal, ihr Mönche, war der Aussätzige Suppabuddha in eben diesem Rājagaha der Sohn eines Gildemeisters. Als er (einst) in seinem Parkgrunde lustwandelte, erblickte er den Paccéka-Buddha Tagarasikhin, der wegen Almosenspeise in die Stadt kam, und als er ihn sah, dachte er bei sich: ‚Was für ein Aussätziger treibt sich denn (mit seiner Aussätzigen-Robe) hier herum?‘ Und er spie ihn an, bezeugte ihm seine Verachtung und ging fort. Als Reife dieser Tat wurde er viele Jahre, viele hundert Jahre, viele tausend Jahre, viele hunderttausend Jahre in der Hölle gepeinigt. Und als noch übrigbleibende Reife der nämlichen Tat war er in eben diesem Rājagaha (ein Aussätziger,) ein armer, elender, unglücklicher Mensch. Und kraft der vom Vollendeten kundgetanen Lehre und Disziplin hat er sich den Glauben, die sittliche Zucht, das gehörte (Wort), die Entsagung und Weisheit zu eigen gemacht. Und weil er kraft der vom Vollendeten kundgetanen Lehre und Disziplin sich den Glauben, die sittliche Zucht, das gehörte (Wort), die Entsagung und Weisheit zu eigen gemacht hat, ist er bei der Auflösung des Körpers, jenseits des Todes, auf den guten Weg, in himmlische Welt gelangt, in die Gemeinschaft der Götter aus dem Gefolge der Dreiunddreißig. Und dort überstrahlt er die anderen Götter an Schönheit und an Ruhm.“

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

„Der Sehende kämpfe vorhandene Ungerechtigkeiten nieder, der Wissende vermeide in der Welt des Lebens das Böse ganz und gar.“