Udāna 8.6

Pātaligāma

Pātaligāma

So habe ich gehört: Einst wanderte der Erhabene im Lande der Magadher und gelangte mit einer großen Mönchsgemeinde nach Pātaligāma. Es hörten nun die Laienanhänger von Pātaligāma: ‚Wie man erzählt, ist der Erhabene auf seiner Wanderung im Lande der Magadher mit einer großen Mönchsgemeinde in Pātaligāma angekommen.‘

Und die Laienanhänger von Pātaligāma begaben sich hin zum Erhabenen; begrüßten den .Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzten sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun die Laienanhänger von Pātaligāma zum Erhabenen also: „Herr, der Erhabene möge uns (den Aufenthalt im) Rasthaus zugestehen.“ Der Erhabene gab stillschweigend seine Zustimmung. Als nun die Laienanhänger die Zustimmung des Erhabenen bemerkt hatten, erhoben sie sich von ihren Sitzen, grüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll, umwandelten ihn rechter Hand und begaben sich nach dem Rasthause. Dort angekommen setzten sie das Rasthaus völlig instand, richteten Sitze her, stellten ein Gefäß mit Wasser auf und brachten eine Öllampe an. Dann begaben sie sich zum Erhabenen, begrüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll und traten zur Seite. Zur Seite stehend sprachen nun die Laienanhänger von Pātaligāma zum Erhabenen: „Herr, das Rasthaus ist völlig instand gesetzt; es sind Sitze hergerichtet, ein Gefäß mit Wasser ist aufgestellt und eine Öllampe angebracht worden. Möge nun, Herr, der Erhabene verfahren, wie er es für gut befindet.“

Und der Erhabene kleidete sich (zur Zeit des Vormittags) an und begab sich, mit Napf und Gewand versehen, mitsamt der Mönchsgemeinde nach dem Rasthause. Als er dort angelangt war, wusch er sich die Füße, betrat das Rasthaus und setzte sich am mittleren Pfeiler nieder, das Antlitz gen Osten gerichtet. Auch die (Mitglieder der) Mönchsgemeinde wuschen ihre Füße, betraten das Rasthaus und setzten sich an der westlichen Wand nieder, das Antlitz gen Osten gerichtet, und hatten so den Erhabenen vor sich. Die Laienanhänger von Pātaligāma wuschen ebenfalls ihre Füße, betraten das Rasthaus und setzten sich an der östlichen Wand nieder, das Antlitz gen Westen gerichtet, und saßen so dem Erhabenen gegenüber.

Und der Erhabene richtete nun das Wort an die Laienanhänger von Pātaligāma: „Folgende fünf üble Folgen, ihr Haushalter, erwachsen einem sittenlosen (Menschen) aus der Vernachlässigung der sittlichen Zucht. Welche fünf? Da erleidet, ihr Haushalter, ein sittenloser, die sittliche Zucht vernachlässigender (Mensch) durch seine Leichtfertigkeit einen großen Vermögensverlust. Dies ist die erste üble Folge, die einem sittenlosen (Menschen) aus der Vernachlässigung der sittlichen Zucht erwächst. Und ferner, ihr Haushalter: Über einen sittenlosen, die sittliche Zucht vernachlässigenden (Menschen) verbreitet sich ein übler Leumund. Dies ist die zweite üble Folge, die einem sittenlosen (Menschen) aus der Vernachlässigung der sittlichen Zucht erwächst. Und ferner, ihr Haushalter: Wenn sich ein sittenloser, die sittliche Zucht vernachlässigender (Mensch), in eine Versammlung begibt, sei es in eine Versammlung von Adligen oder in eine Versammlung von Brahmanen oder in eine Versammlung von Haushaltern oder in eine Versammlung von Asketen, so betritt er sie ängstlich und verwirrt. Dies ist die dritte üble Folge, die einem sittenlosen (Menschen) aus der Vernachlässigung der sittlichen Zucht erwächst. Und ferner, ihr Haushalter: Ein sittenloser, die sittliche Zucht vernachlässigender (Mensch) stirbt in Verblendung versunken. Dies ist die vierte üble Folge, die einem sittenlosen (Menschen) aus der Vernachlässigung der sittlichen Zucht erwächst. Und endlich, ihr Haushalter: Ein sittenloser, die sittliche Zucht vernachlässigender (Mensch) gelangt bei der Auflösung des Körpers, jenseits des Todes, in den Abgrund, auf den schlimmen Weg, ins Verderben, in die Hölle. Dies ist die fünfte üble Folge, die einem sittenlosen (Menschen) aus der Vernachlässigung der sittlichen Zucht erwächst. Dies nun, ihr Haushalter, sind die fünf üblen Folgen, die einem sittenlosen (Menschen) aus der Vernachlässigung der sittlichen Zucht erwachsen.

„Folgende fünf segensreiche Folgen, ihr Haushalter, erwachsen einem sittlichen (Menschen) aus der Pflege der sittlichen Zucht. Welche fünf? Da erfährt, ihr Haushalter, ein sittlicher, die sittliche Zucht pflegender (Mensch) durch sein unermüdliches Streben eine große Vermögenszunahme. Dies ist die erste segensreiche Folge, die einem sittlichen Menschen aus der Pflege der sittlichen Zucht erwächst. Und ferner, ihr Haushalter: Über einen sittlichen, die sittliche Zucht pflegenden (Menschen) verbreitet sich ein guter Leumund. Dies ist die zweite segensreiche Folge, die einem sittlichen (Menschen) aus der Pflege der sittlichen Zucht erwächst. Und ferner ihr Haushalter: Wenn sich ein sittlicher, die sittliche Zucht pflegender (Mensch) in eine Versammlung begibt, sei es in eine Versammlung von Adligen oder in eine Versammlung von Brahmanen oder in eine Versammlung von Haushaltern oder in eine Versammlung von Asketen, so betritt er sie unbefangen und sicher. Dies ist die dritte segensreiche Folge, die einem sittlichen (Menschen) aus der Pflege der sittlichen Zucht erwächst. Und ferner, ihr Haushalter: Ein sittlicher, die sittliche Zucht pflegender (Mensch) stirbt, ohne in Verblendung versunken zu sein. Dies ist die vierte segensreiche Folge, die einem sittlichen (Menschen) aus der Pflege der sittlichen Zucht erwächst. Und endlich, ihr Haushalter: Ein sittlicher, die sittliche Zucht pflegender (Mensch) gelangt bei der Auflösung des Körpers, jenseits des Todes, auf den guten Weg, in himmlische Welt. Dies ist die fünfte segensreiche Folge, die einem sittlichen (Menschen) aus der Pflege der sittlichen Zucht erwächst. Dies nun, ihr Haushalter, sind die fünf segensreichen Folgen, die einem sittlichen (Menschen) aus der Pflege der sittlichen Zucht erwachsen.“

Nachdem nun der Erhabene die Laienanhänger von Pātaligāma bis tief in die Nacht hinein durch Reden über die Lehre belehrt, ermahnt, ermuntert und erfreut hatte, entließ er sie mit den Worten: „Vorgerückt ist die Nacht, ihr Haushalter; tut jetzt, was euch an der Zeit zu sein scheint.“ Da gaben die Laienanhänger von Pātaligāma ihrem Beifall und ihrer Freude über die Worte des Erhabenen Ausdruck, erhoben sich von ihren Sitzen, grüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll, umwandelten ihn rechter Hand und gingen fort.

Nicht lange nun, nachdem die Laienanhänger von Pātaligāma fortgegangen waren, betrat der Erhabene eine einsame Stätte. Zu der Zeit aber bauten Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, um Pātaligāma eine Festung zur Abwehr der Vajjis. Damals aber umgaben in Pātaligāma viele Gottheiten zu Tausenden die Baustätten. In einem Lande, wo großmächtige Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken großmächtiger Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen. In einem Lande, wo mittlere Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken mittelmäßiger Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen. In einem Lande, wo niedere Gottheiten die Baustatten umgeben, richten sich die Gedanken unbedeutender Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen.

Es sah nun der Erhabene mit dem himmlischen Auge, dem geklärten, übermenschlichen, wie jene Gottheiten in Pātaligāma zu Tausenden die Baustätten umgaben. (In einem Lande, wo großmächtige Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken großmächtiger Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen. In einem Lande, wo mittlere Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken mittelmäßiger Könige und ihrer Ratgeber darauf, Wohnungen zu erbauen. In einem Lande, wo niedere Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken unbedeutender Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen.)

Und der Erhabene erhob sich zur Zeit der nächtlichen Dämmerung und richtete das Wort an den ehrwürdigen Ananda: „Ananda, wer baut denn da um Pātaligāma eine Festung?“—„Sunidha und Vassakāra, Herr, die Minister von Magadha, bauen um Pātaligāma eine Festung zur Abwehr der Vajjis.“—„Wie wenn sie, Ananda, sich mit den Göttern aus dem Gefolge der Dreiunddreißig darüber beraten hätten, so bauen, Ananda, Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, um Pātaligāma eine Festung zur Abwehr der Vajjis. Da habe ich, Ananda, mit dem himmlischen Auge, dem geklärten, übermenschlichen, gesehen, wie viele Gottheiten zu Tausenden in Pātaligāma die Baustätten umgeben. In einem Lande, wo großmächtige Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken großmächtiger Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen. In einem Lande, wo mittlere Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken mittelmäßiger Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen. In einem Lande, wo niedere Gottheiten die Baustätten umgeben, richten sich die Gedanken unbedeutender Könige und ihrer Minister darauf, Wohnungen zu erbauen. Weil dies ein vornehmer Platz ist, Ananda, weil es ein (Platz, tauglich für eine) Handelsstadt ist, wird dies eine Hauptstadt werden, die Stadt (Pātaliputta). Drei Gefahren, Ananda, werden Pātaliputta bedrohen: Feuer, Wasser oder die Spaltung der Eintracht.“

Und es begaben sich nun Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, hin zum Erhabenen, tauschten mit dem Erhabenen die Begrüßung aus und traten, nachdem sie mit ihm in ,der üblichen Weise Worte der Begrüßung gewechselt hatten, zur Seite. Zur Seite stehend sprachen nun Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, zum Erhabenen also: „Der verehrte Gotama möge uns zugestehen für den morgenden Tag das Mahl mitsamt der Mönchsgemeinde.“ Der Erhabene gab stillschweigend seine Zustimmung. Als nun Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, die Zustimmung des Erhabenen bemerkt hatten, begaben sie sich nach ihrem Wohnhaus und ließen daselbst auserlesene feste und weiche Speise zubereiten; dann kündeten sie dem Erhabenen die Zeit an: „Es ist Zeit, Herr Gotama, das Mahl ist bereit.“

Nachdem sich nun der Erhabene zur Zeit des Vormittags angekleidet hatte, begab er sich, mit Napf und Gewand versehen, mitsamt der Mönchsgemeinde nach dem Wohnhaus der Minister von Magadha, Sunidha und Vassakāra, und setzte sich auf dem bereiteten Sitz nieder. Und Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, erquickten und sättigten eigenhändig die Mönchsgemeinde, den Buddha als ersten, mit auserlesener fester und weicher Speise. Und als nun der Erhabene gespeist und Napf und Hände gesäubert hatte, nahmen Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, niedrige Sitze und setzten sich ihm zur Seite nieder. Der Erhabene dankte den Ministern von Magadha Sunidha und Vassakāra, die ihm zur Seite saßen, mit folgenden Strophen:

„In welchem Lande ein Verständiger seinen Aufenthalt nimmt, indem er dort die Tugendhaften, Selbstbeherrschten, rein Wandelnden speist,—er weise (auch) den Gottheiten, die daselbst sein könnten, eine Spende zu. Werden sie geehrt, so ehren sie (ihn wieder), werden sie hochgeachtet, so achten sie ihn. Deshalb erbarmen sie sich seiner wie eine Mutter ihres eigenen Sohnes; der Mann, über den die Gottheiten sich erbarmen, sieht allzeit Glück und Segen.“

Nachdem nun der Erhabene den Ministern von Magadha Sunidha und Vassakāra mit diesen Strophen gedankt hatte, erhob er sich von seinem Sitz und ging fort.

Gleichzeitig gingen aber Sunidha und Vassakāra, die Minister von Magadha, dicht hinter dem Erhabenen her in dem Gedanken: ‚Das Tor, durch welches der Asket Gotama heute hinausgehen wird, soll den Namen Gotama-Tor erhalten, und die Furt, an welcher er über den Gangā-Strom übersetzen wird, soll den Namen Gotama-Furt erhalten.‘ Und das Tor, durch welches der Erhabene hinausging, erhielt den Namen Gotama-Tor.

Und der Erhabene begab sich nun zum Gangā-Strome. Zu der Zeit aber war der Gangā-Strom voll, mit dem Ufer in gleicher Höhe, so daß Krähen daraus trinken konnten. In dem Verlangen, von diesem Ufer zum andern zu kommen, sahen sich etliche Menschen nach einem Schiff um, etliche suchten nach einem Floß, wieder andere banden Flechtwerk zusammen. Da verschwand der Erhabene, wie ein starker Mann den gebeugten Arm streckt oder den gestreckten Arm beugt, am diesseitigen Ufer des Gangā-Stromes und stand am jenseitigen Ufer mitsamt der Mönchsgemeinde. Es sah nun der Erhabene jene Menschen, die das Verlangen hatten, von diesem Ufer zum andern zu kommen, wie etliche von ihnen sich nach einem Schiff umsahen, etliche nach einem Floß suchten; wieder andere Flechtwerk zu­sammenbanden.

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

„Die das Meer, den Ozean überschreiten, nachdem sie sich einen Weg gebahnt und die sumpfigen Niederungen verlassen haben, während der (törichte) Mensch Flechtwerk zusammenbindet,—die weisen Menschen sind hinübergekommen.“